Sonntag, 1. Dezember 2013

202 »Drei Glocken«

Teil 202 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Zwei Kilometer östlich von Humay, fast 40 Kilometer von der Küste entfernt, stand unser kleiner Reisebus nahe der »Hazienda Montesierpe«, die sich in einem fast ruinösen Zustand befand. Die Luft scheint zu stehen, die Hitze ist fast unerträglich. Aus dem Nichts taucht eine Schar Kinder auf. Sie beobachten uns aus einiger Entfernung. Sie beobachten uns skeptisch. Als wir unsere mitgebrachten Sandwichpakete öffnen, kommen einige näher heran.

Die Ruine - Foto: W-J.Langbein

Haben die Kinder Hunger? Wir bieten ihnen unseren Proviant an, die Kinder essen mit großem Appetit. Wir händigen ihnen unsere Sandwichboxen aus. Und die Kinder verschwinden, sichtlich glücklich, mit ihrer Beute. Wir erkunden die Wüste. Die Luft flirrt über heißem Sand. Jeder Schritt ist anstrengend. Sehr anstrengend.

Irgendwann geht es zurück zum Bus. Erschöpft von stundenlangem Marschieren entlang eines mysteriösen »Streifen« aus Erdlöchern unter sengender Sonne bin ich auf einer morschen Holzbank im Schatten eines maroden Gebäudes eingenickt. Es gehörte zu einer Hazienda, habe ich bei der Vorbereitung unserer Reise gelesen. Jetzt scheint es nicht mehr genutzt zu werden. Da und dort ist eine Fensterscheibe zerschlagen, mit Zeitungspapier überklebt.

Gelegentlich soll es Sammler in diese Region verschlagen, die nach schönen Steinen Ausschau halten. Der Kenner erahnt, welche Brocken geschnitten und geschliffen schöne Dekorationsstücke für die gute Stube werden könnten. Irgendwo soll es regelrechte Minen geben, die aber nicht sonderlich zu florieren scheinen.

Ein Räuspern weckt mich. Ich öffne die Augen. Vor mir steht ein ehrwürdiger Greis, der einem Roman von Karl May entsprungen sein könnte. Sein Gesicht ist zerfurcht von tiefen Falten. Das schüttere Haar ist staubig. Sorgenvoll sieht der alte Herr aus, ja traurig.

Die Kutte des alten Mannes hat schon sehr viel bessere Tage erlebt. Trotz einer beachtlichen Staubschicht erkennt man deutlich, dass schon so mancher Riss im einstmals wohl pechschwarzen Talar mit grobem Zwirn genäht und manches Loch mit einem Flecken abgedeckt worden ist.

»Was führt Sie in diese abgelegene Ecke Perus?«, will der geistliche Herr von mir wissen. Er spricht Englisch, vermischt mit Brocken einer anderen Sprache. Es könnte Deutsch sein. Jedenfalls verstehe ich ihn gut. Noch bevor ich antworten kann, beklagt der geistliche Herr  den ruinösen Zustand der einst so stolzen Hazienda. »Ein besonderer Schandfleck ist die Kirche ...«, seufzt sorgenvoll mein neuer Guide. Schon nötigt er mich förmlich dazu, seine verfallene alte Kirche zu besichtigen. Er schiebt mich voran.

Autor Langbein in der Ruine
Foto: Ingeborg Diekmann

Dann stehen wir beide vor dem einstigen Eingang. Jedenfalls erklärt mir mein geistlicher Guide: »Hier stand ich immer und begrüßte die Gläubigen, die zum Gottesdienst kamen. Es waren Arbeiter auf der Hazienda, alles fromme und rechtschaffene Leute!«

Ein »Eingang« ist nicht mehr zu erkennen. Die Vorderfront des kleinen Kirchleins ist nicht mehr vorhanden. Rechts und links halten sich zwei Seitenwände mühsam aufrecht. Sie stehen nicht mehr aus eigener Kraft. Holzbalken sind schräg eingesetzt, stemmen sich mächtig gegen das Mauerwerk. Andere Balken stehen noch senkrecht. Sie tragen bescheidene Reste des Dachs des ruinösen Gotteshauses, das zum überwiegenden Großteil wohl schon vor langer, langer Zeit eingebrochen ist. Es verrottet inzwischen am Boden des Kirchenschiffs. Das kleine Kirchlein sollte mehr scheinen als sein. Rechts und links vom Altar täuschen Malereien auf Holz vor, dass ein Säulengang weiter in die Tiefe des Raums führt.

Zwei Holzsäulen, rechts und links vom Altar sind kunstvoll bemalt, sollen nach Marmor aussehen. »Jachin und Boas..«, doziert traurig der Greis. »Sie standen rechts und links vom Eingang des Tempels in Jerusalem... Sie waren aus Bronze gefertigt!« Da ich mich einige Zeit intensiv mit dem Tempel von Jerusalem beschäftigt habe, weiß ich allerlei über die geradezu legendären Säulen.


Ich  fasse mein angelesenes Wissen zusammen. »Nach dem Propheten Jeremias waren die beiden Säulen hohl.  Ihre Wandstärke wird mit vier Fingern angegeben. Das waren wohl etwa sieben, vielleicht acht Zentimeter. Ihre Höhe betrug knapp unter neun Meter, ihr Durchmesser etwa zwei Meter.  Man vermutet dass ein besonderes Gussverfahren zum Einsatz kam... mit Formen aus Ton!«


Der sichtlich ob meines Wissens verblüffte Geistliche fährt fort: »Man wollte größeren Reichtum vortäuschen als da vorhanden war!«

Er deutet mit dem Kopf zum steil ansteigenden Hang, einige Hundert Meter oberhalb der Kirche. »Ich vermute ja, dass es da ein altes Heiligtum aus heidnischen Zeiten gegeben hat, weiter oben. Als ich hier meinen Dienst tat, hörte ich Gerüchte. Aber selbst in der Beichte erfuhr ich allenfalls nur Andeutungen vager Art über einen verbotenen Kult mit Opfergaben...«

Blick in die Ruine
Foto: W-J. Langbein
Der alte Mann lächelte verschmitzt. »Vielleicht wollte man meine Seele nicht belasten. Ich glaube nicht, dass befürchtet wurde, ich könnte etwas dem Bischof mitteilen. Ob der gegen einen alten heidnischen Brauch eingeschritten wäre, ich weiß es nicht. Ich glaube eher nicht, schließlich waren die Menschen alle gut katholisch!« Dem Bischof waren vermutlich Zahlen sehr wichtig. So lange er vorweisen konnte, dass es in der Bevölkerung vorwiegend Katholiken gab, war offiziell alles in bester Ordnung.

Ich gehe weiter ins Innere des Gotteshauses, nähere mich dem hölzernen Altar. Einst war er mit viel Liebe zum Detail bemalt. Viel Farbe ist abgeplättelt. Das Holz ist an vielen Stellen gerissen... Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das kleine Gotteshaus schon viele Jahre nicht mehr über ein schützendes Dach verfügt. Der Altar war und ist der Witterung ausgeliefert, erheblichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht.

 
Hinter einer der Holztürchen, es steht jetzt offen, wurde einst der Kelch für die Feier des Abendmahls aufbewahrt. »Das liturgische Gerät stand noch lange im Altar, auch noch als nur noch ganz selten Gottesdienst gefeiert wurde. Die Menschen hier waren schon damals sehr arm, aber sakrale Gerätschaften hat keiner gestohlen.« Als das Gotteshaus verfiel und niemand für Ausbesserungsarbeiten aufkam, brachte der traurige Geistliche die Gerätschaften zum Bischof. »Verschwunden sind allerdings die drei Glocken aus der Kirche, die einst die Menschen zum Gottesdienst eingeladen haben...«, erinnert sich der Geistliche traurig. »Sie wurden wahrscheinlich schon längst eingeschmolzen. Oder ein Sammler hat sie den Dieben abgekauft und schmückt damit seine Villa! Wer weiß...«


Die kleine Glocke
Foto: wikicommons Paulae
Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Plötzlich sieht mich der Geistliche sehr ernst, ja traurig an. »Die Glocken sind doch die Stimme Gottes... Wie kann man sie zu Kanonenrohren umgießen? Das ist eine schlimme Sünde! Aber es gibt Glocken,  die selbst schlimmste Katastrophen überleben. Ihnen werden einmal drei Glocken begegnen, die wie durch ein Wunder einen schlimmen Krieg überstanden haben...«

Verstanden habe ich die Worte des Greises damals nicht. Was wollte er mir damals sagen? Wollte er mir überhaupt etwas sagen? Es kam mir so vor, als ob er das damals selbst nicht so recht wusste...

In Wilschdorf, zu Dresden gehörend, steht das kleine Kirchlein »St. Christophorus«. Das Gotteshaus mit mysteriösen Wandmalereien wurde erstmals 1242 urkundlich erwähnt. Heute verfügt die mysteriöse Kirche über drei Glocken. Die älteste und zugleich kleinste stammt aus dem Jahr 1250. 1348/49 kam eine zweite Glocke, die mittlere, hinzu. Die Größte der drei Glocken ist die jüngste. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken aus dem Kirchlein geholt und nach Hamburg geschafft, wo sie eingeschmolzen werden sollten. Die Kriegsmaschinerie benötigte Eisen. Als der Krieg zu ende ging, zweifelte kaum jemand daran, dass es die drei Glocken längst nicht mehr gab. Sie hatten Jahrhunderte überdauert... um dann zu Werkzeugen des Todes zu werden. Davon waren die meisten Menschen von Wilschdorf überzeugt damals. Es sollte sich zeigen, dass sie sich irrten.

Der Schmied des Dorfes aber machte sich 1945, unmittelbar nach Kriegsende, mit einem Pferdefuhrwerk von Wilschdorf nach Hamburg auf. Er suchte auf dem riesigen Schrottplatz die kleine, die mittlere und die große Glocke!

Mitlere und große Glocke - Fotos: wikicommons Paulae

Es grenzt schon an ein Wunder, dass der Schmied unmittelbar nach Kriegsende Hamburg mit seinem Pferdefuhrwerk unversehrt erreichte. Dass er die Glocken ausfindig machen, auf sein Fuhrwerk verladen und mit seinem Fund wieder nach Wilschdorf zurückkehren würde... daran haben damals wohl nicht viele geglaubt!

Und doch ist genau das eingetreten. Es sollte zwar noch Jahre dauern, bis Spezialisten den drei Glocken wieder neue Kronen aufsetzen würden... Aber dann wurden sie wieder fachgerecht im Gotteshaus aufgehängt und ließen, wie der Geistliche aus Peru formuliert hatte, die Stimme Gottes wieder erschallen.

Die von einem ärmlichen Priester vor vielen Jahren mir vorgetragene »Prophezeiung« hat sich tatsächlich erfüllt. Ich habe drei Glocken gesehen, die auf wundersame Weise einen schlimmen Krieg überstanden haben!


Fußnote
1 Kapitel 52, Vers 21

Das mysteriöse Lochstreifenband,
Teil 203 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 08.12.2013





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