Sonntag, 14. Dezember 2014

256 »Odysseus und das Monster… in der Kirche«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 5«
Teil 256 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das Westwerk von Corvey.
Foto Langbein

Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach einem geheimnisvollen Kloster. Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, wo »Hethis« einst lag. Unklar ist auch, warum es am 25. September 822 n.Chr. plötzlich verlassen und aufgegeben wurde. War simple materielle Not die Ursache für den Umzug? Am 26. September jedenfalls kamen die Mönche schon am Ziel ihrer Reise an. Von wo waren sie aufgebrochen? War es Neuhaus im Solling, wie immer wieder vermutet wird? Wohl kaum. Neuhaus ist nur zehn Kilometer vom neuen Standort des Klosters entfernt. Für diese kurze Wegstrecke benötigten die Mönche sicher nicht einen ganzen Tag. Hethis, das verschwundene Kloster, lag irgendwo im Paderborner Bistum. Ein heißer Kandidat ist die unmittelbare Umgebung der Externsteine.  Alte Flurnamen im direkten Umfeld der Externsteine deuten auf das einstige Kloster von Hethis (»Heide«) hin.

Ein Flurname unweit der Externsteine –  »Wiehagen« – lässt sich auf »Wihenhagen« zurückführen, zu Deutsch »Heiliger Hain« oder »Heiliger Wald«. Anno 1564 berichtete der Lemgoer Chronist Pfarrer Hamelmann, dass Karl der Große »aus jenem Elsternstein einen gottgeweihten und mit Apostelfiguren geschmückten Altar gemacht habe« (1). Sollte es sich um den Versuch einer Klostergründung handeln, in dessen Zentrum die Externsteine lagen?

Wie dem auch sei, die Klosterbrüder von Corvey dürften zunächst eher primitive Unterkünfte um eine schlichte Kapelle errichtet haben. Die erste Klosterkirche in Stein wurde erst gut zwanzig Jahre später, nämlich 844 n.Chr., geweiht. Während dem geheimnisvollen Kloster Hethis nur eine kurze Lebenszeit beschieden war, wuchs und gedieh Kloster Corvey von Jahr zu Jahr, strömten immer größere Pilgerscharen nach Corvey. Schon 873 entstand das beeindruckende Westwerk als komplexer Abschluss der Klosterkirche. Im Westwerk finden sich mysteriöse Malereien, die so ganz und gar nicht christlich anmuten.

Blick in die Klosterkirche. Foto W-J.Langbein

Elmar Arnhold und Sándor Kotyrba stellen bewundernd fest (2): »Die Klosterkirche und das Westwerk waren weit und breit die ersten monumentalen Steinbauten. Die Qualität dieser Architektur ist auch in Details beeindruckend. In Corvey zeigt sich ein Beispiel für die Epoche frühmittelalterlicher Baukunst, die heute auch als ›Karolingische Renaissance‹ bezeichnet wird. Die karolingischen Herrscher, die mit Karl dem Großen zur Kaiserwürde aufgestiegen waren, wollten nun bewusst an das Erbe der römischen Cäsaren anknüpfen. Dies lässt sich auch in Corvey erkennen. So scheint bereits in der Gesamtanlage des Klosters mit der Kirche in ihrem Zentrum, das Schema eines römischen Kastells durch.«

Im 17. Jahrhundert wütete in Europa der »Dreißigjährige Krieg« (1618 bis 1648). Im Reich ging es vordergründig um Religion, in Wirklichkeit aber um Macht. Kaiser und »Katholische Liga« und die »Protestantische Union« bekämpften sich in blutigen Gemetzeln. Die Mächtigen schoben Truppenkontingente hin und her. Das Volk aber zahlte den Preis. Nach Prof. Joshua Goldstein vom Max-Planck-Institut gab es über zwei Millionen Tote. Andere Schätzungen gehen sogar von drei bis vier Millionen Toten aus. Pestepidemien und Hungersnöte folgten auf die brutalen Kämpfe. 

Blick in die Marienkapelle. Foto W-J.Langbein

Im 17. Jahrhundert starben Millionen als Folge eines unbarmherzigen Krieges. Beide Parteien behaupteten von sich die einzig wahren Christen zu sein. Man brachte sich gegenseitig um, plünderte und mordete und verwüstete die Gotteshäuser der jeweils anderen Christen. »Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag die Abtei Corvey darnieder. Belagerungen und Plünderungen hatten die Bausubstanz stark in Mitleidenschaft gezogen... Nach der Vermessung der alten Kirche und Konzepten zu ihrer Wiederherstellung wurde letztlich ihr Abbruch beschlossen. Das Westwerk blieb als symbolträchtiges Bauwerk bestehen.«, lesen wir im Architekturführer von Arnhold und Kotyrba (3).

In den Jahren 1667 bis 1671 entstand eine geräumige, einschiffige Saalkirche. Während die Bevölkerung immer noch unter den Nachwirkungen des »Dreißigjährigen Krieges« litt, während die Menschen von Krankheit und Hunger gepeinigt wurden, leitete Christoph Bernhard von Galen – Fürstbischof von Münster – den Wiederaufbau des Gotteshauses ein. Es wurde nicht gespart, Gold schien in unbegrenzten Mengen zur Verfügung zu stehen. 

Das notleidende Volk freilich begehrte nicht auf. Wie Wissenschaftler unlängst feststellten wächst der Glaube an strenge Götter direkt proportional mit härteren Umwelt- und Lebensbedingungen.(4) Offenbar setzt der Mensch, je größer Not und Armut sind, verstärkt auf seinen Glauben an seinen Gott. Je mehr Menschen an der Weser hungerten und darbten, desto mehr begrüßten sie offenbar den protzigen, goldüberladenen Neubau der Abteikirche von Corvey. Schlicht und bescheiden mutet im Vergleich dazu die kleine Marienkapelle an, die um 1790 entstand.

Lohnendes Ziel für Freunde des Geheimnisvollen... Foto W-J.Langbein

Heute sind Schloss Corvey und die Abteikirche mit Westwerk auch für Freunde des Geheimnisvollen und Mysteriösen ein lohnendes Ziel. Will man wirklich alle zur Besichtigung freigegebenen Räume studieren, reicht eine Eintagestour gar nicht aus. Allein die riesige Bibliothek – sie umfasst 74 000 Bände – benötigt fünfzehn große Räume. 1860 trat Hoffmann von Fallersleben, Verfasser des »Lieds der Deutschen«, seine Stellung als Bibliothekar in Corvey an.

Mich hat es im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder nach Corvey verschlagen. Neugierig und voller Spannung  verfolgte ich die Rekonstruktion einiger Malereien, die so gar nicht in ein Gotteshaus christlicher Prägung zu passen scheinen. Immer wieder zog es mich ins Westwerk, dessen schlichte Einfachheit mich mehr anspricht als der Prunk der Abteikirche. Vor Jahrhunderten aber sahen die Ärmsten der Armen nicht voller Neid, wie verschwenderisch mit Gold und Geld beim Neuaufbau der Abteikirche umgegangen wurde. Für sie war der Prunk des Gotteshauses Beweis für die Macht ihres Gottes. Wie sich doch die Zeiten ändern! Bischof Tebartz-van Elst ist wohl einige Jahrhunderte zu spät geboren. Im 17. Jahrhundert hätte man den Gottesmann nicht als Verschwender, sondern als besonderen Lobpreiser Gottes angesehen.

»Loge« für erlauchte Gäste. Foto W-J.Langbein

Wiederholt habe ich das Westwerk des ehemaligen Klosters zu Corvey besucht. Viele Stunden habe ich vor den mühevoll rekonstruierten Malereien gestanden, von denen nur noch spärliche Reste zu erkennen sind, die freilich Einblick in eine fantastische Welt gewähren!

Bevor sie stundenlang von Bücherschrank zu Bücherschrank im einstigen Schloss marschieren, nehmen Sie sich lieber mehr Zeit für das Obergeschoss des Westwerks der Abteikirche. Das Obergeschoss des Westwerks mit seinen zwei »Etagen«, Rundbögen, Fenstern und Säulen erinnert an eine einzigartige Bühne, auf der einst sakrale Zeremonien gefeiert wurden. Was für den Ungläubigen heute ein Theaterstück in Kostümen war, sahen die auserwählten Gottesdienstbesucher im 17. Jahrhundert als heiligen Gottesdienst.  Leider erkennen, ja erahnen wir heute nur noch die groben Züge der Kulisse, die Feinheiten bleiben uns verborgen.

In einer besonderen »Loge« saßen Könige und Kaiser, hoch über den »Normalsterblichen«. Die hohen Herrschaften konnten so Gottesdiensten von oben herab beiwohnen. Bei langweiligen Predigten mögen die Monarchen die herrlichen Wandmalereien studiert haben, die sie in fremde Welten entführten. Verschwunden ist weitestgehend der ursprüngliche Wandputz, auf dem einst vielfältige Gemälde prangten. Ob  bereits beim Umbau der Doppelturmfront anno 1150 Malereien im sogenannten »Johanneschor« ausgelöscht wurden?

Über den Pfeilern standen einst Stuckreliefs. Foto W-J.Langbein

Im »Architekturführer Corvey« lesen wir (5): »Jüngere Untersuchungen ergaben, dass die Malereien über den Pfeilern der unteren Bogenstellungen ursprünglich durch Stuckreliefs von Figuren ergänzt wurden. Ihre Vorzeichnungen entdeckte man erst 1992, die Deutung der Figuren ist unklar.«

Ob es Heilige aus dem Himmel des Katholizismus waren, die da plastisch auf den Säulen standen? Die Wandmalereien jedenfalls waren, den so gut wie möglich restaurierten Resten ist das zu entnehmen, mythologisch-heidnisch. Sie hätten vor Jahrtausenden im »Antiken Griechenland« Begeisterung ausgelöst… Odysseus und ein mythologisches Monster! Und das in einer christlichen Kirche eines Klosters am Ufer der Weser zu Corvey!

Hier stand einst ein Stuckrelief. Foto W-J.Langbein
Fußnoten
1) Matthes, Walther: »Corvey und die Externsteine«, Stuttgart 1982,S. 235
2) Arnhold und Kotyrba: »Corvey/ Ehemalige Reichsabtei und Residenz«, 3. Auflage, Braunschweig 2014, S. 18 unten und S. 20 oben
3) ebenda, S. 25 oben
4) »Proceedings of the National Academy of Sciences«, siehe dazu Wiess, Marlene: »Du sollst kooperieren/ Je härter die Umweltbedingungen, desto eher glauben die Menschen an strenge Götter«, »Süddeutsche Zeitung«, 11. November 2014, S. 16
5) Arnhold und Kotyrba: »Corvey/ Ehemalige Reichsabtei und Residenz«, 3. Auflage, Braunschweig 2014, S. 20

257»Delphine, Skylla und Odysseus«
Teil 257 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 21.12.2014

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