Freitag, 28. Februar 2014

Klassik für Nerds III – Tosca: »Vissi d’arte«

Eine musikalische Freitagskolumne von Ursula Prem


Vissi d’arte ist eine Sopran-Arie aus dem 2. Akt der Oper „Tosca“ von Giacomo Puccini. Mario Cavaradossi, der Geliebte von Tosca, wurde gefangen genommen, weil er verdächtigt wird, einen entflohenen Republikaner zu verstecken. Baron Scarpia versucht die Situation zu nutzen, um sich Tosca zu nähern. Scarpia lässt den Gefangenen foltern, um von Tosca ein Entgegenkommen zu erpressen. Der 2. Akt ist geprägt durch Rangelei und den Dialogen zwischen Scarpia und Tosca und endet mit der Ermordung von Scarpia durch Tosca. Für die Arie Vissi d’arte ("Ich lebte für die Kunst") tritt das hektische Bühnengeschehen in den Hintergrund und Tosca singt einen innigen Monolog, in dem sie Gott fragt, warum sie so gestraft wird. (Quelle: Wikipedia)


Deutsche Übersetzung:

Ich lebte der Kunst, ich lebte der Liebe,
Nie tat ich einer lebendigen Seele etwas Böses.
Mit diskreter Hand
half ich, wo immer ich von Elend hörte.

Stets mit festem Glauben
stieg mein Gebet zu den heiligen Tabernakeln auf.
Stets mit festem Glauben
gab ich Blumen für den Altar.
In dieser Schmerzensstunde
warum, warum o Herr,
warum lohnst Du mir das so?

Ich gab Juwelen für den Mantel der Madonna
und gab Gesang den Sternen, dem Himmel,
die so noch schöner strahlten.
In dieser Schmerzensstunde
warum, warum o Herr?
Warum lohnst Du mir das so?


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Montag, 24. Februar 2014

Klassik für Nerds II: »Gretchen am Spinnrade« von Franz Schubert

Die zweite Folge unserer neuen Serie »Klassik für Nerds« würdigt einen wichtigen Geburtstag:

Anno 1814, vor genau 200 Jahren also, erschuf Franz Schubert, damals erst siebzehnjährig, sein Opus 2: das Kunstlied »Gretchen am Spinnrade«. Basierend auf dem Text einer Szene aus Johann Wolfgang von Goethes »Faust I«, stellt es bis heute eine der authentischsten künstlerischen Schöpfungen überhaupt dar, wenn es um den Ausdruck existenzieller Nöte geht: »Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer.« Welch erhabene Einfachheit, die auch heute noch mehr sagt, als tausend komplizierte Worte.





»Klassik für Nerds I - Franz Schubert: Erlkönig«




Ein Hinweis:
Die gewohnte Montagsserie »Fido Buchwichtel« pausiert heute: Fido befindet sich gerade zusammen mit unserem Kollegen Walter-Jörg Langbein im Anflug auf die Osterinsel und wird am nächsten Montag von seinen Eindrücken berichten.

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Sonntag, 23. Februar 2014

214 »Vögel, Mythen, Fabelwesen«

Teil 214 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Ein Mensch reitet einen fliegenden Drachen.
Sammlung Prof. Dr. Javier Cabrera.
Foto Walter-Jörg Langbein

Anno 1912 erschien der fantastische Roman »The Lost World« (»Die vergessene Welt«) von Sir Arthur Conan Doyle. Auf einem mysteriösen Plateau in Südamerika haben Kolonien von Sauriern überlebt. Herrliche Fantasie...

In Prof. Dr. Javier Cabreras damals noch geheimer Sammlung fantastischer Statuetten sah ich in den frühen 1990ern angeblich uralte Statuetten von allen möglichen Arten von Sauriern. Manche dieser Figürchen tragen Reiter. Auch auf Flugsauriern hocken in Prof. Cabreras Museum Menschen, die die riesigen Tiere durch die Lüfte steuern. Fantastische Märchen für die Kinoleinwand... und (bei Cabrera) geschickt gefälschte Fantasieprodukte?

Anno 1945 entdeckte der deutsche Einwanderer Waldemar Julsrud bei Ausgrabungen am Fuße des »El Toro«-Berges, Acambaro, Mexiko, Tonfigürchen u.a. von Sauriern. Nachdem die wissenschaftliche Lehrmeinung »Mensch und Saurier« als unanzweifelbares Evangelium gilt, durften Cabrera- und Julsrud-Saurier nur Fälschungen sein, Fantasiegebilde wie Sir Arthur Conan Doyles Roman »The Lost World« und Camerons »Avatar«. Indes, allen Widerständen zum Trotz, erwiesen sich die fantastischen Objekte aus der Julsrud-Sammlung als echt, Jahrtausende alt.


Acambaro collection DEGUFO Archiv Sammlung Krump

33 000 Objekte umfasst die Julsrud-Sammlung, die wie durch ein Wunder Jahrzehnte in einer Scheune überlebte, obwohl sie angeblich nur aus wertlosem Plunder bestand. Niemand weiß, wie viele Artefakte heimlich verkauft wurden. Unklar ist nach wie vor, wie Menschen vor Jahrtausenden naturgetreue Saurier modellieren konnten, so als hätten sie die Riesen der Urzeit leibhaftig gesehen, wie auf Sir Arthur Conan fiktivem Plateau irgendwo in Südamerika.

Cabreras Figürchen und Julsrud Statuetten erinnern an die Drachen der Mythen... und stellen realistisch Saurier dar, die längst ausgestorben sein sollen, bevor der Mensch die Bühne des Lebens betrat. Ich habe wiederholt Cabreras Sammlungen besucht. In seinem lange Zeit der Öffentlichkeit nicht zugänglichen »geheimen Sammlung« fühlte ich mich in die Welt der Sagen versetzt, als Siegfried den Drachen des Nibelungenliedes tötete... Wie bewerten wir derlei Sagengestalten? Etwa als Ausgeburten der menschlichen Fantasie? Machen wir einen Unterschied zwischen Siegfried und dem Heiligen Georg, der auch Drachen metzelte?

Georg tötet einen Drachen. Darstellung in der kleinen Wehrkirche
von Urschalling am Chiemsee. Foto Walter-Jörg Langbein

Wie können Künstler vor Jahrtausenden, ich wiederhole mich, die Julsrud-Saurier so naturgetreu dargestellt haben? Woher bezogen christliche Künstler ihre Anregung, als sie Saurier als Drachen in frommen Kontext stellten?

Warum findet sich auf einer Fahne, die Jesus in der Kirche von Marienmünster trägt, ein Saurier?  Welche Vorlage stand dem unbekannten Maler zur Verfügung, der vor vielen Jahrhunderten in der Wehrkirche von Urschalling am Chiemsee den Heiligen Georg beim Töten eines Drachen-Sauriers zeigt? Drachen-Saurier in christlicher Kunst sind in der Regel recht klein, vielleicht etwa so groß wie ein Schäferhund.

Der Drache auf der Fahne Jesu. Marienmüsnter.
Foto W-J. Langbein

»Das Fantasieprodukte!«, bekomme ich oft zu hören, wenn ich nach der Bedeutung von fantastisch anmutenden Darstellungen frage. Diese Antwort aber zieht eine wichtige Frage nach sich: Wie ist es möglich, dass in der Fantasie des Menschen weltweit Bilder von Sauriern schlummern, und das schon seit Jahrtausenden?

Fakt ist: Drei wissenschaftliche Institute aus Nordamerika (1) haben Julsrud-Objekte getestet. Unabhängig voneinander kamen alle drei zu Ergebnissen, die nur einen Schluss zulassen: Die datierten Artefakte sind keine Fälschungen! Untersuchung wurden durchgeführt:

  • vom »Teledyne Isotopes Laboratories«, Westwood, New Jersey
  • vom »Museum Applied Science Center for Archaeology« der »University of Pennsylvania« und
  • von den »Geochron Laboratories«, Massachusetts.
Wieder muss ich fragen: Wenn vor einigen Jahrtausenden in Zentralamerika Saurier richtig dargestellt wurden, woher stammte das Wissen? Die Schöpfer der Julsrud-Plastiken können damals keine Saurier gesehen haben. Selbst wenn sie Skelette von Sauriern gekannt haben sollten, konnten sie nicht die so korrekten Darstellungen der Urechsen rekonstruieren! Sollte es so etwas wie eine Ur-Erinnerung geben, die in uns schlummert, vererbt vor unseren Vorfahren, die leibhaftige Saurier gesehen haben?

Der mysteriöse »Vogel auf der Stange« von Tanna.
Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Vogel auf der Stange« beim
feierlichen Hissen der Flaggen.
Foto Walter-Jörg Langbein
Auf meinen Reisen zu den mysteriösesten Orten unseres Globus begegneten mir immer wieder Hinweise auf geheimnisvolle Fabelwesen. Auf Tanna in der Südsee nahm ich an der großen Jahresfeier des John Frum Kults teil. Kaum beachtet von der Wissenschaft fristet ein künstlicher Vogel sei Dasein. Gewöhnlich wird er am zentralen Punkt der Feierlichkeiten auf einer langen Stange präsentiert. Wo ehrfürchtig Fahnen gehisst werden, dort ist auf Tanna auch dieser »Vogel« präsent, wenn es denn wirklich ein gefiederter Vogel sein sollte!

Angeblich hauste das furchteinflößende Tier in unterirdischen Höhlen und kam nur selten ans Tageslicht. Der als Kultmodell so harmlos aussehende Vogel war laut Überlieferung ein wirklich kurioses Fabelwesen, das eher an eine künstliche Maschine als an ein lebendes Wesen erinnert!

Von der Südsee ins Reich der Inkas: Die Inka-Herrscher, so heißt es, besaßen einen heiligen Gegenstand, der in einer besonderen Truhe aufbewahrt wurde. Einst, so heißt es, brachte Manco Cápac den mysteriösen Kultgegenstand von einer  Reise mit ... in einer Kiste. Die wurde von Inka zu Inka weitervererbt, durfte aber nicht geöffnet werden. Erst der fünfte Inka hätte das Recht gehabt, das Kultobjekt, genannt Inti, aus seinem Behältnis zu holen.  Mayta Cápac, der vierte Herrscher des Königreiches Cusco, befreite das Ding. Es soll wie ein Vogel ausgesehen haben. Der »Anti-Vogel« begann der Überlieferung nach sofort zu sprechen und gab Ratschläge, etwa in Sachen Kriegsführung. Solcher Ratschläge konnte Mayta Cápac auch gut gebrauchen, kam es zu seiner Regierungszeit doch immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen um die Stadt Cusco.

Im »Phallus-Tempel« von Chucuito, Peru, gibt es seltsame Darstellungen in Stein, die - so wurde mir vor Ort mitgeteilt - den mythisch-legendären Iti-Vogel zeigen sollen. Oder wollte der Künstler so etwas wie einen Vogel-Menschen abbilden?

Der Iti-Vogel von Chucuito, Peru?
Oder doch ein Vogel-Mensch-Mischwesen?
Fotos Walter-Jörg Langbein

Wie viel Wahrheit mag in Mythen vom Höhlenvogel (Tanna) und vom »Vogel« Inti stecken? Inti-Vogel erinnert mich an den namenlosen Maschinen-Vogel der Südseeinsel Tanna ...

Mysteriöse, manchmal monströse Fabelwesen gibt es nicht nur in fremden Ländern, sie wurden auch »vor der Haustür« verewigt, wo man sie nun ganz und gar nicht vermutet ... zum Beispiel am Ulmer Münster, anno 1377 begonnen. In luftiger Höhe wurden Traufrinnen angebracht. Damit das auf dem Dach gesammelte Wasser nicht ins Mauerwerk eindringen kann, wurden Gargouillen angebracht, Wasserspeier die das fürs Mauerwerk gefährliche Nass möglichst weit weg vom Gebäude gespuckt wird.

Mischwesen aus Fisch und Schlange
am Münster zu Ulm.
Foto Walter-Jörg Langbein
Am Ulmer Münster entdeckte ich Gargouillen, die wirklich monströs sind... als seien sie einem Albtraum entwichen. Da gibt es – zum Beispiel- Mischwesen aus  Fisch und Schlange (2). Ein mächtiges Fischhaupt sitzt auf einem ganz und gar nicht passenden gewundenen und geschlungenen Schlangenleib. Andere Wasserspeier am gleichen Gotteshaus sind in vorbildlicher Weise realistisch und naturnah dargestellt. Wer also die Fisch-Schlangen-Monstrositäten anfertigte, war sehr wohl dazu in der Lage völlig naturgetreu zum Beispiel Rinder und Kühe darzustellen...

Naturgetreue Darstellung von realen Tieren am Münster zu Ulm.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Burg Eltz, eine Höhenburg aus dem 12. Jahrhundert im Tal der Elz, zwischen Maifeld und Vordereifel gelegen, hat einen »Lindwurm« als Wasserspeier zu bieten. An der Fassade von St. Jacobi, Göttingen, wimmelt es von Dämonen in unterschiedlichsten Varianten! Es sollen Dämonen sein, die die Gestalt von Drachen-, Wolfs-, Affen- oder Löwenwesen angenommen haben. Manche von ihnen haben Flügel, manche sind teuflisch gehörnt. Drachen-, Wolfs-, Affen-, oder Löwengestalt mit Flügeln, teilweise auch mit Hörnern zu sehen. Im Mittelalter war der Glaube an solche Wesen weit verbreitet. Sie sausten angeblich durch die Lüfte, stets den Menschen feindselig gesonnen!

»Der Kölner Dom«, so lese ich in einer Buchvorstellung (4), »verfügt über Wasserspeier vom 13. bis zum 21. Jahrhundert. Dämonenabwehr und Ereignisse aus der Stadtgeschichte spiegeln sich in den Wasserspeiern wieder, die am Kirchbau zur fließenden Grenze zwischen Heidentum und christlichem Gauben werden.«
Von der christlichen Kirche wurden die oft so gar nicht christlichen Wasserspeier in der Tat nicht erfunden. Sie waren schon in der Antike bekannt und zierten dort Tempeldächer (3).


Fußnoten

1) Bürgin, Luc: »Lexikon der verbotenen Archäologie: Mysteriöse Funde von A bis Z«, Rottenburg
2009, S. 22
2) Bergander, Birgit : »Wasserspeier am Ulmer Münster«, Laupheim 2004
3) Schymiczek, Regina E. G.: »Über deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt/ Zur Entwicklung der Wasserspeierformen am Kölner Dom«, »Europäische
Hochschulschriften«, Reihe 28, Kunstgeschichte, Frankfurt am Main, Berlin u.a., 2004
4) Sehr empfehlenswert: Siehe 3!


215. Jesus, Atahualpa und die Pyramiden von Cochasqui
Teil 215 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 02.03.2014


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Samstag, 22. Februar 2014

Poesie am Samstag: Der Kreidekreis

ihr selbst
habt den kreidekreis gezogen
in dem ihr jetzt steht
jede von euch
fasst eine hand von ihm
er selbst
gibt das zeichen
Illustration: Sylvia B.

sie reißt ihn zu sich
was hast du anderes erwartet
und du lässt los
weil du nicht anders kannst
weil du ihm nicht weh tun willst

jetzt hat sie ihn zurück
schau ihn dir an
erkennst du ihn noch
ist das wirklich der mann
den du geliebt hast

sieh genau hin
aber achte darauf
dass er es auch bemerkt
dann wirst du 
einen todtraurigen menschen erblicken
der keine andere möglichkeit sah
wie er meinte

so wird sie ihn auch sehen können
in manchen momenten
dann 
wenn er unachtsam ist
und ihre blicke nicht erahnt

du weinst dir um ihn die augen aus
und weit und breit
kein weiser richter
der sein bindendes urteil spricht

er musste sich entscheiden

wir glauben zu wissen
was sein herz sagte
und was der kopf
dagegen setzte

ein kreidekreis
nicht in augsburg
nicht in kaukasien

und ich sehe
drei unglückliche menschen
die nicht wissen
wie es weitergehen soll

Text: Sylvia B.

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nimm es nicht persönlich
Poetische Texte und erotische Bilder
von Sylvia B.
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Freitag, 21. Februar 2014

Gustl Mollath: Spendenkonto - einige Anmerkungen von Ursula Prem

In dieser Woche wurde ein Brief des zbb-Vorstands Heinz Schulze öffentlich, betreffend die Vorgänge um das Mollath-Spendenkonto. Das Schreiben, eigentlich adressiert an Gustl Mollath, ist inzwischen im Opablog nachlesbar und hat offensichtlich auch die Ebene der Presse erreicht, wo es bereits einem schlecht recherchierten Artikel der Nürnberger Zeitung als Grundlage diente. Den offensichtlich mangelnden Aufklärungswillen der Staatsanwaltschaft München in dieser Sache hatte Mollath-Rechtsanwalt Strate bereits in seiner Mitteilung der Verteidigung am 7. Januar dokumentiert. Ein Freibrief für den zbb e.V., nun nach alldem auch noch frech zu werden? - Vorstand Schulze jedenfalls scheint dies so zu sehen, wie sein entlarvendes Schreiben belegt. Höchste Zeit also, meine Anmerkungen dazu, wie ich sie schon am Dienstag dieser Woche dem Unterstützerkreis sowie zbb-Vorstand Fritz Letsch intern übersandt hatte, nun ebenfalls öffentlich zu dokumentieren: 


Sehr geehrter Herr Schulze,
lieber Mollath-Unterstützerkreis,

nach dem aussagekräftigen Schreiben von Ihnen, Herr Schulze, möchte ich es nicht versäumen, einige Anmerkungen zu Ihren Ausführungen in die Runde zu werfen.


Zuerst einmal frappiert mich die Opferhaltung, die in Formulierungen wie dieser zum Ausdruck kommt:

»Im Nachhinein ist es tatsächlich so, dass wir uns viel Ärger und Stress gespart hätten, wenn wir diesen solidarischen Akt (Bereitstellung des Kontos) nicht gemacht hätten.«

»Hätte, könnte, sollte, würde!«, sagte schon meine Schwippschwägerin großväterlicherseits immer, wenn sie deutlich machen wollte, dass ihr die ewigen Ausreden auf den Sack gegangen wären, wenn sie denn einen solchen gehabt hätte. Scherz beiseite: Wo Sprache dazu missbraucht wird, den nackten Fakten ein Feigenblatt umzuhängen, wäre es besser, zu schweigen. Doch Sie, Herr Schulze, haben sich anders entschieden, sei es drum. Tatsache ist: Nach der Entlassung von Gustl Mollath aus dem BKH Bayreuth dauerte es über vier Monate, ehe er auch nur einen Euro von den ihm zugedachten Spenden gesehen hat. Und auch das erst, nachdem eine Strafanzeige Bewegung in die Sache gebracht hatte. Dass diese, wie jede Mollathsche Strafanzeige, von der bayerischen Justiz erst einmal so traditionsgemäß eingestellt wurde, wie man sich auf den Anstich des ersten Wies’n-Biers durch den Münchner OB alljährlich verlassen kann, ändert nichts an dieser Tatsache. Vier Monate. Eine lange Zeit für jemanden, der mit faktisch Nichts auf die Straße gesetzt wurde.


Es ist unerträglich, wenn Sie, Herr Schulze, nun die von Gustl Mollath offenbar gewählte Form der Auszahlung (»Barauszahlung, für Außenstehende ungewöhnlich«) dazu benutzen, die Auskehrung der Spenden wie einen Gnadenakt darzustellen: Die Auszahlung der gesammelten Spenden an Gustl Mollath, auf welchem Wege auch immer, war und ist eine von zwei möglichen anständigen Optionen, die Situation zu bereinigen. Der andere Weg wäre die Rücküberweisung an die Spender gewesen (die übrigens von Gustl Mollath selbst schon folgerichtig ganz am Anfang des Dramas, am 17.9., als eine Möglichkeit vorgeschlagen wurde, noch bevor Herr Dr. Strate über die Situation informiert war):



Dass es nun offenbar so gekommen ist, dass der Löwenanteil der Spenden tatsächlich den richtigen Empfänger erreicht hat, ist nur zu begrüßen und mit Sicherheit auch im Sinne der Spender. Dass es dazu erst einer Strafanzeige und der Herstellung von Öffentlichkeit bedurfte, ist weniger schön. Dass Sie nun die Verantwortung dem Unterstützerkreis zuschieben:

»Sie haben uns aufgefordert, nicht mehr zu Spenden für Sie aufzurufen. Nochmals: wir haben nie zu Spenden für Ihre Person aufgerufen. Aufgerufen hatte der Unterstützerkreis«,

ist bei realistischer Betrachtung zu erwarten gewesen und dürfte nun dem letzten Gutmütigen klargemacht haben, wohin die Reise geht. Ich resümiere: Der zbb e.V. war also für die Einkassierung der Spenden zugunsten des eigenen Vereinsvermögens und unter Verwendung der Zugkraft des Namens Mollath (dessen Träger davon offenkundig gar nichts wusste) zuständig, während für den missverständlichen Spendenaufruf selbstverständlich der Unterstützerkreis verantwortlich zeichnete. Was für ein Geschäftsmodell!

Peinlich nur, dass Ihr Vorstand Fritz Letsch sich den Spendenaufruf des Unterstützerkreises zu eigen gemacht hatte:


 
»Für die Unterstützung von Gustl Mollath sind wir dringend auf Ihre Spende angewiesen«,

heißt es in dem Blog-Posting vom 8. Juli 2013. Und, weiter unten:

»Stichwort DEMO Nürnberg oder ein anderer spezieller Verwendungszweck für Aktionen der politischen Bildung sind möglich.«

Daraus ist zu schließen, dass Spenden für Aktionen der politischen Bildung der Eintragung eines anderen Verwendungszwecks bedurft hätten, als Spenden »für die Unterstützung von Gustl Mollath«. Wie aber lässt sich bei dieser Sachlage weiterhin behaupten, die Mollath-Spenden seien eigentlich der politischen Bildungsarbeit zugedacht gewesen?

Fragen über Fragen. Die nach letztendlicher Auskehrung der Spenden (besser spät, als nie) möglicherweise ja gar nicht mehr so genau thematisiert worden wären, wenn es diesen in meinen Augen frechen und überheblichen Brief von Ihnen, Herr Schulze, der inzwischen im »Opablog« öffentlich einsehbar ist, nicht gegeben hätte.


Nun war die Frage der »Unterstützung von Gustl Mollath« vor dessen Entlassung natürlich anderer Natur als danach. Dass der zbb e.V. aber auch nach dem 6. August 2013 auf der Unterscheidung zwischen »Unterstützung« und »persönlich zugedachten Spenden« bestand, spricht eine deutliche Sprache, die weit über irgendwelche Erfordernisse von Kleingärtnersatzungen hinausgeht: Sich auf diesem Wege kurzerhand zum finanziellen Sachwalter eines freien, erwachsenen Menschen machen zu wollen, dazu bedarf es schon einiger gutmenschlicher Abgebrühtheit. Chapeau! Dass derartige Machtansprüche einer der Hauptantriebe solcher Aktivitäten sind, wird allerdings nur derjenige begreifen, der sich intensiv mit solchen Strukturen auseinandergesetzt und ausreichend lange unter ihnen gelitten hat.


Ich wünsche mir inständig, dass dem hochverdienten Unterstützerkreis, der durch seine bewundernswerte und jahrelange Beharrlichkeit den Stein in Sachen Mollath erst ins Rollen gebracht hat, nun durch Ihr Schreiben, Herr Schulze, endgültig die Augen aufgegangen sein mögen.

Mit freundlichen Grüßen

Ursula Prem


Hier zum Thema weiterlesen:
http://strate.net/de/dokumentation/Mollath-Mitteilung-der-Verteidigung-2014-01-07.pdf#page=2 



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Montag, 17. Februar 2014

Ein Jahr Fido Buchwichtel auf »Ein Buch lesen!« - das große Interview

Seit fast genau einem Jahr hat sich Fido Buchwichtel zu unserem Team gesellt und stellt seitdem jeden Montag ein Buch vor. Zeit für ein Interview mit der kleinen Leseratte: Die Redaktion von »Ein Buch lesen!« sprach mit Fido Buchwichtel.


Fido (vorne),
spananische Loreley
Foto: Selbstauslöser
Frage: Lieber Fido, Du bist einer der wenigen Wichtel, die es geschafft haben, sich im Netz so richtig breitzumachen, was uns allen schon ein Jahr lang jeden Montag sehr viel Spaß bereitet. Woher hast Du nur diesen enormen technischen Durchblick, verglichen mit anderen Wichteln?

Fido Buchwichtel: Danke für das Lob, liebe Ursula. Aber das mit dem Durchblick kommt Dir nur so vor! Wenn ich aber etwas anmerken darf: Meinen ersten Internetauftritt hatte ich bereits im Dezember 2012 mit meinem Adventskalender. Und auch im vergangenen Jahr öffnete sich jeden Tag ein Türchen im Advent auf meinem Blog.


Frage: Deine Adventskalender waren wirklich eine Schau! Woher hast Du nur die Zeit genommen, Dich auch noch mit HTML-Codes auseinanderzusetzen? Ist bei Euch Wichteln um Weihnachten herum nicht Großkampfzeit angesagt?

FB: Nun, die Weihnachtszeit ist schon heftig für uns Wichtel. Irgendwann im November meldet sich der Weihnachtsmann bei uns. Das ganze Jahr verpennt er irgendwo in Lappland und dann muss plötzlich alles ganz schnell gehen. Jedes Jahr der gleiche Stress und immer auf den Knochen von uns Wichteln, wir sind ja quasi Saisonarbeiter und noch dazu unterbezahlt. Oder würdest Du Dir für 20 Bucheckern die Stunde die Füßchen platt laufen? Na also. Was ist denn HTML?


Frage: So etwas würde ich glatt als Ausbeutung bezeichnen! Denkt Ihr nie darüber nach, Euch zu wehren?

FB: Ausbeutung könnte es treffen. Aber wir Wichtel sind nicht alleine betroffen, denke an die armen Rentiere. Wenn der Weihnachtsmann wenigstens über die Sommerpause Diät machen würde, aber daran denkt der im Traum nicht. Die armen Rentiere müssen dieses Übergewicht und die schweren Päckchen für Euch Menschen schleppen. Und das alles nur für irgendwelche Erwartungshaltungen zu Weihnachten. Den armen Elchen geht es aber noch schlechter. Sobald irgendeine nordische Autofirma ein neues Modell herausbringt, müssen die Elche herhalten, nur damit die Autofritzen mit bestandenen Tests prahlen können. So etwas gehört an den Pranger gestellt.


Frage: Ja, es tut einem in der Seele weh! Findest Du denn mit Deiner Tätigkeit als Bloggerwichtel wenigstens ein wenig Ausgleich?

FB: Ja, ich bin absolut froh, jetzt als Literaturkritiker bei »Ein Buch lesen!« tätig zu sein. In gewisser Weise bin ich also als Aussteigerwichtel zu bezeichnen.


Frage: Treten denn manchmal Autoren mit unmoralischen Angeboten an Dich heran, um eine besonders verkaufsfördernde Besprechung zu erhalten, um es mal vorsichtig auszudrücken?

FB: Ein Wichtel, der auf sich hält, ist unbestechlich! Aber natürlich könnte ich in der Zeit, in der ich ein Buch lese und bespreche, jede Menge Bucheckern sammeln ... sagen wir mal, mindestens 50 …


Frage: Lieber Fido, Deine Lieblingsaussagen sind ja: »Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen!« Ist das nicht ein wenig zu aufdringlich?

FB: Nö, man muss den Leuten schon sagen, was sie wollen sollen. Sonst kommt man zu nix.


Frage: Fido, Du bist ganz schön frech, findest Du nicht?

FB: Das sagt meine über alles geliebte Wichtelfrau auch immer!


Frage: Lieber Fido, Du liebst ja Menschenbücher! Wie kannst Du die schweren Dinger nur heben mit Deinen kleinen Ärmchen? Bist Du nicht insgesamt nur 30 cm groß?

FB: Ja, das ganze Dorf schleppt das Buch und stellt es auf Marktplatz, alle helfen beim Umblättern, das geht natürlich nur bei gutem Wetter, das lesen.


Frage: Wie man hört, gehst Du bald auf Reisen. Magst Du unseren Lesern ein bisschen mehr darüber verraten?

FB: Das stimmt. In diesem Jahr werde reisen. Mich interessieren ja nicht nur die Bücher, sondern auch die Orte, von denen die Rede ist. Besonders freue ich mich auf die nächste Zeit. Walter-Jörg Langbein nimmt mich mit auf große Fahrt. Ich darf vielleicht schon verraten, dass unser Ziel die Osterinsel ist. Dort werde ich erst einmal Eier suchen gehen und mir von Walter die Sehenswürdigkeiten erklären lassen. Dir, liebe Ursula, danke ich, dass Du mich am nächsten Montag im Blog vertreten wirst.


Die Fragen für »Ein Buch lesen!« stellte Ursula Prem.


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Sonntag, 16. Februar 2014

213 »Phallus und Göttin«

Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Landkarte mit Hinweis auf Chucuito
(wiki commons/ gemeinfrei)




Von Puno bis Chucuito sind es nur 18 Kilometer. Ich legte die kurze Strecke in einem Taxi zurück. Die Fahrt war atemberaubend, weniger wegen der schönen Landschaft, sondern wegen des Fahrstils meines Chauffeurs. Der versuchte offenbar, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Der Mann könnte ohne Probleme gefährliche Stunts in einem Film übernehmen. Meine Empfehlung: Entweder mit dem Bus fahren, das schont Nerven und ist sehr viel sicherer. Oder man bietet dem Taxifahrer den doppelten Fahrpreis an, wenn er auf riskante Manöver verzichtet ...

Chucuito, am Titicacasee gelegen, hat eine glanzvolle Vergangenheit. Es war einst eine Metropole der Inka und der Lupaca.  Auch die Spanier maßen dem uralten Ort große Bedeutung zu. Chucuito blieb die Hauptstadt der Region. Die Spanier bauten imposante Kirchen im kleinen Fischerdorf: »Iglesia de Nuestra Senora de la Asuncion« und »Iglesia Santo Domingo«. Wer auch immer in den Gotteshäusern predigt, wettert gewöhnlich gegen das »Sodom und Gomorrha« von Chucuito ...

(Die Maria von Chucuito. Foto Wiki commons, Foto Leon Petrosyan)


Der Stein des Anstoßes ist eher unscheinbar, heute zumindest ... »Inca Uyo«. Leicht übersieht man die Mauer aus glatt polierten Steinen. Das steinerne Geviert hat – ich habe selbst ein Maßband angelegt – eine Länge von zwanzig und eine Breite von zehn Metern. Und doch muss dieses kleine Mauerwerk vor rund einem halben Jahrtausend für Nachkommen der Inkas und Lupacas immer noch so wichtig gewesen sein, dass die Spanier es nicht abzureißen wagten.

(Der Verfasser wird von jungen Verkäufern bestürmt.
Foto Ingeborg Diekmann)

Ich erinnere mich an meinen Besuch im »Inca Uyo«-Tempel. Zwei kleine Kinder boten mir und meinen Begleitern kleine gestrickte Fingerpuppen an. Zunächst wollten sie pro Fingerpuppe einen Dollar kassieren. Ich zögerte, und schon sank der Preis auf die Hälfte. Ich zückte schon meinen Geldbeutel, um einige der kleinen innig fein gestrickten Minitierchen zu  erwerben, da strömten schon die nächsten kleinen Händler ins Tempelareal. Sie boten zehn Püppchen für einen Dollar. Der Preis erschien mir als zu niedrig für die wirklich schönen kleinen Kunstwerke aus bunter Wolle. Also machte ich ein Angebt: Fünf Minifingerpüppchen für zwei Dollar.

Kaum stand mein Angebot, war ich von Kindern unterschiedlichster Größe umringt, die mir alle schreiend und lachend ihre Ware anboten ... Fingerpüppchen in Gestalt von Löwen, Schildkröten, Hühnern, Affen, Pferden. Ich glaube, ich habe die Produktion von Wochen, wenn nicht gar Monaten aufgekauft ... Der Handel blühte an jenem Tag im Areal des »Inca Uyo«-Tempels. Warum wird der kleine »Hof« im Mauerwerk von der christlichen Geistlichkeit als ein »Sodom und Gomorrha« verabscheut? Es sind die Phallusse unterschiedlicher Größen, die wie Steinpilze aus dem Boden wachsen.

(Phallusse in allen Größen ...
Foto: Walter-Jörg Langbein)
»Diese unzüchtigen Steine müssen zerschlagen werden!«, hatte ein Professor vom Fachbereich »Altes Testament« gewettert, als wir bei meinen Vorbereitungen für den Besuch in Chucuito auf den geheimnisvollen »Inka-Tempel« zu sprechen kamen. »Dort wird das männliche Genital in unziemlicher Weise dargestellt! Zerschlagen müsste man diese Obszönitäten!« Rechts und links vom schmalen Eingang des Mauerwerks steht je ein steinerner Phallus. Mich erinnern sie an die beiden Säulen »Jachin« und »Boas« am Eingangstor zum Tempel von Jerusalem (1).

Aber sind die steinernen Phalli wirklich Obszönitäten, wie der gelehrte Theologe evangelisch-lutherischen Glaubens meinte? Die vielleicht ältesten »Phalli« gehörten im »Alten Indien« zu den heiligsten Symbolen. Eine uralte Überlieferung erklärt ihre wahre Bedeutung:

Im »Alten Indien« stritten sich einst die Götter, wer von ihnen denn der Höchste sei. Sie konnten sich nicht einigen. Da tauchte gerade noch rechtzeitig am Himmel eine riesige Feuersäule auf. Die war so riesig, dass selbst Gott Brahma nicht an ihr oberes Ende fliegen konnte. Und Gott Vishnu gelang es nicht,  bis zum unteren Ende vorzudringen. Das obere Ende ragte weit in den Himmel, das untere Ende weit in die unergründlichen Tiefen des Meeres.

Schließlich öffnete sich die Feuersäule ... und in ihr erschien Gott Shiva, der Höchste aller Götter. Die Feuersäule Shivas, so heißt es, war die Urform des altindischen Linga(m). Bis heute wird er in Stein und Holz nachgebildet und nach wie vor vordergründig sexistisch missverstanden. Dabei kennen wir Gott Shiva unter anderem Namen aus dem »Alten Testament« ....

Auch wenn es bibelfromme Christen abstreiten, so kennen wir Shivas »Lingam« aus der Bibel. Gott Shiva erschien in der Feuersäule, der biblische Gott Jahwe erschien in der Feuersäule (2): »Und Jahwe zog vor ihnen her … des Nachts in einer Feuersäule.« Wie sich doch die Bilder gleichen!


(Foto: Walter-Jörg Langbein. Aufgenommen in Konarak, Indien)

Scheinbar »erotische« Darstellungen in alten indischen Tempeln wurden von Missionaren vor Jahrhunderten als »sündhaft unsittlich« gesehen. Es gab Überlegungen, die Kunstwerke zu zerstören, was aber zum Glück unterblieb. Wenn sich Göttinnen und Götter vereinen, steht dies für etwas Heiliges. Es geht nicht um akrobatischen Sex, sondern um das Miteinander der Kräfte, um den ewigen Kreislauf des Lebens.

Betrachtet man die »Phalli« von Chucuito genauer, so stellt man fest, dass es zwei »Modelle« gibt. Die einen stehen in steinerner Pracht da. Die anderen wurden mit der Spitze nach unten eingegraben. Warum? Die Spitze der einen weist ins Erdinnere, ins Reich der Pacha Mama. Die Spitze der anderen verbindet die Erde mit dem himmlischen Reich des Sonnengottes Inti. Wie sich doch die Bilder gleichen! Der Linga(m) Shivas reichte aus den Tiefen des Meeres in den Himmel. Die »Phalli« von Chucuito verbinden das Reich der Muttergöttin mit den Gefilden des männlichen Sonnengottes!

Im »Heiligen Land« der Bibel war Jahwe keineswegs immer der einsame, alleinige Gott. Ihm zur Seite stand eine Göttin aus vorbiblischen Zeiten, Ascherah genannt. Über viele Jahrhunderte war die Göttin im Allerheiligsten des Tempels präsent. Je mehr Anerkennung Jahwe im Verlauf der Jahrhunderte als der Gott des »Heiligen Landes« zuteil wurde, desto heftiger wurde Göttin Ascherah bekämpft. So lesen wir im 5. Buch Mose (3): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes.«

Barbara Walker bringt es in ihrem viel beachteten Lexikon auf den Punkt (4): »Eine Zeit lang akzeptierte Ascherah den semitischen Gott El als ihren Geliebten. Sie war die Himmelskuh, er der Stier.« El war, was gern verdrängt wird, einer der vielen Beinamen des biblischen Jahwe. Kurios: Während sonst die »Säule« Symbol des männlichen Gottes ist, steht im Allerheiligsten von Jahwes Tempel der »Pfahl« für die Göttin.

Ascherah war dem bekanntesten Bibelübersetzer Martin Luther ein Dorn im Auge, so dass er den Namen »Ascherah« aus der Bibel verschwinden ließ. In den meisten neueren Übersetzungen aber ist Ascherah wieder an die Seite Jahwes zurück gekehrt. (5)

(Einige der Phallusse im Tempel.
Foto Leon Petrosyan. Wiki commons, gemeinfrei)

Inzwischen weiß man, dass die Mauern von Chucuito astronomische Bedeutung hatten.Verbindet man die beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem schmalen Eingang im Steingeviert, dann bilden eben diese beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem Eingang den exakten Schnittpunkt der Nord-Süd und Ost-West-Achse. Deshalb wird vermutet, dass »Inca Uyo« zur astronomischen Beobachtung diente (6).

20 mal 10 Meter misst das Mauergeviert von Chucuito. War es einst Teil eines weitaus größeren Komplexes? Ein Archäologe erklärte mir vor Ort, der »Phallus-Tempel« sei das zentrale Kernstück einer sakral-astronomischen Anlage gewesen. Man habe Sonne, Mond und Sterne beobachtet, wie die Mayas auf ihren Pyramiden und die Wissenden im Wie auch immer: Mit schmuddeligem Sex hat Chucuito ebenso wenig zu tun wie Shivas Linga(m) und Jahwes »Feuersäule«. Es geht um die Verbindung zwischen unten und oben, zwischen Himmel und Erde. Von einem »Fruchtbarkeitskult« ist immer wieder die Rede, wenn es um Chucuito geht.

Schon die ersten Missionare erkannten, wie wichtig den Menschen der Anden die »Heilige Mutter« war. Sie setzten Maria mit der alten Göttin gleich, was von den Inkas und ihren Nachfahren akzeptiert wurde. Was die Menschen – nicht nur in Peru – nicht verstanden, das war das Verbot, auch weiterhin zu Pacha Mama zu beten, ihr weiter zu huldigen. Dieses häufig mit grausamer Gewalt propagierte Verbot wurde nur oberflächlich befolgt.

Maria von Guadalupe.
Foto W-J.Langbein
Sowohl bei den Mayas als auch bei den Inkas ersetzte nach der Christianisierung Maria heidnische Göttinnen. Eines der wichtigsten Marienheiligtümer der Welt finden wir in Guadalupe, Mexico. Wo heute öffentlich Maria verehrt wird, wird auch heute noch zur Aztekengöttin Tonantzin gebetet. Und aus Pacha Mama wurde offiziell Maria, auch wenn heute noch Pacha Mama verehrt wird, gleichberechtigt mit Maria.

Pacha Mama war die personifizierte Mutter Erde, ihr Name lässt sich mit »Mutter Welt«, auch »Mutter Kosmos« übersetzen. War? 2008 wurde Pacha Mama in die Verfassung Ecuadors aufgenommen, als Prinzip »Leben im Einklang mit der Natur«.






Fußnoten

1) Siehe 1. Buch der Könige Kapitel 7, Verse 13-22
1) 2. Buch Mose Kapitel 13, Vers 21
2) 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
3) Walker, Barbara: »Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 67
4) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer«, München 2003, siehe Kapitel »Ascherah: Rückkehr einer Göttin«, S. 16-21!
5) Schmidt, Kai Ferreira: »Peru Bolivien/ Handbuch für individuelles Reisen und Entdecken«, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Markgrönnigen 6/ 2000, S. 381


214. Vögel, Mythen, Fabelwesen
Teil 214 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 23.02.2014

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Samstag, 15. Februar 2014

Poesie am Samstag: Die Diva

Illustration: Sylvia B.
sie ist eine diva
und schon sehr lange ganz oben
wo sie sich auch hält
wie eine festung
die mächtig den zeiten trotzt

ich bewundere sie
aber beneiden
tue ich sie nicht
denn das geschäft ist hart

als kotzbrocken
kann ich nachvollziehen
dass irgendwann
ein moment kommen kann
in dem auch eine diva
den kotzbrocken herauskehrt

neulich und eher beiläufig
hörte ich von dem versuch einer kritik
der sie sich stellen sollte
die dumme frage
einer kleinkarierten krämerseele
sollte die diva beantworten
ich hätte die aushorche ignoriert
aber ich bin auch nur ein kotzbrocken

diven gehen mit solchen fragen anders um
und so gab es von ihr eine reaktion
keine antwort auf die frage
eher ein kommentar

wenn ich
ein arschloch hören will
dann furze ich

ich gebe zu
nicht nur die wortwahl
auch die art wie sie es sagte
hat mich schwer beeindruckt
und ja
vor dem spiegel habe ich beides
fleißig geübt
denn
auch kotzbrocken sollten hin und wieder
wenn es denn die situation gebietet
die diva herauskehren
was ich übrigens schon
durchaus mit erfolg
getan habe

Text: Sylvia B.


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Freitag, 14. Februar 2014

Hanseatische Transparenz

Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Am 6. Oktober 2012 trat das Hamburgische Transparenzgesetz in Kraft, das Bürgern des Stadtstaates umfassende Rechte auf Auskunft über behördliches Handeln einräumt. Das Regelwerk gilt seitdem als das bundesweit fortschrittlichste seiner Art. Auch Prof. Dr. Johannes Caspar, seines Zeichens Hamburgischer Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, würdigte diesen Schritt in einem ausführlichen Editorial, welches in Ausgabe 10/2012 der Zeitschrift für Datenschutz erschienen ist. Unter der Überschrift »Von der Informationsfreiheit zur Transparenz – Das Hamburgische Transparenzgesetz setzt neue Standards« heißt es da:

»In der Demokratie als der Regierungsform, die auf der Herrschaft des Volkes gründet, muss das Wissen zum Volk kommen. Denn Wissen ist Macht. Der Zugang zu Informationen, die im Besitz der öffentlichen Verwaltung sind, vermittelt erst die Möglichkeit einer qualifizierten demokratischen Teilhabe. Hierin liegt die herausragende Bedeutung der Informationsfreiheitsgesetze in Bund und Ländern, denn durch diese verpflichtet sich der Staat zur Transparenz und öffnet sich gegenüber seinen Bürgern. Die Informationsfreiheit verbessert die Bedingungen einer informierten Mitwirkung an Entscheidungen und stärkt damit die öffentliche Kontrolle behördlichen Handelns.«
       
Besser lassen sich Sinn und Geist solch umfassender Transparenzbestrebungen wohl kaum in Worte fassen. Wie eine kühle, hanseatische Brise bringen sie frischen Wind in muffige Amtsstuben und undurchsichtige Verhältnisse, die bis dahin schon aufgrund mangelnder Nachvollziehbarkeit stets dem latenten Verdacht von Korruption und Kungelei ausgesetzt waren.


Namenlose Rädchen im Getriebe


Andere Bundesländer sind weniger fortschrittlich und tun sich mit der Idee eines sich auf Augenhöhe bewegenden Bürgertums noch deutlich schwerer. In Bayern, wo mancherorts noch immer der Hauch des Gottesgnadentums durch die kruzifixschwangeren Behördenflure wabert, kann so viel frische Luft schon mal Panik auslösen. Natürlich wäre es den im Fall von Gustl Mollath zahlreichen verantwortlichen Entscheidungsträgern lieber gewesen, unter dem Deckmantel angeblichen Datenschutzes weiterhin im Verborgenen agieren zu können. Staatsanwälte, Richter, psychiatrische Gutachter und viele andere Rädchen des großen Getriebes drehen sich als namen- und gesichtslose Träger einer ominösen »Staatsgewalt« nun einmal reibungsloser. Dass das Prinzip der persönlichen Verantwortung für Einzelentscheidungen in einem derart anaeroben Milieu völlig unterrepräsentiert ist, trägt jedoch maßgeblich zur Unterhöhlung des Vertrauens in das Justizsystem bei.

Wo es, wie in solchen Verhältnissen, leichter ist, einen Pudding an die Wand zu nageln, als einen Einzelentscheider für seine Fehlleistungen zur Verantwortung zu ziehen, bewahrheiten sich die eingangs zitierten Worte des obersten Wächters hanseatischer Informationsfreiheit in eindringlicher Weise. Dass es mit Rechtsanwalt Gerhard Strate wiederum ein Hamburger ist, der im Fall von Gustl Mollath den Geist dieser Prinzipien erfasst hat und für lückenlose Transparenz der Vorgänge sorgt, ist nichts als eine logische Folge. Die umfassende Dokumentation in Sachen Mollath, einsehbar auf Strates Website, umfasst inzwischen 89 PDF-Dateien und ermöglicht dem interessierten Bürger einen erhellenden Einblick in die Arbeitsweise der Behörden, die »Im Namen des Volkes!« Entscheidungen über Menschenschicksale fällen. Ohne diese Form der Transparenz, die eine faktenbasierte öffentliche Diskussion erst möglich machte, säße Gustl Mollath heute wohl noch immer in Haft.


Datenschutz als Euphemismus für Verschleierung?


Umso unverständlicher, dass nun ausgerechnet die Behörde von Johannes Caspar es ist, die Gerhard Strate mit angeblichen Datenschutzverstößen konfrontiert. Dass eine derart makellose Umsetzung des Transparenzprinzips, wie Strate sie vollbracht hat, am Ende nichts als eine poplige Ordnungswidrigkeit darstellen sollte, dürfte keinem Bürger zu vermitteln sein, der sich eingehend mit dem Fall von Gustl Mollath auseinandergesetzt hat. Datenschutz als willkommener Euphemismus zwecks Verschleierung zweifelhaften Handelns öffentlicher Stellen? Und so etwas soll ausgerechnet aus Hamburg kommen, und auch noch aus der Behörde des Mannes, in dessen bereits oben zitiertem Editorial zum Transparenzgesetz es nicht ohne berechtigten Stolz heißt:

»Hamburg setzt sich damit an die Spitze einer Bewegung, die den umfassenden voraussetzungslosen Zugang zu amtlichen Aufzeichnungen als integralen Bestandteil der Informationsgesellschaft begreift.«

An diesem Vorgang erweist sich wieder einmal die alte Wahrheit, dass einmal Erreichtes stets aufs Neue verteidigt werden muss. In Bayern wie in Hamburg.
  
Hier zum Thema weiterlesen:



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Montag, 10. Februar 2014

Fido Buchwichtel: Wichtel über Bord

Hallo liebe Menschen!

In der vergangenen Woche habe ich ein richtiges Abenteuer erlebt. Davon muss ich Euch unbedingt berichten!

Folgendes ist geschehen:
Wie Ihr ja wisst, ist meine Verwandtschaft über den ganzen Globus verteilt. Regelmäßig besuchen wir uns. So führte mich meine Reise zu den Spananischen Inseln. Sozusagen war Inselhopping angesagt. Ein lieber Schwippschwager von mir lebt mit seiner Sippe auf einer dieser Inseln. Er pflegt gute Kontakte zu den einheimischen Menschen. Und so kam es, dass ich zu einer Bootsfahrt eingeladen wurde. Die verlief zuerst sehr angenehm.

Aber dann musste ich natürlich ein Foto von mir schießen. Dieses Geschlunse mit dem Selbstauslöser bringt mich noch eines Tages um, ich sage es Euch! Hier ist das Bild von mir, da bin ich noch ganz gut getroffen. Dummerweise wollte ich mich danach ablichten, wie ich es mir gemütlich an der Reling machte. Dabei habe ich nicht berücksichtigt, dass zwar die Vorschriften auf Fahrgastschiffen für Menschen eingehalten worden sind. Aber die gelten nicht für Wichtel. Was soll ich Euch sagen: alles ging plötzlich ganz schnell!

Ich konnte noch nicht einmal »Blaubeerkuchen« stöhnen, da trieb ich arme dicke Nudel schon auf offener See und die ist unendlich, berücksichtigt bitte meine Körpergröße! Während die Wellen über meinen armen Kopf schlagen wollten, konnte ich aber eine menschliche Stimme vernehmen: »Sodom und Gomera!«, ich vermute, das ist ein einheimischer Notruf, »WICHTEL ÜÜÜBER BOOORD!«, und »ALLE MAAASCHIIIINEN STOOOOOHHOOOOPPPPP!«

Meine Güte. Ich dachte wirklich, jetzt hat mein letztes Stündchen geschlagen. Wild schlug ich mit meinen kleinen Ärmchen um mich. Ihr müsst wissen, ich kann nicht schwimmen. Meine Gedanken waren bei meiner über alles geliebten Wichtelfrau. Und bei meinen armen Wichtelkindern. Sollten die zu Halbwaisen werden, nur weil ihr Papa für einen kleinen Augenblick unaufmerksam gewesen war? 

Ich sag Euch was. In einer solchen Situation wird der Moment zur Ewigkeit. Ehrlich gesagt, war ich sehr mit mir selbst beschäftigt. So merkte ich erst gar nicht, wie ich das Wasser verließ. In einem Netz. Genauer gesagt, hatte der Mensch, der das Boot führte, mich mit einem Kescher herausgefischt. Ich war sicher in dem Netz eines guten Menschen, will ich mich jetzt poetisch ausdrücken. Dieser Mensch führte das Netz ganz nahe an sein Gesicht, betrachtete mich aufmerksam und sagte dann: »Na, da ist mir ja ein seltenes Fischlein ins Netz gegangen!« Dann lachte er und brachte uns an sichere Ufer.

Das ganze Wichteldorf war am Strand versammelt. Ich habe mich dann schnell hinter einen Sonnenschirm verzogen. Schließlich musste ich meine nassen Sachen irgendwie trocknen. Mein Schwippschwager hat dann heimlich Fotos von mir gemacht. Er kam mit der Technik nicht klar, das war aber auch gut so, wer will schon Fotos von einem nackigen Wichtel sehen. 

Die Geschichte hätte auch böse für mich enden können. Wenn ich mich nämlich in anderen Netzen verfangen hätte, wie es 
Hanns B.Überschreck in
sehr gut beschreibt.

Jetzt muss ich mich ersteinmal im Kreis meiner Lieben von diesem Abenteuer erholen.

Winke winke Euer

Fido Buchwichtel



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Sonntag, 9. Februar 2014

212 »Der ›Inka-Tempel‹ und Maria«

Teil 212 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Hinweis auf das Geheimnis von Otuzco.
Foto Walter-Jörg Langbein

Otuzco, Peru. Die mysteriöse Stätte liegt 8 Kilometer nordöstlich von Cajamarca. Wer von guter Kondition ist, kann von Cajamarca aus zu Fuß gehen. Einheimische weisen dem Wanderer gern den Weg. Aber Vorsicht ist geboten: Der Ort Otuzco liegt 2641 Meter über Normalnull. Die Kultstätte gar bei 2850 Metern über Null. Der in jedem Hotel, in jeder Pension, in Supermärkten, aber auch auf Märkten angebotene Mate-Tee hilft, mit der dünnen Luft der Anden besser zurecht zu kommen.

Löcher in der Felswand. Foto Walter-Jörg Langbein

Plötzlich stehen wir vor der eigenartigen Struktur. Die Felswand erinnert an eine Bienenwabe aus Stein. Bienen bauen ein Wabengebilde aus Wachs. Wie von einer Maschine gestanzt sehen die kleinen sechseckigen Zellen aus, in denen die fleißigen Bienen Honig und Pollen lagern, aber auch Bienenlarven aufziehen. Mit Honig gefüllte Zellen werden mit einer Wachsschicht verschlossen. Im Winter wollen sich die Bienen von ihrem Honig ernähren. Um an den Honig der Bienen zu kommen, entfernt der Imker diese Wachsschicht wieder...

Die Löcher in der Felswand erinnern mich an geöffnete Zellen einer Bienenwabe... aus Stein! Die mysteriöse Stätte trägt den Namen »Ventallias de Otuzco«, »Fenster von Otuzco«. Was verbirgt sich hinter den unzähligen kleinen Fenstern? Das heißt: Was befand sich einst hinter den Fenstern? »Die Inkas haben ihre Toten hier bestattet!«, heißt es. Das ist mehr als unwahrscheinlich. Warum sollten die Inkas nur bei Otuzco und Combayo (auch von Cajamarca gut zu erreichen) derartige Nekropolen geschaffen haben?

Ein Archäologe vor Ort berichtete mir von einer lokalen Überlieferung. Demnach fanden die Inkas die Fenster von Otuzco bereits vor. Sie enthielten Tote. Die Inkas, so heißt es weiter, holten die Leichname aus ihren Gräbern und funktionierten die  Begräbnisstätten um, in »collcas« (Quechua-Sprache)... als Lagerräume für Getreide.

Fenster, Fenster.. Höhleneingänge..
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Fenster  sind in der Regel rechteckig, manchmal quadratisch und haben eine Höhe von 50 bis 60 Zentimetern. Hinter den Fenstern schließen sich höhlenartige Räume an. Manche sind vergleichbar mit kleinen Zimmern, in die Tageslicht fällt. Andere sind geradezu unheimliche, schlauchartige, acht bis elf Meter lange Gänge. Welchem Zweck sie auch immer dienten: Als Getreidespeicher wie als Grabstätten waren die langen Gänge denkbar ungeeignet. Auch halte ich es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Inkas just dort Getreide lagerten, wo zuvor Tote verwesten.

Einigkeit scheint inzwischen weitgehend in einem Punkt zu herrschen, nämlich dass die »Fenster« mit anschließenden »Räumen«, »Röhren« oder »Gängen« zu Zeiten der Inkas schon längst bestanden haben. Wer hackte die Zimmer, wer trieb die mysteriösen Tunnel in das nicht sonderlich harte Vulkangestein? Und warum? Die kleinen Räume sind sowohl als Krypten wie als Lager vorstellbar. Welchem Zweck aber dienten die Gänge, die nicht begehbar waren wegen ihrer geringen Höhe und Breite?

Es ist nicht schwer, Vulkangestein zu bearbeiten. Man kann mit einfachen Werkzeugen Gänge oder Räume anlegen. Mühsamer ist es allerdings eine Röhre von beispielsweise 60 mal 60 Zentimetern zehn Meter weit in weichem Gestein anzulegen. Dabei müssen die Bergleute auf dem Bauch liegend geschuftet haben. Je tiefer sie vordrangen, desto mühsamer wurde der Abtransport des herausgebrochenen Materials ins Freie, von der Luftzufuhr für die malochenden Arbeiter ganz zu schweigen. Und zu welchem Zweck schufteten sie?

Bizarre Felslandschaften säumen unseren Weg.
Foto Walter-Jörg Langbein

Mich erinnern diese mysteriösen Gänge an ganz ähnliche Anlagen in Deutschland, zum Beispiel in Bayern, an die sogenannten Schratzelhöhlen.

Ich selbst war vor Ort in Otuzco. Die zimmergroßen Räume waren überhaupt nicht spektakulär. Meine Neugier, eine der Röhren zu erkunden, war eigentlich groß, zumal nach örtlichen Überlieferungen der mutige Forscher auf ein weit verzweigtes Tunnelsystem stoßen soll, das viele Kilometer weiter zu uralten Kultstätten führen soll.

Mein Interesse war aber doch nicht groß genug, tatsächlich durch eines der »Fenster« zu kriechen. Vor Feuchtigkeit hätte ich mich nicht fürchten müssen. Ein Archäologe versicherte mir, dass die Erbauer der Anlage Rinnen in den Gängen angebracht haben. So wurden sie selbst bei starken Regenschauern nicht überschwemmt und blieben trocken. Dennoch verzichtete ich auf eine Erkundung. Die Vorstellung, bäuchlings zehn Meter weiter ins Ungewisse zu krabbeln, fand ich schon bedenklich, von der Rückkehr ans Tageslicht ganz zu schweigen.

»Wenn sie eine plausibel scheinende Erklärung suchen...«, schlug mir ein Archäologe vor Ort vor, »dann nennen Sie doch die Anlage in ihrer Gesamtheit einfach ›Inkatempel‹!« Ob ich ihn denn mit diesem Vorschlag namentlich zitieren dürfe. Der studierte Mann winkte lachend ab. »Nur das nicht! Vielleicht nutzten die Inkas tatsächlich Räume und Gänge zu kultischen Zwecken, wer weiß. Die ganze Gegend hier scheint so etwas wie heiliges Gebiet gewesen zu sein. Schon lange vor den Inkas.« Dank der konkreten Anweisungen des Archäologen und unserer beiden Führer kamen wir dann zu einer mysteriösen Höhle... nach einiger Anstrengung.


Unser Ziel: Eine »Zyklopenhöhle«.
Foto Walter-Jörg Langbein


Der Fußweg in scheinbar immer dünner werdender Luft führte uns durch eine bizarr anmutende, karge Gebirgslandschaft. Bald erspähten wir in der einen Vulkankegel.. unser Ziel. Der Vulkanstumpf wies einen Eingang auf, der ein wenig an die Höhle des Polyphem in der griechischen Odysseus-Sagenwelt erinnert. Die Hohle selbst diente kultischen Zwecken. Leider haben »kultivierte« Besucher aus der »zivilisierten« Welt Namen und sonstige Inschriften in die Höhlenwand kratzen müssen, wobei sei uralte Kunstwerke vollkommen zerstörten.


Im Inneren der Kulthöhle. Foto Walter-Jörg Langbein

Der Boden der Höhle wurde ganz offensichtlich penibel geglättet. Nischen wurden in den Wänden angebracht, in denen einst Statuetten gestanden haben mögen. Von »Muttergöttinnen« sprach der Archäologe vor Ort.

Der »gehörnte Teufel mit Schwanz«.
Foto Walter-Jörg Langbein

Halbwegs zu erkennen ist noch die Darstellung einer unheimlich wirkenden Gestalt, die womöglich vor Jahrtausenden an die Höhlenwand gemalt wurde.... Das Wesen kann aus christlicher Sicht als »gehörnter Teufel« mit Schwanz gesehen werden.

Wie lange Otuzco ein Zentrum auch von religiöser Bedeutung war? Wir wissen es nicht. Ob in der Höhle wirklich Muttergöttinnen verehrt wurden? Wir wissen es nicht. Es ist aber nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Weltweit ist zu beobachten, dass das Christentum just dort bedeutende Kirchen errichtete, wo zuvor heidnische Kulte betrieben wurden.

Abschied vom mysteriösen Otuzco. Foto: Walter-Jörg Langbein


Nach Otuzco -10 000 Einwohner – strömen am 15. Dezember Jahr für Jahr 100 000 gläubige Katholiken, um die »Virgen de la Puerta«  (»Jungfrau vor der Tür«) zu ehren! Otuzco ist das bedeutendste Marienheiligtums Nordperus. Angeblich tauchten anno 1674 Piraten vor Trujillo auf und plünderten einen Ort nach dem andern. Auch Otuzco war bedroht. Die Katholiken von Otuzco aber – so wird überliefert – stellten ihre Marienstatue vor das Stadttor. Die Piraten verzichteten darauf, Otuzco einzunehmen und zogen ab. Seither wird am 15. Dezember das große Fest der Maria von Otuzco zelebriert.

In einer Prozession wird die verehrte Statue der Gottesmutter durch die Straßen getragen. An den übrigen Tagen im Jahr befindet sich die Gottesmutterfigur aber nicht in der Kirche, sondern in einer Art Glasschrein außerhalb des Gebäudes auf einem Balkon. So können die Gläubigen jederzeit einen Blick auf ihre »Mamita« werfen. Ratsuchende bitten die stets prächtig gekleidete Marienfigur um Hilfe. Vor wichtigen Entscheidungen wenden sie sich an »Mamita« und glauben aus ihren Augen eine Antwort ablesen zu können.

»Virgen de la Puerta«. Foto gemeinfrei
Wie mag der Kult um die »Virgen de la Puerta« entstanden sein? Ob es die plündernden Piraten wirklich gegeben hat? Historisch verbürgt ist die Legende nicht.

Die Erzdiözese Freiburg ist mit der Kirche von Otuzco partnerschaftlich verbunden. Reinhold Nann, Freiburger Diözesenpriester, Pfarrer von Trujillo, geht davon aus, dass mit der Christianisierung in Peru ein Wechsel stattgefunden hat. Die von den »Heiden« verehrte Muttergöttin Pacha Mama wurde durch »Virgen de la Puerta« ersetzt. So sollte den Nachkommen der Inka der Wechsel zum Christentum erleichtert, die alte Religion mit Pacha Mama vergessen werden.







213. Phallus und Göttin
Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.02.2014



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Freitag, 7. Februar 2014

Die Gratwanderung – ein Lob dem geozentrischen Weltbild

Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Geben Sie es ruhig zu: Auch Sie fragen sich, ob dieser Kolumnistin in den Arsch gekniffen ist, nachdem Sie die dieswöchige Überschrift gelesen haben. Das geozentrische Weltbild, so viel ist klar, ist spätestens seit Galileo Galilei überholt. Die Erde kreist um die Sonne. Punctum. Und dass sogar die sich mit Zähnen und Klauen wehrende katholische Kirche, nicht eben bekannt für Innovationsfreude, Galilei bereits vor über 20 Jahren rehabilitierte, macht das geozentrische Weltbild nicht eben glaubwürdiger. Immerhin hatte der Vatikan offiziell nur etwa schlanke 350 Jahre zur Wahrheitsfindung gebraucht. Ist also diese Freitagskolumne, die regelmäßigen Lesern zumindest zeitweise als latent ketzerisch und geradezu ätzend direkt bekannt ist, in Wahrheit päpstlicher als der Papst und ein Trojanisches Pferd, dem nächtens mittelalterliche Glaubenskrieger entsteigen, gierig auf der Suche nach der Ferse des Achilles?

Keine Angst, liebe Leser: So weit würde, bei aller politischen Unkorrektheit, nicht einmal ich gehen. Die physikalische Wahrheit, dass die Erde um die Sonne kreist, wird von mir nicht bestritten. Doch ich behaupte gleichsam: Mit der physikalischen Wahrheit ist das so eine Sache. Nicht alle Zeitgenossen wissen mit Physik etwas anzufangen. Die Erkenntnisse der Physik greifen auf der bewussten Ebene nur mit einem verschwindenden Anteil in die Lebenswirklichkeit des einzelnen Menschen ein. Klar: Wer schon mal ein paar Hunderter für den Austausch eines Heizungsrohrs hat hinblättern müssen, weil er die Anomalie des Wassers nie gerafft und die Auswirkungen winterlicher Kälte auf ein kaltes, mit Wasser gefülltes Rohr nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dessen Verhältnis zur Physik dürfte pekuniär bedingt bereits inniger sein. Doch vom geplatzten Leitungsrohr zum heliozentrischen Weltbild ist es noch einmal ein weiter Schritt.


Fakt ist: Dem einzelnen Menschen sind keine angeborenen Wahrnehmungsorgane gegeben, die ihn unmittelbar begreifen lassen, dass die Sonne der Fixpunkt ist, nicht die Erde. »Die Sonne ist aufgegangen«, sagen wir deshalb regelmäßig morgens, ohne zu begreifen, dass in Wirklichkeit die Erde es ist, die sich ein Stück weit gedreht hat und so dem Sonnenlicht wieder Wirkung verschafft. Wenigstens für die eine Seite. Denn die andere erfassen wir auch nur, wenn wir mit australischen Freunden chatten, die gerade im Dunklen sitzen.

Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, so viel ist klar, entzieht sich jeder Objektivität. Des Menschen Tragik ist es, im großen Weltall nur unbedeutend größer als eine Ameise zu sein, während seine unstillbare Erkenntnisgier sich gerne das gesamte Universum untertan machen möchte. Dass aus dieser Diskrepanz der eine oder andere Irrtum erwächst, ist eine zwangsläufige Folge: »Janz Berlin war eene Wolke, bloß icke war zu sehen!«

Nun wäre der Mensch nicht der Mensch, wenn er nicht praktische Lösungen für dieses Problem suchen, finden und mit Zähnen und Klauen verteidigen würde. Die sonnenhaft-objektive, absolute Gerechtigkeit bleibt ihm verschlossen, also beschränkt er sich auf die etwas erdenschwere Idee des menschengemachten Rechts, wie es nur als Nachwirkung des lange Zeit kulturprägenden geozentrischen Weltbildes entstehen konnte: Was nicht passt, wird passend gemacht. Und so tritt fast unmerklich an die Stelle der Wahrheit die sogenannte »Rechtssicherheit«. Wer ihrer gnadenlosen Logik unverdient zum Opfer fällt, hat nur noch wenig zu lachen. Wer das nicht glaubt, der frage Gustl Mollath. Oder Harry Wörz. Alle anderen schlafen umso besser: Das irrationale Element des Daseins scheint auf diese Art beherrschbar zu sein.


Eine ähnliche Position im Bereich der Musik nimmt die temperierte Stimmung ein, welche die natürliche Obertonreihe fast unmerklich und mit offen bekundeter Betrugsabsicht verfälscht, um der menschlichen Vorstellung vom perfekten Quintenzirkel und den reinen Tonarten Genüge zu tun. Ein Beschiss, verteilt auf viele Schultern, ist schließlich auch kein Beschiss mehr, allenfalls ist er die Summe vieler kleiner, verzeihlicher Mogeleien, die noch dazu in diesem Fall einem höheren Zweck dienen: Selbst eine Komposition in Dis-Dur, versehen mit fünf Kreuzen und zwei Doppelkreuzen (was in der musikalischen Praxis dank enharmonischer Verwechslung nie vorkommt) wäre dank des temperierten Beschisses noch astrein spielbar, was nach menschlichen Maßstäben in etwa so genial ist wie das Prinzip der Rechtssicherheit.

Hat die menschliche Rasse eine andere Möglichkeit, angesichts der gigantischen Herausforderung des Irrationalen, wie sie das übermächtige Universum der kleinen Erde und ihren von sich eingenommenen Bewohnern widerspiegelt? Ist es manchmal nicht das einzig Praktikable, die Augen zeitweise zu verschließen und jeden Seinsstoff auf menschliches Maß herunterzubrechen, und sei es um den Preis von Kollateralschäden? Wird das geozentrische Weltbild das einzig wirkmächtige bleiben müssen, wider besserem Wissen? Brauchen wir eine, wie Carlos Castaneda es ausgedrückt hätte, »kontrollierte Torheit« des bewussten Nichtwissens?


Zufriedenheit können diese Fragen und ihre Antworten kaum hervorrufen. Und so werden wir auch künftig die Juristerei brauchen. Und die temperierte Stimmung ebenfalls. Und da, wo beide an ihre Grenzen kommen, müssen Wiederaufnahmeverfahren stehen. Und enharmonische Verwechslungen. Der Mensch tut eben, was er kann.



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