Sonntag, 25. August 2013

188 »Massenmord auf der Osterinsel«

Teil 188 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Osterinsel war und ist für mich das friedlichste Fleckchen Erde. Jedes Mal, wenn ich bei meiner Ankunft den Flughafen von Hanga Roa verlassen habe, kam es mir vor, als sei die Zeit irgendwann vor Jahrhunderten stehen geblieben. Jedes Mal kam es mir vor, als beträte ich ein kleines Fleckchen Erde, wo die Hektik unseres Alltags rasch vergessen ist.

Kirche von Hanga Roa
Foto: W-J.Langbein

Jedes Mal bezog ich mein Zimmer ... am liebsten in einer kleinen Pension ... und schlenderte dann die »Hauptstraße« von der Kirche hinab zum kleinen Hafen. Dann wandte ich mich nach rechts und ging die Uferstraße weiter. Gelegentlich knatterte ein Motorrad an mir vorbei ... oder ein stolzer Einheimischer trabte hoch zu Ross querfeldein.

Ich setzte mich zu Füßen einer der Osterinselstatuen ... und ließ die Atmosphäre des Eilands auf mich wirken. Ich empfand eine nicht zu beschreibende Ruhe, eine Stille die ich sonst nirgendwo auf unserem Globus angetroffen habe. Selten gab es eine Störung ... Zum Beispiel, wenn ein kleiner Bus ganz in meiner Nähe hielt und eine Gruppe von Japanern mich als Motiv wählte und emsig fotografierte.

Annäherung an einen Riesen
Foto: Ingeborg Diekmann, Bremen
Wie groß doch diese Osterinselkolosse sind. Bei einer der »kleineren« Statuen musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen und den Arm weit nach oben recken, um mit Mühe das Kinn der stoisch drein blickenden Statue zu erreichen. Dabei steckte die Statue noch zu einem erheblichen Teil im Boden!

Und nun saß ich in einer der mysteriösen »Familienhöhlen«, umgeben von seltsamen Statuetten aus Stein und Holz. »Aku Aku Figuren sind keine Aku Akus ...«, erklärte mir geduldig mein Guide. »Aku Akus sehen auch nicht unbedingt aus wie die Figürchen. Aber die Geister können von einem Figürchen Besitz ergreifen und darin wohnen wie in einem Haus ... oder in einem besessenen Menschen!«

»Und Make Make?« fragte ich. Mein Guide ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe über die Decke der Höhle gleiten. Er hielt inne, als das seltsame Gesicht der altehrwürdigen Gottheit auftauchte. »Er rettete mein Volk vor dem Untergang, als Maori Nui Nui im Pazifik versank. Er zeigte seinem Volk die Osterinsel, auf die meine Vorfahren übersiedelten, als ihre Heimat in den Fluten des Pazifik versank.«

Das maskenartige Gesicht des fliegenden Gottes Make Make tauchte in der Höhle immer wieder auf: an der Decke, an den Wänden und auf unterschiedlichsten Steinfiguren. Eine einförmige Miniaturplastik von etwa 20 Zentimetern Durchmesser war aus schwarzem Lavastein gemeißelt.

Deutlich war darauf das Gesicht Make Makes zu erkennen. Ganz ähnliche Zeichnungen gab es einst überall auf der Osterinsel, die meisten davon sind so stark verwittert, dass man sie kaum oder gar nicht mehr erkennt. Ich durfte das seltsam anmutende Kunstwerk in die Hand nehmen. Es kam mir seltsam leicht vor. »Das ist Make Make?«, fragte ich neugierig. »Es sieht so aus, als trage der Gott eine Maske ... oder einen Helm, der nur das Gesicht freilässt ...«, sinniere ich halblaut. »Mit den Augen unserer Zeit gesehen ... ein Taucher oder ein Astronaut!« Mein Guide lacht leise. »Make Make war ein fliegender Gott. Er brachte einen Priester durch die Lüfte zur Osterinsel ...«

Rekonstruktion einer Ritzzeichnung
von Make Make
Foto: Archiv W-J.Langbein 
»Woher kamen denn die ersten Bewohner der Osterinsel?« wollte ich wissen. »Aus dem polynesischen Raum!«, lautete die Antwort. Ich habe auf allen meinen Reisen diese Frage gestellt. Die Antwort war immer gleich: Sie kamen aus dem Atlantis der Südsee. Und das lag einst im Westen der Osterinsel. Einige wenige frühe Siedler sollen von der Osterinsel enttäuscht gewesen sein. Sie wollten wieder in ihre alte Heimat zurückkehren. Sie segelten von der Osterinsel aus Richtung Westen. Was aus ihnen wurde? Wir wissen es nicht.

Vermutlich gab es mehrere »Besiedlungen«. Die ersten Ankömmlinge sollen ein besonderes Merkmal gehabt haben: besonders lange Ohren. Das trug ihnen den Beinamen »Langohren«, im Gegensatz zu den »Kurzohren«. Die »Originalkurzohren«, so heißt es, haben die Kolossalstatuen fabriziert, die die Osterinsel bekannt gemacht haben. Weltberühmt wurden die steinernen Statuen durch den Schweizer Schriftsteller Erich von Däniken.

Wiederholt wurde mir die Geschichte vom Massenmord auf der Osterinsel erzählt ... Seit vielen Jahrhunderten wird sie mündlich überliefert. Die Jungen müssen seit vielen Generationen die Geschichte bei Zusammenkünften der Insulaner zu Gehör bringen, versicherte mir Osterinselexperte Fritz Felbermayer. Wenn sich jemand in der Wortwahl irrte, wurde er von den Älteren korrigiert.

Dispute gab es, wer denn am Anfang kam und wer folgte: Langohren oder Kurzohren? Mir wurde wiederholt versichert: Es seinen die Kurzohren gewesen, die das rätselhafte Eiland erstbesiedelten. Dann aber gab es einen zweiten Schub, Langohren kamen an Land.

Urplötzlich waren die Langohren gekommen. Brachten sie die Bilder von Make Make mit? Stammt von ihnen die rätselhafte Schrift der Osterinsel, die bis heute nicht entziffert werden konnte? Verehrten sie den mysteriösen Make Make, der fliegen und Menschen durch die Lüfte entführen konnte?

Rekonstruktion einer Ritzzeichnung
von Make Make
Foto: Archiv W-J.Langbein
Und ebenso verschwanden sie einst wieder. Wohin? Darüber gibt die mündliche Überlieferung keine Auskunft. Ein von Dr. Fritz Felbermayer aufgezeichneter Mythos hält fest: »Nach dieser Nacht hörte man nichts mehr von ihnen, von den Meistern, die die Statuen geschaffen hatten. Niemand kennt ihr Ende.«

Zurückgeblieben sind unzählige »kleine« Statuen (drei bis fünf Meter), aber auch bis zu über zwanzig Meter hohe Steinriesen ... und Kinder, die aus Ehen zwischen Kurzohren und Langohren hervorgegangen waren. Die Osterinsel wurde aufgeteilt. Das wertvolle Ackerland ging in erster Linie an die Kurzohren. Die kargeren Regionen wurden den »neuen Langohren« zugeteilt ... den Kindern, die aus der Verbindung zwischen Lang- und Kurzohren hervorgegangen waren.

Den Mischlingen aus Ehen zwischen Lang- und Kurzohren blühte ein entsetzliches Schicksal. Eines Tages nämlich, so wird überliefert, starb ein Langohren-Kurzohren-Sprössling – und zwar auf Kurzohrenland. Und dort musste nach religiösem Brauch der »neuen Langohren« der Tote auch bestattet werden, in allen Ehren.

Die Nachfahren des Verstorbenen forderten nun, dass am Sterbeort ein Grabhügel errichtet werden müsse. Mein Guide versicherte mir beim Gespräch in der Familienhöhle: »Die ältesten Grabhügel hatten Pyramidenform. Sie wurden aus Lavastein-Brocken aufgetürmt. Aus diesen Pyramiden wurden im Lauf der Entwicklung schließlich Plattformen. Und dann setzte man auf die Plattformen die Statuen.«

Die Kurzohren reagierten empört. Sie lehnten es ab, auf ihrem Grund und Boden ein Grabdenkmal bauen zu lassen. Dadurch ginge ihnen wichtiges Ackerland verloren. Die Langohren-Kurzohren-Nachkommen mussten auf den Bau einer Grabpyramide verzichten. Aber sie schworen Rache für die erlittene Schmach. Sie ersannen eine heimtückische Hinterlist! Am Berg Poike hoben sie einen tiefen, etwa fünfhundert Meter langen Graben aus und füllten ihn mit dürrem Holz. Ein gewisser Toi musste Wache schieben. Seine Frau, ein Kurzohr, verriet aber den Plan an die Bedrohten. Die beriefen umgehend eine Versammlung ein und beschlossen: Die »neuen Langohren« sollen in der Falle sterben, die sie eigentlich für die Kurzohren vorgesehen hatten.

In der Nacht vor dem geplanten Überfall attackierten die Kurzohren die »neuen Langohren«. Sie trieben die vollkommen Überraschten aus ihren Behausungen, die am nächsten Tag ausgeruht sein wollten, um die Kurzohren zu massakrieren. Jetzt schlugen die Kurzohren brutal auf sie ein und drängten sie mit roher Gewalt zum Graben hin. Sie warfen ihre Opfer hinein und zündeten das Holz im Graben an. Alle Nachfahren der Langohren bis auf einen jungen Mann kamen elendiglich zu Tode, verbrannten bei lebendigem Leibe.

Das Werk der Langohren - Foto: W-J.Langbein
Mein Guide war beim Erzählen spürbar ergriffen: »Ein Massenmord hinterlässt Totengeister. Während die Ermordeten schon längst vergangen sind, sinnen ihre Totengeister auf Rache. Vielleicht kam in den letzten Jahrhunderten so viel Leid über die Osterinsel, weil die Totengeister die Nachkommen der Mörder bestrafen wollten.«

Ich habe auf der Osterinsel eine andere Variante der alten Überlieferung gehört: Demnach kamen die Langohren als Erste auf die Insel und errichteten die Statuen. Es folgten die Kurzohren. Irgendwann verschwanden die Statuenbauer. Zurück blieben die »neuen Langohren«. Von hier an stimmen beide Varianten wieder überein!

Für die meisten Osterinsulaner von heute ist der Bericht vom Massenmord auf der Osterinsel kein unglaubwürdiges Märchen, sondern wahre Historie. Auch Dr. Fritz Felbermayer geht davon aus, dass sich die beschriebenen Ereignisse tatsächlich so abgespielt haben. Anders verhält es sich bei den aus Chile zugereisten Osterinsulanern, die vom »alten Aberglauben« nichts wissen wollen.

Tatsächlich ist bereits seit 1955 genau bekannt, wo einst der Scheiterhaufen zum Himmel loderte. Dr. Carlyle S. Smith machte den inzwischen verschütteten Graben ausfindig und untersuchte ihn. Archäologische Ausgrabungen ergaben: Er wurde einst künstlich erschaffen und ist nicht das Ergebnis eines natürlichen »geologischen Prozesses«. Im Graben selbst, daran kann es nach den wissenschaftlichen Recherchen keinen Zweifel mehr geben, wurde einst Holz gestapelt und angezündet. Dr. Carlyle S. Smith: »Im Graben muss es ein Feuer größeren Ausmaßes gegeben haben.« Schaudern befiel die Wissenschaftlerin. Sie stand am Schauplatz eines brutalen Massenmordes. Sie hatte den wissenschaftlichen Beweis dafür erbracht, dass es sich bei den mündlich überlieferten Geschichten um glaubhafte Quellen handelt.

Und ich saß in einer der »Familienhöhlen« ... Mein Guide erzählte mir vom Massenmord auf seiner Insel. »Nachdem die Flammen erloschen waren, fanden sich noch viele Knochen und Totenschädel. Die Gebeine wurden zerschlagen und in Höhlen versteckt.« Ob er denn wisse, wo noch solche Knochen zu finden seien? Mein Guide schwieg und mahnte zum Aufbruch. Beim Verlassen der Höhle sah ich, fahl im Taschenlampenlicht leuchtend ... Knochen in Nischen liegen ...

Wenn sie nur reden könnten ... Foto: W-J.Langbein

Literatur

Agassiz, Alexander: »Reports on the scientific results of the
expedition to the eastern tropical Pacific«, Cambridge 1906
»Berliner Zeitung«: »Autobahnkapelle für vagabundierende
Frühgallier«, Ausgabe 11. 03. 1997
Churchill, William: »Easter Island«, Washington 1912
Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o.J.
Grey, George: »Polynesian Mythology«, London 1993
Joseph, Frank: »Editorial: Vindication at Easter Island«,
»Ancient American«, Nr. 12/ FebruaryFebruary/ March 1996, Colfax,
Wisconsin, USA
Lavachery, Henri: »Easter Island«, Smithsonian Institution, 1936
Metraux, Alfred: »Ethnology of Eatser Island«, Honolulu,
Hawaii 1971
Schmidt, Hans: »Die Steinbilder-Typen der Osterinsel und ihre
Chronologie«, Hamburg 1927
Willis, Roy (Hrsg.): »World Mythology«, London 1993

»Spuk auf der Osterinsel«,
Teil 189 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01.09.2013



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