Sonntag, 8. Juni 2014

229 »Monster aus Stein«



»Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 4«, 
Teil 229 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                          
von Walter-Jörg Langbein



Kreaturen aus der Hölle? Foto Walter-Jörg Langbein

Ich stehe am »Paradiestor« des Doms zu Paderborn und fotografiere. Ein Geistlicher im Talar bleibt grüßend stehen. »Warum interessieren Sie sich denn für dieses Eselchen?«, fragt er und schreitet weiter. »Ein Eselchen ist das nicht…«, widerspreche ich höflich. »Es hat Flügel! Und die Füße passen auch nicht…« Der Gottesmann kehrt um. »Sie haben recht! Ein Esel ist das nicht! Das Tier hat Pfoten wie eine Großkatze…« Kopfschüttelnd betrachtet der Geistliche den steinernen Fries. »Drei von diesen merkwürdigen Tieren… nebeneinander. Zwei erinnern an Mischungen aus Esel, Großkatze und Engel…« Er deutet auf das dritte Wesen. »Schade, dass diese Kreatur so stark beschädigt ist! Es könnte ein gehörnter Stier sein, aber mit Flügeln….« 

Auf ein weiterführendes Gespräch will der Kleriker sich nicht einlassen. »Das sind teuflische Kreaturen der Hölle!«, zischt er förmlich, die Hände abwehrend in Richtung Fries ausgestreckt. »Oben stehen die Heiligen, zu ihren Füßen kriechen die gottlosen Tiere… in der Hölle!«

Im Land der Pyramiden, im mysteriösen Reich am Nil, wurden vor mindestens fünf Jahrtausenden geheimnisvolle Fabelwesen in Form von Plastiken dargestellt, zum Beispiel Löwe-Mensch-Wesen. Mischwesen tummeln sich in nicht zu überschauender Anzahl auch im Ägyptischen Museum von Kairo. Letztlich wurden da alle Arten von Tieren miteinander kombiniert und mit teilweise menschlichen Merkmalen versehen. Diese kuriosen Fabelwesen gehören zu den »main attractions«, zu den »Hauptattraktionen« Ägyptens. Eines davon steht unweit von den großen Pyramiden: die oder der Sphinx.

Wir wissen nicht wirklich, wie alt die Sphinx im Schatten der Cheopspyramide ist. Unklar ist auch, wie sie ursprünglich ausgesehen hat. Hatte das Mischwesen einst das Haupt eines Löwen? Wurde das menschliche Haupt erst später modelliert? Es fällt auf, dass der Kopf der Sphinx von den Proportionen her zu klein ist. Sah er ursprünglich ganz anders aus, war er ursprünglich größer? Wurde er kleiner, weil er ummodelliert wurde, sprich neue Konturen verpasst bekam?

Verwandt mit der Sphinx... die Lamien.
Foto Archiv W-J.Langbein

Sphinxartig sind die Lamien, die in verschiedenen Varianten in Griechenland bekannt waren. Stets haben sie den Leib eines Tieres, zum Beispiel pferdeartig, aber mit gespaltenen Hufen an den Hinterbeinen und Klauen an den Vorderbeinen. Engelsgleich soll ihr weibliches Gesicht gewesen sein, passend zu den besonders ansehnlichen Brüsten. Manche Lamien scheinen menschenähnlich gewesen zu sein: attraktive Vampirinnen, die ihren Männern nächtens das Blut aus den Adern saugten.

Bartholomaeus Anglicus ( ca. 1190 bis ca. 1250), franziskanischer Scholastiker und früher Enzyklopädist, verfasste das Sammelwerk »De Proprietatibus rerum«. Er kennt Lamien als »Tiere mit Menschengestalt und Pferdefüßen«.

Manche Lamien scheinen Zwitter gewesen zu sein. In historischen Darstellungen haben sie gelegentlich weibliche wie männliche Geschlechtsattribute.
Lamien haben durchaus etwas Sphinxartiges. Denken wir an Sphinx, kommt uns die ägyptische Sphinx auf dem Pyramidenplateau in den Sinn. Im griechischen Kulturbereich gab es interessante Sphinx-Varianten: 

·        Die Sphinx als ein Löwe mit Flügeln und dem Kopf einer Frau,
·       die Sphinx als Frau mit ausgeprägten Brüsten und den Tatzen einer Löwin
·       und die Sphinx als Mischwesen mit einem Schlangenschwanz und  Vogelflügeln.
Aus dem griechischen Kulturraum stammt auch ein anderer Klassiker der monströsen Art, die Harpyie. Schon Homer hat sie beschrieben,  Hesoid kannte sie auch. Harpyien setzten einst in den legendären Berichten über die Argonauten dem blinden König Phineus zu. Sie rauben sein Essen oder machen es zumindest für den menschlichen Verzehr ungenießbar. Die Harpyie war ein monsterhaftes Mischwesen, hatte den Leib eines Vogels, meist eines Adlers, und das Haupt einer Frau.

Wen es ins »British Museum« verschlägt bekommt mit einigem Glück einen Fries eines Denkmals aus Xanthos in Lykien zu Gesicht. Es zeigt Harpyien, die der Kreatur vom Nürnberger Stadtwappen recht ähnlich sind.

Eine Kreatur aus der Familie der Harpyien.
Foto Archiv W-J.Langbein

Heute neigen Wissenschaftler dazu, derlei Kreaturen als reine Hirngespinste oder »symbolisch gemeinte Darstellungen«  abzutun. Die mit reichlich Phantasie ausgestatteten Dichter sollen einfach unterschiedliche Tiere mit Menschen kombiniert haben, um ganz außergewöhnliche Wesen zu erschaffen, die in sich ganz unterschiedliche Fähigkeiten vereinten. Aber waren diese mysteriösen Wesen wirklich nur Produkte der menschlichen Erfindungsgabe?

Warum hört man nicht auf die antiken Historiker, die sich ganz konkret zu den monströsen Schöpfungen äußern? Historiker Eusebius zum Beispiel lässt auch nicht den geringsten Zweifel aufkommen: Monströse Mischwesen, Geschöpfe der Götter, hat es ganz real und in Fleisch und Blut gegeben: 

»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter, Ergänzung des Autors) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

»Die Chronik« des Eusebius sei jedem Zeitgenossen wärmstens empfohlen, der sich für die Epochen unserer Historie interessiert, die auch heute noch von der Schulwissenschaft tabuisiert werden. Die Entwicklung der heutigen Menschheit hat linear zu erfolgen. Von der Amöbe bis zum Jetztmenschen ging es angeblich immer nur aufwärts. Sehr frühe Hochkulturen, die in Kataklysmen vor Ewigkeiten ausgelöscht wurden, haben in der offiziellen Geschichtsschreibung keinen Platz.

Die mysteriöse Harpyie fand auf geheimnisvolle Weise und aus unerfindlichen Gründen ihren Weg ins große Stadtwappen der Stadt Nürnberg. Monsterhafte Wesen fanden ihren Weg aber auch nach Paderborn, wo sie am »Paradiestor« mit bestechender Detailfreude in den Stein graviert wurden: als eine endlose Kette von Vogel Greifen, die gen Himmel steigen und wieder vom Himmel herab kommen, als merkwürdige Mischwesen mit Leibern von nicht immer definierbaren Vierbeinern mit Gesichtern oder Köpfen von Menschen. »Stiere, menschenköpfige« wurden laut Eusebius von den Göttern erzeugt. Solche Kreaturen haben unbekannte Künstler vor vielen Jahrhunderten am Paradiestor zu Paderborn im Stein verewigt. Woher hatten sie ihr Wissen? Entsprang es der Phantasie?


Ein Monsterwesen von Paderborn... Rechtes Foto:
Vergrößerung der »Kopfpartie«, Fotos W-J.Langbein

Wie kommt es, dass Kreaturen ganz ähnlicher »Machart« am Fries des Doms zu Paderborn verewigt wurden? Die mysteriösen Darstellungen in Stein sollten endlich einmalgründlich untersucht werden. Es lohnt sich, einmal zu recherchieren, wo es ähnliche Darstellungen gibt. Am Münster zu Freiburg gibt es ebenso Mischwesen in Stein. Da kämpfen Kentauren – Mensch/Pferd-Mischwesen gegen Menschen. Da begegnen wir einem weiteren Mischwesen, dem Vogel Greif. Alexander der Große tritt eine Himmelsreise an, in die Lüfte emporgehoben von zwei Greifen!

Überall begegnen sie uns, die Mischwesen, die laut Eusebius ein Werk der Götter waren. Hat es sie wirklich gegeben, wie der antike Historiker postuliert? Gehen alte Mythen, die sich um diese monströsen Wesen ranken, auf wahre Begebenheiten zurück? Diese Frage ist berechtigt in einer Zeit, in der sich Wissenschaftler anschicken, auf gentechnischem Wege Mischwesen zu erschaffen. Noch sind derartige Experimente stark durch Gesetze reglementiert oder gar verboten. Ich bin aber davon überzeugt, dass in geheimen Forschungslabors die Entwicklung sehr viel weiter fortgeschritten ist als wir erfahren.

Wenn Eusebius von den Monsterwesen als Kreationen der »Götter« spricht, dürfen wir dann eine kühn anmutende Spekulation wagen? Experimentierten die »Götter« in Sachen Gentechnologie? Kreierten sie Wesen, wie sie zum Beispiel im Münster von Freiburg und im Dom zu Paderborn in Stein verewigt wurden? (Zum Vergleich: Das Foto zeigt oben und unten Mischwesen von Paderborn, in der Mitte von Freiburg!)

Von oben nach unten:
Paderborn, Freiburg, Paderborn.
Fotos W-J.Langbein


Empfehlenswerte Quellen

Die Welt der Monsterwesen aus alten Zeiten wird bis heute sträflich vernachlässigt.

Wer Quellenstudium betreiben möchte, sei auf folgende Werke verwiesen. Es handelt sich dabei allerdings nur um eine bescheidene kleine Auswahl! Interessant ist, dass in uralten Enzyklopädien über das Leben monströse Fabelwesen als reale Kreaturen beschrieben werden, als Bestandteil der Gesamt-Zoologie von Planet Erde.

Albertus Magnus: De Historia Animalium, Lyon 1562
Bartholomäus, Anglicus: De Proprietatibus Rerum, London 1935
Claudius Aelanius: De Historia Animalium, Lyon 1562
Karst, Josef: Eusebius’ Werke, Band V, Die Chronik, Leipzig 1911
Kircher, Athanaius: Mundus Subterraneus, ohne Ortsangabe, 1665
Münster, Sebastian: Cosmographey, Basel 1598

Mischwesen auf einem alten Mosaik.
Privatbesitz. Foto: W-J.Langbein

»Adam und Eva von der Osterinsel«,
»Das Paradiestor und seine Sphingen Teil 5«,
Teil 230 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 15.06.2014




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