Sonntag, 11. August 2013

186 »Das Geheimnis der Totenschädel«

Teil 186 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Heilige Petrus auf
heidnischem Podest
Foto: W-J.Langbein
Es war der letzte Tag auf der Osterinsel. Am nächsten Morgen würde es vom Flughafen in Hanga Roa mit Lan Chile nach Santiago gehen. Meinen Koffer hatte ich gepackt, die Kameras waren verstaut. Flugticket und Reisepass lagen auf dem Nachttischchen in meinem kleinen Zimmer in einer kleinen Pension. Noch ahnte ich nicht, dass mir eine unheimliche Begegnung bevorstand ... in einer Höhle der Kannibalen ...

Ich geb's zu: Wehmut machte sich breit. Nur noch Stunden würde ich auf dem winzigen Eiland im Pazifik verbringen dürfen. Dann würde es aus der stillen Einsamkeit der Südsee zurück ins Großstadtgewühl, in Smog und Lärm gehen. So unternahm ich einen ausgiebigen Spaziergang von meiner Pension zur kleinen Kirche, dann die »Hauptstraße« hinunter zum kleinen »Hafen« ... vorbei am »Heiligen Petrus«.

Der Wirt des teuersten Lokals auf der Osterinsel mit teurer französischer Küche winkt ... aber ich verabschiede mich lieber von Petrus mit dem Schlüssel. Er steht stolz auf einem »heidnischen« Podest. An jeder Seite reckt ein mythologischer Vogelmensch Kopf und Schnabel gen Himmel. Der Vogelmensch dominiert den alten Osterinselkult, den kein Besucher von außerhalb versteht.

Petrus hält Bibel und Schlüssel. Wenn wir nur ein Buch lesen könnten ... über die verborgenen Geheimnisse der Osterinsel! Wenn es nur einen Schlüssel gäbe, zu den verborgenen Welten von Rapa Nui, die nur wenigen Eingeweihten vertraut sind ... Zurück geht’s, an lachenden Jugendlichen vorbei. Was ist das für ein Sport, den sie da betreiben? Mir scheint, da wird Fußball und Basketball zugleich gespielt ... Ich gehe zurück, die staubige »Hauptstraße« empor, zurück in meine Pension. Mein Wirt hat die Rechnung fertig gemacht. Ich zahle in US-Dollars, bedanke mich für die familiäre Betreuung.

Vogelmenschen tragen Petrus
Foto: W-J.Langbein
Ich will mich schon, zum letzten Mal, in mein Zimmer zurückziehen ... Da bedeutet mir der Wirt zu warten. Kurze Zeit später komplimentiert er mich in seinen Jeep ... und los geht die Fahrt. Polternd rumpeln wir die »Hauptstraße« zum Hafen. Einige Hühner flattern noch rechtzeitig zur Seite. Dann folgen wir der »Küstenstraße«. Inzwischen ist es stockdunkel. Querfeldein geht es weiter. Kurz taucht, hinter niedrigem Gestrüpp und einigen Bäumen, ein steinerner Sockel mit mehreren stolzen Statuen auf. »Sie sollen bald wieder ihre ›Hüte‹ aus Stein bekommen. Wir müssen nur den Kran aus Japan bekommen ...«

In einer anscheinend ausschließend aus Schlaglöchern unterschiedlicher Größe bestehendem Weg kommt das Vehikel arg ins Schlingern. Der Motor heult auf. Endlich hat die Fahrt ein Ende. Ich darf aus dem Vehikel klettern. Einige Beulen lassen vermuten, dass manche Fahrt weniger glimpflich endete.

Im Mondlicht erkenne ich einen kleinen »Hügel«. Wir gehen darauf zu. Er scheint künstlich angelegt zu sein ... ein ehemaliger »Sockel« für eine Statue. Im Schein der Taschenlampe meines wackeren Fahrers erkenne ich ein »Loch« in der Erde. Es ist von unbearbeiteten Steinbrocken eingerahmt. »Ein Brunnen?«, frage ich. Mein Guide verneint. Schon klettert er, die Taschenlampe in den Zähnen haltend, ins enge Loch. Da er doch etwas korpulent ist, muss er sich mit einiger Mühe durch die schmale Öffnung zwängen. Erstaunlich behende klettert er nach unten. Er geht in die Hocke und ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich folge vorsichtig.

»Das ist meine Familienhöhle. Als ich Kind war, hat mich mein Großvater hierher gebracht. Damals war mir angst und bange ...« Ich versuche mich aufzurichten, stoße mich heftig an der niedrigen Decke. So setze ich mich wieder. Mein Guide lässt den Kegel seiner Taschenlampe wandern. Bizarre Steinfiguren tauchen auf. Ein fischartiges Wesen mit menschlichem Kopf und gefletschten Zähnen verschwindet schon wieder aus dem Licht. Dafür erkenne ich einen »Totenkopf« aus Stein. Er könnte von einem Urmenschen stammen.

Ein Einstieg in die »Unterwelt«
Foto: W-J.Langbein
Die leeren Augenhöhlen liegen fremdartig weit auseinander. Der Mund ist leicht geöffnet, lässt viele kleine Zähne scharfe erkennen. »Das ist einer der Geisterwächter!«, erfahre ich. »Einst hatte jede Familie so eine Höhle. Mit dem Christentum sollte unser alter Glaube, sollte auch unser Brauchtum vergessen werden. Die Missionare haben das mit Nachdruck versucht. Sie predigten Hölle und ewige Qualen für jene, die am alten Glauben festhalten würden. Die meisten Neuchristen gingen zwar regelmäßig in die Kirche, behielten aber ihren alten Glauben bei.«

Ich nicke. »In der Kirche sind ja viele Hinweise auf den alten Glauben zu finden!« So trägt eine hölzerne Marien-Statue das Jesuskind auf dem Arm. Auf ihrem Haupt aber thront das Vogelwesen aus dem mysteriösen »Vogelmann-Kult«. Die Augen der Gottesmutter erinnern an die der steinernen Osterinselriesen. Überall begegnet man den glotzäugigen Gesichtern des Make-Make-Gottes. Selbst der wuchtige, steinerne Fuß eines Altartischs weist deutlich mythologische Vogelmenschen auf. Meist wird allerdings eine übergroße weiße Decke auf dem Tisch des Herrn aufgelegt, die die heidnischen Motive verdecken soll.

Die gleichen Motive wie in der christlichen Kirche finden sich auch in der Familienhöhle. Auf der Stirn eines steinernen Schädels prangt der gleiche Vogelmensch wie auf Marias Gewand. Das gleiche Gesicht wie auf einer kleinen hölzernen Jesus Statuette in der Kirche prangt auf einem steinernen Schiff. Es sieht aus wie ein kleines Ruderboot, hat aber drei Segel ... alles mit viel Liebe zum Detail aus Stein geschnitzt. »Mit solchen Booten kamen meine Vorfahren aus dem versinkenden Land im westlichen Pazifik.«, erklärt stolz mein Guide. »Sie reisten viele Tausend Meilen, in kleinen Booten, auch gegen starke Strömung.«

Ein Mischwesen erinnert an eine Schildkröte, aber auch an einen Fisch ... hat aber sechs Beine wie ein Insekt. Am Schwanz ist ein zweiter, kleiner Kopf zu erkennen. »Diese Kreatur kann im Wasser schwimmen und tauchen, sie kann aber auch an Land gehen. Sie blickt dabei stets nach vorn und zugleich nach hinten. Sie sieht die Vergangenheit und die Zukunft! Sie ist ein magisches Wesen!«

Ein menschenähnliches Wesen mit grotesken Gesichtszügen trägt so etwas wie einen Rucksack. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Ding als ein quallenartiges Tier, das sich der »Mensch« auf den Rücken geschnallt hat. »Was hat das zu bedeuten?«, frage ich. Mein Guide legt demonstrativ den Zeigefinger auf seinen Mund. »Vieles weiß ich, darf es aber nicht verraten!«

Ob es viele solche Höhlen gibt, erkundige ich mich. »Hunderte ... Tausende!«, behauptet mein Guide. Ob er übertreibt? »Jede Familie hatte eine eigene Höhle!«, erfahre ich. »Und oft bekamen Söhne wiederum eigene Höhlen!« Bekanntlich ist die kleine Osterinsel das Produkt gewaltiger Vulkanausbrüche. Innerhalb von einigen Millionen Jahren – geologisch betrachtet ist das nur ein kurzer Moment – brach auf dem Grund des Meeres die Glut der Hölle aus dem Erdinneren aus. Poike, der älteste Vulkankegel entstand vor drei Millionen, vielleicht aber auch erst vor 600.000 Jahren. Er markiert die Südostecke des Südseeeilands. Es folgten die Eruptionen des Ranu Kau im Südwesten und – vor 200 000 Jahren – des Terevaka im Norden.

Diese drei Vulkankegel bilden das Fundament der Osterinsel. Die gewaltigen Lavamassen sind natürlich nicht im Ganzen erstarrt. Vielmehr bildete sich zunächst eine harte Kruste, während die Vulkanberge im Inneren noch flüssig blieben. So entstanden im Inneren Hohlräume ... Blasen in der Lava. Lavaströme hinterließen auch röhrenartige »Gänge«.

Maria, Jesuskind und
Vogelmensch
Foto: W-J.Langbein
Wann die ersten Höhlen von den Ureinwohnern entdeckt wurden? Wir wissen es nicht. Einige dienten in Friedenszeiten als Behausungen. In andere zogen sich Familien oder Clans zurück, wenn sie von feindlichen Gruppen angegriffen wurden. Und irgendwann hatten Höhlen im Inneren der Erde so etwas wie eine sakrale Bedeutung. Wie viele Höhlen von den einzelnen Familien für ihre ganz persönlichen Sammlungen religiöser Kultobjekte verwendet wurden ... und werden? Mein Guide weiß es angeblich nicht.

Im Zentrum der niedrigen Höhle steht eine etwa eineinhalb Meter hohe Holzfigur. Der Kopf wirkt fast monströs. Ein mächtiger Schnabel bestimmt die harten Gesichtszüge. Lange dünne Arme an den Seiten der Figur erinnern an ein Skelett. In der Herzgegend des seltsamen Wesens prangt eine Make-Make Maske. Auf dem kantigen Vogelschädel hockt ein weiterer Vogelmensch. Das abgemilderte, christianisierte Pendant zu dieser Figur steht in der christlichen Kirche von Hanga Roa.

Fasziniert betrachte ich die unzähligen steinernen Figuren um mich herum. Ich versuche sie zu zählen, gebe aber nach einiger Zeit auf. Es müssen weit über hundert sein. »Diese Höhlen der Familien wurden und werden als unheimliche Orte gefürchtet ...«, bekomme ich zu hören. »In meiner Familienhöhle fanden Totenschädel ihre letzte Ruhestätte, die von Opfern von Kannibalismus stammen!« Mit meinem Guide krieche ich in eine niedrige Ecke der Höhle. Auf geflochtenem, schilfähnlichen Gras ruhen fünf Totenköpfe. Die Unterkiefer fehlen bei allen. Löcher in der Schädeldecke fallen auf. Offenbar wurden die Menschen erschlagen. »Ihr Fleisch wurde verzehrt, weil man glaubte, so die Kraft der Toten in sich aufzunehmen!«

Es wurden aber nicht nur Mitglieder verfeindeter Familien getötet und verspeist. »In manchen Familien gab es die Tradition, besonders ehrwürdige oder mächtige Familienmitglieder nach deren Tod zu essen. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass die besondere Kraft solcher Menschen erhalten blieb!«

Im Schein der Taschenlampe erkenne ich Einritzungen in den Schädeln. Es sind Make-Make-Masken und Vogelmenschen, die kunstvoll eingeritzt worden sind. »Die Figuren, speziell die Symbole stellen eine große Kraft dar, vor der man Angst hatte! Viele aus Südamerika zugereiste Menschen, die heute auf Rapa Nui leben, haben keine Ahnung von der geheimnisvollen Unterwelt ...«

Aber auch den »Unwissenden« ist bekannt, dass Gott Make Make sehr mächtig war. Von seinen steinernen Masken, von seiner in den Stein geritzten Augenpartie geht ein starker Zauber aus. Da wundert es mich nicht, dass mir in der Familienhöhle immer wieder Make Make begegnet.

Make Make - Foto: W-J.Langbein

Literatur

Bacon, Edward (Herausgeber): Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel
früher Welten, Volksausgabe, München 1970
Bahn, Paul und Flenley, John: Easter Island, Earth Island/ A message from
our past for the future of our planet, London 1992
Barthel, Thomas S. et al.: 1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem
Land des Hotu Matua/ Ausstellungskatalog, Mainz 1989
Blumrich, Josef F.: Kasskara und die sieben Welten, Wien 1979
Brown, John Macmillan: The Riddle of the Paific, Honolulu, Hawaii, Nachdruck
Felbermayer, Fritz: Sagen und Überlieferungen der Osterinsel, Nürnberg 1971
Machowski, Jacek: Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung
der Osterinsel, Leiepzig 1968
Mann, Peggy: Land of Mysteries, New York 1976

»Angst«,
Teil 187 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 18.08.2013




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