Sonntag, 21. Juli 2013

183 »Wege zur Osterinsel«

Teil 183 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Beispiel der Osterinselschrift - Foto: Archiv W-J.Langbein

In Puri wurde ich auf die Forschungsarbeit Wilhelm von Hevesys aufmerksam gemacht. Angeblich gab es Hinweise fantastischer Art: Demnach stammte die Osterinselschrift aus dem »Alten Indien«. Ich recherchierte vor Ort, aber auch zuhause in Archiven und Bibliotheken.

1932 hielt der Sprachwissenschaftler Wilhelm von Hevesy einen viel beachteten Vortrag an der »Académie Française« über die Parallelen zwischen Osterinselschrift und indischer Schrift. In meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« fasste ich zusammen (1): »Kernsatz: 100 Schriftzeichen beider Systeme ›stimmen überein‹. Der Wissenschaftler vertiefte sich in die Materie, verglich weitere Schriftzeichen. Ergebnis: Beide Systeme haben je 400 Schriftzeichen. 175 davon wurden sowohl auf der Osterinsel als auch in Indien benutzt. Da kann schwerlich der Zufall verantwortlich gemacht werden.«

Damit nicht genug (2): »Noch erstaunlichere Parallelen wurden entdeckt. Vor etwa 6000 Jahren entstand im Zweistromland das ›Gilgamesch-Epos‹. Die Sprache, in der es verfasst wurde, weist Besonderheiten auf, die sie stark von allen übrigen Sprachen unterscheidet. So fehlen die sogenannten Hilfswörter, genau wie bei den Texten auf den Schrifttafeln der Osterinsel. So wurden nicht einzelne Silben durch Zeichen, sondern Wörter mit Hilfe einer einzigen Hieroglyphe dargestellt, genau wie bei den Schrifttafeln der Osterinsel.«

Wenn der Koloss nur sprechen
könnte ...
Foto: W-J.Langbein
Sollte es einen Kulturexport von Indien zur Osterinsel gegeben haben? Vor Jahrtausenden? Eine solche Verbindung passt nicht in die Dogmenwelt der Schulwissenschaft und darf es deshalb nicht geben. Dogmen sollten aber nur Platz in der Welt der Religionen haben. In der Welt der Wissenschaft darf es keine unumstößlichen Dogmen geben. Vielmehr gilt jede Aussage nur so lange, so lange sie nicht widerlegt werden kann.

Wenn ich etwas gelernt habe in rund vier Jahrzehnten des Erforschens der Geheimnisse unseres Planeten, dann dies: In der Schulwissenschaft gilt auch für die Entwicklung irdischer Kultur und Zivilisation der Darwinismus. Das bedeutet: Wir Heutigen haben den Zenit erreicht. Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, um so primitiver war die Menschheit. Deshalb muss eine Kultur aus Vor-Inkazeiten primitiver sein als die der Inkas. Deshalb dürfen die gigantischen unterirdischen Städte in der Türkei nicht älter als christliche Bauten sein. Immer wieder müssen falsche Datierungen korrigiert werden: Es gibt eben sehr wohl Bauten aus Vor-Inkazeiten, deren megalithische Bauweise atemberaubend ist. Und die unterirdischen Welten in der Türkei entstanden eben doch Jahrtausende vor Christi Geburt.

Typisches Merkmal alter, also laut Dogma primitiver Kulturen, ist ihre angebliche Unkenntnis von Schrift. Natürlich dürfen die Erbauer von Stonehenge in England als »primitive Steinzeitmenschen« keine Schrift gekannt haben. Inzwischen wissen wir, dass Stonehenge so etwas wie ein Sonnenobservatorium war, ein riesiger Steincomputer zu Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen. Jahrtausende lang wurde an Stonehenge gebaut. Es muss einen Plan gegeben haben. Es muss eine Schrift gegeben haben, um die erforderlichen komplizierten Berechnungen durchzuführen – bevor mit dem Kolossalbau begonnen werden konnte.

Schweigsamer Riese - Foto: W-J.Langbein
Kolossalstatuen gibt es auch auf der Osterinsel ... und eine Schrift kannten die Erbauer der Riesenstatuen auch. Das gefiel so manchem Wissenschaftler nicht, die einem »primitiven« Südseevolk keine Schrift zutrauten. Rasch kam die These auf, Rongorongo sei gar keine »Erfindung« der Osterinsulaner. Diese vermeintlich »Primitiven« hätten in ihrer gesamten Geschichte die Kunst des Schreibens und Lesens nicht beherrscht. Aber zu ihrem Glück tauchten ja dann Europäer auf der einsamen Insel auf. Prof. Jared Diamond, Jahrgang 1937, Experte in Sachen Evolutionsbiologie, fasst zusammen (3):

»Die meisten Experten für die Osterinsel ... sind mittlerweile zu dem Schluss gelangt, dass die Inselbewohner die Anregung zur Erfindung des Rongorongo während der Landung der Spanier im Jahr 1770 erhielten, als sie erstmals mit einer Schrift in Berührung kamen.«

Mit anderen Worten: Die »tumben« Osterinsulaner waren des Schreibens und Lesens unkundig. Schlimmer noch: Im Lauf ihrer Geschichte sind sie nie auch nur auf die Idee gekommen, eine Schrift zu entwickeln. Sie konnten zwar meisterlich riesige Statuen aus dem Vulkangestein meißeln, die Kolosse über viele Kilometer transportieren und dann aufrichten. Sie hatten auch keine Schwierigkeiten, wenn es darum ging, den Kolossen steinerne »Hüte« auf die Häupter zu setzen, aber eine Schrift kannten sie nicht.

Dann aber erschienen Europäer, die Insulaner kamen in Kontakt mit Schrift. Und schon entwickelten sie eine eigene Schrift, die mit jener der Europäer nicht das Geringste zu tun hatte. Rund ein Jahrhundert später – 1864 – tauchten englische Forscher auf dem einsamsten Eiland der Welt auf. Und schon fand sich auf der gesamten Insel kein einziger Mensch mehr, der die seltsamen Hieroglyphen entziffern konnte!

Wartende Riesen - Foto: W-J.Langbein
Ich halte es für ausgeschlossen, dass innerhalb eines Jahrhunderts eine eigenständige Schrift entwickelt und wieder vollkommen vergessen wurde! Glaubwürdiger ist die Überlieferung, dass schon die ersten Besiedler der Osterinsel die Schrift mit auf das Eiland brachten. Die Schrift spielt eine ganz bedeutende Rolle für die Osterinsulaner. Es gab, wie mir Osterinselexperte Dr. Fritz Felbermayer versicherte, Schulen, deren Hauptaufgabe im Erhalt der alten Überlieferungen bestand.

Bei meinen Besuchen auf der Osterinsel bekam ich immer wieder, besonders von Älteren zu hören, dass die heiligen Berichte – etwa über religiöse Praktiken – seit ewigen Zeiten in Schrift und Wort überliefert wurden.

Dr. Pater Sebastian Englert (1888-1969) wird auch heute noch auf der Osterinsel verehrt. Der deutsche Altphilologe genoss das Vertrauen der einheimischen Bevölkerung. Ihm, den zu Lebzeiten viele fast wie einen Heiligen verehrten, vertrauten auch Wissende. Der Gelehrte wusste von einer »Schreibschule« zu berichten (4):

»Ein alter Mann, der in seiner Jugend am Unterricht teilnahm, erzählte einigen heute (in den 1930er Jahren) noch lebenden Personen davon: Die Disziplin war sehr streng. Die Schüler mussten zuerst die Texte lernen. Sie durften weder sprechen noch spielen, sondern mussten aufpassen, auf den Knien hockend, die Hände vor der Brust zusammengelegt … Nachdem die Schüler gelernt hatten, die Texte zu rezitieren, begannen sie die Zeichen zu kopieren, um sich an das Schreiben zu gewöhnen. Diese Kopierübungen wurden nicht auf Holz gemacht, sondern mit einem Stilus (Stift) aus einem Vogelknochen auf Bananenblättern. Erst wenn sie ein gewisses Maß an Vollkommenheit erreicht hatten, schreiben die Schüler auf hölzernen Tafeln, vorzugsweise aus Toromiro (ein Baum auf der Osterinsel). Zu diesem Einritzen benutzten sie sehr feine Obsidiansplitter oder scharfe Haifischzähne.«

Im Lauf der letzten dreißig Jahre besuchte ich wiederholt die Osterinsel. Zu meiner Freude gab es eine positive Entwicklung. Es ist eindeutig zu beobachten, dass von Jahr zu Jahr das Interesse der jüngeren Generation an der eigenen Geschichte wächst. Galt vor wenigen Jahrzehnten die Osterinselsprache, »Rapa Nui« genannt, als langweiliges Relikt aus längst vergessenen Zeiten, so wird sie heute verstärkt gelehrt und gelernt. Das Interesse am alten Brauchtum, an den uralten Tänzen, ist heute vor Ort größer denn je. Rapanui, vor einigen Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wurde wieder zum Pflichtfach an der Schule.

Gefallener Riese - Foto: W-J.Langbein
Alte Osterinsulaner zeigen sich glücklich. Sie hatten befürchtet, dass das alte Erbe vergessen wird. Die Sprache »Rapa Nui« ist ein polynesischer Dialekt der austronesischen Sprachenfamilie, die ein gewaltiges Ausbreitungsgebiet hat. Es reicht von Madagaskar im Indischen Ozean über Australien und Südost-Asien bis Hawai’i und die Osterinsel im Ost-Pazifik. Verbindet »Rapanui« die Osterinsel mit Indien?

Wilhelm von Hevesy jedenfalls war davon überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen dem »Alten Indien« und der Osterinsel gab. Er wurde heftig attackiert und als Fälscher beschuldigt. Schlimmer noch: Die verunglimpfende Behauptung wurde bis heute nicht zurückgenommen. Nach wie vor heißt es in Diskussionen, von Hevesy habe die Schriftzeichen manipuliert, er habe die Schriftzeichen aus dem Indus-Raum und der Osterinsel einander angepasst, um seine Theorie zu unterstützen.

Alfred Metraux (1902-1962), einer der renommiertesten Ethnologen, machte sich 1938 über von Hevesys vermeintliche »Fälschungen« lustig. Der berühmte Wissenschaftler bezeichnete sie als völlig unhaltbar. Nur durch massive Manipulationen seien »Beweise« geschaffen worden. Seither gilt von Hevesy in der wissenschaftlichen Welt bestenfalls als verrückter Spinner. Fakt ist aber, dass von Hevesy eben nicht gefälscht hat. Fakt ist weiter, dass Alfred Metraux längst widerlegt wurde.

So bestätigten hochkarätige Fachleute wie Dr. G. R. Hunter und Richard von Heine-Geldern (5), dass von Hevesy sauber und seriös gearbeitet hat. Und dass es unbestreitbare Parallelen von erstaunlichem Ausmaß zwischen der alten Indus-Schrift und jener der Osterinsel gibt.

Ein Pferd und eine Statue aus Stein
Foto: W-J.Langbein
Da tickt eine Zeitbombe. Sobald sie – mit einer Verzögerung von mindestens siebzig Jahren – explodieren sollte, wird sich das Bild von der Vorgeschichte unseres Planeten grundlegend verändern. Eine Verbindung zwischen dem Indus-Tal und der Osterinsel vor fünf oder mehr Jahrtausenden setzt weltweite Seefahrt in grauer Vorzeit voraus! Derlei globale Verbindungen weisen auf hochstehende Zivilisationen hin, die nach heute noch gültiger Schulwissenschaft nicht existiert haben dürfen!

Es ist aber endlich an der Zeit, dass das Motto »Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!« endlich an Bedeutung verliert. Und Scheinargumente müssen als solche entlarvt werden, auch wenn sie aus noch so seriösem Munde stammen!

Fußnoten

1 Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom«, München 1995, S. 33
2 ebenda
3 Diamond, Jarred: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 145
4 Heyerdahl, Thor: »Die Kunst der Osterinsel«, München, Gütersloh, Wien, 1975, Seite 233
5 Joseph, Frank: »The Lost Civilization of Lemuria«, Rochester 2006, S. 70-73
6 Heine-Geldern, Richard von: »Easter Island Script Controversy«, »Anthropos«,
Vol. 35, London 1938

Ringoronge auf sprechenden Hölzern - Foto: Archiv W-J.Langbein

»Blutspuren«, 
Teil 184 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.07.2013


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