Freitag, 7. März 2014

Zu krank für die Schule? – Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
»Abgestempelt und aussortiert – wie Schulen schwierige Kinder abschieben«, unter diesem Titel skizziert eine Reportage von Monika Anthes und Claudia Butter eine alarmierende Tendenz: Die Institutionalisierung des Mobbings schreitet auf allen Ebenen voran. Die Ausgrenzung des »Andersartigen« hat eine neue Stufe erreicht, der Drang zur Definition immer neuer Feinheiten des angeblichen »Andersseins« nebst drakonischen Sanktionierungsmaßnahmen treibt die seltsamsten Blüten. Dass es mitten in Deutschland Kinder gibt, denen schon im Grundschulalter der Schulbesuch untersagt wird, hätte sich im Lande des allgemeinen Schulzwangs wohl kaum jemand träumen lassen. Der Film, der am 4. März 2014 von Report Mainz ausgestrahlt wurde, ist als XXL-Fassung auch auf der Website des SWR verfügbar.

»Sozial-emotionale Störung«, so lautet die schwammige »Diagnose«, die es möglich macht, Kinder einfach vor die Tür zu stellen. Kinder wie den heute 15-jährigen Adrian, der die Schule bereits im Alter von neun Jahren verlassen musste und das Versäumte nun per Fernschule aufarbeitet. Kinder wie den jetzt neunjährigen David, der schon seit vier Monaten vom Unterricht ausgeschlossen ist.


Wie viele Kinder hat das deutsche Bildungssystem einfach aussortiert?


Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nimmt Pädagogin Ilka Hoffmann Stellung zu den Vorgängen und räumt ein, dass ihr entsprechende Fälle bekannt seien. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer seien im Umgang mit schwierigen Schülern schlichtweg überfordert, es fehle an der entsprechenden Ausbildung und an Unterstützungssystemen, so Hoffmanns Erklärungsversuche. Wie viele Kinder das deutsche Bildungssystem inzwischen auf diese Weise aussortiert hat, ist bei aller sonstigen Statistikbesessenheit vollkommen unbekannt.

Dass der »Verwaltungsakt Kind« in Deutschland schon mal zu einem Drama mutieren kann, zeigt auch die Geschichte von Marie, nachlesbar im »Schwarzbuch Inklusion« (S. 93, Ziffer 39). Werden schwierige Kinder von Lehrern für krank erklärt, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind?, fragt Report Mainz und legt alarmierende Zahlen aus einer Umfrage bei den zuständigen Bildungsministerien vor: Waren im Jahr 2003 noch 31.400 Kinder mit dem Etikett »sozial-emotionale Störung« gebrandmarkt, trugen zehn Jahre später bereits 53.100 Schüler diese Diagnose mit sich herum. Auch ohne Einbeziehung der seitdem massiv gesunkenen Geburtenzahlen bedeutet dies einen Anstieg von 69 %. Erziehungswissenschaftler Prof. Hans Wocken führt dies darauf zurück, dass das »Rezept sonderpädagogischer Förderbedarf« Lehrer zum Abruf zusätzlicher personeller Ressourcen berechtige. Drängen Lehrer also auf die Diagnostizierung möglichst vieler angeblicher Störungen, um in den Genuss einer Arbeitsentlastung zu kommen?

Wie sich die Erfahrung, ein angeblich unerträglicher Sonderling zu sein, auf den weiteren Entwicklungsweg eines Menschen auswirkt, kann nur vermutet werden. Während sich halb Deutschland über die gelungenen Satiren des »Postillons« amüsiert, der das grassierende Mobbing am Beispiel des Kleinen Timmy auf die Schippe nimmt, setzt das real-existierende Bildungssystem ähnlich unmenschliche Konzepte längst in die Tat um. Danke an Report Mainz für diesen aufrüttelnden Beitrag!


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Kommentare:

  1. TEIL 1:

    Liebe Frau Prem,

    vielen Dank für Ihren Beitrag über ausgeschulte, vermeintlich 'schwierige' Kinder. Selbst bin ich seit vielen Jahren mit der betroffenen Familie K. aus dem REPORT-Bericht und derem heute 15 Jahre alten Sohn Adrian gut befreundet, unterstütze die Familie ebenso lange.

    Auf dieser Seite

    http://www.emgs.de/forum-emgs/viewtopic.php?t=1318

    gibt es zahlreiche Dokumente aus dem Fall zum Nachlesen. Dort wird m.W. auch weiter ergänzt.
    Manches kann man erst glauben, wenn man realisiert hat, dass es echte Unterlagen sind. Die Inhalte spotten z.T. jeder Rechtstaatlichkeit.

    Die ältesten Berichte im Netz sind von Herrn Tjaden, hier:

    http://kinderinheimen.blogspot.de/2008/12/17.html


    Warum wurde Adrian im Alter von eben 9 Jahren unterrichtsausgeschlossen?

    Hier meine Ansicht, mit der ich nicht allein bin:

    Adrians erste Klassenlehrerin fing bereits in der 3.Schulwoche an, beinahe täglich angebliches Fehlverhalten des Erstklässlers in die Schülerakte (!!!) zu notieren.
    Dinge wie: 'nimmt zu viel Raum ein' (Adrian war tatsächlich ein sehr großer und auch kräftiger Junge), 'holt seinen Kakao nicht ab', 'verschenkt seinen Kakao', 'schließt die Türe nicht', 'stellt die Wasserflasche zu fest auf den Tisch', 'ihm entgleist die Mimik', 'hält mit den Händen Plätze frei' usw. usf.

    Solche Aufschriebe bei einem Erstklässler, der ein unauffälliges hilfsbereites Kindergartenkind war, lassen darauf schließen, dass die Dame ein Problem mit dem Kind hatte, ihn nicht mochte und ihn dies spüren ließ.
    2009 sah eine Lehrerin i.R. die Unterlagen und befand rundheraus: "Der Junge hatte von Anfang an keine Chance bei der Frau!" ( Die Lehrerin ist 'gut bekannt' im Ort.)

    Die damalige KL sagte dem Jungen sogar, er 'habe ein falsches Weltbild' (1.Klasse) und versprach ihm Bonbons, wenn er sein Weltbild ändere...

    Undenkbar eigentlich, dass eine KL, die auch SL war (und ist) auf alle Kinder derart viel 'Zeit' verwandte. Undenkbar, dass alle Grundschullehrer solche 'Tagebücher' über ihre Schüler führen.

    Für mich haben solche Notizen und die tägliche auch verbale Kritik, die der Junge für sämtliches Verhalten erdulden musste, den Charakter eines zielgerichteten Mobbings.

    Vieles haben Adrians Eltern dokumentiert, teils gibt es Zeugen - oder Zeugnisse z.B. als ärztl. Unfallbericht des verletzten, weil von einer Horde verprügelten Adrian.

    Adrians Eltern haben es gewagt, das Verhalten der Lehrerin ihrem Kind gegenüber nicht einfach hinzunehmen.
    Sie haben frühzeitig das Gespräch zum Schulamt gesucht, ebenso versucht externe Hilfe zu finden: beim Kinderschutzbund, bei der Erziehungsberatungsstelle des Kreises, beim Jugendamt - Hilfe für ihn in der Schule misshandeltes Kind.
    Überall wurden sie abgewiesen.

    Als das Ganze ruchbar, u.a. durch ärztliche Berichte, wurde, drehte man den Spieß um: Adrian wurde als schwerst auffällig deklariert, die Eltern als psychisch krank diffamiert (von Lehrern! Nicht etwa von Ärzten).

    Das Schulamt weitete diese Diffamierungen später auch auf Unterstützer der Familie aus - alle psychisch krank. Nur beim Pfarrer B. trauten sie sich das nicht ;) .

    Seitdem der Fall gerichtsanhängig wurde, ging es dann auch darum, die Sache unter einem Mantel des Schweigens zu halten.
    Um die eigene Haut zu retten?

    Dass die Eltern sich im Jahre 2009 u.a. über den SPIEGEL an die Öffentlichkeit wandten, wurde wieder gegen sie und das Kind verwandt. Sie könne den Jungen nicht einer Regelschule zuweisen, schon zum Schutz der Lehrkräfte vor diesen Eltern nicht, schrieb die verantwortliche Justitiarin M.E. vom SSA R. im Jahre 2009. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.
    --------------------------------------------------------------------------------
    Silke Jansen - als Freundin der Familie K. und Begleiterin von Adrian

    AntwortenLöschen
  2. TEIL 2:
    Adrian entwickelte kurze Zeit nach der Einschulung bereits morgens psychosomatische Beschwerden, erbrach sich, hatte ständig Bauchweh, schilderte im Einzelgespräch dem Kinderarzt sein Martyrium, das bis zum gewaltsamen Zusammenpressen der Beine des 'zu breitbeinig Platz einnehmenden' Jungen reichte.
    Letztlich: Die einzigen, die Verhaltensauffälligkeiten bemerkt haben wollten, waren die Lehrerin(nen). Von allen anderen Personen, z.B. Sporttrainer, Reha-Kinderklinik, spätere Hauslehrer, Kinderarzt, Kinderpsych., Hausärztin, Freunde der Familie, die Fam. unterstützender Pfarrer wird der Junge als ganz normal, unproblematisch, besonders bemüht, fleißig, höflich, still und zurückhaltend beschrieben.
    Berichte und EV's dazu liegen in den Akten.
    Adrians Hobbies sind vor allem seine Tiere - zur Zeit zwei Zwergkaninchen und vier chinesische Rotbauchunken. Auch ein Hund gehörte 15 Jahre zur Familie. Adrian zog im Sommer Zierkürbisse heran und bot diese im Herbst den Nachbarn als Haustürschmuck an (mit Erfolg).
    ------------------------------------------------------------------------------------
    Seit Ende 2010 ist eine Amtshaftungsklage des Adrian gerichtsanhängig, mehr als fundiert.
    Ende 2012 wurde dem Jungen im wesentlichen vom Landgericht Recht gegeben, 80 sehr gründliche Seiten.
    http://kinderinheimen.blogspot.de/2012/12/betr-adrian-ii.html
    Zitat: Das Land Hessen hat vor dem Landgericht in Darmstadt gegen einen 14-Jährigen aus Groß-Gerau verloren. Die Richter warfen einer Sachbearbeiterin des zuständigen Schulamtes gesetzeswidriges Verhalten, die Verfolgung gesetzesfremder Zwecke und Willkür vor. Auch die Leiterin der Schule, die der Junge besucht hatte, habe nur ein Ziel verfolgt: Druck auf die Eltern ausüben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (...)
    Das Schulamt zog in die Berufung vor das OLG Frankfurt. Das verwies ans LG zurück, nachdem er versucht hatte, den Eltern einen Vergleich anzubieten:
    12.500 € Schmerzensgeld für den Jungen, wenn zugleich die Eltern erklärten, an der Strafverfolgung der Schulamtsbeamtin (Justitiarin M.E.) kein Interesse mehr zu haben.
    Die Eltern und Adrian haben diesen 'Deal' abgelehnt. Schon der Rechtsstreit hatte bisher auf Klägerseite gute 11.500 € gekostet.
    --------------------------------------------------------------------
    Übrigens: Hält es jemand für denkbar, dass eine leitende hessische Schulpsychologin einem 10jährigen im erzwungenen Einzelgespräch (24.06.2009) eröffnet, es könne sein, dass jemand entscheide, dass er nie wieder in eine Schule gehen dürfe - da gehe es gar nicht mehr um die Frage: Regel- oder Förderschule...
    Ich hätte nicht geglaubt, dass eine Schulpsychologin so eine Grausamkeit begeht. Aber zum Glück war Adrian klug - er konnte es mir vorspielen.
    Dass der Inhalt so war, wie beschrieben, bestritt das Schulamt wenige Wochen später. Sie konnten ja nicht ahnen, dass Adrian sich zu schützen wusste vor neuen unwahren Anschuldigungen.

    Silke Jansen - als Freundin und Begleiterin von Adrian und Familie K.

    AntwortenLöschen

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