Sonntag, 6. Juli 2014

»Fukushima« von Gerald Mackenthun – gepflegte Satire geht anders

Buchbesprechung von Ursula Prem

»O Herr. Als Erstes möchten wir Dir für die Atomkraft danken. Die sauberste, sicherste Energiequelle, die es gibt. Abgesehen von der Sonnenenergie, aber die zählt nicht.«  
(Homer Simpson, Staffel 2, Episode 7: »Bart bleibt hart«) 

Homer Simpson
Ich erinnere mich noch gut daran, dass allgemeine Ratlosigkeit herrschte, als am 13. September 1991 die erste Folge der Simpsons in Deutschland ausgestrahlt wurde. Den darin so virtuos entlarvten Verblödungsgrad der Menschheit wollte man damals einfach nicht für bare Münze nehmen. Und so wunderte man sich nur über die hektischen gelben Gestalten und die grenzenlose Naivität, mit welcher Homer Simpson, Sicherheitsinspektor im Kernkraftwerk seiner Heimatstadt Springfield, seinen Sohn Bart schon im Vorspann mit einem übrig gebliebenen Kernbrennstab spielen lässt.

Wirkte diese Bedenkenlosigkeit damals bizarr, so scheint sie heute als normal zu gelten. Längst haben wir alle verstanden, dass der kurzfristige Vorteil einer Sonderration Donuts den Durchschnittsmenschen mühelos dazu bewegt, jegliche Bedenken über Bord zu werfen, selbst wenn auf der anderen Seite der Waage das Überleben der Menschheit am seidenen Faden hängt. Sich also noch aufregen über die inhärente Vernichtungskraft, die der ganz gewöhnliche Mensch zu entfesseln in der Lage ist, wenn ihm zum Lohn ein Himbeerdonut mit doppelter Glasur winkt?


Gerald Mackenthun – ein dürftiger Epigone der Simpsons


Gerald Mackenthun:
Nicht alles, was gelb ist,
ist das Original!
Dass die Simpsons als eine im wahrsten Sinne des Wortes meisterhafte Satire nicht mehr zu überbieten sind, haben die meisten Menschen inzwischen erkannt. Gerade deshalb ist es aller Ehren wert, wenn andere Satiriker diese Herausforderung annehmen und eigene Werke in die Welt entlassen, selbst dann, wenn das Ergebnis manchmal stümperhaftestes Epigonentum bedeutet. So versuchte sich Autor Gerald Mackenthun 2012 an einer bislang wenig beachteten Atomkraftsatire in Buchform (»Fukushima«), die sich, verglichen mit der schillernden Galligkeit der Simpsons, leider eher dürftig ausnimmt. Dies liegt zuallererst an der vergleichsweise bedauerlichen sprachlichen Einfallslosigkeit des Schreibers: Gerald Mackenthun versemmelt die Pointen so zielsicher, dass sie, verglichen mit der Vorlage, kaum noch als solche erkennbar sind. Ein Beispiel von vielen:

»Journalisten, die zur Neutralität verpflichtet sein sollten, sprachen ohne Hemmungen in emotionaler Terminologie über die Reaktorkatastrophe in Japan (Strahlungswolke, hochgiftig, verseucht, der Super-GAU […])« 
(Gerald Mackenthun, »Fukushima«, Kindle-Leseposition 473)

Wie brillant ist dagegen das Original, wenn Kraftwerksbesitzer Charles Montgomery Burns sagt:

»Kernschmelze? Das ist wieder eines dieser billigen Schlagwörter. Wir nennen das eher einen unangeforderten Spaltungsüberschuss.« 
(Die Simpsons, Staffel 3, Episode 5: »Der Ernstfall«)

Mr. Burns
Tja, Gerald Mackenthun hätte viel von Mr. Burns lernen können, wenn es gilt, notorischen Nörglern nonchalant entgegenzutreten.

»Ich glaube, dieser Mackenthun will gar nicht komisch sein!«, lautete der Einwand einer Mitleserin, den ich jedoch nach sorgfältiger Prüfung wieder verwarf. Schließlich sollte man nicht immer das Schlechteste von seinen Mitmenschen annehmen: Ein derart faktenresistentes Werk zu einer so schwierigen Thematik noch unter »Sachbuch« firmieren zu lassen und mit der gezielten Verharmlosung des Unglücks anderer Menschen vom fernen Schreibtisch aus seinen Reibach zu machen, so gewissenlos könnte doch ein Autor niemals sein, oder?


Luftkurort Fukushima?

»In den gut 50 Jahren der kommerziellen Kernenergienutzung hat es gerade mal ein halbes Dutzend erwähnenswerter Unglücke und nur eine Katastrophe – Tschernobyl – gegeben. Aber wie viele Menschenleben hat die Kohleverstromung gefordert, wie viele sind an Staublunge eingegangen, welche enormen Flächen gingen wegen des Kohletagebaus verloren?«
(Gerald Mackenthun, »Fukushima«, Kindle-Leseposition 128)

Buchcover
Mackenthun lässt die Antwort offen. Von ihm werden wir nicht erfahren, welche Energieformen wie viele Menschenleben gekostet haben, von zufällig gewählten Einzelbeispielen abgesehen. Von ihm werden wir demzufolge auch nichts über die Folgeschäden durch den Uranabbau lernen, unter welchen heutzutage mehrheitlich indigene Völker zu leiden haben, fernab von Deutschland. Risikoexport auf elegante Weise. Früher war das anders: So erkrankten aufgrund der strahlenden Vergangenheit des Erzgebirges mindestens 5.200 Arbeiter der SDAG Wismut an Lungenkrebs. Zahlen, die aus heutigen Uranexportländern nicht so einfach zu erfahren sind, da dort gesundheitliche Strahlenschäden gerne auch mal zur AIDS-Diagnose umdeklariert werden. Hierfür erhielt der französische Atomkonzern AREVA schon im Jahre 2008 den Public Eye Global Award, mit dem alljährlich besonders unverantwortliche Konzernpraktiken publikumsträchtig ausgezeichnet werden.

Dass Mackenthun nur eine einzige Atomkatastrophe auch als solche anerkennt, nämlich Tschernobyl, Fukushima jedoch lediglich als »erwähnenswertes Unglück« betrachtet, steht im eklatanten Widerspruch zur Einstufung des Ereignisses auf der INES-Skala durch die Internationale Atomenergie-Organisation der Vereinten Nationen (IAEO), welche Fukushima der höchsten Stufe (7 = katastrophaler Unfall) zurechnet. Was folgt demnächst? Die Ernennung von Fukushima zum Luftkurort, empfohlen von Gerald Mackenthun?

Was das rabulistische Schönreden der Kernenergie betrifft, geht der Punkt dennoch eindeutig an die Simpsons: Die Verdrehungen aus dem Munde von Montgomery Burns sind genauso haarsträubend wie die faktenfreien, lieblos zusammengewürfelten Allgemeinplätze von Gerald Mackenthun, verfügen im Gegensatz dazu aber über Esprit und Humor. Doch lassen wir Burns selbst zu Wort kommen:

»Würden unsere antinuklearen Neinsager und Besserwisser zufällig auf einen Elefanten stoßen, der sich in den Gewässern in der Umgebung unseres KKWs vergnügt, wäre für seinen merkwürdigen Rüssel mit Sicherheit der nukleare Klabautermann verantwortlich.«  
(Staffel 2, Folge 4: »Fisch mit drei Augen«)

Doch was wäre der gewissenlose Burns ohne naive Mitarbeiter vom Schlage eines Homer Simpson:

»Burns: „Die wollen uns den Laden dichtmachen, sie behaupten, wir verseuchen den Planeten!“
Simpson: „Na ja, niemand ist vollkommen …“
« 
(Staffel 2, Folge 4: »Fisch mit drei Augen«)

Locker aus der Hüfte geschwafelt, wie man Homer Simpson kennt und liebt. Gerald Mackenthun braucht für eine analoge Aussage weitaus mehr sperrigen Text:

»Wie meistens lernt der Mensch auch aus Unglücken und Niederlagen. Mancherorts wird verzweifelt gefragt, „müssen wir es erst zu einer Katastrophe kommen lassen, damit der Mensch lernt?“. Die Antwort lautet: Ja. Oft lassen sich Havarien und Versagen vorausahnen, manchmal aber nicht. Der Gang der Dinge und die Handlungen der Menschen sind zu vielfältig und zu imponderabel, als dass jegliche zukünftige Entwicklung vorhersehbar wäre.« 
(Gerald Mackenthun, »Fukushima«, Kindle-Leseposition 1524)

Ein Statement, das zumindest dem Untertitel des Buches nachträglich eine satirische Komponente verleiht: »Warum Kernenergie beherrschbar ist«. Ein Gag, der nur langsam und nach sorgfältigem Lesen zündet, weshalb er bei einer kabarettistischen Bühnenshow wohl glatt untergehen würde.


Die Herrschaft des Fachwissens


Leider wird der dröge Brei, zusammengekocht aus kaum überprüfbaren Resten einer großangelegten Vertuschungsaktion und lustlos wiedergekäutem Zahlenmaterial zweifelhafter Herkunft, auch in Sachen Medien- und Gesellschaftskritik nicht genießbarer:

»In Deutschland trifft die Tradition einer apokalyptischen Kritik der gesellschaftlichen Entwicklung auf einen medienimmanenten Zwang zur Sensationalisierung und Personalisierung (Einzelfallgeschichten). Damit verbunden ist eine Ignoranz gegenüber Wissenschaft und ihren seriösen Protagonisten.« 
(Mackenthun: »Fukushima«, Kindle-Leseposition 506)

und

»Die Befürworter der Sonnenenergie werden sagen, dass die Menschheit mit der Sonne großgeworden ist und ohne Sonne kein Leben auf der Erde existieren würde. Und was ist mit der Radioaktivität? Ist nicht auch damit die Menschheit großgeworden, ist der radioaktive Zerfall nicht eine Grundtatsache der Physik? Können all die Atomkraftgegner erklären, was Strahlung ist, wissen sie, wie viel Strahlung sie jeden Tag abbekommen, auch ohne Kernkraftwerke? Wie viele radioaktive Isotope enthält eine Banane, eine Tageszeitung, ein menschlicher Körper? Wissen die Gegner, was bei einer Kernschmelze passiert, und warum sie auch wieder aufhört?«  
(Mackenthun: »Fukushima«, Kindle-Leseposition 972)

Der gelernte Psychologe und Nukleardilettant Mackenthun plädiert hier für die Herrschaft des Fachwissens, wonach all die seiner Ansicht nach Ahnungslosen in Sachen Atomenergie nur ein einziges Recht haben: bis ins letzte Glied ihrer Nachkommen an dieser »beherrschbaren« Technologie zu verrecken, falls die Nummer schiefgehen sollte. Ähnliche Neigungen zum blinden Kadavergehorsam weist übrigens auch Homer Simpson auf. Von seiner Frau Marge auf Blinky, den dreiäugigen Fisch aus dem Kühlwasserstrom, angesprochen, antwortet er treuherzig:

»Ach Marge, was regst Du Dich denn so auf! Ich wette, Du hattest keine Ahnung, wie viele Augen ein Fisch hat, bevor die Zeitungen das aufgebauscht haben!« 
(Staffel 2, Folge 4: »Der dreiäugige Fisch«) 


Mietlobbyist Mackenthun


Wes Donut ich ess, des Lied ich sing. Wessen Donuts also verspeist Gerald Mackenthun? Und wer bezahlt die bunten Streusel darauf? Eine kurze Internetrecherche gibt Auskunft. Da sind zum einen die »Energie-Fakten«, gesammelt auf einer von der Atomlobby betriebenen Website, zu der es auf Wikipedia heißt:

»Energie-Fakten ist der Name einer deutschsprachigen Website mit Informationen zu Energie und Umwelt. Die Betreiber der Website sind mit Lobbyorganisationen zur Förderung der Kernenergie verbunden.«

Schon im Jahre 2002 verfasste Mackenthun unter dem Titel »Wie groß sind die Umwelt- und Gesundheitsrisiken der unterschiedlichen Stromerzeugungsarten im Vergleich?« eine tendenziöse Risikoabwägung zugunsten der Kernenergie. Herausgeber der Energie-Fakten ist Kernphysiker Manfred Popp, Staatssekretär a.D. und ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe. Warum nur, fragt man sich unwillkürlich, beauftragt eine Kapazität wie Manfred Popp einen völlig fachfremden Laien mit der Abfassung eines derartigen Artikels? Wissenschaftler, so lehrt uns die Erfahrung, legen ansonsten keinen besonderen Wert auf die Einlassungen von Dilettanten. Mackenthun, das ist naheliegend, wurde nicht als Atomphysiker an Bord geholt, da er von diesem Fach nicht die geringste Ahnung hat. Auch seine eher durchschnittlichen sprachlichen Fähigkeiten prädestinieren ihn nicht gerade für Herausragendes: So befindet er die Kernenergie schon mal für teilweise »unschädlicher« als andere Stromerzeugungsarten. Sollten sich Ihnen aufgrund Ihres Sprachgefühls bei solch einer sinnfreien Wortbildung die Zehennägel aufrollen, dann seien Sie ganz beruhigt: Zumindest dieser Effekt hat nichts mit Radioaktivität zu tun.

Gerald Mackenthun, so viel ist klar, ist auf energie-fakten.de durchaus nicht als physikalisch-grammatikalischer Laiensatiriker unterwegs, sondern in seiner professionellen Eigenschaft als Psychologe, Mietlobbyist und Berufszersetzer. Wie sehr muss eine Lobby auf den Hund gekommen sein, die sich eines solch abgefuckten Spin-Doctors bedienen muss, um über die Runden zu kommen? Da zeigt selbst ein Montgomery Burns mit seinem vielköpfigen Wahlkampfteam wieder mal mehr Klasse (auf YouTube leider nur in englischer Sprache verfügbar, auf DVD zu finden in Staffel 2, Episode 4):





Kernkraftsatire – lieber gleich das Original genießen


Mein Fazit zu Mackenthuns Buch »Fukushima«: Es als Sachbuch zu bezeichnen wäre ein unverzeihlicher Euphemismus, es sei denn, man betrachtet es als praktisches Anschauungsmaterial zum Thema Agitation auf dünnster Faktenbasis – vermeidbare Anfängerfehler. Wer einen Blick hinter die Kulissen lobbyistischer Scheinwelten tun möchte, dem möchte ich stattdessen das Buch »Fukushima 360°« ans Herz legen, einen akribisch recherchierten, liebevoll gestalteten Band mit 44 Fotoreportagen von Alexander Neureuter, der im Gegensatz zu Mackenthun tatsächlich vor Ort recherchiert und ein zutiefst menschliches Werk vorgelegt hat. Freunden der gepflegten Kernkraftsatire hingegen empfehle ich, lieber gleich das Original zu genießen: Sämtliche Staffeln der Simpsons sind auch in deutscher Sprache auf DVD erhältlich.




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Kommentare:

  1. Ob das nicht doch Folgeschäden seiner langjährigen Forschungstätigkeit in Tschernobyl sind... ?

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  2. Ein wunderschöner Verriss!

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