Montag, 30. September 2013

Fido Buchwichtel und der Nebel des Grauens

Hallo liebe Leute!

Da bin ich wieder:
Fido Buchwichtel
und ich bringe Euch den
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland.

Noch bringt die Sonne ihre letzte Kraft auf, um den Altweibersommer zum dem zu machen, was er ist: der Sommer der alten Weiber! Das gilt natürlich nicht für uns literaturinteressierte Wichtel. Bei uns ist Erntezeit. Wir sammeln und horten, damit wir gut durch den Winter kommen. Abends machen wir es uns nach getaner Arbeit an unserem Ofen gemütlich. 


Bis Halloween sind es ja noch ein paar Tage hin. Trotzdem habe ich mir das Werk meiner Lieblingsmenschenautorin Ursula Prem schon auf meinen Kindle geladen: Halloween - Denn Hass zieht dunkle Kreise. Das hat mehrere Gründe. Zum einen hatte mich natürlich der Preis überzeugt. Für schlaffe 2,68 EUR, umgerechnet sind das in Wichtelwährung 12 Buchecker, ist das E-Book zu haben. Zum anderen sind wir Wichtel ja unglaublich interessiert, wenn es um die Abgründe des menschlichen Sein geht. 

Uiiii, ich sag es Euch, liebe Menschen, denn Hass zieht dunkle Kreise lässt uns Wichtel tief in Eure schwarze Seele blicken. Da sind mir einige Schauer des Grauens über den Rücken gelaufen. Viel über den Inhalt erzähle ich Euch nicht, da müsst Ihr das Buch schon selber lesen. Soviel sei aber gesagt: Ihr werdet nach der Lektüre und vor dem Zubettgehen einen Blick aus dem Fenster werfen. Und ich möchte wetten: Wenn draußen ein Nebel aufzieht, wird Euch das Einschlafen sehr schwer fallen ...

Darum rufe ich Euch jetzt zu:
Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen!
Der Bestseller der Woche aus dem Wichtelland.

Bis nächsten Montag und winke winke Euer

Fido Buchwichtel





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Sonntag, 29. September 2013

193 »Ein fliegender Gott, Wolkenmenschen und rätselhafte Figuren ...«

Teil 193 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Wer sich Zeit nimmt und auf der Osterinsel sorgsam stehende und liegende Steine studiert, wird wiederholt auf Make-Make stoßen. Seine Maske wurde immer wieder ins poröse Vulkangestein geritzt. Nach und nach werden die Reliefs vom Zahn der Zeit zum Verschwinden gebracht. Make-Make war ein fliegender Gott. Als das »Atlantis der Südsee«, »Maori Nuinui« (»groß Maori«) genannt, nach und nach  in den Fluten versank, griff der Himmlische rettend ein, als göttlicher Lotse, sozusagen!

Das uralte Gesicht von Make-Make
Foto: W-J. Langbein
»Hotu Matua, der junge Ariki (König) ... sah mit Bestürzung, daß er sein Heimatland verlassen mußte, da dies langsam in den Tiefen des Meeres versank.« (1) Verzweifelt wurde nach einer neuen Heimat gesucht, aber vergeblich. Da half Make-Make aus (2): »Eines Nachts hatte Hau Maka, ein großer Weiser und Priester ..., einen Traum, in dem Make-Make, der mächtigste Gott seines Volkes, ihn durch die Lüfte trug und ihm eine unbewohnte Insel zeigte. Er erklärte Hau Maka, wie er dorthin kommen könne, und versprach ihm seinen Schutz, wenn sein König Hotu Matua dieses Land besiedele, als Dank für seine Treue.«

So erfuhr Priester Hau-Maka wo das rettende Eiland zu finden war, wonach seine Späher zur See vergeblich gesucht hatten. Make-Make gewährte ihm vor Ort eine schnelle Insel-Tour. Er zeigte ihm zum Beispiel den besten Ankerplatz, die besten Fischgründe und wo die Landwirtschaft besonders gute Erträge bringen würde ... Am nächsten Morgen erfuhr König Hotua Matua von der rettenden Insel. Sofort schickte er seine sieben besten Seeleute los. Sie entdeckten just dort, wo Make-Make dem Priester das Eiland gezeigt hatte ... die »Osterinsel«. Es kam im letzten Moment zum Exodus: vom versinkenden Atlantis der Südsee zur Osterinsel, die König Hotu Matua »Te Pito O Te Henua«, »Nabel der Welt« nannte.


Retter Make-Make, der fliegende Gott, kam so vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel. Make-Make wurde verehrt und angebetet. Er galt als Schöpfer der Welt, der so heilig war, dass »man es nicht wagte, seine Gestalt wiederzugeben. Nur eine Andeutung seines Gesichts ist in Felsen gehauen: Zwei Augen und die Nase, nichts weiter.«
 
Make-Make, daran glaubten seine Anhänger, hatte den ersten Menschen erschaffen. Ein Messdiener informierte mich über den alten Glauben: »Make-Make formte den ersten Mann aus seinem eigenen Samen und roter Erde ... so wie die biblischen Elohim Adam aus roter Erde schufen. Im biblischen Schöpfungsbericht wird immer wieder betont, dass Gott am Abend sein Tagwerk wohlgefällig begutachtete. Genauso verhielt sich Make-Make. Make-Make ... der fliegende Gott, der das geheimnisvolle Eiland der Südsee aus großer Höhe bewundert haben soll, wie ein Astronaut im Erdorbit.

Satellitenaufnahme der Osterinsel
Foto: NASA-commons
Gern besuchte ich auf der Osterinsel den sonntäglichen Gottesdienst. Mit manchem gläubigen Osterinsulaner sprach ich über die biblischen Mythen. »Auch wenn es unser Geistlicher nicht gern hört, aber auf unserer Insel gab es ganz ähnliche Geschichten wie in der Bibel, nur schon viel früher. Wir kannten sie schon, bevor die Missionare uns das Buch der Christen brachten!«

»Make-Make war zufrieden, da der Mensch, den er eben geformt hatte, ihm ähnlich war und sprechen und denken konnte«, zitiert Felbermayer (3) eine alte Osterinsel-Überlieferung. Im »Alten Testament« lesen wir (4): »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.«

Bald bemerkte Make-Make, dass sein namenloses Geschöpf einsam war. »Er schläferte ihn ein, legte sich zu ihm und befruchtete seine linke Rippe, so die Frau erschaffend.«, heißt es weiter bei Felbermayer (5).


Unverkennbar ähnelt die Osterinsel-Mythologie der biblischen: Der biblische Schöpfergott durfte nicht bildlich dargestellt werden (6): »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.«


Der biblische Gott formte den ersten Menschen aus roter Erde und Eva wurde aus einer Rippe Adams geschaffen. Auch mit seiner Kreation der ersten – namenlosen – Frau war Make-Make sehr zufrieden. Make-Make, so heißt es, sprach geheimnisvolle Worte zum ersten Menschenpaar. Sie sind bis heute überliefert worden, doch niemand vermag sie zu übersetzen (7): »Vivinavivina hakapiro e ahue.«

Make-Make in der christlichen Kirche
der Osterinsel. Foto: W-J.Langbein
Wie der biblische Gott, so war auch der fliegende Make-Make manchmal recht zornig. Als Mata Poepoe Gott Make-Make den nötig Respekt verweigerte, beschloss Make-Make (8), »den Spötter zu strafen.« So sollte den Bewohnern von »Te Pito O Te Henua« ein Exempel statuiert werden. »Make-Make beschloß, mit dieser Strafe eine Warnung all den übrigen Bewohnern zu geben, welche seine Gebote nicht beachteten.«

Den Priester Hau-Maka hatte er als Retter durch die Lüfte zur Osterinsel geflogen, Mata Poepoe »entführte er durch die Lüfte« (9), immerhin über eine Distanz von rund 460 Kilometern von der Osterinsel zum winzigen Eiland Sala y Gómez. Das Leben auf dem öden Felsriff in den Weiten des Pazifiks war hart und entbehrungsreich. Huldvoll begnadigt wurde der Sünder, als er Make-Makes Autorität wieder anerkannte.


»Make-Make ist nicht nur unser Gott!«, flüsterte mir ein Gottesdienstbesucher in gebrochenem Englisch zu. »Er ist auch in anderen Ländern auf anderen Erdteilen bekannt ... Dort hat er aber andere Namen!« Make-Make habe das Wissen der Osterinsulaner auch Menschen anderer Länder mitgeteilt. »Meine Vorvorvorfahren errichteten die Moai (Osterinselstatuen). Im Reich der Menschen in den Wolken waren die Moai auch bekannt. Allerdings gelangen den Menschen dort bei weitem nicht so schöne Moai wie bei uns auf Rapa Nui!«  Als ich nachfragte, wo denn die weniger gelungenen Moai zu finden seien, winkte mein Gesprächspartner ab. »Du musst sie selbst finden!«


Ich suchte viele Jahre vergeblich ... Bis ich fündig wurde. Nachdem ich, allein oder als Anführer einer kleinen Gruppe von Reisenden, die klassischen Reiseziele in Peru mehrfach besucht hatte ... zog es mich in den Norden Perus! 2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus, zu den »Wolkenmenschen«. Meinte mein Gesprächspartner die Chachapoyas mit den »Menschen in den Wolken«?

Die Stadt der Wolkenmenschen - Foto: W-J. Langbein

Auf unserer strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte. Wir haben Kuelap, die Festung der »Wolkenmenschen«, besucht. Es war strapaziös, hat sich aber gelohnt! Mit mehreren Geländewagen sind wir so nah wie möglich an die mysteriöse Anlage heran gefahren. Fast dreitausend Meter über dem Meeresspiegel haben da die »Wolkenmenschen« eine kolossale Anlage errichtet. Für uns Europäer ist die Luft dort unangenehm dünn und eiskalt.

Wir besuchten die gewaltige Monstermauer von Kuelap, mit ihrer heute noch gigantisch anmutenden Mauer. Wir nahmen strapaziöse Wege auf uns, um zu den Totenhäusern der »Wolkenmenschen« zu gelangen, die hoch oben in den Anden an senkrecht abfallenden Felswänden wie Schwalbennester kleben. An versteckten Orten, oft nur bergsteigerisch erreichbaren Stätten, standen die seltsam geformten Sarkophage der »Wolkenmenschen«: Sie hatten die Form von stoisch dreinblickenden Statuen. In ihrem Inneren kauerten, in Fötushaltung ... mumifizierte Tote. Die Verstorbenen hofften wohl, so wie ein Baby wieder geboren zu werden. Die fremdartigen Riesenfiguren ... sollten sie die Toten in ein neues Leben nach dem Tod, ins Jenseits gebären?


Die Sarkophage in menschenähnlicher Gestalt ... sie erinnern tatsächlich an die Riesen der Osterinsel. Sind diese seltsamen Statuen die weniger gelungenen Moai, von denen ich bei einem Gottesdienstbesuch auf der Osterinsel hörte? Ein direkter Vergleich lässt durchaus Ähnlichkeiten erkennen!


Zum Vergleich: »Moai« der Chachapoyas (links)
und Steinstatuen der Osterinsel. Collage. Fotos:W-J. Langbein

In Leimembamba lagerten 200 Mumien in einem, so wurde uns versichert, »klimatisierten« Raum. Davon war allerdings nichts zu spüren. Dabei sollte das so künstlich geschaffene Klima die uralten Mumien vor weiterem Zerfall bewahren. Wir durften den alles andere als pietätvoll gestalteten Raum betreten. Er wirkte auf mich wie eine Rumpelkammer, in dem in einem unüberschaubaren Durcheinander zahllose Kisten und Kartons lagerten. Diese Behältnisse waren provisorische Särge, in denen die Toten der »Wolkenmenschen« nach wie vor auf ihre Auferstehung warteten. Sie sollten so bald wie möglich in ein eigens für sie gebautes Museum gebracht werden. Fotografieren war strengstens verboten.


In einem Nebenräumchen entdeckte ich altehrwürdige »Grabbeigaben« der Chachapoyas. Die hölzernen Figuren ähneln in verblüffender Weise den »Moai«-Statuen der Osterinsel. Die rätselhaften Figuren aus Holz aus Gräbern der Chachapoyas haben typische Merkmale der Kolosse der Osterinsel: Sie tragen so etwas wie »Helme« auf dem Kopf, oder sind es Frisuren? Manche Forscher meinen auch, es handele sich um Federschmuck von Fürsten ... bei den roten Zylindern auf den Häuptern der Osterinsel-Kolosse. Auch die  Nasen und verlängerten Ohren der Holzfiguren erinnern deutlich an die der Osterinselriesen. Und die hölzernen Figuren der Wolkenmenschen enden in der Hüftregion, wie die Statuen der Osterinsel!


Holzfiguren der Chachapoyas und ein Moai der Osterinsel (Collage)
Fotos: W-J. Langbein


Fußnoten
1 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 13
2 ebenda
3 ebenda, S.28
4 1. Buch Mose Kapiel 1, Vers 26
5 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 28
6 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 4
7 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J., S. 28
8 ebenda, S. 41
9 ebenda

Anmerkung
Im voranstehenden Text habe ich wiederholt Werke zitiert, die vor der Rechtschreibreform erschienen sind. Ich habe die Zitate im Original belassen und nicht an die heutige Schreibweise angepasst.

Abschied von Rapa Nui                                                                                                                                 
Teil 194 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 06.10.2013



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Samstag, 28. September 2013

Herbstzauber im Garten Picker

Liebe Leserinnen und Leser!

Der Herbst naht mit großen Schritten. Nur noch bis Mitte Oktober ist der Garten Picker in Borken-Weseke für Besucher geöffnet. Darum habe ich gestern den Sonnentag genutzt, um mich wieder von der schönsten Gartenperle im Westmünsterland verzaubern zu lassen. Einige Bilder habe ich Ihnen mitgebracht.







Was Sie, sofern es Ihnen möglich ist, nicht verpassen sollten, sind die letzten Lichterabende in 2013. Für sinnlichen Genuss sorgen am Tag der deutschen Einheit, 03. Oktober ab 19.00 Uhr, das Deegeeri Duo mit ihrer Gitarrenmusik. Am Donnerstag den 10. Oktober präsentiert sich der Cantamus Chor aus Weseke. Ein ganz besonderer Ohrenschmaus erwartet den Besucher am Donnerstag, 17. Oktober. Dann zeigt der Familienchor Picker/Temming/Gröner unter der Chorleitung von Eva-Maria Gröner sein ganzes Können. 

Lichtillumination im Spätsommergarten lassen ihn in verwunschenem Licht erscheinen. Genießen Sie den früh herbstlichen Garten, im Schein vieler Lichter, Kerzen und Flammen. Herbstliche Dekorationen einige Aussteller und die Kinderkrebshilfe Weseke sorgen für sinnliche und leibliche Genüsse.

Übrigens habe ich bei meinem Besuch in der Gartenscheune den neuen Krimi von Tuna von Blumenstein entdeckt. »Blauregenmord« liegt dort zu Preis von 5 Euro für Krimifreunde bereit. Den Trailer zu dem Münsterlandkrimi möchte ich Ihnen auch nicht vorenthalten. Immerhin sind die Bilder an Originalschauplätzen erstellt worden. Und wenn Sie es nicht zum Garten Picker schaffen, erhalten Sie den Münsterland - Krimi hier.



Vielleicht sehen wir uns bei einem der Lichterabende? Ich würde mich freuen.

Bleiben Sie mir gewogen Ihre

Sylvia B.





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Freitag, 27. September 2013

FDP: Das F stand mal für Freiheit – die Freitagskolumne von Ursula Prem

»(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.« (Art. 21 GG)
Ursula Prem
Woran die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes wohl gedacht haben mögen, als sie diesen Passus in der Verfassung verankerten? War es tatsächlich in ihrem Sinne, einer echten Demokratie grobe Vorfilter aufzupflanzen und der Gewissensfreiheit des einzelnen Abgeordneten mittels Parteidisziplin und Fraktionszwang einen Riegel vorzuschieben? Hätten sie sich vorstellen können, dass gerade die großen Volksparteien sich eines Tages nur noch in Nuancen unterscheiden und gemeinsam eine große, dröge Fläche in deprimierenden Grautönen bilden, während die kleineren Gruppierungen als Knochenbeilage dienen würden? Wünschten sie sich eine auf Telefonumfragen basierende, statistikgestützte Klientelpolitik, die wahlweise mal dieser und mal jener Gruppierung ein paar steuerfinanzierte Krümel zuschiebt, um so die zum Machterhalt notwendigen Stimmen zusammenzukratzen? Die Aussicht auf eine möglicherweise bevorstehende große Koalition macht die Lage nicht besser: Die Bildung einer bundesdeutschen Einheitspartei ist bereits weit vorangeschritten.

Machen wir uns nichts vor: Alleine die Summe persönlicher Gewissensentscheidungen der einzelnen Abgeordneten könnte eine funktionierende Demokratie sicherstellen, die diesen Namen auch verdient. Doch die ernsthafte Bearbeitung von Sachfragen ist längst einem ganz anderen Grundsatz gewichen, der da lautet: Machterhalt um jeden Preis. Ergebnis solcher Scheindemokratie ist ein kurzatmiges klein bei klein, das sich in wachsender Bürokratieflut und zunehmender Verbotskultur niederschlägt, statt sich den tatsächlich brennenden Fragen zu widmen. Alle nennenswerten Kräfte setzen sich gegenseitig schachmatt, der Berg kreißt und gebiert eine Maus.


Rückgratlose Lieferanten von Mehrheiten


Dass selbst den überaus anspruchslosen deutschen Wählern die Parteidisziplin eines Tages zu weit geht, musste nun die FDP feststellen: Von Kanzlerin Merkel als rückgratlose Lieferanten von Mehrheiten hoch geschätzt, verfehlten die »Liberalen« nun zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik den Einzug in den Deutschen Bundestag. Die Kanzlerin steht somit ohne ihren Wunschkoalitionspartner da, was für viele traditionelle FDP-Wähler durchaus ein Antrieb gewesen sein mag, ihr Kreuzchen diesmal anderswo zu machen.

Gustl Mollath
Foto: U. Prem
Wolfgang Kubicki, der Vorsitzende der Schleswig-Holsteinischen FDP, erklärte in seiner Analyse der krachenden Wahlniederlage, dass die Partei sich beispielsweise viel stärker mit dem Fall des Gustl Mollath hätte beschäftigen müssen, um Wähler zu erreichen. Dies hat er richtig erkannt: Der Sieg der CSU bei der bayerischen Landtagswahl eine Woche zuvor hatte nicht über die Wahlrelevanz dieses Themas hinwegtäuschen können. Ein weit überdurchschnittlicher Anstieg der Wahlbeteiligung sowie ein Rekordwert von über 10 % für die unter »Andere« zusammengefassten Splitterparteien zeigten, dass das politische Interesse gerade in Bayern massiv gestiegen ist.



Menschenrechtspolitik aus strategischen Gründen?


Doch hätte die FDP sich tatsächlich aus strategischen Gründen mit Gustl Mollath beschäftigen sollen? Ich denke: nein. Gerade eine traditionell den Bürgerrechten verpflichtete Partei hätte dies vielmehr aus echtem Interesse heraus tun müssen, da der gesamte Vorgang mitten in ihre eigentlichen Kernkompetenzen fällt. Erstaunte Bürger, die sich noch daran erinnern können, dass das F mal für Freiheit stand, mögen sich angesichts dieses Totalausfalls gefragt haben, ob ausgerechnet der ehemalige Markenkern der FDP heute mangels empathiefähiger Akteure personell völlig ungedeckt dasteht. Nach all den Fehlleistungen einschließlich Kuschelkurs mit der Kanzlerin und Horst Seehofer dürfte dieser weitere Glaubwürdigkeitsverlust eine große Rolle beim Totalabsturz der FDP gespielt haben.

Hier weiterlesen: Gewissen oder Partei?



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Montag, 23. September 2013

Fido Buchwichtels Sonderbeitrag zur Wahl: #gehwählen

Hallo liebe Leute!

Fido Buchwichtel
meldet sich heute nicht mit dem
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland!

Was ist passiert? Was ist mit Fido los? Werdet Ihr Menschen Euch fragen. Und womit? Mit Recht! Warum heute ein Sonderbeitrag zur Wahl? Ihr Menschen hattet ja gestern die Qual der Wahl.

Selbst schuld, kann ich da nur sagen, wenn Ihr gleich hier bei »Ein Buch lesen!« vorbei geschaut hättet, wäre Euch jede Quälerei erspart geblieben. Denn hier gibt es keine Wahl, hier gibt es Auswahl! Und nicht nur ein oder zwei Kreuzchen sind hier zu machen, nein, Ihr könnt klicken und kaufen und das soviel Ihr wollt! 

Jetzt seid nicht traurig, denn diese Option der Bestseller der letzen Wochen bleibt Euch Menschen erhalten, über den Wahltag hinaus. Ist das ein Angebot oder ist das ein Angebot?

Wie enträtselt man Dante Alighieris ›Göttliche Komödie‹? und wie kann man die Geheimnisse dieses epochalen Meisterwerks verstehen? Die Antwort findet Ihr in Das Inferno und die Heiligen Frauen von meinem Lieblingsmenschenautor Walter-Jörg Langbein.

Nach allem was wir über Euch Menschen wissen verwundert es uns nicht, dass bei Euch Beziehungsstress zum Alltag gehört. In
nimm es nicht persönlich: Poetische Texte und erotische Bilder von Sylvia B. wird das deutlich.

Was hat es mit dem Rosenkrieg auf sich?  Was ist das für ein Tabu, eins der letzten, das Ihr Menschen meint hüten zu müssen. Was mag es in einem Apothekergarten und dem Garten Picker für Geheimnisse geben? Natürlich weiß ich es, schließlich habe ich Blauregenmord: Ein Münsterland - Krimi von Tuna von Blumenstein gelesen.

Liebe macht blind, das kann auch einem Wichtel passieren. Ein Beziehungsdrama der besonderen Art wird in Mord im ostfriesischen Hammrich: Tödliches Wiedersehen von g.c.roth beschrieben. Wenn Frauen von ihren Partner nur an der Nase herum geführt werden, kann das kein gutes Ende nehmen.

Es ist zwar noch etwas Zeit für das Grauen an Halloween - Denn Hass zieht dunkle Kreise von Ursula Prem. Ein alles verschlingendes Band aus Nebel frisst sich von den ostfriesischen Inseln ausgehend hinein ins Land. Wobei wir wieder bei den Wahlen wären.

Wählt Leute! Wählt sie alle! Die Bestseller der letzten Wochen aus dem Wichtelland:
Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen! 

Bis nächste Woche und 
winke winke Euer

Fido Buchwichtel





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Sonntag, 22. September 2013

192 »Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«

Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Autor Langbein in einer der Höhlen
im Leib der Osterinsel
Foto: Anne Choulet, Frankreich
Die Jungfrauen der Osterinsel fristeten ein trauriges Los in der Dunkelheit ihrer engen  Höhle. Hunderte Meter weit reichte sie in den felsigen Leib des Eilands. Bei meinen Besuchen auf Rapa Nui lernte ich die friedliche Atmosphäre der Südseeinsel lieben. Aber Rapa Nui hat auch eine finstere, düstere Seite. Damit meine ich nicht die Verbrechen, die an den Insulanern verübt wurden ... von Vertretern der »zivilisierten Welt«.  Fast die gesamte Bevölkerung wurde im 19. Jahrhundert ausgerottet ...

Alfred Métraux schreibt, dass junge Mädchen »von ihren Eltern in Höhlen eingesperrt wurden, in denen sie in völligem Nichtstun lebten.« Die »Jungfrauenhöhle«, aber auch andere »Gefängnishöhlen« für »neru« (1), waren ja so eng, dass man sich darin kaum bewegen konnte. Längere Aufenthalte in diesem Gefängnis müssen unglaublich qualvoll gewesen sein.

Unserem Schönheitsideal entsprachen die Jungfrauen nicht. Wenn wir an holde, liebreizende und sehr feminine Ladies denken, wie sie in Hollywoodfilmen auftreten, machen wir uns vollkommen falsche Gedankenbilder. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus ... Ihre Fingernägel wurden »übermäßig lang«. Ernährt, man muss wohl sagen gemästet, wurden die jungen Damen von ihren Eltern. Essen war das einzige »Vergnügen« der eingesperrten Mädchen, die deshalb immer dicker und dicker wurden. Bewegung hatten sie ja keine. An die frische Luft kamen sie, wenn überhaupt, in höchst bescheidenem Maße ... und das nur bei Nacht.

Wiederholt schilderten mir Einheimische das Aussehen der weggesperrten »Jungfrauen«: Überlange, oft verfilzte Haare, überlange Fingernägel, starkes Übergewicht und  Bemalung in Rot. Welche Mädchen wurden in Höhlen weggesperrt? Wir dürfen nicht mit heutigen Wertmaßstäben beurteilen. Vor Jahrhunderten waren es auf der Osterinsel vermutlich nicht gesellschaftliche Benachteiligte, sondern – ganz im Gegenteil – Töchter aus privilegierten Schichten, die in Höhlen hausen durften.

Blick in eine der Osterinselhöhlen
(Ana Kai Tangata)
Foto: Jürgen Huthmann
Wir wissen nichts darüber, wann und wie es zu den uns seltsam vorkommenden Praktiken kam. Wir wissen auch nicht, warum die Mädchen in dauernder Finsternis kaserniert wurden. Wenn wir nur die rätselhaften Felszeichnungen in der Jungfrauenhöhle »Ana O Keke« wie ein Buch lesen könnten. In der wissenschaftlichen Literatur ist zu lesen, dass die langen Aufenthalte in der Finsternis nicht in erster Linie irgendwelchen modischen Vorstellungen dienten, »sondern zur Vorbereitung von Initiationsriten genutzt« wurden.

Man muss demnach davon ausgehen, dass die Jungfrauen auf mysteriöse Rituale von wohl religiöser Bedeutung in der Abgeschiedenheit vorbereitet wurden. Wie diese Rituale ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Ging es um den Übergang vom Kind oder Jugendlichen zum Erwachsenen?
Prof. Hans Schindler-Bellamy, Wien, bezweifelte das: »Solche Riten, die das Erwachsenwerden bewusst betonen, gab es sicher auch. Aber die ›bleichen Jungfrauen‹ wurden wohl auf etwas anderes vorbereitet. Ich kann mir vorstellen, dass es eine eher kleine Zahl von Jungfrauen war, die in den Höhlen auf das Amt der Priesterin vorbereitet wurden!«

Für die künftigen Priesterinnen oder Schamaninnen ging es um die Kernfrage des Lebens, so der Wissenschaftler im Gespräch mit dem Verfasser, um Geburt, Leben, Sterben, Tod und was danach kommt!

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen erlebt jeder Mensch. Weltweit gab es in allen Kulturen Initiationsriten, die diesen natürlichen Wandel begleiteten. Lange Aufenthalte in einer Höhle indes machen den Menschen nicht gerade fit für das Alltagsleben. Und deshalb meinte Prof. Hans Schindler-Bellamy, dass eben nur ein kleiner Kreis von auserwählten Jungfrauen initiiert wurde, eben zur »weisen Frau«, zur »Priesterin« oder »Schamanin«.

Besuch in der Höhle
Ana Te Pahu
Foto: Jürgen Huthmann
1915 starb auf der Osterinsel die angeblich  letzte ehemalige »Jungfrau aus der Bleichhöhle«, die einst in ihrer Kindheit in der Dunkelheit hatte hausen müssen ... als hochbetagte Greisin. Sie soll die letzte Wissende gewesen sein, die das Geheimnis der Kulthöhle kannte. Sie nahm es mit ins Grab. Fast gleichzeitig verstarb damals in einer Lepra-Kolonie, der angeblich letzte Osterinsulaner, der noch die alten Osterinsel-Schriftzeichen wie ein Buch lesen konnte. Katherine Routledge besuchte den Sterbenden. »Es ist besser, dass das uralte Wissen mit mir für immer vergessen wird, als dass ich es einer Fremden anvertraue!«, soll er der großen Osterinselforscherin zugeflüstert haben.

»Ana O Keke«, das wissen wir, war eine uralte Kultstätte. Kurioser Weise soll es auf den Kanaren eine ähnliche Höhle geben, in der ganz ähnliche Petroglyphen wie in der Jungfrauenhöhle der Osterinsel gefunden wurden. In der Kulthöhle der Osterinsel wurde eine Vielzahl von seltsamen Zeichen gefunden, die sonst nirgendwo auf dem Eiland vorkommen. Die Übereinstimmungen zwischen den Höhlen der Osterinsel und auf den Kanaren verblüffen. Hartwig-E. Steiner schreibt (2): »Wer beide Höhlen, die Ana O Keke auf Rapa Nui und die Cueva del Agua auf der Kanaren-Insel El Hierro, besucht und studiert hat, ist von der Vielzahl an Übereinstimmungen überrascht. Die eine Höhle ist ein nahezu spiegelbildliches Abbild der anderen.«

Steiner kommentiert (3):
»Es ist sicher, das die beiden Gesellschaften auf den Kanaren und der Osterinsel keine Verbindung oder Kenntnisse voneinander hatten. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass unter selben Bedingungen sich auch gleichartige kulturelle Phänomene, Bräuche, Lebensformen und Techniken entwickeln.«

Erkundung einer Höhle
Foto: Jürgen Huthmann
Ist das die Erklärung für die Übereinstimmungen zwischen der Höhle auf einer Kanaren-Insel im östlichen Zentralatlantik ... und einer Höhle auf der Osterinsel, auf der anderen Seite des Globus, im Pazifik? Ein Kontakt zwischen beiden Inseln vor vielen, vielen Jahrhunderten ... ist eigentlich nicht vorstellbar. Oder doch?

»Ana More Mata Puku« heißt eine weitere Höhle, ebenfalls auf der Halbinsel Poike gelegen. Sie ist im Vergleich zur Bleichhöhle der Jungfrauen geradezu winzig. Die Grundfläche entspricht mit etwa 24 Quadratmetern einem heutigen Zimmer. Die »Höhe« von durchschnittlich nur 1,30 m allerdings gestattet nur ein Sitzen, Hocken oder Liegen.

Bei meinen Besuchen auf der Osterinsel versuchte ich immer wieder, Näheres über sie zu erfahren. Vergeblich! Es sieht so aus, als ob nur sehr wenige Kundige wissen, wo sich die mysteriöse Höhle genau befindet.  Ihr Standort ist nur wenigen Eingeweihten bekannt ... und die schweigen, selbst gegenüber anderen Osterinsulanern, von Fremden ganz zu schweigen. Einige handverlesene Osterinsulaner, so heißt es, haben die mysteriöse Stätte zwei oder drei Mal besucht. Die überwiegende Mehrheit auf dem Eiland hat angeblich noch nie davon gehört. Nach mehreren Besuchen auf der Osterinsel glaube ich herausgefunden zu haben, wo in etwa der Eingang zu finden ist.
»Maunga Parehe« liegt im Nordosten von Vulkan Poike ... ein eher unscheinbarer Hügel. Ob es sich um einen kleinen Nebenkegel des Poike handelt? »Maunga Pehe«, davon bin ich nach intensiven Recherchen überzeugt, muss erklommen werden, um zur mysteriösen Höhle zu gelangen. Der Anstieg ist problemlos, der Abstieg zur Höhle ... lebensgefährlich. Man muss einen gefährlichen Steilabhang meistern ... und genau wissen, wo der versteckte Eingang zu finden ist.

Der Eingang soll früher besser zu erkennen gewesen sein. Im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte lösten sich vom Steilhang immer wieder Gerölllawinen, stürzten teils Lavabrocken von beachtlicher Größe in die Tiefe ... und versperrten den Blick auf den Zugang zur Höhle. Heute soll nur noch ein Spalt von weniger als einem Quadratmeter offen sein.

Ritzzeichnung in der Höhle
der Jünglinge
Foto: Archiv W-J.Langbein
»Ana More Mata Puku« ist das Pendant zu »Ana O Keke«. Hier hausten aber einst keine Jungfrauen ... sondern Jünglinge. Der Name der Höhle - »Ana More Mata Puku« - lässt sich bis heute nicht eindeutig übersetzen. »Ana« bedeutet »Höhle« ... aber was heißt »More Mata Puku«? Ein Einheimischer machte im Gespräch mysteriöse Andeutungen: »More ... Messerwunde, Schmerz, Bestrafung. Mata ... Grausamkeit.« Was geschah in der Höhle der Jünglinge? Und wie viele Jünglinge waren einst kaserniert? Vermutlich waren es nur einige wenige. Wurden mehr Jungfrauen auf mysteriöse Einweihungszeremonien vorbereitet als Jünglinge? Wir wissen es nicht. Unbekannt ist auch, wie die Riten der Jünglinge aussahen. Die Ritzzeichnungen in der Höhle könnten vielleicht Aufschluss geben ... wenn wir sie nur wie ein Buch lesen könnten! (5)

Eine Skizze so einer Ritz-Zeichnung erhielt ich ausgerechnet ... bei einem Gottesdienst in der kleinen Kirche von Rapa Nui. Steiner hat ganz ähnliche veröffentlicht, vermag aber auch nicht zu erklären, was dargestellt ist ...

Die Osterinsel - Panoramafoto; Foto: Rivi


Fußnoten

1 »neru«, Osterinsulanisch für Jungfrau
2  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien 2008, S. 286
3 ebenda
4 Meine Informationen decken sich mit den Angaben von Steiner.
5 Meine Angaben basieren weitestgehend auf eigenen Recherchen vor Ort, decken sich weitestgehend mit den Erkenntnissen von Steiner. Siehe hierzu...
Steiner, Hartwig-E.: »Ritual-Höhle für Jünglinge der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien 2012, S. 261-290
6 ebenda S. 284, S. 285 und S. 290

Anmerkung zu den Fotos: Wo keine Fotos von den Originalschauplätzen vorliegen, habe ich möglichst passende, ähnliche Motive ausgewählt.


Mein Dank geht an meine Reisegefährten Ingeborg Diekmann und Jürgen Huthmann,
die mir immer wieder vorzügliche Fotos zur Verfügung gestellt haben!



Ein fliegender Gott, Wolkenmenschen und rätselhafte Figuren ...
Teil 193 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 29.09.2013


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Freitag, 20. September 2013

Sexualkundeunterricht: Pharmazeutische Sirenengesänge

Ursula Prem
Freitagskolumne von Ursula Prem

Die flächendeckende Etablierung von Aufklärungsunterricht in den Schulen ist eine der großen Errungenschaften unserer Zeit: Themen wie Sexualität und Verhütung werden in sachlicher Atmosphäre besprochen, die Kriminalisierung natürlicher Bedürfnisse ist soliden Erklärungen gewichen. Wer nun aber meint, damit wäre der endgültige Sieg über alle diesbezüglichen Verirrungen der Menschheitsgeschichte bereits sicher, der sollte sich nicht täuschen lassen: Längst ist der Drang zur Freiheit neuen Normierungsbestrebungen gewichen, die nicht weniger unmenschlich sind, als die Moralpredigten früherer Zeiten.

Zu durchschauen sind die neuen Zwänge durchaus schwerer, als der rigide Machtanspruch von Moralwächtern früherer Jahrhunderte es je gewesen ist: Auf leisen Sohlen schleichen sich neue Gepflogenheiten ein, deren infame Ziele besonders für junge Menschen nahezu unmöglich zu durchschauen sind. Die Rede ist von den grafisch perfekt gestalteten, gerne in gefälligen Rosatönen gehaltenen Werbebroschüren für die Pille, die, gesponsert von Pharmakonzernen, durch verständnisvolle Frauenärztinnen im Rahmen des Aufklärungsunterrichts bereits an 13-Jährige verteilt werden.

You are young, you are sweet ...
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»Über die Liebe und über die Pille« etwa ist der Titel eines derartigen Druckwerks, das in der Aufmachung kuscheliger Wohlfühl-Ratgeber daherkommt und das Thema Pille mit einem oberflächlichen, romantischen Weichzeichner verklärt. Verfasst wurde die Broschüre von Dr. med. Gisela Gille von der »Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau e.V.«, herausgegeben von der Gedeon Richter Pharma GmbH: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.


Pharmawerbung in der Schule


Wenn man bedenkt, dass für Marketingaktionen an Schulen aus guten Gründen normalerweise fast unüberwindliche Hürden gelten, verwundert es umso mehr, dass ausgerechnet für ein Hormonpräparat mit teilweise schweren Nebenwirkungen flächendeckend Broschüren an Schülerinnen verteilt werden dürfen. Besonders fragwürdig ist dabei die Tatsache, dass eine neutrale Aufklärung über sämtliche möglichen Verhütungsmethoden gar nicht mehr stattfindet, sondern der Sexualkundeunterricht zur reinen Pharma-Werbeveranstaltung verkommen ist: die Einnahme der Pille als moderner Initiationsritus für junge Mädchen?

Damit die Segnungen der Pille auch an Spätzünderinnen oder notorischen Skeptikerinnen nicht vorbeigehen, leistet der freundliche Pharmariese ganze Arbeit: Eine zweite Broschüre mit dem Titel »Hautunreinheiten- was kann ich dagegen tun?« komplettiert die Kampagne und liefert das perfekte Alibi für Mädchen, die neugierigen Fragen zu Hause lieber entgehen möchten. Neben Allerweltstipps zum Thema Hautpflege ist es natürlich wiederum die Pille, die als Allheilmittel dargestellt wird: »Hormone mit Beauty-Wirkung« (S.15) versprechen die Reduzierung der Talgproduktion und sollen die Neubildung von Mitessern und Pickeln verhindern. »Die Pille: Hormone ins Gleichgewicht bringen« (S.14), klingt das nicht nach Wellness pur?


Hormonpillen als unverzichtbare Lifestylepräparate


Damit die schöne neue Pharmawelt keine Risse bekommt, werden die möglichen Nebenwirkungen der Pille nur am Rande thematisiert: »Wahr ist, dass du unter Pilleneinnahme möglichst wenig rauchen sollst. Am besten gar nicht! Dass es 100 gute Gründe gibt, nicht zu rauchen, das weißt du längst. Aber die Pille ist sicher ein besonders wichtiger Grund!«, heißt es auf S.41 der Broschüre »Über die Liebe und über die Pille«. Warum dies so ist, diese Information sucht man jedoch vergeblich: Wörter wie Schlaganfall, Lungenembolie oder Herzinfarkt kommen in der wohligen Scheinwelt nicht vor, mit denen die Broschüren jungen Mädchen die Pille wie ein unverzichtbares Wellnesspräparat anpreisen.

Das Rundum-Sorglos-Paket aus dem Aufklärungsunterricht fügt sich
nahtlos in jedes rosarote Jungmädchenzimmer ein ...

Natürlich darf beim Aufbau der Kundenbindung auch ein kleines Geschenk nicht fehlen: Zusammen mit all den oberflächlich und dümmlich abgefassten Halbinformationen erhalten die Achtklässlerinnen eine in gefälligen Rosatönen gehaltene Pillenbox zur Aufbewahrung des Lifestylemedikaments. Eine von rosaroten Heldinnen wie Prinzessin Lillifee sozialisierte Mädchengeneration dürfte hiervon begeistert sein. Dies gilt auch für die dekorativen »Vergiss-mich-nicht«-Aufkleber für den Badezimmerspiegel, die der diskreten »Erinnerung an die Chariva®-Einnahme dienen sollen. Gut möglich, dass viele Mädchen angesichts solch romantischer Blütenmotive vergessen, nach dem Beipackzettel der Pille »Chariva« zu googeln, der in Bezug auf mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen des »ganz dem natürlichen Geschehen im Körper auch sehr junger Frauen« nachempfundenen Medikaments eine deutliche Sprache spricht.


Massive Manipulation Minderjähriger


Warum lässt unser Schulsystem es zu, dass der Aufklärungsunterricht in dieser Weise von der Pharmaindustrie geentert wird? Was hat es mit Aufklärung zu tun, wenn eine von vielen Verhütungsmethoden als nahezu allein selig machend angepriesen wird? Warum darf ein Medikament, das bei aller Schönfärberei nach wie vor massiv in den Hormonhaushalt eingreift, auch noch als empfehlenswertes Behandlungsmittel gegen Akne angepriesen werden, mitten in unseren angeblich werbefreien Schulen? Natürlich wird auch mit dem Hinweis nicht gespart, dass schon 14-Jährige sich die Pille gegebenenfalls ohne Wissen der Eltern verschreiben lassen können. Meiner Ansicht nach handelt es sich hierbei um eine massive Manipulation zum Zwecke der Umsatzsteigerung, die es vollkommen an neutraler Aufklärung fehlen lässt. Eltern sollten den Sexualkundeunterricht deshalb dringend in heimischer Atmosphäre nachbereiten, gemeinsam mit ihren Töchtern den online verfügbaren Beipackzettel der so beworbenen Pille besprechen und ihnen gegebenenfalls auch die sichere Anwendung alternativer Verhütungsmethoden erklären.



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Montag, 16. September 2013

Fido Buchwichtel und das Netz der Gutmenschen

Hallo liebe Leute!

Montag ist mein Tag und auch Euer, liebe Menschen!
Denn
Fido Buchwichtel
bringt Euch den
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland.

Wie eine Gesellschaft sich selbst erledigt, könnt Ihr Menschen in dem E-Book des Menschenautors Hanns B. Ürgerschreck lesen. Der Mensch ist krank und schwach, deshalb braucht er Hilfe. Hilfe. Hilfe. Ob Kind oder Erwachsener: Der Mensch kommt nicht aus ohne Vorsorge. Nachsorge. Prophylaxe. Beihilfe. Fürsorge. Zulage. Denn er braucht Hilfe. Hilfe. Hilfe. Deshalb gibt es Unterstützung. Entlastung. Aufstockung. Abschläge und Zuschläge. Vorschüsse und Nachschüsse. Ob Sie wollen oder nicht: Auch Sie sind in den Augen der Gutmenschen grundsätzlich hilfebedürftig. Die Frage ist nur: Wollen Sie sich tatsächlich Ihr Leben lang derartig beleidigen lassen?

Diese Frage ist berechtigt aber es gibt tatsächlich Hilfe für Euch arme Menschen: Hanns B. Ürgerschreck zeigt in seinem humorvoll geschriebenen E-Book gangbare Wege, sich aus dem Netz der Gutmenschen zu befreien und endlich ein autarkes Leben zu führen. 

Uns Wichteln hat aber auch der Trailer zu dem E-Book gut gefallen. Darum stelle ich ihn Euch heute vor. Seht selbst, besser lässt sich ein Gutmensch kaum darstellen – oder?




Der Bestseller der Woche aus dem Wichtelland.

Winke winke Euer

Fido Buchwichtel







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Sonntag, 15. September 2013

191 »Von Tunneln, Höhlen und Jungfrauen«

Teil 191 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Osterinsel - Panoramafoto - Foto: Rivi

Auf der Osterinsel gab es einst Hunderte von seltsamen »Gebäuden«. Viele dieser bunkerartigen Anlagen sind verschwunden, verschüttet oder vergessen. Einige habe ich besuchen können. Oft erkennt man sie kaum, geht achtlos an ihnen vorbei. »Hühnerställe«, so werden sie gewöhnlich genannt. Hühnerställe? Man stelle sich einen Erdhügel vor. Eine schmale, von Steinen umrahmte Öffnung lädt selbst schlanke Menschen nicht wirklich zum Betreten ein.

Von »Betreten« kann man auch nicht wirklich sprechen. Man muss nämlich bäuchlings kriechen. Und zwar durch einen Gang, für dessen Bau kolossale Steinquader verwendet wurden – und zwar meist sowohl für den Boden, die Seiten und die Wände. Das Anlegen dieser Tunnel war ein Meisterwerk.

Wenn man dann gleich direkt hinter dem Eingang eine Räumlichkeit für Gockel, Hennen und Küken vermutet, so erweist sich das rasch als Irrtum. Es folgt nämlich in allen diesen kuriosen Anlagen ein meterlanger, niedriger, schmaler Tunnel. Wenn man sich mutig hindurch windet, gelangt man erst nach Metern in einen niedrigen »Raum«, in den eigentlichen »Hühnerstall«.

Dieser Interpretation der kuriosen »Bauten« kann ich beim besten Willen nicht folgen! Warum sollte man derart unpraktische »Ställe« angelegt haben? Etwa um das liebe Federvieh vor Räubern zu schützen? Raubtiere wie etwa Reineke Fuchs hat es auf der Osterinsel nie gegeben. Raubvögel gab es auch nie. Schwalben nisteten auf der Osterinsel, stellten aber nie eine ernsthafte Gefahr für das Federvieh dar. Wollte man die Hühner vor Entführung vor Dieben auf zwei Beinen bewahren? Eine Verschlussvorrichtung ist an keinem der Eingänge zu erkennen.

Gang zum »Hühnerstall«
Foto: W-J.Langbein
Wer sich mit dem lieben Federvieh auch nur etwas auskennt, weiß, dass die eierlegenden Tierchen nicht so leicht davon zu überzeugen sind, dass sie durch einen meterlangen stockdunklen Tunnel marschieren sollen, um in eine stockdunkle Kammer zu gelangen. Mag sein, dass man sie mit Futter locken kann. Dann muss der menschliche Lockvogel mit Hühnerkost den Tunnel vorankriechen, mit dem schnatternden Gefolge hinterher.

Sollten die langen Tunnel Dieben den Zugriff auf Hühner und Eier erschweren? In der Tat, leicht hat man es eventuellen Räubern nicht gemacht. Nicht minder strapaziös war dann aber auch der Zugriff auf Hühner und Eier für die rechtmäßigen Besitzer. Die mussten sich genauso durch die röhrenartigen Zugänge quälen. Und das  täglich. Ganz zu schweigen vom Reinigen der Ställe ... Auch wer so einen Stall sauber machen wollte, musste erst auf dem Bauch durch den Gang kriechen. Gleiches gilt auch noch für die Fütterungen im »Stall«.

Nun werden heute noch Hühner auf der Osterinsel gehalten. Kein einziger der einst mit enormem Aufwand angelegten »Hühnerställe« wird heute als eben solcher benutzt! Warum nicht? So solide Behausungen für die gackernden Eierlegerinnen, deren Nachwuchs und stolze Hähne wären einmalig! Warum nutzt man sie dann nicht auch heute noch, Hühner gibt es ja auf der Osterinsel! Ich meine, weil diese an Ganggräber erinnernde Anlagen als Hühnerställe vollkommen ungeeignet sind. Richtig ist, dass diese Erklärung von Touristenguides mit ernster Miene vorgetragen wird. Stimmt sie aber auch? Ich habe da meine Zweifel!

Mich erinnern die langen Gänge mit anschließender Kammer an Kulthöhlen. Unser Guide Evelyn berichtete mir: »Vor einigen Jahren war plötzlich eine kranke Frau aus Hanga Roa verschwunden. Die Familienangehörigen wussten, dass sie krank war. Ob sie Selbstmord verübt hatte? Oder hatte sie versucht, auf die winzige Vogelinsel zu gelangen? Das ist selbst für gut trainierte Schwimmer eine Kunst! War sie bei dem Versuch ertrunken? Oder wollte sie sich irgendwo auskurieren?« 

Weiter geht's!
Foto: Ingeborg Diekmann
Schließlich entdeckte man die Vermisste ... Sie war durch einen der längeren Korridore in eine der »Hühnerstallkammern« gekrochen, um dort auf ihren Tod zu warten? Oder um gesund zu werden? Sollte es sich bei den merkwürdigen Anlagen um religiöse Kultanlagen handeln, in denen religiöse Riten vollzogen wurden, die mit Leben und Tod zu tun hatten?


Der antike Philosoph Porphyrios (ursprünglich Malik, syrisch) lebte im dritten Jahrhundert nach Christus. Die meisten seiner Schriften sind verloren gegangen. Porphyrios, einer der großen Universalgelehrten seiner Zeit, beschäftigte sich auch mit den Anfängen von Religion. Nach Porphyrios fanden alle religiösen Riten, bevor es Tempel gab, in Höhlen statt. (1)

John M. Robertson hat sich in seinen Werken kritisch mit der Gestalt des Jesus aus dem »Neuen Testament« beschäftigt. Er setzte sich aber auch intensiv mit den ältesten Religionen der Menschheit auseinander. Dabei betonte er die  Bedeutung von Höhlen in alten Kulten. Wo es keine natürlichen Höhlen gab, wurden künstliche geschaffen, schreibt er. (2) Robertson verweist darauf, dass zum Beispiel bei den »Alten Persern« Höhlen als höchst bedeutsame Orte angesehen wurden. Sie standen für die Unterwelt, in welche die Seelen der Toten hinab stiegen, um dann in der Wiedergeburt wieder an die Oberfläche zurückzukehren. So könnte die Frau auf der Osterinsel auf Gesundung gehofft haben: Sie vollzog einen Ritus. In die Kammer kriechend vollzog sie rituell ihren Tod, wieder heraus kommend ... ihre Auferstehung!

Für unsere Altvorderen waren, so Robertson, die Höhlen den höchsten Göttern geweiht. Zeus, Pan, Dionysos. Auch der Mithras-Kult hatte heilige Stätten in Höhlen. Auferstehung vom Tode wurde in Riten zelebriert: Man stieg in Höhlen und starb symbolisch im Ritus, um wieder ins Leben zurückzukehren. Kein Wunder: Galt doch »Mutter Erde« als Mutter allen Lebens. Dann war es auch naheliegend, Höhlen oder künstlich angelegte Tunnel für religiöse Riten zu verwenden.

Blick in die »Kammer«
am Ende des Ganges
Foto; W-J.Langbein
Ich bin geneigt, die seltsamen Gänge, die zu einem niedrigen Raum führen, in diesem religiösen Zusammenhang zu sehen ... und nicht als »Hühnerställe«.  Fritz Felbermayer bestätigte meine Vermutung. »Das Kriechen in eine Höhle oder einen Korridor symbolisierte den Tod. Man gelangte am Ende der Höhle oder des Ganges in das Totenreich, aus dem man wieder herauskriechen konnte.« So habe man rituell Tod und Wiedergeburt gespielt.

Auf der Osterinsel bestätigte mir ein Geistlicher, dass mit dem Aufkommen des Christentums die Höhlen und künstlich geschaffenen Korridore der Osterinsel noch an Bedeutung gewonnen hätten. »Heidnische Rituale wurden verboten. So wurden die Anhänger des alten Glaubens förmlich in die Unterwelt gedrängt.«

Die Osterinsel ist heute mysteriöser denn je. So schreibt der Osterinselexperte Hartwig E. Steiner (3): »Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben mehrere Expeditionen versucht, den Geheimnissen auf der Osterinsel (Rapa Nui) näher zu kommen oder sie im idealen Fall zu entschlüsseln. Je mehr geforscht wurde, umso mehr wurde der immense archäologische Bestand dieser Insel erkennbar. Und umso weniger wurden eindeutige, beweiskräftige Erkenntnisse gewonnen. Dies gilt auch für das von den Einheimischen mündlich überlieferte Ritual des Bleichens auserwählter Jugendlicher. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Höhle »Ana O Keke.« Man nennt sie auch die »Höhle der Jungfrauen« oder »Höhle der Bleichung«. Für diese kurios anmutende Bezeichnung gibt es eine Erklärung: Angeblich wurden Jungfrauen lange in die Höhle gesperrt. Sie wurden, vom Sonnenlicht der Südsee geschützt, angeblich »bleich«.

Aber warum wurde dieses Ritual in der nur sehr schwer zugänglichen Höhle auf der Halbinsel Poike vollzogen? Poike war einst das beliebteste Siedlungsgebiet auf der Osterinsel. Hier gedieh alles am besten. Nirgendwo sonst konnte so erfolgreich Landwirtschaft betrieben werden. Hier wohnte die Elite, der »Adel«. Und hier fand sich auch die wohl geheimnisvollste Höhle, 440 Meter lang.

Blick in einer der Höhlen
Foto: W-J.Langbein
Und in dieser Höhle wurden die »Jungfrauen« durch Fernhalten vom Sonnenlicht »gebleicht«. Warum? Die Osterinselforscherin Katherine Routledge (4) vermeldet, dass bei den Osterinsulanern »weiße Haut bewundert wurde«. Während der zivilisierte Europäer oder Amerikaner sich so lange auf der Sonnenbank rösten lässt, bis seine Haut möglichst braun wird ... mied der vornehme Osterinsulaner die Sonne so gut er nur konnte, um möglichst bleich und hellhäutig zu wirken. Warum wurden die »Jungfrauen« in eine gespenstisch-unheimliche Höhle gesperrt, um sie zu »bleichen«? Aus modischen oder religiösen Erwägungen?

Nicht nur in der »Ana O Keke«-Höhle wurde »gebleicht«, es gab auch spezielle Häuser. Sie dienten besonders hübschen Kindern, Mädchen wie Jungen, als Gefängnis der Schönheit. Die Auserwählten durften die Häuser nicht verlassen, um so vor der Sonne geschützt zu sein ... um schön bleich zu werden und zu bleiben. Spielen mit Kameraden im Freien war verboten.

Der Aufenthalt in der Bleichhöhle für die »Jungfrauen« war ohne Zweifel eine Tortur.  Ich bin in mancher Höhle der Osterinsel herumgekrochen ... angenehme Aufenthaltsorte waren sie nie. Wer ans Ende der Jungfrauenhöhle gelangen will, muss schon eine gewisse Neigung zu Masochismus mit sich bringen und darf keine Platzangst haben. Immer wieder haben Forscher vorzeitig aufgegeben und sind ans Tageslicht zurückgekehrt. Walter Knoche (5) verweist darauf, dass es vor rund 100 Jahren auf der Osterinsel noch einen »Vestalinnen-Kult« gegeben haben. Vestalinnen waren im »Alten Rom« jungfräuliche Priesterinnen, die der Göttin Vesta dienten. Knoche berichtet also von »Priesterinnen«, die auf der Osterinsel zeitlebens in der »Jungfrauenhöhle« gefangen gehalten wurden. Um sie schön erbleichen zu lassen? Oder sollten die »Vestinnen« besonders rein gehalten und vor der Umwelt geschützt werden? Die »Jungfrauen« sollen bei den jungen Männern besonders beliebt gewesen sein. Mancher hat sich, so heißt es, in die Höhle der Jungfrauen eingeschlichen.

Pfeil weist auf Halbinsel Poike.


Welcher Göttin mögen die bleichen Jungfrauen einst gedient haben? Wir wissen es nicht. Wenn es auf der Osterinsel noch Erinnerungen an einen alten Göttinnen-Kult gibt, so wird das als Geheimnis gehütet. Wie lange der alte Kult noch zelebriert wurde, wir wissen es nicht. Angeblich wurde er schon längst nicht mehr ausgeübt, als die Osterinsel von »Entdeckern« heimgesucht wurde. Auch haben Missionare nie über ein derartiges »heidnisches Spektakel« berichtet.

Fußnoten

1 Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt 1993, Seite 403
2 Robertson, John M.: Pagan Christs/ Studies in Comparative Hierology, London
     1903, S. 316
3  Steiner, Hartwig-E.: »Die Jungfrauen-Höhle auf der Osterinsel«, in »Institutm Canarium«, Wien   
     2008, S. 253
4 Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
     Kempton 1998, S. 235
5 Knoche, Walter: »Die Osterinsel/ Eine Zusammenfassung der chilenischen Osterinselexpedition 
     des Jahres 1911«, Concepcion, Chile, 1925, S. 253

»Von dicken Jungfrauen und eingesperrten Jünglingen«,
Teil 192 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 22.09.2013


Die allerbesten Grüße

und Wünsche senden

meine Frau und ich

an unsere Freundin

Nadine Ahrens!



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Freitag, 13. September 2013

Gustl Mollath – Die Kapriolen des Friedemann Pfäfflin



Freitagskolumne von Ursula Prem

Eule
Bild: La-Liana / Pixelio
Der heutige dritte und letzte Teil meiner Betrachtungen über die forensisch-psychiatrischen Gutachten zur Person Gustl Mollaths setzt sich mit den Ausführungen der letzten beiden Gutachter auseinander: Friedemann Pfäfflin und Dr. Friedrich Weinberger. Waren Arbeitsweise und Absichten von KlausLeipziger und Hans-Ludwig Kröber noch relativ einfach zu durchschauen, so stellt das Gutachten Pfäfflins den analytischen Geist vor eine Herausforderung, zeichnet es sich doch durch eine frappierende Inkonsistenz aus, deren Sinn sich dem Leser nur zwischen den Zeilen erschließt.

Friedemann Pfäfflin, so viel wird bereits bei oberflächlicher Lektüre seines Gutachtens klar, möchte als netter Mensch wahrgenommen werden. Offenes Mobbing gegen Kollegen, wie Hans-Ludwig Kröber es in seinem Gutachten gegen den Mainkofener Psychiater Dr. Simmerl betrieben hatte, ist Pfäfflins Sache nicht. Und dass er auch seinem Probanden selbstverständlich nicht wehtun möchte, lässt er zwischen den Zeilen mehrmals durchblicken. Nach einer kurzen Zusammenfassung der verfügbaren Vorgutachten und Akten steigt er auf Seite 7 in die Wiedergabe der Schilderungen Mollaths ein. An den Anfang stellt er Mollaths Erklärung, weshalb dieser

»an der vorausgegangenen Begutachtung durch Prof. Kröber nicht aktiv mitgewirkt hatte. [...] Er war auf Prof. Kröber als Gutachter gekommen, weil er in der Zeitschrift Strafverteidiger einen Aufsatz von ihm aus dem Jahr 1999 gelesen hatte, in dem beschrieben wurde, wie man ein ordentliches Gutachten macht, was schon damit anfange, dass man sich rechtzeitig beim Probanden anmeldet. Herr M. wurde aber ohne vorherige Ankündigung an einem Tag, als Prof. Kröber noch jemand anderen in Bayreuth untersuchte, um halb sechs angerufen und hatte gleich ein „Bauchgefühl, wie geht das schon los.“ Er schrieb dann einen Brief, den er dem Mitpatienten zur Übergabe an Prof. Kröber zuleitete und worin er begründete, dass er sich nicht untersuchen lassen wolle.« [Gutachten Pfäfflin, S.8]

Ist das nicht nett von Friedemann Pfäfflin, wie er für seinen Probanden in die Bresche springt und dabei sogar auf dezente Weise einen Verstoß Kröbers gegen dessen eigene gutachterliche Grundsätze thematisiert? Die Gesprächseröffnung mag bei Mollath spontan Vertrauen erweckt haben, weshalb er Pfäfflin seine Geschichte im Folgenden ausführlich erzählt. Es ist zu vermuten, dass Pfäfflin die Schilderungen getreulich wiedergibt: So erwähnt er sogar eine vom 28. Oktober 2010 datierte Neuausstellung eines Zeugnisses über die am 6. Mai 1975 erfolgte Gesellenprüfung Mollaths als Maschinenbauer, die dieser ihm vorlegt, womit die Behauptung Kröbers, Mollath sei »ungelernt«, widerlegt ist. Ganze 26 Seiten seines Gutachtens widmet Pfäfflin der Darstellung von Mollaths Geschichte, die dieser klar und strukturiert vorträgt.

Pfäfflin, so viel ist klar, hört Gustl Mollath zu und scheint ihm zu glauben. Dies lässt sich aus der Tatsache schließen, dass er von seinem Probanden sogar Absolution erbittet. Wirklich anrührend, wie Pfäfflin sich als scheinbares Opfer des Systems zu Gustl Mollath ins Boot setzt.:

»Ich konfrontiere ihn mit dem Problem eines Gutachters, der zunächst einmal davon ausgehen muss, dass das rechtskräftige Urteil in sich, jedenfalls in wesentlichen Zügen, stimmig ist, und erläutere ihm, dass sich ein Gutachter, der sich darüber einfach hinwegsetzt, ins Aus bugsiert.« [Gutachten Pfäfflin, S.24]
 
Pfäfflin hat offenbar sehr genau verstanden, welches Unrecht Mollath zugefügt worden war. Und sein sodann erteilter Rat weist ihn als echten Gutmenschen aus:

»Ich konfrontiere ihn mit der Überlegung, dass es Situationen im Leben gibt, in denen man unterliegt, in denen man womöglich Unrecht erleidet und Leid ertragen muss, ohne je Recht zu bekommen oder für das erlittene Unrecht entschädigt zu werden.« [Gutachten Pfäfflin, S.31]


Rücksprache gegen das Unrechtsbewusstsein

Ob Pfäfflin sich wohl bewusst darüber war, dass es in ebendiesem Moment an ihm gewesen wäre, das Unrecht zu beenden, das Mollath so plastisch vor ihm ausbreitete? – Nun, die Rücksprache mit der Stationsärztin und dem Oberarzt mögen Pfäfflin dabei geholfen haben, ein eventuelles Unrechtsbewusstsein schnell beiseite zu schieben. Die dort erhaltenen Auskünfte enthalten zwar nur Läppisches, doch Pfäfflin nutzt sie zur Garnierung seines Gutachtens. So etwa eine Mitteilung der Stationsärztin Rümenapp:

»[...] Auch vertue er [Mollath] sich bei seinen Anträgen häufig mit der Datierung bestimmter Ereignisse. Auf Frage: Angst vor ihm habe sie nie empfunden.« [Gutachten Pfäfflin, S.34]

Tja, mit der Datierung bestimmter Ereignisse ist das so eine Sache. Dies stellt man fest, wenn man Pfäfflins Gutachten genau liest und die angegebenen Daten mit Informationen aus anderen Quellen vergleicht. So führt Pfäfflin aus (Hervorhebungen von mir):

»Das Gutachten stützt sich auf die ganztägige Untersuchung von Herrn M. am 30.11.2010 im Besucherzimmer der Station FP6 im BKH Bayreuth (Aufenthalt dort von 10 bis 19 Uhr), die Durchsicht der Krankenakte, die Durchsicht der hergereichten drei Bände Vollstreckungshefte der StA Nürnberg-Fürth und schließlich Rücksprachen mit der behandelnden Stationsärztin und dem zuständigen Oberarzt.« [Gutachten Pfäfflin, S.2]

Sollte Friedemann Pfäfflin also tatsächlich am 30. November 2010 zur angegebenen Uhrzeit seinen jovialen Plausch mit Mollath abgehalten haben? – Schwer zu glauben, denn laut einem nach wie vor online verfügbaren Flyer des BKHs Bayreuth war er an ebendiesem Tag zu Gast auf der 11. Bayreuther Forensiktagung, wo er um 10:40 Uhr eine sicher schwungvolle Rede zum Thema »Aspekte der Begutachtung und Behandlung von Sexualstraftätern« gehalten hat. Wissenschaftlicher Leiter, Organisator und damit sein Gastgeber war praktischerweise Chefarzt Klaus Leipziger, dem Mollath das psychiatrische Elend maßgeblich zu verdanken hatte, und den es keinesfalls zu blamieren galt, wenn für Pfäfflin auch künftig Vortragshonorare sprudeln sollen.

Wie ist diese zeitliche Unmöglichkeit zu erklären? Handelt es sich um eine Mogelei bei den Uhrzeitangaben im Gutachten? Oder verfügt Pfäfflin gar über einen qualitativ hochwertigen Zeitumkehrer, dessen Funktionalität sogar Harry Potter und Hermine Granger vor Neid erblassen lassen würde? – Des Rätsels Lösung findet sich in einer Fußnote von Seite 17 eines Schriftsatzes von Rechtsanwalt Gerhard Strate, demzufolge die Exploration tatsächlich einen Tag früher, also am 29. November 2010 stattgefunden haben soll. Neigt Pfäfflin etwa dazu, sich in seinen Schriftstücken bei der »Datierung bestimmter Ereignisse« zu vertun? Könnte dies gar ein Grund sein, die Frage zu stellen, ob man vor ihm Angst haben muss?


Verständnistriefende Ausführungen mit vernichtendem Fazit

Ob Gustl Mollath vor Friedemann Pfäfflin Angst hatte, wissen wir nicht. Grund dazu jedoch hätte er in jedem Fall gehabt: Nach vollen 26 Seiten neutraler bis verständnistriefender Ausführungen, aus denen sich keinerlei Anhaltspunkte für eine Allgemeingefährlichkeit Gustl Mollaths ableiten lassen, zeigt Pfäfflin ab Seite 35 sein wahres Gesicht:

»Wenn man einen roten Faden aus seinen Darstellungen herausdestillieren will, dann lässt sich dieser dahingehend charakterisieren, dass er bei den mit ihn befassten Gerichten und anderen Amtspersonen ebenso wie bei den mit ihm befassten Psychiatern und teils auch bei seinen Verteidigern eine gezielt gegen ihn gerichtete Voreingenommenheit unterstellte, der er ohnmächtig ausgeliefert war und ist.« Und: „Vorherrschend war der Affekt der (An-)klage gegen andere, die ihn ungerecht behandelten, wenn nicht gar foltern oder gar vernichten wollten.“«

Auf Seite 38 schließlich erfolgt wieder eine prophylaktische Exkulpierung seiner eigenen Person, indem er eine erstaunliche Aussage Mollaths wiedergibt:

»Auf meine Frage, ob es ihm nützen würde, wenn ich sagen würde, er sei gar nicht paranoid, sodass er aus Mangel an inhaltlicher Grundlage aus dem Maßregelvollzug entlassen werden müsste, verneinte er dies bemerkenswerter Weise und betonte, darum gehe es ihm gar nicht, sondern ausschließlich um ein Wiederaufnahmeverfahren, in dem seine Unschuld festzustellen sei. Bezüglich der Rechtsstaatlichkeit unserer Gesellschaft hatte er große Zweifel, die er wiederholt explizit formulierte.«

Sein vernichtendes Urteil bringt er auf Seite 42 auf den Punkt:

»Die Einweisungsdiagnose der wahnhaften Störung (ICD-10, F22.0) gilt aus meiner Sicht auch heute noch. – [...] An die externe Begutachtung hat er die vage Hoffnung geknüpft, der Gutachter solle zur Aufklärung des von ihm behaupteten Bankenskandals beitragen, so wie er auch erwartet, dass der für ihn zuständige Oberarzt die Machenschaften der Hypobank aufklären solle, so dass mit ihm über anderes kaum ins Gespräch zu kommen ist. Allein schon diese Erwartung an den Oberarzt und an den Gutachter spricht für eine verzerrte Realitätswahrnehmung, denn diese Personen sind keine Kriminalisten und keine Juristen, und sie haben bei ihren Beurteilungen zunächst einmal von den Feststellungen des rechtskräftigen Urteils auszugehen. Insofern sind sie nicht die geeigneten Adressaten für sein Anliegen, denn diese Feststellungen könnten ggfs. allein in einem rechtsförmigen Wiederaufnahmeverfahren korrigiert werden. Die Überprüfung, ob sich Herr M. aufgrund eines Komplottes im MRV befindet und ob ihm die dem Urteil zugrunde liegenden Taten zu Unrecht unterstellt wurden, ist nicht Sache des Gutachters. Ungeachtet dieser Feststellung müsste im Gutachten selbstverständlich darauf aufmerksam gemacht werden, wenn im Rahmen der Untersuchung Informationen auftauchten, die zum Zeitpunkt des Einweisungsurteils noch nicht bekannt waren und die Zweifel an der Täterschaft des Begutachteten begründen. Entsprechend neue Unterlagen bzw. Informationen hat Herr M. mir nicht vorgelegt.«

Wenn man von den haarsträubenden, im Gutachten zwischen Seite 7 und Seite 34 festgehaltenen, von Mollath »konzentriert, formal und inhaltlich im Denken im Wesentlichen geordnet (S.35)« geschilderten Vorgängen einmal absieht, so mag Pfäfflin damit recht haben.

»Man mag darüber spekulieren, ob es auch zu einem anderen, d.h. milderen, Krankheitsverlauf hätte kommen können, hätten Herrn M.s Anzeigen tatsächlich zur Eröffnung staatsanwaltlicher Ermittlungsverfahren geführt, doch tragen solche Spekulationen zur Beantwortung der Gutachtenfragen nichts bei.« [Gutachten Pfäfflin, S.43]


»Gesellige Abendveranstaltung«


Geradezu philosophisch verweist Pfäfflin sodann auf Kleists Novelle Michael Kohlhaas und die wahnhafte Entwicklung aufgrund »beobachteten oder selbst erfahrenen Unrechts, das keine angemessene Würdigung bzw. Genugtuung erfährt«, um sodann das Unrecht selbst fortzuschreiben, die Frage nach dem weiteren Vorliegen der Voraussetzungen für § 63 StGB mit einem Ja zu beantworten und die Einweisungsdiagnose seines Gastgebers Leipziger zu bestätigen. Ob hierzu auch die im Flyer der Forensiktagung benannte »Gesellige Abendveranstaltung für Tagungsteilnehmer und Mitarbeiter der Klinik« beigetragen haben mag, welche direkt im Anschluss an die Exploration stattfand, kann in diesem Rahmen nur vermutet, jedoch keinesfalls sicher ausgeschlossen werden.

Was aber hielt Pfäfflin auf Seite 46 davon ab, eine hinreichend hohe Wahrscheinlichkeit für die Begehung neuer Straftaten durch Mollath zu diagnostizieren? Ein Rest von menschlichem Anstand? Die Angst vor dem morgendlichen Blick in den Spiegel?

»Die Antwort auf diese Frage [Wahrscheinlichkeit neuer Straftaten] lässt sich nicht sicher quantifizieren. Vor dem Hintergrund dessen, was in Abschn. 7.1 gesagt wurde, liegt die Annahme nahe, dass Herr M. womöglich wieder den im Einweisungsurteil genannten Taten vergleichbare Taten begehen wird.«

Pfäfflin schränkt diese vage Formulierung zusätzlich ein, indem er berichtet, dass Mollath während der Untersuchung an keiner Stelle konkrete Rachegedanken oder -absichten gegenüber seiner Frau oder anderer bestimmter Personen geäußert, sondern betont habe, es gehe ihm um Wahrheit und Gerechtigkeit.

»Wie bereits mehrfach betont, bestreitet er nach wie vor, jene im Einweisungsurteil genannten Taten begangen zu haben, so dass die üblicherweise in diesem Zusammenhang vom Sachverständigen zu prüfende Frage der Auseinandersetzung mit den Taten zu einem ungünstigen Ergebnis kommen muss.«

Abschließend empfiehlt Pfäfflin, »mit Herrn M. besser ins Gespräch zu kommen«, nennt als zusätzlichen Risikofaktor die »schroffe, formale Ablehnung von Anliegen des Patienten« und zieht das Fazit, »dass die sachverständig zu beurteilenden Voraussetzungen für die Unterbringung nach § 63 StGB weiterhin vorliegen.«


Gewissen versus Reputation


Mit der Entlarvung der Pfäfflinschen Kapriolen befasste sich als Erster der Neurologe und Psychiater Dr. Friedrich Weinberger, der in seinem Gutachten vom 30. April 2011 zuerst Pfäfflins Überzeugung, er habe »zunächst einmal von den Feststellungen des rechtskräftigen Urteils auszugehen« einer kritischen Prüfung unterzog:

»Daß Urteilsgründe keine Bindungswirkung haben, musste aber auch der Gutachter, der auf seinem Briefkopf den (nicht offiziellen) Zusatztitel „Forensische Psychiatrie (DGPPN)“ herausstellt, selbst wissen. Die im Urteil „als wahnhaft eingestuften Überzeugungen“ Mollaths auf ihre Wahrhaftigkeit zu überprüfen, war ihm als Gutachter sehr wohl aufgegeben.« [Gutachten Dr. Weinberger, S.14]

Dr. Weinberger legt damit den Finger in eine Wunde, die Pfäfflin selbst schon schmerzhaft verspürt haben mag, als er darauf verwies, er würde sich als Gutachter »ins Aus bugsieren«, würde er die Feststellungen des rechtskräftigen Urteils missachten. Denn faktisch haben widerspenstige Gutachter von der Justiz tatsächlich Unbill zu erwarten, wie der Fall von Dr. Hanna Ziegert zeigt, die sich nach kritischen Anmerkungen in der Sendung »Beckmann« nun mit einem drastischen Auftragsrückgang konfrontiert sieht. Können Gutachter wirtschaftlich nur überleben, wenn sie beim großen Affentanz mitspielen? Reichte Pfäfflins Mut deshalb nur für ein resignierendes Schulterzucken bei gleichzeitiger Fortschreibung der Diagnose, weil Aufträge, Vortragshonorare und gesellige Abendveranstaltungen im Kreise der Kollegen andernfalls der Vergangenheit angehören würden? Sind die Hürden für eine eigene gutachterliche Meinung etwa derart hoch, dass nur Hasardeure sie zu überspringen wagen?

Für zumindest eine Gefälligkeit des Tagungsredners Pfäfflin gegenüber dem Gastgeber spricht eine weitere Erkenntnis Dr. Weinbergers:

»Pfäfflin bemerkt nicht, daß während der fünfjährigen Zwangsunterbringung eindeutig wahnhafte Äußerungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Mollath mit Sicherheit aufgefallen und im Krankenblatt festgehalten worden wären, wenn es sie gegeben hätte!« [Gutachten Dr. Weinberger, S.17]

Was wurde stattdessen aufgeschrieben und gegen Mollath verwendet? Ein Hang zur Ironie, der Wunsch nach Kernseife und Biokost, ein angeblich zynischer Blick. Zu keinem Zeitpunkt hatten selbst die böswilligsten Psychiater mehr gegen ihn in der Hand, als ein paar persönliche Eigenheiten, die für das siebeneinhalbjährige Aufblasen des unsichtbaren Ballons genügen mussten. Beklemmend, nicht wahr?  


Das Ende des bösen Spiels


Die substanzlosen Ausführungen Friedemann Pfäfflins genügten am 9. Juni 2011 nicht einmal der diesbezüglich recht anspruchslosen Strafvollstreckungskammer Bayreuth, sodass Pfäfflin in der mündlichen Verhandlung nachlegen musste und die »Wahrscheinlichkeit der Begehung neuer Straftaten« plötzlich als »sehr hoch« bezeichnete. Statt sich jedoch schon angesichts dieser Widersprüche auch mit dem Gutachten Dr. Weinbergers auseinanderzusetzen, gab sich die Strafvollstreckungskammer mit Pfäfflins mündlichem Nachschlag zufrieden und verlängerte Mollaths Verräumung erneut.

Erst am 26. August 2013 setzte das Bundesverfassungsgericht auch diesem bösen Spiel ein Ende, nachdem das Oberlandesgericht Nürnberg bereits 20 Tage zuvor die Wiederaufnahme des Verfahrens und die sofortige Freilassung Mollaths angeordnet hatte. Zu der gutachterlichen Leistung Friedemann Pfäfflins führen die Verfassungsrichter aus:

»Das Landgericht setzt sich nicht damit auseinander, dass die Darlegungen des Sachverständigen zur Wahrscheinlichkeit künftiger rechtswidriger Taten im schriftlichen Gutachten vom 12. Februar 2011 und in der mündlichen Anhörung vom 9. Mai 2011 voneinander abweichen. In seinem schriftlichen Gutachten legt der Sachverständige dar, dass sich die Wahrscheinlichkeit neuer Straftaten nicht sicher quantifizieren lasse. Da der Beschwerdeführer keinen Zugang zu seiner eigenen Aggressivität habe, sei er gefährdet, erneut vergleichbare Handlungen vorzunehmen. Es liege die Annahme nahe, dass der Beschwerdeführer „womöglich wieder den im Einweisungsurteil genannten Taten vergleichbare Taten begehen“ werde. Demgegenüber erklärte der Sachverständige in der mündlichen Anhörung, er habe im Gutachten „vielleicht eine etwas zu weiche Formulierung“ gewählt. Berücksichtige man, dass die Anlasstaten losgelöst von der sonstigen Persönlichkeit des Beschwerdeführers begangen worden seien und dass andererseits eine therapeutische Bearbeitung nicht stattgefunden habe, halte er die Wahrscheinlichkeit vergleichbarer Taten für sehr hoch. Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Einschätzungen durfte das Landgericht sich nicht auf eine bloße Bezugnahme auf die Ausführungen des Sachverständigen in der mündlichen Anhörung vom 9. Mai 2011 beschränken. Es hätte vielmehr unter Berücksichtigung weiterer Hinweise des Sachverständigen und sonstiger Umstände des vorliegenden Falles (siehe sogleich unten b) und c) diese Einschätzungen gegeneinander abwägen und eine eigenständige Prognoseentscheidung treffen müssen.« 
[Quelle: Bundesverfassungsgericht]
Was bleibt, ist der Eindruck der Zerrissenheit des Friedemann Pfäfflin, der sich im Spagat zwischen Gutmenschentum und persönlichem Kalkül diesmal übernommen hat. Wie viel Gewissen kann ein Psychiater sich leisten, der seinen beruflichen Status zu erhalten sucht? Pfäfflin hat den Weg der weichen Formulierungen gewählt, um seinem Dilemma zu entkommen. Niemandem wehtuend: nicht dem Probanden, nicht den Kollegen, und dem Auftraggeber schon gar nicht. Das Unvermeidliche am Schluss kurz und begründungslos abhandelnd, in der sicheren Ahnung, dass das Gericht sowieso nur die letzten Seiten eines Gutachtens liest. Sind der unempathisch-bürokratische Stil eines Klaus Leipziger und das zynisch angehauchte Idiom eines Hans-Ludwig Kröber leicht zu entlarven, so sind es eben die leisen, jovialen Töne eines Friedemann Pfäfflin, in denen die größte Gefahr verborgen liegt.

Hier weiterlesen:
Leipzigers Allerlei
Keiner ist gröber als Kröber

Gabriele Wolff:
Die Irrwege der Psychiatrie (1)
Die Irrwege der Psychiatrie (2)
Die Irrwege der Psychiatrie (3)

Thilo Baum:
Die Logik der Forensischen Psychiatrie

Oliver Garcia:
Fall Mollath - der Schleier ist gelüftet 

Thomas Stadler:
Mollath: Ein Opfer der Psychiatrie




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