Sonntag, 11. Mai 2014

225 »Der Drache und der Heilige«

Teil 225 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Eingang zur Bartholomäus-Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Archäologen untersuchten penibel genau den Brandschutt. Dank ihrer geradezu pedantischen Geduld gelang es ihnen, Reste einer Inschrift zu entziffern. Da war von einem Drachen die Rede. Just an dieser Stelle hatten die heidnischen Sachsen ihren alten Göttern Pferdeopfer dargebracht. Die Drachen-Inschrift wurde nur wenige Meter nördlich von der Bartholomäus-Kapelle gefunden. Sie war so bruchstückhaft, dass ihr Inhalt nur erahnt werden kann. Wurde Karl der Große als Sieger über das Heidentum der Sachsen gefeiert, als der Unterwerfer des Drachens?

Der schlichte Altar der Kapelle. Foto: W-J.Langbein


Die »niederen Stände« der Sachsen wehrten sich vehement gegen die Christianisierung durch Karl den Großen. Viele Einwohner von Paderborn huldigten auch dann noch den alten Göttern, als die Stadt offiziell schon längst als »christlich« galt. Sie verübten Brandanschläge auf die erste Domkirche, anno 778 und dann anno 793/94. Während Lehensleute und Bauern Karl den Großen als Unterdrücker ansahen, wurde der christlich Herrscher von großen Teilen des Adels unterstützt.

Bei meinem Besuch des Doms zu Paderborn Weihnachten 2013 übersah ich – ich gebe es zu – die Bartholomäus-Kapelle. Mich lenkte das Nordportal des Doms ab. Vor dieser Tür, so heißt es, soll einst das  Hochgericht abgehalten worden sein. Wegen der vielfach grausamen Strafen, die verhängt wurden, soll das Tor blutrot gestrichen worden sein. Zahlreiche Menschen wurden hier, weiß die Überlieferung zu berichten, zu Folter und Tod verurteilt. Grausige Details bietet die mächtige Bronzetür der Bartholomäus-Kapelle. Sie stammt aus dem Jahr 1978, Gerhard Bücker hat die erschreckenden Reliefs kreiert. Im Domführer von Margarete Niggemeyer lesen wir (1), dass »die kunstvoll gestaltete Bronzetür … einen Einblick in die Zeit Bischof Meinwerks gibt«.

Rückseite der Bartholomäus- Kapelle.
Links im Bild: Treppe zum Dom.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Bartholomäus-Kapelle wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von griechischen Werkleuten gebaut, 1017 wurde sie geweiht.  Bischof Meinwerk hat den sakralen Bau für festliche Feierlichkeiten zu Ehren Kaiser Heinrich des Zweiten aus Bruchsteinen in Auftrag gegeben. Obwohl die Kapelle im Vergleich zur burgartigen Gewalt des Doms klein und bescheiden wirkt, ist sie doch das bedeutendste Baudenkmal von Paderborn. Sie blieb – nur wenige Meter vom Dom entfernt – wie durch ein Wunder von den massiven Bombardierungen durch englische und amerikanische Verbände verschont. Der Paderborner Dom hingegen wurde schwer beschädigt. Heute ist die Bartholomäus-Kapelle bis in alle Details in den Urzustand zurück versetzt worden. Auch die hoch angebrachten Fenster entsprechen den Bauplänen von vor einem Jahrtausend.

Blick in die Bartholomäus-Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein
Säulen der Kapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Bei einem meiner Besuche im schlichten Gotteshaus wurde ich Zeuge einer humorigen Begebenheit, die mich doch nachdenklich stimmte. Ein ärmlich gekleideter Fahrradfahrer, sein Drahtesel hatte er draußen rechts neben der Kupfertür abgestellt, setzte sich vor dem steinernen Altar auf eine steinerne Stufe und begann in stiller Zufriedenheit ein Butterbrot zu verzehren. Daran störte sich ein später hinzugekommener Besucher. »Bedenken Sie doch, dies hier ist ein Gotteshaus! Stellen Sie sich vor, unser Herr Jesus würde jetzt herein kommen und Sie beim Essen antreffen! Was würden Sie da machen?«

Der Mann mit dem Butterbrot lächelte. »Ich würde ihm ein Stück von meinem Brot anbieten!« Wütend entfernte sich der Kritiker. Der Fahrradfahrer aß in Ruhe sein Brot auf. Dann stellte er sich vor den Altar und sang »Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht…« Der Mann hatte keine wirklich gute Stimme. Er intonierte das Lied zaghaft und leise. Und doch erfüllte es die Hallenkapelle. Es war, als würde sein Gesang um ein vielfaches verstärkt. Es gab einen unbeschreiblichen Nachhall.

Schließlich entfernte sich der Mann, schwang sich auf sein Rad und fuhr langsam davon. Mich faszinierte dieses Klangerlebnis. Ich bedankte mich bei dem Mann und erschrak wie sich meine leise gesprochenen Worte in einem Echo förmlich überschlugen. »Gesang jedoch verhallt im Deckengewölbe und kehrt vielfach verstärkt wieder zurück.«, so stellt Margarete Niggemeyer in ihrem Domführer sehr zutreffend fest (2). Schließlich entfernte sich der Mann, schwang sich auf sein Rad und fuhr langsam davon.

Einige Säulen und
Teile des Gewölbes.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Ob die Erbauer der Bartholomäus-Kapelle diesen akustischen Effekt bewusst geplant haben? Oder ob der Zufall verantwortlich ist? Die griechischen Handwerker mögen in uralte Geheimnisse byzantinischer Baukunst eingeweiht gewesen sein. Wenn wir nur die alten Steine wie ein Buch lesen könnten! Was sie uns wohl erzählen würden? Vor einem Jahrtausend gab es Eingeweihte Baumeister, die ihre Geheimnisse hüteten wie einen kostbaren Schatz! In den vergangenen Jahrzehnten habe ich weltweit zahlreiche Kapellen, Kirchen und Dome besucht.

Die Akustik der Bartholomäus-Kapelle ist einzigartig. Heinz Bauer und Friedrich Gerhard Hohmann merken in ihrem Standardwerk »Der hohe Dom zu Paderborn« an (3): »Einzigartig sind Gewölbe und Säulen der Kapelle… In der Bartholomäuskapelle wurden nun Hängekuppeln ringförmig gemauert, die es in Westfalen nie zuvor und nie wieder gegeben hat.« Ist die einzigartige Decken-Konstruktion in Verbindung mit den Säulen verantwortlich für die mysteriöse Akustik?

Kunstgeschichtlich ist die Kapelle eine Hallenkirche. Sie ist wohl die größte nördlich der Alpen und zugleich die älteste. Wer die Kupfertür hinter sich schließt, findet sich in eine zauberhafte, fremde Welt versetzt. Je nach Sonnenstand scheint sich der Raum zu verändern. Die steinernen Säulen wirken manchmal magisch, die – so schlank sie auch sind – das Himmelsdach tragen. Sie erinnern mich an junge Ceiba-Bäume Guatemalas.

Der Heilige Bartholomäus.
Foto: Walter-Jörg Langbein
Unweit von der Bartholomäuskapelle gab es offenbar ein heidnisches Heiligtum. Karl der Große rühmte sich, den Drachen besiegt zu haben. Der Heilige Bartholomäus, Namensgeber der Kapelle am Dom zu Paderborn, wird zu den zwölf Aposteln gezählt. Vermutlich hieß er Nathanael Bat-Tolmai. Nach der Kreuzigung Jesu, so wird überliefert, predigte er in Armenien, Indien und Mesopotamien.
Bartholomäus starb nach kirchlicher Überlieferung den Märtyrertod. Ihm wurde bei lebendigem Leib mit einem Messer die Haut abgezogen. Wie bei Darstellungen von Heiligen üblich, trägt auch Bartholomäus stets »sein« Marterinstrument mit sich. So ausgestattet ist auch die kleine Statuette des Heiligen in der Bartholomäus-Kapelle, über dem Ausgang. Schließlich soll der Sterbende noch kopfüber gekreuzigt worden sein.

Das Drachenheiligtum von Paderborn wurde leider von christlichen Eiferern vollkommen zerstört. Wer Drachen und Fabelwesen sehen möchte, möge sich dem Dom von Paderborn zuwenden, genauer gesagt dem Paradiestor.


Diverse Säulenklapitelle. Fotos:
Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Niggemeyer, Margarete:
»Der hohe Dom zu Paderborn«,
Paderborn, 3. Auflage 2012, S. 37
2) ebenda
3) Bauer, Heinz und Hohmann,
Friedrich Gerhard: »Der Dom zu
Paderborn«, Paderborn, 4.,
neubearbeitete Auflage 1987


Es bleibt mysteriös...
In einer Woche wenden...

Die Tür zur Kapelle.
Foto: W-J.Langbein
... wir uns geheimnisvollen Darstellungen zu,
die niemand mit einer christlichen Kirche in
Verbindung bringen würde... Monster aus
Stein am Paradiestor zum Dom von Paderborn...

»Das Paradiestor und seine Sphingen«,
Teil 226 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.05.2014


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