Sonntag, 28. September 2014

245 »Maria und die Schlange«

Teil 1
Teil 245 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.09.2014


Die Doppelmadonna im Dom. Foto W-J.Langbein

Eine Gruppe von Frauen folgt einem Führer, der sie durch den Dom zu Paderborn führt. Ein Murren kommt auf, als der Guide von Maria und dem Sündenfall im Paradies berichtet. »Das richtet sich gegen uns Frauen! An allem Übel sollen wir Frauen schuld sein!« Die streitbare Dame stößt in ihrer Gruppe auf Zustimmung. »Die Schlange hat nun einmal Eva dazu gebracht, den Apfel vom verbotenen Baum zu pflücken. Sie hat ihn Adam gereicht, und der hat abgebissen!« Die Dame schimpft in gedämpftem Ton weiter: »Aber immer sind es wir Frauen, die angeblich die Sünde in die Welt gebracht haben….« Sie fährt fort: »Und wenn ich schon höre.. ›Unbefleckte Empfängnis‹! Empörend! Das heißt doch nichts anderes, als dass bei allen anderen Geburten eine Beschmutzung durch uns Frauen erfolgte!«

Der Führer seufzt. »Aber meine Damen, dies hier ist nur eine Führung durch den Dom. Wir haben wirklich nicht die Zeit, die zentralen theologischen Themen durchzudiskutieren! Ich möchte Ihnen nur kurz aufzeigen, was Sie hier im Dom sehen können!« Murrend folgen die Damen dem Führer. »Herr X von unserem Bibelkreis hat sich doch gut auf den Dom vorbereitet!«, meint eine der Damen anerkennend. »Wir hätten doch lieber einen offiziellen Führer nehmen sollen!«, widerspricht eine andere. Die kritischen Stimmen verstummen. Man will wohl die Führung nicht zu sehr in die Länge ziehen.

Ich folge den Damen und ihrem Führer, der leise flüsternd erklärt, den Dom könne man wie ein Buch lesen. Wirklich? Verstehen wir die Bilder aus Stein oder Farbe wirklich? Oder stülpen wir ihnen nur unser Verständnis von biblischen Schriften über? Lassen wir uns zu sehr von der »amtlichen Theologie« leiten? Von zentraler Bedeutung ist die Mutter Gottes. Die berühmte »Doppelmadonna« hängt hoch über dem Mittelschiff unter dem Schlussstein des Langhausjoches. Das beeindruckende Kunstwerk ist um 1480 entstanden.

Von zentraler Bedeutung ist im christlichen Glauben katholischer wie evangelischer Prägung das Wunder der jungfräulichen Geburt Jesu. So heißt es im großen Credo: »Wir glauben...an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit, gezeugt, nicht geschaffen, hat Fleisch angenommen, durch den Heiligen Geist, von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Weniger blumig, aber genauso konkret heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis: »Ich glaube...an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria.«

Karl Barth (1886–1968) alles andere als ein schwärmerischer Katholik, sondern protestantischer Theologe aus der Schweiz, stellte in seinem Werk »Die christliche Dogmatik« fest(1): »Die Kirche weiß wohl, was sie getan hat, indem sie dieses Dogma sozusagen als Wache vor die Tür zu dem Geheimnis der Weihnacht stellte. Sie wird als kirchliche Ordnung verkündigen: Es gehört zum wirklichen christlichen Glauben auch die Bejahung der Lehre von der Jungfrauengeburt.«

Katholiken wie Protestanten bekennen auch heute in den Kirchen betend, wovon in Wirklichkeit ganz offensichtlich allenfalls nur noch eine Minderheit der Gläubigen überzeugt ist. 1999 ergab eine Umfrage unter deutschen Katholiken, dass 60 Prozent nicht mehr an das Dogma von der Jungfrauengeburt glauben (2).  Weit höher noch ist vermutlich der Prozentsatz der Christen, die keine Ahnung davon hat, was das Neue Testament über »geboren von der Jungfrau Maria« bekundet.

Die ältesten Dokumente des »Neuen   Testaments«, Jahrzehnte vor den vier Evangelien verfasst, sind die diversen Briefe des Apostel Paulus. Paulus ist somit der früheste Zeuge. Er nennt weder Maria noch Joseph als Eltern Jesu. Der Name der Mutter Jesu ist heute auch bibelunkundigen Zeitgenossen geläufig, weniger den Verfassern der Evangelien des »Neuen   Testaments«. Bei ihnen spielt sie eine eher untergeordnete Rolle. Evangelist Markus erwähnt Jesu Mutter nur am Rande, ohne ihren Namen zu nennen. Jesus behandelt sie aus heutiger Sicht eher geringschätzig (3). Beim Evangelisten Johannes kommt Jesu Mutter nur zweimal vor, in beiden Fällen (4) wird ihr Name nicht genannt.

Anbetung des Neugeborenen im Stall zu Bethlehem. Foto W-J.Langbein

Ein Kuriosum am Rande: Johannes weist darauf hin (5), dass bei Jesu Kreuzigung seine Mutter (deren Name nicht genannt wird) und deren Schwester zugegen waren. Und die hieß angeblich Maria. Sollte Jesu Großmutter ihre beiden Töchter beide Maria genannt haben?

Maria als Name taucht in der Form Mirjam gelegentlich bei Matthäus und bei Lukas auf. Die entsprechenden Verse sind bei Matthäus vielleicht, bei Lukas aber mit großer Wahrscheinlichkeit erst später eingefügt worden.

Es muss gefragt werden, ob Jesu Mutter wirklich »Maria« hieß. Oder handelte es sich ursprünglich gar nicht um einen Eigennamen, sondern um ein höchst bedeutsames Wort oder ein Wortspiel? Um es zu begreifen, benötigt man freilich einige Hintergrundinformationen.

Jesu Mutter war offensichtlich bereits schwanger, bevor Joseph sie ehelichte (6) und zwar, so Matthäus, »vom Heiligen Geist« (7). Aus der Sicht profan denkender damaliger wie heutiger Zeitgenossen musste ein vor-, somit also außerehelicher Geschlechtsverkehr stattgefunden haben. Das aber galt als höchst verwerflich. Denn zu Jesu Zeiten gab es nicht die Unterscheidung zwischen Verlobung und Heirat. Sobald eine Frau einem Mann versprochen war, war sie verlobt mit ihm und musste treu sein. Starb der Mann noch vor der Eheschließung, galt sie als Witwe. So war Jungfräulichkeit selbstverständliche Voraussetzung für die Heirat. War die Frau nicht mehr unberührt, galt dies als Ehebruch.

Maria und ihr toter Sohn. Foto W-J.Langbein

Zurück zu Joseph. Seine Verlobte war schwanger. Wer kam als potenzieller Vater in Frage? Etwa gar Joseph selbst? Er war sich keiner Schuld bewusst und vermutete seinerseits unkeuschen Lebenswandel seiner Verlobten. Er dachte daran, sie zu verlassen (8).War ihm die junge Frau schon vor der Eheschließung untreu geworden? Man bedenke: Es ging nicht nur um Josephs eventuell verletzte Eitelkeit als Mann! Vor-  wie außerehelicher Geschlechtsverkehr wurde mit dem Tod bestraft!

Um Klarheit zu gewinnen, musste in solchen Fällen ein merkwürdiger »Test« durchgeführt werden. Die seltsame Prozedur ist angeblich von Gott selbst ersonnen und seinem Propheten Moses diktiert (9) worden. Demnach wurde die verdächtigte Braut oder Ehefrau vor den örtlichen Priester gezerrt. Der füllte einen irdenen Krug mit Wasser, gab Staub vom Boden der Stiftshütte hinzu und sprach: »Hat kein Mann bei dir gelegen und bist du deinem Mann nicht untreu geworden, dass du dich unrein gemacht hast, so soll dir dies bittere Wasser nicht schaden.« Dann musste die Frau, die der Untreue beschuldigt wurde, die ekelhafte Brühe trinken. Überstand sie das ohne Schaden zu nehmen, galt sie als unschuldig. Die aus heutiger Sicht mehr als merkwürdige Prozedur hieß »mar jam«, bitteres Wasser. Wurde Jesu Mutter in der beschriebenen Weise geprüft? Ist ihr vermeintlicher Name nichts anderes als eine Verballhornung von mar jam – Mirjam?

Wenig Handfestes wissen wir über die Mutter Jesu, die uns in schönen Darstellungen auch im Dom zu Paderborn immer wieder begegnet. Aus der schlichten Maria des »Neuen Testaments« wurde im Verlaufe der Kirchengeschichte die Himmelskönigin. Die hoch unter dem Schlussstein des zweiten Langhausjoches hängende Doppelmadonna wird gerade von zwei Engeln mit goldenen Flügeln gekrönt. Die fliegenden Himmelsboten senken gerade eine mächtige goldene Krone auf das Haupt der Himmelskönigin.

Im Domführer  von Margarete Niggemeyer (10) lesen wir: »Wer durch das Mittelschiff in den Dom hinein- oder wieder herausgeht, hat Maria im Blick: Sie ist Weggefährtin für alle, die auf dem Pilgerweg des Lebens und des Glaubens unterwegs sind. Inmitten der Apostelfiguren an den Pfeilern (des Paradiestores, Ergänzung Langbein) erscheint sie als Königin der Apostel.«

Königin der Apostel. Foto W-J.Langbein

Die Doppelmadonna im Kirchenschiff schwebt über allen Besuchern des Gotteshauses. Ehrfurchtsvoll blickt der Gläubige zur Himmelskönigin empor.

Noch einmal darf ich Margarete Niggemeyer zitieren (11): »Zwei Engel halten eine Krone über dem Haupt Mariens, die auf einer Mondsichel und einer Schlange steht, deren Kopf sie als ›neue Eva‹ zertritt.«

Bei jedem meiner Besuche im Dom zu Paderborn habe ich lange das geheimnisvolle Bildnis der Doppelmadonna sorgsam studiert. Durch mein 400-Millimeter-Teleobjektiv erkenne ich kleinste Einzelheiten, zum Beispiel Risse im Gesicht der Himmelskönigin. Deutlich ist die Mondsichel auszumachen, auf der die Madonna mit einem Fuß steht. Die Mondsichel stellt die christliche Himmelskönigin in eine uralte Tradition von Himmelsköniginnen und Göttinnen, die gern mit der Mondin identifiziert wurden.

Ich erkenne auch die Schlange, die einen menschlichen Kopf hat. Soll die alte Wissensbringerin mit dem Satan gleichgesetzt werden? Nicht erkennen kann ich den zweiten Fuß Mariens, mit dem Maria angeblich den Kopf der Schlange zertritt! Groß und beschuht ist der rechte Fuß Marias, ein zweiter Fuß ist nirgendwo auszumachen, schon gar nicht in der Nähe des Schlangenkopfes!

Marias Fuß auf der Mondsichel. Foto W-J.Langbein

Ein Mönch hastet an mir vorbei. Ich frage ihn nach dem »zweiten Fuß« der Madonna. »Den können Sie von hier unten nicht erkennen!«, erklärt er mir milde. »Suchen Sie die Marienkapelle hier im Dom auf, betrachten Sie sorgsam die Maria an der Tür zur Kapelle. Alle ihre Fragen werden dort Antworten finden!« Dem Rat des Mönchs folgend mache ich mich auf die Suche nach der Marienkapelle. Wenige Minuten später stehe ich vor dem Bildnis an der Tür, auf Holz gemalt. Werde ich wirklich die Antworten auf meine Fragen finden?


Fußnoten

1) Barth, Karl: Die kirchliche Dogmatik, Band I,2, 8. Auflage, Zürich 1990, S. 198
2) Augstein, Rudolf: Jesus Menschensohn, 3. Auflage, Hamburg 1999, S. 50
3) Siehe Das Evangelium nach Markus Kapitel 3, Verse 31-35
4) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 2, Verse 1-12 und Kapitel 19, Verse 25-27
5) Das Evangelium nach Johannes Kapitel 2, Vers 25
6) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 1, Vers 18
7) ebenda
8) ebenda, Vers 19
9) Das 4. Buch Mose Kapitel 5, Verse 12-31
10) Niggemeyer, Margarete: »Der Hohe Dom zu Paderborn«, 3. Auflage, Paderborn 2012, S. 23 rechts oben

Tür zur Marienkapelle. Foto W-J.Langbein
Zur Lektüre empfehle ich…

Sorger, Karlheinz: »Was in der Bibel wichtig ist/
Grundthemen des Alten und
     Neuen Testaments«, München 1992
Theissen, Gerd: »Die Entstehung des Neuen Testaments als
     literaturgeschichtliches Problem«, Heidelberg 2007

Alle Fotos wurden vom Verfasser
im Dom zu Paderborn 
aufgenommen.

»Maria und die Schlange«
Teil 2
Teil 246 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 05.10.2014



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Sonntag, 21. September 2014

244 »Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«

»Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«,
Teil 244 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Abdinghofkirche »St. Peter und Paul«.
Foto W-J.Langbein

»Es war wie eine Monstermauer aus Feuer, die sich über Dom, Kirchen und Häuser senkte!«, erinnerte sich der alte Herr an die schweren Bombenangriffe auf Paderborn vom 17. Januar, 22. März und 27. März 1945. »85 Prozent der Innenstadt waren zerstört! Dom und Kirchen waren stark beschädigt! Unzählige Menschen kamen ums Leben, auch einige Ministranten im Dom!«

Arthur Harris, 1942 zum Chef des »Bomber Command« ernannt, wollte offenbar sein Konzept »moral bombing« bis zum Ende des Kriegs verwirklicht sehen. Vorrangig galten Großstädte als Ziel der englischen Bomberverbände, die die Moral der Zivilbevölkerung brechen sollten. Allerdings war Paderborn auch in den letzten Wochen des Krieges keine Großstadt, sondern eher ein ländliches Städtchen mit gut erhaltenen mittelalterlichen Häuschen, bedeutsamen Kirchen und dem Dom.

Vom kleinbürgerlichen Paderborn blieb so gut wie nichts übrig. Die wenigen bescheidenen Häuschen, die die Massenbombardierung wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatten, wurden in den Jahren nach dem Krieg abgerissen. Sie mussten hässlichen Neubauten weichen. Und betrachtet man Fotos von Dom und Kirchen, so ist man entsetzt über die massiven Schäden und staunt, wie gut die altehrwürdigen Gotteshäuser wieder restauriert werden konnten.

Die Abdinghofkirche. Foto Langbein
So makaber es klingen mag, in jenen Tagen der Bombenangriffe, als der Krieg längst entschieden war, gab es nur einen sicheren Ort in der Kreisstadt Paderborn, im Osten von Nordrheinwestfalen gelegen: die Krypta der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«. Das doppeltürmige Gotteshaus sollte Teil eines Konzepts werden, das aber nie ganz verwirklicht werden konnte. Bischof Meinwerk von Paderborn (1009 bis 1036 n.Chr.) schwebte ein riesiges Kreuz vor. Den Dom ließ er als Mittelpunkt errichten. Vier Kirchen sollten die Endpunkte des Kreuzes markieren. Es konnten aber nur »St. Peter und Paul« im Westen und »St. Peter und Andreas« im Osten vollendet werden. Nach dem frühen Tod des Bischofs wurde das Konzept aufgegeben und nicht weitergeführt. So entstand nicht das riesige Kreuz von Paderborn, dessen markante Punkte möglicherweise auf uraltem sakral-heidnischen  Boden errichtet werden sollten.

Quellen galten schon Jahrtausende vor dem Christentum als heilig. Quellenkulte waren, so konstatiert das »Lexikon Alte Kulturen« (1) »eine der ältesten Erscheinungen der Religionsgeschichte«. Die ältesten Quellheiligtümer waren Wohnsitze von Göttern und Geistern. Paderborns Quellen – es sollen einst hunderte gewesen sein – dürften zu keltischen Zeiten von Verehrern des Quellgeists Nemausus frequentiert worden sein. Ist es ein Zufall, dass die Abdinghofkirche hoch über uralten Quellen errichtet wurde? Gott Poseidon, so überliefern es uralte Mythen und Sagen, stieß seinen Dreizack in die Erde… und schon sprudelte eine Quelle. Wen wundert es da, dass unweit von der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« ein »Poseidonbrunnen« sprudelt.

Der Neptunbrunnen von Paderborn. Foto W-J.Langbein

»Welche heidnischen Gottheiten sind denn wohl hier in vorchristlichen Zeiten verehrt worden?«, wollte ich von einem Mönch am »Poseidonbrunnen« wissen. Ich fürchte, dass ich mit meiner Frage den frommen Mann verärgert habe. Hatte er doch eben noch seine bloßen Füße in das kühle Nass gehalten, so bereitete er nach meiner unschuldig gestellten Frage rasch seinen Rückzug vor. Er zog die Füße rasch aus dem Brunnen. Die hochgeschobene Kutte wurde hastig wieder gesenkt, Strümpfe wurden angezogen und zu guter Letzt wurden Sandalen angelegt. Gleichzeitig hatte der Mönch scheinbar jegliche Lebensfreude und Heiterkeit wieder abgelegt. Mir schien, als habe er sich geschämt, weil er sich von mir beim lustigen Fußbad im Brunnen ertappt fühlte.

»Paderborn ist seit über einem Jahrtausend eine christliche Stadt! Wühlen Sie nicht im Heidentum! Besinnen Sie sich der christlichen Ursprünge von Paderborn! Wissen Sie denn, welch‘ wichtige Rolle der ›Heilige Liborius‹ für Paderborn gespielt hat?«, sprach er nun mahnend und ernst. Ich nicke. »Er hat das Liborius-Fest begründet! Wir feiern es ja noch heute vom 24. Juli bis zum 8. August!«, gab ich zur Antwort.


St. Liborius.
Foto Langbein
Eine Million »Pilger« zieht es alljährlich nach Paderborn zum Liborius-Fest. Freilich, so vermute ich, locken eher die Bier- und Imbissbuden, ein gewaltiges Riesenrad und allerlei sonstiger Jahrmarktsrummel in die altehrwürdige Stadt, weniger die angeblichen Gebeine des »Heiligen Liborius«.  140 Schausteller und 150 Marktstände auf dem »Pottmarkt« buhlen seit vielen Jahren um die Gunst der zahlungswilligen Kundschaft. Karussells dudeln kreisend, die »Schlemmermeile Plaza Europa« sorgt dafür, dass heutige Besucher auf stilvolle Weise gesättigt werden. Die Gebeine werden zum Fest vom Dom aus über den Jahrmarktsplatz durch die Straßen getragen, natürlich standesgemäß in einem wertvollen, goldenen Schrein! Ob sich der Heilige allerdings in diesem Ambiente wohlfühlen würde? Ich wage das zu bezweifeln! »Ich habe mich mit dem ›Heiligen Liborius‹ beschäftigt!«, erklärte ich »meinem Mönch« vom »Poseidon-Brunnen«.  Der Mann in der Kutte setzte sich wieder auf den Brunnenrand. »Eine Delegation von Geistlichen ist damals nach Le Mans gereist und hat vom dortigen Bischof Reliquien erhalten, auch solche vom ›Heiligen Liborius‹. Über Chartres und Paris gelangten sie an den Rhein, dann nach Sachsen und kamen am 28. Mai 836 nach Paderborn! Sie fanden einen Platz im Dom!«

 So ist es in theologischen Geschichtsbüchern überliefert. So wird es wohl auch gewesen sein! Fakt ist: Gegen Ende des 8. Nachchristlichen Jahrhunderts hatte Karl der Große offiziell mit seinen Truppen über das Heidentum obsiegt. Damals herrschte rege Nachfrage nach Reliquien, denen offenbar auch in heidnischen Kreisen Zauberkräfte nachgesagt wurden. Als besonders wirksam sollen die Gebeine des ›Heiligen Liborius‹ gegolten haben!

Die Buden fürs Liboriusfest werden aufgebaut.
Foto Langbein

»Mein« Mönch nickte zufrieden. »Und wie haben die die Geistlichen den Weg gefunden?«, wollte er von mir wissen. Natürlich war mir auch die fromme Legende vom Pfau bekannt, der angeblich den Geistlichen vorausgegangen sein soll, bis nach Paderborn! Da müssen die Kirchenmänner aber recht bedächtigen Schritts die Reise nach Hause zurückgelegt haben. »Beschäftigen Sie sich lieber mit der frommen Überlieferung  vom Pfau als mit heidnischem Unglauben!«, gab mi der nun wieder milde gestimmte Mönch auf den Weg. »Heidenbräuche führen in die Irre, lenken vom rechten Pfad ab! Sie führen, wenn in die Hölle!« Das versprach ich dem Mönch. Ich recherchierte in Sachen Pfau und kam dabei, wieder einmal, auf »heidnische Pfade«!

Auf der griechischen Insel Samos hielten die Priester der Göttin Hera Pfauen. Pfauen waren der Hera geweiht. Wer aber war Hera? Hera wurde in vorhellenischen Zeiten als Rhea verehrt und angebetet, als die »Große Mutter«. Ihre ältere Vorgängerin war Erua, die Königin, die in Babylon Wächterin über die Geburten war. In Irland stieß ich auch auf Hera, freilich wiederum unter anderem, wenngleich auch ähnlichem Namen: »Lady Eire«. Gelangte »Lady Eire« mit Missionaren aus Irland nach Deutschland, vielleicht auch in die Region von Paderborn? Brachten diese frühen Missionare den Pfau als göttliches Symboltier mit? Wie dem auch sei:


Das berühmte »Drei-Hasen-Fenster« des Doms.
Foto W-J.Langbein

Wenn Sie nach Paderborn kommen, sollten Sie unbedingt den Dom besuchen und das berühmte Drei-Hasen-Fenster« in Augenschein nehmen. Zwei Gehminuten davon entfernt steht ein wunderschöner Springbrunnen…. mit einem kunstvoll gestalteten Pfau! Doch kehren wir noch einmal zu Hera mit den Pfauen zurück! Barbara G. Walker macht uns in ihrem Lexikon »Das Geheime Wissen der Frauen« auf die alte weibliche Trinität aufmerksam (2):

»Hera war ursprünglich eine weibliche Trinität, die aus Hebe, Hera und Hekate – Neumond, Vollmond und Halbmond – bestand. Andererseits verkörperte sie die Jungfrau des Frühlings, die Mutter des Sommers und die zerstörerische Alte.«

Wichtig für den »Hera-Kult« waren heilige Quellen. Hera durchlief, so Barbara G. Walker durch das Bad in ihrer heiligen Quelle unendliche Zyklen. Im Frühling war sie Jungfrau, im Sommer gebar sie und im Herbst/ Winter agierte sie als zerstörerische Alte. Durch das Bad in der heiligen Quelle wurde sie wieder zur Jungfrau,  ein neuer Zyklus konnte beginnen.

Der Pfau als Symboltier wurde von den Römern übernommen. Im 2. Jahrhundert v. Chr.  wurde auch der Pfau als heiliger Vogel der Göttin Juno, Göttin der Geburt, Königin der Göttinnen, zugeordnet (3). Und schließlich tauchte der Pfau in der frühchristlichen Kunst wieder auf, als Symbol des Paradieses und der Auferstehung.

Im heutigen Volksglauben wird Maria, die Mutter Jesu, immer mehr zur Himmelskönigin. Maria spielt im Neuen Testament eine eher untergeordnete Rolle. Sie hat Jesus zu gebären, weitere Informationen finden sich kaum noch über sie. Im heutigen Katholizismus aber steigt ihre Bedeutung immer mehr. Nach Jesus wurde – so besagt es der katholische Glaube heute – in den Himmel aufgenommen. Es war Papst Pius XII., der am 1. November 1950 das Dogma von der leibhaftigen Aufnahme Marias in den Himmel festlegte: 

Im Dom zu Paderborn.Foto Langbein
 »Wir verkünden, erklären und definieren es als ein von Gott geoffenbartes Dogma, dass die Unbefleckte, allzeit jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.« Das war der erste Schritt zur Vergöttlichung Marias. Mit ihrer Aufnahme in den Himmel wurde sie zu einer Himmelskönigin. In der »heidnischen« Welt war die Erhebung einer irdischen Frau zu einer himmlischen Göttin bekannt. Man bezeichnete diesen Wandlungsprozess, um das profane Wort »Beförderung« zu vermeiden, als Apotheose. Und bei den Römern gab es ein Symbol für diese Apotheose. Es war – wir ahnen es bereits – der Pfau!

Die Aufnahme Marias, die auch im Dom zu Paderborn verherrlicht und angebetet wird, in den Himmel war nach »heidnischem« Verständnis ihre Vergöttlichung, was die christliche Theologie – evangelisch wie theologisch – natürlich empört bestreitet.

Nach christlicher Interpretation, die sich natürlich vom Heidentum grundlegend unterscheiden muss, hat Maria lediglich ein Stadium erreicht, das jeden frommen Christen dereinst nach dem Tag des »Jüngsten Gerichts« erwartet. Im Volksglauben allerdings ist Maria schon sehr viel mehr als ein gen Himmel gefahrener Mensch, wie das wichtige Werk von Marie-Louise Gubler über Maria, erschienen im »Katholischen Bibelwerk«, beweist! Der Titel fasst letztlich zusammen, was im Heidentum als Apotheose – Aufstieg von irdischer Frau zur Göttin – bezeichnet wurde: »Maria  – Mutter – Prophetin – Himmelskönigin«. Himmelsköniginnen waren, und das Jahrtausende vor Christi Geburt, ganz besonders wichtige Göttinnen!

Man mag Christ sein oder nicht, man mag einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht: Gotteshäuser wie der Dom zu Paderborn oder die »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« sind Inseln der Ruhe und Besinnung in unserer immer lauter, immer hektischer werdenden Welt. Und wenn man gar die Krypta unter dem Dom oder unter der »Abdinghofkirche St. Peter und Paul« besucht, fühlt man sich auf geheimnisvolle Weise sicher und geborgen.

Der Pfau in der Krypta des Doms. Foto W-J.Langbein

Die Krypta unter dem Dom zu Paderborn sei, so sagte mir ein Geistlicher im Dom in schöner »Bescheidenheit«, jüngeren Datums und in ihrer jetzigen Form »erst seit 1100 existent«, also seit nur rund 900 Jahren. Die schlichte Krypta gilt als »Grablege des Liborius«. Und hier begegnet uns wieder…. Der Pfau, Symboltier der Hera. Auf einen Besuch in den beiden Krypten sollten Sie als Besucher in Paderborn auf keinen Fall verzichten!

Leider überschattet der gewaltige Dom – im übertragenen Sinn – eine Reihe von nicht minder interessanten Kirchen von Paderborn, zum Beispiel die »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, nur wenige Meter vom allgegenwärtigen Dom entfernt!

Auch sie geht auf Bischof Meinwerk von Paderborn (1009-1036 n.Chr.) zurück! 1023 wurde die Krypta geweiht, nachdem die tonnenschwere Decke des Chorraums eingestürzt war. Heute, fast ein Jahrtausend später, kann man die Krypta nach wie vor besuchen.

Das massive Mauerwerk trotzte sogar den Bomben der Engländer. Und sie wird vermutlich auch in Jahrtausenden noch bestehen, selbst wenn es die Kirche darüber längst nicht mehr geben sollte!


Fußnoten

1) Brunner, Hellmut et.al. (Hrsg): »Lexikon Alte Kulturen«, Band 3, Mannheim 1993, S. 228, linke Spalte unten und rechte Spalte oben
2) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 367 und 368
3) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 145
4) Gubler Mari-Louise:  »Maria  – Mutter – Prophetin – Himmelskönigin«,  Katholisches Bibelwerk e.V., Stuttgart 2008


Die Krypta, die selbst Fliegerbomben standhielt.
Foto Archiv Langbein



»Maria und die Schlange«
Teil 245 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.09.2014


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Montag, 15. September 2014

Fido Buchwichtel beim Kürbisfest in Weseke

Foto: Selbstauslöser
Hallo liebe Leute!

Da bin ich wieder Euer
Fido Buchwichtel!
Heute habe ich Euch
ganz viele Bilder mitgebracht.

Und nicht nur das. Aber ich berichte von Anfang an.


Am vergangenen Wochenende, 13. und 14. September 2014 fand wieder das große Kürbisfest auf dem Hof Börger in Weseke statt. Da durfte ich natürlich nicht fehlen. 

Foto: Selbstauslöser

Mit einem Zirkus habe ich nicht gerechnet! Manege frei:


Der Zirkusdirektor:


Die Kapelle:


Clowns dürfen nicht fehlen:


Hier eine verunglückte Fahrradnummer:


Jonglage – eine 5-Kürbis-Kaskade:


Der Dompteur ist gerade Kaffeetrinken, Bären und wilde Schweine unter sich:


Die Löwen warten auf ihren Auftritt, dafür ist der Messerwerfer aktiv:


Eine Seiltänzerin konnte sich gerade noch festhalten:


Voltigieren:


Der Schlangenbeschwörer darf auch nicht fehlen:


Die magische Kugel teilte mir mit, dass ich eine Kürbiswaffel essen soll:


Das Rezept habe ich Euch mitgebracht, denn diese Waffeln waren umwerfend lecker:

Kürbiswaffeln (Süß)
- 4Eier – 125g Butter – 3 EL Zucker
- 1 EL Vanillezucker – 1 Prise Salz – 125 g Sahne
-125 ml Mineralwasser mit Kohlensäure – 250 g Mehl
- 250 g Kürbisfleisch (entkernt) – Puderzucker

Zubereitung
Die Eier mit der Butter, dem Zucker und der Prise Salz schaumig schlagen. Sahne und Mineralwasser dazugeben, nochmals schaumig rühren. Das Mehl über die Masse sieben und alles zu einem geschmeidigen Teig verrühren. Das Kürbisfleisch auf einem Gemüsehobel grob raspeln, die Kürbisraspel in ein Mulltuch geben und überschüssigen Saft ausdrücken. Unter den Teig heben. Je 2 EL Teig in ein gefettetes Waffeleisen geben und ausbacken. Mit Puderzucker bestreut servieren.

Dieses Rezept und ganz viele Vorschläge, wie Kürbis lecker verarbeitet wird, bekommt Ihr, liebe Leser, wenn Ihr Euch auf den Weg zum Hof Börger macht.

Aber auch Zierkürbisse konnte ich entdecken, aus fast 150 Sorten lassen sich wundervolle Dekorationen zaubern.

Foto: Selbstauslöser
Auf jeden Fall war das Kürbisfest eine gelungene Veranstaltung. Die Region Westmünsterland hat viel zu bieten. Wie wäre es mit Krimis aus der Region? Die dürfen auch nicht fehlen, schließlich bin ich ein Buchwichtel! Gleich ums Eck vom Hof Börger findet sich der Garten Picker. Dort und im näheren Umfeld ist die Handlung vom »Blauregenmord« angesiedelt. Einen kostenlosen Eindruck könnt Ihr Euch bei den Impressionen machen. 

Der Krimi »Der Tote im Zwillbrocker Venn« spielt in meinem Heimatort.

Wem der Sinn eher nach Satire steht, wird hier fündig. Schaut selbst, »Ein Buch lesen!« hat für jeden was zu bieten.

Ich wünsche Euch einen kürbisreichen und wonnigen Altweibersommer!

Winke winke Euer

Fido Buchwichtel


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Sonntag, 14. September 2014

243 »Das Geheimnis der Schatzhöhle«



Teil 243 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 14.09.2014

Der Götterberg grüßt aus der Ferne. Foto Walter-Jörg Langbein

Unternehmen wir gemeinsam in Gedanken eine Zeitreise, und zwar in das Jahr 100 vor unserer Zeitrechnung. Zusammen mit einem bärtigen Kelten erklimmen wir den mehreren Meter hohen Wall der »Keltenschanze«, die man später »Herlingsburg« nennen würde. Es ist ein klarer Frühlingstag, die Sicht ist ausgesprochen gut. Am Horizont sieht man den »Götterberg«, der gut zwei Jahrtausende später den verballhornten Namen »Köterberg« tragen wird. Voller Ehrfurcht, ja durchaus nicht ohne Angst, deutet unser Kelte in Richtung Köterberg.

Auch wir blicken zum fernen Berg. »In ferner Zukunft wird man auf diesem Berg ein großes Haus errichten!«, erklären wir dem kriegerischen Kelten. Der nickt zustimmend. »Den Göttern ist nichts unmöglich!«  Wir sprechen weiter: »In diesem Haus werden viele, viele Menschen wohnen! Jeder wird ein eigenes Zimmer haben, mit einem Bett, würdig eines Königs. Alle Zimmer sind durch  dünne Wände verschlossen, durch die man hindurch blicken kann, die aber den kalten Wind fern halten!«

Der Kelte wird jetzt etwas nachdenklich. »Auch das mag den Göttern möglich sein!« Wir sprechen weiter, berichten von einer Zaubermaschine, die in bitterster Kälte Wärme schafft, von einem magischen Apparat, der in glühender Sommerhitze für angenehme Kühle sorgt, von einer auf Wunsch sofort sprudelnden Quelle, die sauberstes Wasser liefert, von einem seltsamen Thron, auf dem man nicht ruht, sondern seine Toilette erledigt und der die Hinterlassenschaften mit sprudelndem, glasklaren Wasser verschwinden lässt.

Der »Zauberturm« auf dem Götterberg. Foto W-J.Langbein

Auch das alles mag »unser« Kelte den Göttern noch zutrauen. Wie aber mag er reagieren, wenn wir von einem Kasten sprechen, der uns lebende Bilder zeigt, aus aller Welt, von Menschen in fernsten Erdteilen, deren Stimmen wir aber deutlich vernehmen. Und was wird er sagen, wenn wir von einem riesigen Turm auf dem »Götterberg« fabulieren, der Bilder aus aller Welt einfängt und im Zauberkasten nebst Tonzauber erscheinen lässt? Ob er das seinen Göttern zutraut?

Kehren wir in die Gegenwart zurück. Wir stehen anno 2014 auf dem Rest eines Walls der »Keltenschanze«. Am Horizont sehen wir ganz deutlich das Hotel auf dem Berg, in dessen Zimmern jene märchenhaften Dinge zur Verfügung stehen, die dem Kelten vor 2100 Jahren wie göttliches Zauberwerk erschienen wären. Daneben ragt der Fernsehturm empor, nicht gerade ein Schmuckstück in der Natur.

Blick von der Herlingsburg auf den Götterberg. Fotos W-J.Langbein

Für uns heute sind Fernsehapparat, Klimaanlage, Heizung, Fensterscheibe, Waschbecken und WC alles andere als Wunderwerke, sondern Alltag. Vor 2100 Jahren mag ein Kelte derlei »Zauberei« selbst den Göttern vom Berg nicht zugetraut haben. Andererseits waren für »unseren« Kelten Sagengestalten und Märchenwelten feste Bestandteile der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der einen mag anderen als fantastische Fantasie erscheinen … und umgekehrt. Beim Studium unserer Vergangenheit habe ich gelernt, Fantastisch-Märchenhaftes nicht voreilig als Hirngespinste abzutun. Wir verhalten uns womöglich dem überlieferten Wissen unserer Vorfahren nicht anders gegenüber als ein Kelte vor 2100 Jahren heutiger Alltagstechnologie begegnen würde.

Bei meiner Wanderung um die Herlingsburg genoss ich den Blick ins Tal mit dem – künstlich angelegten – Schiedersee, wo ein Schaufelraddampfer gemächlich seine Runden zog. In der Ferne ging ein Specht hämmernd seinem anstrengenden Tagwerk nach. Die Atmosphäre ist zauberhaft. Die märchenhafte Stille ist erholsam in unserer hektischen Zeit.

Blick ins Tal von der Herlingsburg
aus. Foto W-J.Langbein

Nicolaus Schaten, ein Theologe und Historiker, vermeldet im 17. Jahrhundert, Karl der Große höchstselbst habe die Herlingsburg besichtigt. Man habe ihm versichert, Hermann der Cherusker habe einst die Burg genutzt. Einer alten Sage zufolge, die vor Ort bei der Herlingsburg auf eine Schautafel nachgelesen werden kann, zogen sich Hermann alias Arminius und seine Kampfgefährten nach dem glorreichen Sieg über die Römer auf die Herlingsburg zurück. Wirklich Ruhe fand Hermann dort allerdings nicht! Schuld daran sollen die Zwerge gewesen sein, die damals im Berg hausten. Sie hüteten – wie ihre Artgenossen im Nibelungenlied – einen herrlichen Schatz.

Schautafel Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein

Ich zitiere die Schautafel von der Herlingsburg: »Eines Nachts bei Vollmond öffnete sich der Berg einen schmalen Spalt, gerade so weit, dass ein Mensch hindurch schlüpfen konnte. Im Mondlicht schimmerten Perlen, goldene Äpfel und viele andere Schätze. Hermann starrte gebannt auf die funkelnde Öffnung. Wie von fremder Hand gesteuert schlüpfte er durch den Spalt in den Berg hinein. So einen Schatz hatte er noch nie zu Gesicht bekommen: In den unterirdischen Gärten blühten Lilien aus Silber und Rosen aus Gold. Glitzernde Diamanten und rotglühende Rubine lagen fein säuberlich aufgeschichtet an den Wänden der Höhlen.

Berauscht wandelte Hermann durch die Gänge und vergaß, dass der Eingang sich wieder schließen könnte. Und so geschah es. Im Morgengrauen ließ ein Zauber der Zwerge die Öffnung verschwinden. Für eine unendlich lange Zeit.
Aber wer zur rechten Stunde genau an dieser Stelle steht, dem wird sich der Berg auftun. Er darf hinuntersteigen und sich von den Schätzen so viel nehmen, wie er mag. Und wer weiß: Vielleicht begegnet er dabei dem alten Hermann, der auf seine Rückkehr wartet.«

Hermann in der Herlingsburg?
Foto W-J.Langbein

 Wie sich doch die Bilder gleichen. Hermann, der Cherusker, kletterte in den Berg der Herlingsburg und wurde darin eingeschlossen, von gewaltigen Schätzen förmlich hypnotisiert.  Der Köterberg soll, so haben es die Gebrüder Grimm überliefert, in seinem Inneren gewaltige Schätze lagern. Eine »Jungfrau in königlicher Tracht« soll einst einen braven Schäfer ins Innere des Köterbergs geführt haben. Am Ende eines Ganges zeigte sie ihm eine schwere Eisentür. Mit Hilfe einer magischen Springwurz konnte der Schäfer die massive Tür öffnen. Tief im Bergschoß saßen zwei weitere Jungfrauen an Spinnrädern. Damit war eine »Jungfrauentriade« komplett, die uns an die uralten Göttinnen-Triaden erinnern. Der Schäfer durfte so viel Gold und Geschmeide aus dem Berg schleppen. Er möge aber das Kostbarste nicht vergessen. Das genau aber tat der Schäfer. Er stopfte sich die Taschen voll mit Gold und Silber, ließ aber die Springwurz bei den drei Jungfrauen auf dem Tisch liegen. Somit konnte er, nachdem er mit Kostbarkeiten den Berg verlassen hatte, nicht wieder zurückkehren!

Die Herlingsburg – offensichtlich eine uralte Wehranlage der Kelten – und der Staffelberg im schönen Oberfranken haben erstaunliche Gemeinsamkeiten zu bieten. Ob der Köterberg vor gut zwei Jahrtausenden auch Kelten angezogen hat? Im Berg der Herlingsburg, im Köterberg und im Staffelberg soll es unsagbar große Schätze geben. Ähnliche Überlieferung besagen, dass sich Felsspalten am Staffelberg wie am Berg der Herlingsburg auftaten und die gewaltigen Schätze zugänglich waren.


Der Staffelberg auf alter Ansichtskarte. Archiv Langbein

Fakt ist, Ausgrabungen haben das bewiesen: der Staffelberg in Oberfranken ist von Höhlen durchzogen, eine davon ist vom Plateau des Bergs bequem erreichbar. Am Rande des Plateaus muss man einige Meter gen Tal klettern und schon steht man vor dem Eingang der wenig anziehend wirkenden Höhle. Sie ist nur sehr kurz und wird anscheinend gern für »Picknicks« missbraucht und mit entsprechendem Abfall verunreinigt. Ich selbst war wiederholt in dieser Höhle. Meist herrschten recht unangenehmer Geruch (um das Wort Gestank zu vermeiden) und eine schwer zu beschreibende, auf mich bedrückend wirkende Atmosphäre.

In dieser Höhle kamen in meiner Jugend zwei Kinder ums Leben, sie wurden vom Blitz erschlagen. Die Kinder waren vor einem Unwetter in die Höhle geflohen, um Schutz vor dem Gewitter zu finden. Ein Loch in der Decke der Höhle kann von oben eingesehen werden. Um zu verhindern, dass jemand in dieses Loch fällt, wurde es mit einem Eisengitter umgeben. Der Blitz schlug in dieses Eisengitter und tötete die beiden Kinder, die unmittelbar darunter standen.

Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Riesenglück hatte im Juli eine 40-jährige Autofahrerin aus Lichtenfels. Auf der Suche nach ihrem 16-jäjhrigen Sohn fuhr sie im PKW auf das Hochplateau des Staffelbergs. Sie verlor ihrer Aussage nach im Starkregen die Orientierung, übersah die Kante des Abgrunds und stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Nach freiem Fall blieb sie, im Auto angeschnallt, an einer Baumkrone zunächst hängen. Nach der »Mainpost« bog sich der Baum »wie eine Wippe bis zum Boden des Steinhangs«. Relativ sanft gelangte der PKW ins Unterholz, rollte noch etwa fünfzig bis sechzig Meter weiter und blieb stehen. Die Fahrerin löste den Sicherheitsgurt, zog die Handbremse an und ging, fast unverletzt, zu Fuß nach Hause. (1)

Im Inneren des Staffelbergs soll es eine Höhle geben, die Schätze unglaublicher Kostbarkeit birgt. Alle hundert Jahre öffnet sich die Höhle der Sage nach, und zwar für eine Stunde. Wer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, kann dann – so an einem Sonntag geboren – in die Höhle vordringen und Kostbarkeiten herausschleppen. Er muss sich aber beeilen, denn nach einer Stunde schließt sich der Zugang wieder und Eingeschlossene müssen wieder einhundert Jahre warten, bis sie wieder das Licht des Tages sehen können.

Mir scheint, es gibt die Urfassung einer Sage, die immer wieder in leicht voneinander abweichenden Varianten überliefert wird: 

In einem »Heiligen Berg« befindet sich eine Höhle. Ein kostbarer Schatz ist darin versteckt. Der Zugang ist meist verborgen, kann aber mit Hilfe der »Springwurz« geöffnet werden. In Verbindung mit der Schatzhöhle treten drei »Heilige Frauen« oder »drei Jungfrauen« auf. Schatzsucher gelingt es in der Regel nicht, den Schatz zu bergen, weil sie die wahre Bedeutung der Springwurz verkennen.

Die Springwurz gilt seit Ewigkeiten als magische Pflanze. Sie wurde schon von Eingeweihten im »Alten Indien« beschrieben, aber auch von Plinius im römischen Schrifttum und in hebräischen Werken über magische Wirkung von Pflanzen. König Salomo soll die Magie der Springwurz genutzt haben. Kein Mensch, so heißt es in uralten Texten, weiß, wo die Springwurz wächst. Mit einer List, so behaupten Esoteriker aus uralten Zeiten, kann man in den Besitz der Springwurz gelangen. Man vernagelt eine Spechthöhle, versperrt so dem Specht den Zugang in seine Behausung. Der Specht schafft dann die Springwurz herbei um  mit Hilfe des Zauberkrauts seine Höhle wieder zu öffnen. Jagt man dann dem Specht im rechten Moment einen ordentlichen Schreck ein, lässt er die Springwurz fallen. So gelangt man angeblich in den Besitz des magischen Zauberkrauts.

Wann öffnet sich der Staffelberg wieder?
Foto wikicommons/ Presse03

Auf meinen Reisen habe ich immer wieder von der Springwurz gehört. Uneinigkeit herrschte dabei, ob es sich dabei um eine reale, existierende Pflanze handelt und wenn ja, um welche. Ist es »Salomons Siegel« aus der Familie der Spargelgewächse? Oder handelt es sich um eine Pfingstrosenart … oder um Johanniskraut? Lassen wir uns nicht durch voneinander abweichende Varianten der Schatzhöhlengeschichte in die Irre führen. Die drei Jungfrauen, drei Mädchen, drei heiligen Frauen weisen auf matriarchalisches Glaubensgut hin. Die Höhlen waren die ältesten Orte der Verehrung der Göttin, die seit Urzeiten als göttliche Triade aufgetreten ist. In der Höhle der Göttin befindet sich nun ein unendlich wertvoller Schatz.

Ich glaube, beim Schatz in der Höhle der Göttin handelt es sich nicht um profanes Geschmeide, sondern um das geheime Wissen der Göttin vom ewigen Leben, von Tod und Wiedergeburt, von Tod und Auferstehung. Es ist das älteste Geheimnis der Menschheit.

Der Köterberg grüßt... Foto Walter-Jörg Langbein


Fußnoten

1) Siehe hierzu »Die Querkele vom Staffelberg«, »Süddeutsche Zeitung« vom 12.07.2014
2) Brettenthaler, Josef und Laireiter, Matthias: »Das Salzburger Sagenbuch«, Salzburg 1969

»Die Krypta, die selbst Bomben trotzte«,
Teil 244 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 21.09.2014
 


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