Freitag, 31. Januar 2014

Beklemmendes TV-Drama zum Fall des Harry Wörz

Freitagskolumne von Ursula Prem

Jetzt in der ARD-Mediathek:
»Unter Anklage
Der Fall Harry Wörz
«
Es ist einer der schlimmsten Albträume, die ein Mensch erleben kann: zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt zu werden. Genau das ist Harry Wörz passiert, der am 16. Januar 1998 vom Landgericht Karlsruhe wegen versuchten Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt worden war. Es hatte Wörz für schuldig befunden, seine Ehefrau mit einem Schal stranguliert zu haben. Gegen andere in Betracht kommende Täter war nie ermittelt worden: Die Spuren verwiesen in das berufliche Umfeld des Opfers, einer Polizistin. Ob das den investigativen Eifer der Ermittler gebremst haben mag? Erst am 15. Dezember 2010 wurde Harry Wörz endgültig durch eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs freigesprochen. 13 Jahre eines verzweifelten Kampfes um Gerechtigkeit, von denen er viereinhalb Jahre im Gefängnis verbracht hatte, lagen endlich hinter ihm.

Nun haben die ARD den bedrückenden Fall zu einem packenden TV-Drama verdichtet, der in dieser Woche gesendet wurde. Wer das Ereignis verpasst hat: »Unter Anklage – Der Fall Harry Wörz« ist auch in der ARD-Mediathek verfügbar. - Jetzt ansehen

Betrachtet man die Zeitleiste des gesamten Falls, ist man besonders über die Langsamkeit der justiziellen Mahlsteine erschüttert, zwischen denen die Lebenszeit eines von derartigem Unrecht Betroffenen gnadenlos zerrieben wird. Nach dem ursprünglichen Fehlurteil (1998) folgte ein Zivilprozess auf Schadenersatz, der von den Eltern des Opfers angestrengt worden war. Das Gericht kam zu dem Schluss, es bestünden Zweifel an der Täterschaft von Harry Wörz und wies die Klage ab (2001). Noch im selben Jahr beantragte Wörz die Wiederaufnahme seines Strafprozesses, die erst nach langem Tauziehen am 30. Mai 2005 endlich beginnen konnte und mit einem Freispruch endete. Doch noch immer hatte das Drama kein Ende: 2006 erfolgte die Aufhebung des Freispruchs durch den Bundesgerichtshof, am 22. April 2009 begann ein Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Mannheim, das wiederum zu einem Freispruch führte. Eine Revision hiergegen wurde erst 2010 vom Bundesgerichtshof endgültig verworfen. Geht es noch nervenzermürbender? Ab wann erfüllen derartige justizielle Mätzchen eigentlich den Tatbestand der Psychofolter? Zeigt sich die sprichwörtliche Blindheit der Justitia nur noch in Form eines völligen Desinteresses am Schicksal des Einzelnen?

Dass Harry Wörz (im Film dargestellt von Rüdiger Klink) diese schlimmsten Jahre seines Lebens überstanden hat und heute ein freier Mann ist, verdankt er seiner einfachen Geradlinigkeit, die ihn trotz aller Widrigkeiten nie die Übersicht verlieren ließ. So wurde er zum Spezialisten in eigener Sache, der mit seinem engagierten Anwalt Hubert Gorka (im Film: Felix Klare) akribisch Hand in Hand arbeitete und sich auch durch Rückschläge nicht von seiner Linie abbringen ließ. »Ich will keine anderen Anwälte. Ich will Sie!«, dieses klare Statement von Harry Wörz gehört denn auch zu den berührendsten Momenten des Films: Eine Kampfgemeinschaft dieser Qualität, so viel wird klar, kann am Ende nur siegreich sein.


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Kommentare:

  1. Die Frage der Haftentschädigung gehört ganz oben auf die Agenda! Es gibt natürlich passende Ausdrücke dafür, wie man das Verhalten eines hartleibigen sog. Rechtsstaates bezeichnen muss, der unschuldige Menschenleben erst mutwillig ruiniert und dann sogar noch Kost und Logis von den schäbigen 25 EUR abzieht. Wenn überhaupt (Fall Horst Arnold)... Aber ich möchte Sie als Blogbetreiberin ja nicht in Schwierigkeiten bringen. (Da sind die Staatsjuristen sehr ehrenkäsig, wenn man ihr Tun beim Namen nennt.)

    Noch viel wichtiger als solche plakativen Forderungen, wie sie mir in meiner Empörung einfallen, ist aber ganz konkrete Hilfe. - Vielleicht ist es nun wirklich Zeit, einen "Weißen Ring" für die Opfer staatlicher Justizverbrechen zu gründen.
    A.B.

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  2. Kleiner Leitfaden
    Wie erzielt man ein Fehlurteil nach Maß?

    Bewährt haben sich bisher u.a.:
    - Wunschergebnis-orientierte Gutachter
    - gezielte Manipulation mit Haupt-, Neben- u. Teilakten
    - Gender-Sichtweise
    - Korpsgeist
    - ...

    Es würde sich lohnen, die bekannten Fälle unter diesen Rubriken einmal übersichtlich tabellarisch darzustellen.
    A.B.

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