Sonntag, 20. Juli 2014

235 »Drei Göttinnen im Dom«

Teil 235 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »Märchenschloss« von Worms.
Foto Archiv W-J.Langbein

Der Dom zu Worms erschien mir bei meinem ersten Besuch wie ein geradezu monströses Märchenschloss. In der Dunkelheit einer Herbstnacht kam es mir so vor, als hätten Generationen von Baumeistern über Jahrhunderte hinweg den gewaltigen Prachtbau immer wieder um neue Türme und noch dickere Wehrmauern ergänzt. Standen erst die spitz zulaufenden Osttürme? Wurde nachträglich zwischen die in den Himmel ragenden Türme ein wuchtiger steinerner Kasten mit spitzem Dach gesetzt? Aber obwohl der Dom auch für den Laien so aussieht, als sei er immer wieder erweitert worden, so bildet er dennoch eine in sich geschlossene Einheit, wie eine riesige steinerne »Pflanze«.

Im fahlen Licht schien das in Stein verewigte Szenario vom »Kindermord zu Bethlehem« lebendig zu werden. König Herodes überwacht als bösartiger Regent aus Angst vor einem möglichen Konkurrenten die Ermordung von kleinen Kindern durch  einen Soldaten. Laut einer alten Prophezeiung, so hatte er erfahren, war der neue König geboren. Also ließ Herodes – so die biblische Überlieferung – alle Neugeborenen umbringen. Der kriegerische Schlächter ist in der plastischen Darstellung vom Dom zu Worms wie ein mittelalterlicher Söldner oder wie ein Ritter gekleidet. Zu Füßen der beiden Männer kniet eine Mutter, die verzweifelt die Hände ringt. Oder betet sie? Ihr Flehen scheint indes ungehört zu bleiben.

Jesu Kreuzabnahme.
Foto W-J.Langbein

Bestens bekannt ist eine berühmte Bibelszene: Jesus wird vom Kreuz abgenommen. Biblisch ist auch die Szene »Arche Noah«. Der mörderische Regen hat offenbar aufgehört. Noah hat eine Luke aufgeklappt und späht aus seinem Rettungsboot. Mächtige Greifvögel haben Tierkadaver gefunden, an denen sie gierig fressen. Derlei Darstellungen am gotischen Südportal dienten vor Jahrhunderten der überwiegend des Lesens unkundigen Bevölkerung als eine steinerne Bibel. Die dargestellten biblischen Motive waren den Kirchgängern indes freilich bekannt, auch Analphabeten konnten sie wie ein Buch ohne Buchstaben lesen. Allerdings ohne Kenntnis der biblischen Geschichten würden die so lebhaften Kunstwerke aus Stein rätselhaft, ja unverständlich bleiben. Der bibelkundige Besucher des Doms zu Worms aber wird fündig. So erweist sich das vor rund sieben Jahrhunderten neu gestaltete Südportal als steinernes Bilderbuch in 3D. Da tritt Gottvater leibhaftig in wallendem Gewand auf und holt eine kleine Eva aus der Seite des tief narkotisierten Adam. Da werden die Nackedeis Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Da erschlägt Kain seinen Bruder Abel mit einer stattlichen Keule.

Fabelwesen am Dom... Foto Walter-Jörg Langbein

Parallel dazu wird, fein säuberlich in Stein gemeißelt, Jesus im Stall von Bethlehem geboren, da zeigt Maria das kleine Jesus-Baby im Tempel, da erleben wir förmlich mit wie die »heilige Familie« nach Ägypten flieht, um so den Schergen des Herodes zu entgehen. Wer Geduld und Zeit hat, sollte einmal einen Tag am Südportal des Doms zu Worms verbringen, von morgens bis abends… und miterleben, wie die steigende und sinkende Sonne durch Licht und Schatten die zahlreichen Skulpturen in den nach oben spitz zulaufenden Bögen über der kleinen hölzernen Tür lebendig werden lässt.


Der Dom, ein monumentales Bauwerk...
Foto Archiv W-J.Langbein

Der gewaltige Dom zu Worms steht als gewaltiges und imposantes Bauwerk wie ein von Menschenhand geschaffener Monolith in moderner Zeit. Man nähert sich dem alten sakralen Bauwerk und wird von der schlichten Schönheit nicht überwältigt, aber verzaubert. Man mag zum Christentum als Religion stehen wie man will, man mag die oftmals von Gemetzel geprägte Kirchengeschichte des Christentums als schauderhaft empfinden. In einer Zeit wie der unseren, geprägt von Hektik und immer beängstigender werdender, verzweifelter Suche nach tieferem Sinn, haben wir Pole der Ruhe als Oase in lebensfeindlichem Lärm nötiger denn je. So eine Insel der Ruhe ist der Dom zu Worms. Man mag religiöse Frömmigkeit als Aberglauben abtun, man muss die blutigen Seiten der Geschichte jeder organisierten Religion klar und deutlich verurteilen. Aber es besteht kein Zweifel an der Tatsache, dass die Orientierungslosigkeit breiter Volksschichten in unserer freiheitlichen Welt ein idealer Nährboden für radikalste Verführer jeder, auch und gerade religiös-fundamentalistischer Art, ist!

Blick im Dom nach oben. Foto Walter-Jörg Langbein

 Der Dom zu Worms mutet neben moderner Architektur wie eine Perle in hässlicher Fassung. Der Dom zu Worms macht den Eindruck einer uralten Festung des unerschütterlichen Glaubens, eines für die Ewigkeit angelegten Gotteshauses. Dabei wissen die wenigsten Besucher zu Beginn des 21. Jahrhunderts, dass der Dom ganz und gar kein »Gotteshaus« nach heutigem Verständnis war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gilt ein christliches »Gotteshaus« als Ort der Versammlung für die Gläubigen, die ihrem Gott huldigen und Lobgesänge darbringen. Als ein solches »Gotteshaus« war der Dom zu Worms freilich nicht gedacht. Der Dom zu Worms – im 12. Jahrhundert auf älteren Fundamenten errichtet – war Bischofs- und Stiftskirche, an eine Gemeinde von Gläubigen haben die Erbauer nicht gedacht. Bänke für Gottesdienstbesucher gab es keine. In Dethard von Winterfelds »Der Dom zu Worms« lesen wir (1): »Für uns ist der Sinn des mittelalterlichen Doms kaum mehr verständlich. … Eine Gemeinde gab es nicht, auch wenn Laien im Mittelschiff den verschiedenen Messen beiwohnen konnten.« Was geschah also im Dom?  Winterfeld weiter: »In ihm vollzog sich die Liturgie als Abbild göttlicher Ordnung auch ohne die Anwesenheit einer Gemeinde. Beide Chöre waren hinter hohen Lettnern den Blicken entzogen… «


Fromme Legende.. oder Bibelillustration?
Foto W-J.Langbein

Der Dom zu Worms war viele Jahrhunderte lang so etwas wie ein riesiges Theater mit vielen Bühnen, auf denen Priester Rituale zelebrierten… sehr häufig – oder meist? – ohne Publikum. Die Priester waren wie Magier, die geheimnisvolle Kulte feierten, in denen sich Wein in Blut und Brot in Fleisch verwandelt haben soll… in den leibhaftigen Körper Jesu Christi selbst. Für den religiösen Katholiken wurde da das Heiligste des Glaubens vollzogen, für einen fremden Uneingeweihten wurde blutiger Zauber exerziert… oder Aberglaube. Für den einen ist etwas religiöser Ritus altehrwürdige, sakrale Tradition, für einen anderen aber unbegreifbarer Hokuspokus. Je nachdem wo und wann man geboren wurde, ist eine Handlung Religionsausübung oder alberner Humbug. Oder was für den einen seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung ist, empfindet ein anderer als unverzeihliches Sakrileg, das mit ewigen Höllenqualen bestraft wird.

Der Dom zu Worms sicherte zunächst der Priesterschaft den Lebensunterhalt. Gab es doch im großräumigen Dom eine Vielzahl von Altären, an denen »Gottesdienste« ohne Gemeinde abgehalten wurden. Von Winterfeld (2): »Jedem Altar war ein Priester zugeordnet, dem auch die Einkünfte aus der Stiftung als Lebensunterhalt dienten. Man glaubte, die Heiligen seien durch die ihnen geweihten Altäre präsent, so daß sie mit den Lebenden vereint eine Gemeinschaft der Anbetung bildeten, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindend.« So war der Dom zu Worms ein Haus der Begegnung mit Heiligen, zu deren Ehren am jeweiligen Altar heilige Messen gelesen wurden.

Im 14. Und 15. Jahrhundert wurde der bereits komplexe Dombau noch durch Hinzufügung von diversen Kapellen erweitert. Freilich dienten diese frommen Anhängsel nicht der Religionsausübung des gläubigen Volkes. Sehr wohlhabende Stifter glaubten, sich so einen direkteren Zugang zu den Heiligen zu verschaffen. Mochte Gottvater auch noch ob der Sünden betuchter »Schäflein« grollen, Heilige als Fürsprecher konnten Gott besänftigen, zumindest für edle Spender ein gutes Wort einlegen.

Stadtbild mit Dom.
Foto Archiv W-J.Langbein

Die reichsten Familien des 14. und 15. Jahrhunderts hatten im Dom ihre Privatkapellen, in denen sie – ungestört vom allgemeinen »Pöbel« – beten konnten. Diese Begüterten ließen auch gern hochrangige Geistlichkeit Messen lesen, für sich oder für liebe Dahingeschiedene. Private Kapellen waren damals auch repräsentativ. Während sich heute manch wohlhabender mit einem edlen Rolls Royce schmückt, konnte damals manch kleiner oder großer Krösus mit einer eigenen Kapelle protzen. Hochgestellte Adlige genossen ein besonderes Privileg. Ihnen war es gestattet, ihre sterblichen Hüllen unweit von den Altären der Heiligen zur letzten Ruhe zu betten. Ein örtlicher Geistlicher erklärte mir schalkhaft grinsend:

»Man glaubte, so mancher wichtige Heilige würde am Tag des ›Jüngsten Gerichts‹ im Dom zu Worms leibhaftig auferstehen. Wenn man sich dann als spendabler Adliger am Tage der Auferstehung in Gesellschaft der Heiligen befand, so konnte das auf keinen Fall schaden! Mancher hoffte wohl, gemeinsam mit den Heiligen ungeprüft ins Paradies eingehen zu dürfen!«

Ich gab mich fromm-empört. Grimmig dreinblickend fragte ich den Geistlichen: »Sie sind wohl einer dieser modernen Theologen, die nicht mehr an die Auferstehung der Toten glauben? Dann muss ich Sie wohl an Artikel 11 unseres Katechismus erinnern!« Ohne auf eine Antwort zu warten zitierte ich ratternd aufsagend: »Das christliche Credo, das Bekenntnis unseres Glaubens an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist … gipfelt in der Verkündigung, dass die Toten am Ende der Zeiten auferstehen und dass es ein ewiges Leben gibt.


Modell des Doms vor dem Original. Foto W-J.Langbein

Wir glauben fest und hoffen zuversichtlich: Wie Christus wirklich von den Toten auferstanden ist und für immer lebt, so werden die Gerechten nach ihrem Tod für immer mit dem auferstandenen Christus leben und er wird sie am letzten Tag auferwecken. Wie seine, so wird auch unsere Auferweckung das Werk der heiligsten Dreifaltigkeit sein.«

Der Geistliche hebt beschwichtigend die Hände. »Natürlich glaube ich auch an die Heilige Dreifaltigkeit! Aber dass sich die auferstandenen Adeligen einfach den auferstandenen Heiligen anschließen und zwischen ihren Reihen ins Paradies schmuggeln können, das ist doch schon eine etwas sehr naiv-kindliche Vorstellung!« Als Antwort habe ich ein Bibelzitat parat (3): » Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« Empört wendet sich der Geistliche ab, leise vor sich hin schimpfend. Ob er jenen Zeiten nachtrauert, da nur die Geistlichkeit selbst die »Heilige Schrift« lesen durfte, nicht die tumben Laien? Viele Jahrhunderte lang bekamen Gläubige in Sachen Christentum nur eine arg zensierte und manipulierte Version ihrer Religion vorgesetzt.

Eine weibliche Trinität.
Foto: Archiv W-J.Langbein
                                                
Und noch heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt, erfährt kaum ein Besucher des Doms zu Worms, dass er die Darstellung einer weiblichen Dreifaltigkeit beherbergt. Drei Göttinnen wurden im Dom zu Paderborn verewigt, deren »Christianisierung« nicht wirklich gelungen ist!

Fußnoten

1) Winterfeld, Dethard von: »Der Dom zu Worms«, Königstein im Taunus, 3. Auflage 1994, S. 15
2) ebenda. Die Orthographie wurde unverändert übernommen und nicht der neuen Rechtschreibreform entsprechend angepasst.
3) Evangelium nach Matthäus Kapitel 18, Verse 2 und 3


»Ein Heidentempel, drei Göttinnen und der Dom von Worms«,
Teil 236 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.7.2014

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Walter-Jörg Langbein,
    seit längerer Zeit lese ich Ihre Arbeiten, die vielen interessanten Hinweise, welche zu weiterem Forschen anregen.
    Ihre heutigen Ausführungen zeigen das Erkenntnis-Dilemma mit dem Weiblichen im Christentum...... .

    Danke besonders für die vielen inspirierenden Photos.

    Herzlichen Gruß

    Ernst Seler

    AntwortenLöschen
  2. Sehr geehrter Herr Ernst Seler,

    vielen Dank für Ihre lobenden Worte, über die ich mich sehr gefreut habe. Ich habe übrigens drei weitere Fotos in den heutigen Beitrag meiner Serie gestellt.

    Sonntägliche Grüße

    Walter-Jörg Langbein

    AntwortenLöschen

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