Sonntag, 2. Juni 2013

176 »Das Geheimnis der steinernen Kugel«

Teil 176 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der geheimnisvolle
Pyramidenturm
Foto: W-J.Langbein
»Du möchtest also ein Sthapati werden?« fragt mich der junge Inder vor dem Tempelturm von Tanjore. »Gibt es denn noch echte Sthapatis?« frage ich zurück. Sthapatis waren Theologen, Priester und Architekten. Sie kannten die heiligen Texte, sie interpretierten sie und sie verstanden die Kunst des Tempelbaus. Es gibt sie nicht mehr, die Sthapatis. Und so stehen wir in Indien vor so manchem Rätsel, etwa in Sachen Baukunst!

74 Meter hoch ragt der Tempelturm von Tanjore. Die einzelnen »Etagen« sind kaum als solche zu erkennen. Unzählige kleine Tempelchen sind angebracht, Miniaturtempelchen, wie kleine Modelle. Ich frage mich: Was soll diese komplexe Vielfalt, die so liebevoll gestaltet wurde ... die man aber vom Boden aus gar nicht erkennen kann?

»Der gesamte Tempelturm stellt ein Vimana dar!«, erklärt ein greiser Tempeldiener. Vimanas werden in den altindischen Texten wie dem Mahabharata oder dem Veda beschrieben: als fliegende Vehikel, in denen die Götter am Himmel reisten. Vimanas bewegen sich aus eigener Kraft. Und Vimanas sind es, die in Form von steinernen Tempeln verewigt wurden.
Professor Dileep Kumar Kanjilal (geboren am 1. August 1933 in Kalkutta) ist als Spezialist für Pali, Sanskrit und weitere alte Sprachen Indiens der vielleicht führende Experte in Sachen Vimanas. Im Verlaufe der Jahrzehnte meiner Beschäftigung mit den Vimanas führte ich mehrere Gespräche mit dem Wissenschaftler. Professor Dileep Kumar Kanjilal ist davon überzeugt, dass Vimanas höchst reale Flugvehikel der altindischen Götter waren! Im Mahabharata wird zum Beispiel der »himmlische Wagenlenker« beschrieben, der »im Lichtglanz der Wagen die Weltgegenden mit Getöste anfüllt«

Auch Ardschuna, so Kanjilal reist mit seinem Flugvehikel in Gefilde, die den Irdischen verborgen bleiben. Prof. Kanjilal diktierte mir folgenden Text aus dem Mahabharata: »Mit dem magischen Vehikel, dem Wagen, fuhr er empor. Er kam heran an jene Gefilde, die den sterblichen Menschen verborgen bleiben. Dort oben leuchten aus eigener Kraft jene Sterne, die wegen der Ferne uns wie Lampen erscheinen. Dort sah er wunderschöne Vimanas, herrlich anzusehen, zu Tausenden!«

Die mächtige Dynastie der Cola (9. bis 12. Jahrhundert) regierte von Tanjore aus. Die mächtige Seemacht sah sich als Herrscher eines Weltreichs ... und huldigte den alten Göttern in mächtigen Tempeln. Im Zentrum der Brhadisvara-Anlage steht der mächtige Vimana-Turm. Es gibt aber neben dem Riesen auch noch »Zwerge«, kleinere Tempelchen. Auch sie sind ähnlich wie ihr großer »Bruder« aufgebaut, auch sie haben einen Pyramidenturm mit aufgesetzter Kuppelkugel.

Vimanakugeln, groß
und klein ...
Fotos: W-J.Langbein
Ungeklärt ist bis heute die Frage, wie die steinerne Kugel auf die Spitze des Pyramidenturms verbracht wurden. Lange Zeit hatte man – irrtümlich – angenommen, diese steinerne Kugel bestehe aus einem einzigen Felsungetüm von 80 Tonnen Gewicht. Inzwischen weiß man, dass die Vimanakugel hoch über dem Tempelbau aus zwei Teilen zu je »nur« vierzig Tonnen besteht! Wie hat man dieses zweiteilige Steinmonstrum in die luftige Höhe der Tempelpyramide geschafft?

Der Theorien gibt es nicht wenige, ähnlich wie in Sachen Cheopspyramide. In Ägypten wie in Indien gehen manche Experten von einer Rampe aus. 6000 Meter soll die auf dem Zeichenbrett rasch erstellte Konstruktion gewesen sein. In der Realität dürfte es erhebliche Probleme gegeben haben. Riesige Mengen Baumaterial mussten zu einer solchen »schiefen Ebene« verarbeitet werden. Ein Heer von Arbeitersklaven soll geschoben und gezogen haben.

Eine andere »Erklärung«: Zunächst baute man die steile Pyramide auf. Dann ließ man sie unter einem riesigen Erdhügel verschwinden. Man stelle sich eine gigantische Halbkugel vor. In dieser Halbkugel steht der Pyramidenturm. Nun legt man einen Weg an, der in Spiralen um die Halbkugel herum führt, bis oben zum höchsten Punkt. Auf dieser »long and winding road« marschierten nun Arbeitselefanten, die den krönenden Abschluss – zwei Monolithen zu je 40 Tonnen – ans Ziel brachten. Im Vergleich zur Rampe verschlingt so ein Erdhügel sehr viel mehr Füllmaterial. Der Bau einer gigantischen Rampe oder eines Erdhügels von riesigem Ausmaß hätte erhebliche Probleme mit sich gebracht. Gegen beide Theorien spricht die Heiligkeit des Tempels. Für die alten Inder war so ein Kultbau heilig, göttlich ... und so einen Sakralbau beschmutzt man nicht mit einer Rampe oder gar einem Erdhaufen, in dem der gesamte Tempel verschwunden sein muss.

Kampfelefant im Einsatz
Foto: W-J.Langbein
Als Sakrileg hätten es die Erbauer empfunden, ein Heiligtum zuzuschütten und dann noch Elefanten darauf herumlaufen zu lassen. Ohne Frage: Elefanten können gewaltige Lasten bewältigen. Sie wurden im »alten Indien« – anschaulich im Tanjore-Komplex dargestellt – auch als Kampfmaschinen eingesetzt, die Angst und Schrecken verbreitet haben müssen!

Eine weitere Theorie geht von einer Holzkonstruktion aus ... von einer hölzernen Rampe, zum Beispiel. Oder es werden – zeichnerisch sehr schön – riesige, geradezu ausufernde Gerüste ersonnen. Manche Theoretiker begnügen sich mit einem Gerüst an einer Seite des Pyramidenbaus, andere lassen wiederum das gesamte Bauwerk im Gerüst verschwinden. Hölzerne Hebebäume sollen es dann ermöglicht haben die insgesamt 80 Tonnen Stein in zwei Teilen auf die Pyramidenspitze zu schaffen.

Unterschiedliche Konzepte wurden entwickelt. Tatsache ist: Die verschiedenen Lösungen funktionieren alle bestens ... auf dem Papier, kaum in der Realität. Keine der Erklärungen wurde auch nur ansatzweise im Versuch getestet. Vor allem: Es gibt kein einziges Dokument von den Erbauern der Tempelpyramide, das unsere Fragen der technischen Art beantworten könnte. So stehen wir staunend vor einem echten architektonischen Weltwunder!

Ungeklärt ist bei so manchem Tempelbau, wie die oft gigantischen Steinkolosse aus den nicht selten weit entfernten Steinbrüchen zu den Baustellen transportiert wurden. Geschah dies auf dem Landweg? Auf Karren? Nutzte man Flüsse, um gewaltige Steinmassen zu verschiffen? Dienten Flöße als Transportmittel? Es wird dabei leicht übersehen, was für ein Aufwand erforderlich ist, allein schon um einen zig Tonnen schweren Monolithen auf ein Floß zu schaffen, ohne es zum Kentern zu bringen! Viele Fragen warten seit Jahrhunderten auf Antworten! Ich habe das Gefühl: Wir akzeptieren oft zu schnell Lösungen, die nicht funktionieren können!

Fabelwesen mit Reiter
Foto: W-J.Langbein
Und wir verbannen gern ins Reich der Fantasie, was wir uns nicht vorstellen können! So wurden vor rund einem Jahrtausend im Tanjore-Komplex nicht nur fotorealistisch Elefanten und Pferde dargestellt, sondern auch Menschen – sehr naturgetreu – mit Fabelwesen. Haben diese Kreaturen wirklich existiert? Oder sind es reine Hirngespinste fantasiereicher Künstler? Oder werden gar keine Menschen, sondern himmlische Götter dargestellt? Sie flogen in Vimanas, von der Erde in den Himmel und umgekehrt ... mussten sie da nicht fürchterlich stark gewesen sein? Symbolisieren die wuchtigen Tiere nichts anderes als die unvorstellbare Kraft und Macht der Götter?

Prof. Dr. Dileep Kumar Kanjilal im Interview mit mir: »Die meisten Besucher der Tempel waren Analphabeten. Ein Buch lesen – dazu waren sie nicht imstande. Die Kunstwerke sollten Botschaften vermitteln ... ohne Worte.« Welche Botschaften?

Warum, zum Beispiel, wird Gottheit Ganesha immer mit Elefantenkopf dargestellt? Ein Mythos sieht das so: Parvati, Shivas Frau, nutze die Abwesenheit ihres Göttergatten, um einen Knaben aus Lehm zu formen. Das Bürschlein bewachte Parvatis Haus. Als Shiva heimkam, wollte ihn der junge Wächter nicht ins Haus lassen. Shiva schlug ihm den Kopf ab. Zu spät erkannte Shiva, dass er die Kreation seiner Frau getötet hatte. Er ließ Diener ausschwärmen. Sie sollten ihm den Kopf des ersten Lebewesen bringen, das ihnen begegnete. Und das war ... ein Elefant. So erhielt der enthauptete Ganesha einen Elefantenkopf. (2)

Elefantensegen
Foto: Ingeborg Diekmann
Im Hinduismus wird Ganesha in jedem Gottesdienst gleich zu Beginn angerufen. Von ihm erhofft man Glück ... auf allen Wegen, geschäftlich wie privat. Ein Haus soll gebaut werden? Damit die künftigen Bewohner stets Glück haben, wird Ganesha beschworen! Ganeshas vier Arme gelten als Zeichen für seine gewaltige, kosmische Macht. Ganesha, der mit Abstand beliebteste Gott, ist auch der stärkste ... als Wächter des Alls!

Heute trifft man in zahlreichen Tempeln Indiens ... so auch im Schatten der Tempel und Tempelchen von Tanjore ... Elefanten. Stellvertretend für den mächtigen Ganesha segnen sie Besucher jeden Glaubens. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man von so einem Elefant sanft berührt wird. Fast zärtlich legt er dem Besucher seinen Rüssel auf den Kopf. Natürlich entrichtet man einen Obolus, sei es als Münze, sei es als Schein. Der Elefant streicht die freiwillige Spende ein und reicht sie umgehend weiter an seinen Betreuer.

Fußnoten

1 Sthapati: Architekt, Priester und Theologe in Personalunion.
2 Purana-Tradition, wird in abweichenden Varianten überliefert.

»Kosmischer Plan und Weltuntergang«,
Teil 177 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 09.06.2013



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