Sonntag, 4. August 2013

185 »Kannibalismus«

Teil 185 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Kolosse der Osterinsel - Foto W-J.Langbein

Auf der Osterinsel kam es vor rund einem halben Jahrtausend zu einer Katastrophe. Auslöser war die Waldzerstörung. Schon um 800, vielleicht 900 nach Christus begannen die Bewohner von Rapa Nui, ihr kleines Eiland abzuholzen. Wann fiel die letzte Palme? Wir wissen es nicht genau. Auf der Halbinsel Poike dürfte vor rund 600 Jahren schon keine Palme mehr gestanden haben.

Vor 500 Jahren, so scheint es, wurden auf Rapa Nui noch sehr viele Palmennüsse geerntet. Bald danach aber scheint es überhaupt keine Palmen mehr gegeben zu haben. 1640, das haben archäologische Studien eindeutig ergeben, gab es kein Brennholz mehr. Selbst in den Häusern der Oberschicht dienten Gestrüpp und Gräser als Brennmaterial.

Unklar ist, warum der Holzbedarf so groß war. Immer wieder bekam ich von Nachfahren der Statuenbauer zu hören, dass Holz in großen Mengen für den Transport der berühmten Osterinselkolosse gebraucht wurde. Demnach gab es, beginnend beim Steinbruch, dem Rano Raraku-Krater, ein »Schienensystem«. Zwei parallel verlaufende Kerben wurden in den Boden gegraben. In diese Kerben wurden Palmenstämme gelegt, so dass zwei hölzerne »Schienen« entstanden.

Darauf wiederum zog man – vielleicht auf hölzernen Schlitten ruhend – die Steinkolosse zu den steinernen Plattformen, zu ihren Fundamenten. »Die Wissenden fertigten eine Art Öl an, das sie auf die Holzschienen schmierten. Dadurch wurde es leichter, die Statuen auf ihren Holzschlitten zu bewegen!«, teilte mir 1992 ein altehrwürdiger Einheimischer mit.

Über Jahrhunderttausende hinweg war die Osterinsel offenbar mehr oder minder von Palmenwäldern überzogen. Gelang es dem Menschen, aus dem grünen Südseeeiland einen lebensfeindlichen Flecken in der blauen Unendlichkeit zu machen?

Vielleicht wurden die Kolosse
auf Holzschienen befördert.
Foto: W-J.Langbein
Wurden die Statuen zum Fluch von Rapa Nui? Anscheinend gab es so etwas wie einen nach und nach eskalierenden Wettstreit zwischen den zwölf »Stämmen« (1). Es galt, die größte Statue aus dem Vulkangestein zu schlagen, zu transportieren und aufzurichten. Der größte Osterinselkoloss liegt, unvollendet, im Steinbruch. Er wurde nicht mehr vollendet. Aus unbekannten Gründen wurde die Arbeit im Steinbruch scheinbar von heute auf morgen abrupt abgebrochen. Der unfertige Riese misst über zwanzig Meter in der Länge. Ob er je hätte transportiert und aufgerichtet werden können?

Führte der immer schärfer werdende Riesenkult zum Ende der Osterinselkultur? Unmengen von Holz wurden bei der Beförderung der Riesen verbraucht. Das Abholzen aber hatte für die Menschen schreckliche Konsequenzen: Es kam zur Bodenerosion. Immer mehr fruchtbarer Ackerboden verschwand. Die Landwirtschaft konnte immer weniger Nahrungsmittel erzeugen.

Ein Teufelskreis entstand: Je stärker die Osterinsel für den Statuenbau gerodet wurde, desto weniger Nahrungsmittel standen zur Verfügung. Je weniger Holz zur Verfügung stand, desto weniger Boote konnten gebaut werden. Je weniger Boote zur Verfügung standen, desto weniger Fischerei konnte betrieben werden. Dabei gab es für die Osterinsulaner zu keiner Zeit üppigen Fischfang. Raul Teave, in dessen kleiner Familienpension ich einmal wohnte, erklärte mir:

»Andere Südsee-Inseln verfügen über vorgelagerte Korallenriffe und Lagunen ... ideal für den Fischfang. Rapa Nui hat beides nicht, das erschwert die Fischerei sehr. Deshalb kam es mehr auf die Landwirtschaft an. Süßkartoffeln, Bananen und Yamswurzeln waren Hauptnahrungsmittel!«

Eine Wasserschildkröte in Ufernähe - Foto: W-J.Langbein
Raul Teave, der mir köstliche vegetarische Gerichte zauberte, glaubt nicht daran, dass es seine Vorfahren waren, die die ökologische Katastrophe auf der Osterinsel verursachten. »Sicher, das Abholzen des Waldes war unverantwortlich. Es gab aber auch klimatische Veränderungen, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte. Und dass die Fische und Schalentiere irgendwann verschwanden, daran tragen meine Vorfahren auch keine Schuld!«

Das Abholzen der Palmen habe die Wälder reduziert, Klimaveränderungen hätten aber auch zum Verschwinden der Palmen beigetragen. Veränderungen im Bereich der Meeresströmungen mögen dafür gesorgt haben, dass es keine Fische mehr gab ... und auch keine Wasserschildkröten, die ebenfalls gefangen und verzehrt wurden.

Heute gehört die Osterinsel zu Chile. Landwirtschaft und Fischfang gibt es nur in bescheidenem Ausmaß. An abgelegenen Küstenstreifen rotten Fischerboote vor sich hin. Fast alles, was der Mensch zum Leben braucht, wird – meist aus Chile – importiert. Auch heute ist Trinkwasser auf dem Eiland eine Kostbarkeit. Im Vergleich zu anderen Südseeinseln im polynesischen Raum ist Rapa Nui geradezu regenarm. Der poröse Vulkanboden lässt zudem den Regensegen schnell versickern.

Flüsse oder auch nur Bäche gibt es auf Rapa Nui nicht. Manchmal bildet sich am Teravaka-Vulkan (mit etwa 500 Metern die höchste »Erhebung« der Osterinsel) ein kleines Rinnsal, das häufig versiegt. Drei Vulkane dominieren das Bild von Rapa Nui. Sie sammeln wie riesige Trichter Süßwasser. Am Boden ihrer Krater entstehen kleine Teiche, die meist mehr grünen Tümpeln gleichen.

Eines von vielen verrottenden Fischerbooten
Foto: W-J.Langbein
Stolz erklärte mir Raul Teave: »Vor vielen Jahrhunderten lebten meine Vorfahren mit der Natur. Sie kamen mit dem Wasser aus, hatten genug Trinkwasser. Es gab Spezialisten, die Experten auf dem Gebiet der Bewässerung und der Landwirtschaft waren. Sie konnten noch den eigentlich sehr fruchtbaren Boden von Rapa Nui nutzen und alle Menschen ernähren!« Es wurden Steingärten angelegt mit steinernen Schutzmauern, die den Wind so gut wie möglich abhielten. So trocknete der Boden nicht so schnell aus. Einige Milliarden Brocken Vulkangestein sollen einst in den Steingärten verbaut worden sein. Es müssen ganze Heere von Gärtnern und Steinexperten aktiv gewesen sein. Wann wurde die Kunst des Steingartens vergessen? Wie konnte das uralte Wissen in Vergessenheit geraten?

Mit Prof. Hans Schindler-Bellamy (1901-1982), Wien, habe ich so manches interessante Gespräch geführt. Der Archäologe: »Ähnliche Steingärten gab es in wüstenartigen Regionen Perus, aber auch in China und in Israels Negev-Wüste. Wo die Menschen in wüstenartigen Gegenden nur wenig Wasser vorfanden, dort versuchten sie, das wenige kostbare Nass so intelligent wie nur möglich zu nutzen.«

Prof. Barry Rolett, University of Hawai’i, kennt die Südsee wie kaum ein zweiter Wissenschaftler aus erster Hand. Der Archäologe wunderte sich darüber, wie verzweifelt offenbar Osterinsulaner mit gewaltigem Aufwand einzelne Taro-Pflanzen vor dem Wind schützten und wässerten.

Prof. Hans Schindler-Bellamy: »Man kann darüber streiten, ob die Umweltkatastrophe der Osterinsel allein von Menschenhand ausgelöst wurde, oder ob es Klimaveränderungen gab, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte. Wie dem auch sei: Die Osterinsel wurde zu einem lebensfeindlichen steinernen Fleckchen im Pazifik. Die Menschen wurden von Hungerkatastrophen heimgesucht. Bedingt durch Nahrungsmangel kam es zu Krankheiten. Und als die Nahrung immer knapper wurde, kam es auf der einst so friedlichen Insel in den unendlichen Weiten des Pazifiks zum Kannibalismus. Die Menschen waren Gefangene ihrer Insel. Holz gab es keines mehr, so dass sie keine Boote oder Flöße bauen konnten, um ihrem Elend zu entgehen!«

Unklar ist, ob es im Verlauf der Geschichte von Rapa Nui eine oder mehrere Hungerepidemien gegeben hat. Kam es im Verlauf der Jahrhunderte einmal oder mehrmals zu kannibalischen Exzessen? Und war die Menschenfresserei nur Folge von Hungersnot ... oder Teil eines längst vergessenen religiösen Kults? Prof. Jared Diamond schreibt von katastrophalen Folgen, die durch das Abholzen der Palmen verursacht wurden: Bodenerosion durch Wind und Wetter. Wo der Boden nicht mehr gehalten wurde, konnte er bei Regenfall weggeschwemmt werden.(2)

Einheimische versicherten mir, dass es »vor Jahrhunderten« gelegentlich zu Schlammlawinen kam, die seit Ewigkeiten liegende Statuen verschwinden ließen, aber auch Häuser zerstörten.

Vor den Plattformen wurden Menschen gefangen gehalten.
Foto: W-J.Langbein

Prof. Jared Diamond über eine dramatische Folge der Abholzung (3): »Im weiteren Verlauf kam es zu einer Hungersnot, einem Zusammenbruch der Bevölkerung bis hin zum Kannibalismus.« Meiner Meinung nach mag es Kannibalismus zu Zeiten von Hungersnöten gegeben haben. Mag sein, dass man Menschenfleisch aß, um nicht zu verhungern. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass Kannibalismus auch Teil von religiösen Riten war. Unter dem Fundament von steinernen Plattformen wurden Menschenopfer begraben. Auf diese Weise sollte die Standfestigkeit der Kolosse auf den Plattformen gesichert werden.

Vor den wichtigsten Plattformen, aber auch unweit des Steinbruchs (Rano Raraku-Krater) gab es Häuser, in denen Gefangene auf ihren Opfertod warteten. Sie wurden erschlagen, ihr Fleisch wurde gegessen. Warum? Die Steinmetze, die die Riesenfiguren aus dem Vulkangestein meißelten, wollten die Kraft der verzehrten Menschen in sich aufnehmen. Sie glaubten, dann besonders stattliche Kolosse dem Vulkan abtrotzen zu können.

Mir wurden in einer kleinen Höhle mehrere Menschenschädel gezeigt. In die Stirn waren geheimnisvolle Zeichen geritzt worden. Die gleichen Zeichen entdeckte ich an Heiligenfiguren in der kleinen christlichen Kirche der Osterinsel ...



Fußnoten
1 Es gab etwa elf oder zwölf »Stämme«, die jeweils ein Territorium bewohnten. Jedes Stammesgebiet hatte Zugang zum Meer.
2 Diamond, Jared: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 140
3 ebenda

»Das Geheimnis der Totenschädel«,
Teil 186 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.08.2013


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