Freitag, 8. Februar 2013

Schavan: Was hat »Dissertation« mit »Dissen« zu tun? - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Es ist noch gar nicht lange her, als das ganze Land über die Doktorarbeit des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg diskutierte. Diese Art des schnöden Abschreibens, ließen universitäre Kreise verlauten, sei durchaus nicht üblich und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein absoluter Ausnahmefall.

Inzwischen ist viel passiert: Plagiatsprüfer bringen die Suchprogramme zum Glühen und werden immer öfter fündig, aktuell ausgerechnet bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan. Diese habe bei ihrer Dissertation mit »vorsätzlicher Täuschung« gearbeitet, befand die Universität Düsseldorf und entzog Annette Schavan den Doktortitel, wogegen diese nun klagen will.

Ein Weltuntergang? – Sicher nicht. Meinethalben nicht einmal ein Rücktrittsgrund. Und trotzdem ist es wichtig, dass solche Vorgänge ans Licht kommen, und zwar aus folgendem Grund: Zeugnisse und Doktorarbeiten sind heute (neben psychiatrischen Gutachten) die letzten gesellschaftlich anerkannten Formen der Apartheid. Nur sehr einfache Gemüter glauben noch, dass universitäre Bescheinigungen geistiges Titanentum abbilden. Das Gros der Doktorarbeiten dient, wenn wir ehrlich sind, einem oder mehreren der folgenden Zwecke:

a) der massiven Erhöhung des Einstiegsgehalts
b) der Verdrängung nichtuniversitärer Gegner (Habilitationsdarwinismus)
c) der Beweislastumkehr (wer den Doktortitel hat, muss der Menschheit seine Fähigkeiten nie mehr beweisen, da der Titel bereits als ultimativer Beleg gilt. Vielmehr muss die Gesellschaft ihm seine Fehler beweisen, was sehr vorteilhaft sein kann, wenn man sich mal vergriffen hat und ohne Doktortitel der Karriereabsturz drohen würde.)  
c) der Balz


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Lebenslange Zweitklassigkeit wegen fehlender akademischer Weihen?

Klar: Auch heute noch gibt es Doktoranden mit wissenschaftlichem Ehrgeiz, die in die Erstellung ihrer Doktorarbeit mehr als nur ameisenhaften Sammlerfleiß oder den geldlichen Gegenwert für einen Ghostwriter investieren und eine ehrlich erarbeitete, glänzende Dissertation hinlegen, die keine Fragen offen lässt. Für solche von ihrer Mission Besessenen ist die Dissertation kein Selbstzweck, sondern eine logische Folge überragender Leistungen. Was aber sollen die tun, denen dieser wissenschaftliche Ehrgeiz nicht eben in die Wiege gelegt ist? Sollen sie sich (bei eventuell vergleichbarer Leistung) mit dem niedrigeren Einstiegsgehalt zufriedengeben? Werden sie lebenslang akzeptieren müssen, als zweitklassig eingestuft zu werden, weil sie nicht in der Lage waren, 458 Seiten zum Thema »Porzellanherstellung in der Mingdynastie unter besonderer Berücksichtigung politischer Besonderheiten des 16. Jahrhunderts im Lichte des Konfuzianismus« mit eigenem Sinn zu füllen?

Es ist gesellschaftlicher Konsens: Wer sich im Besitz eines Doktortitels weiß, spielt in einer anderen Liga und gehört künftig zu einer Kaste, die Anweisungen eher erteilt als entgegennimmt. Was auch immer er in Zukunft zu seinem Fachgebiet verlauten lässt, wird unbesehen als Gesetz gelten und auch dann keinen Widerspruch aufkommen lassen, wenn es nachts um drei auf Droge formuliert wurde. Selbst ein zehnfach besseres Argument und sogar der gesunde Menschenverstand werden sich nicht gegen die Einlassungen eines habilitierten Doktors durchsetzen, wenn sie nicht ebenfalls von jemandem mit universitären Weihen stammen.

So gesehen lebt der Inhaber eines Doktortitels sehr gut und hat bereits am Anfang seiner Berufslaufbahn den Status eines Rentners inne, der nichts mehr beweisen muss, weil alles schon bewiesen ist. Bei entsprechender charakterlicher Veranlagung wird ihm die Dissertation künftig zum Dissen seiner Mitmenschen = Untergebenen dienen, was für manchen frischgebackenen Doktor möglicherweise der Zweck der Übung gewesen sein mag.

Interessant an der Schummelei mit den Doktorarbeiten ist weniger der eventuell begangene Betrug beim Verfassen der Werke: Bemerkenswert ist vielmehr, mit welcher Wucht wir uns dagegen wehren, den gesellschaftlichen Selbstbetrug zu erkennen, der mit unserer Titelgläubigkeit einhergeht. Wer sich von einem Doktortitel ohne Ansehen der Person seines Trägers beeindrucken lässt, der fährt wohl auch mit 120 km/h ins Hafenbecken, weil sein Navigationssystem es gerade von ihm verlangt. Das permanente Doktordesaster ist so gesehen keine geringere Lektion für uns alle, als für die eigentlichen Träger der Copy-and-Paste-Titel, die wir mit Schimpf und Schande vom Hof jagen.



Kommentare:

  1. Ursula Prem hat's exakt und treffsicher auf den Punkt gebracht. Was man vergeblich in den Kolumnen unserer Zeitungen sucht, was man aus dem Munde ach so kompetenter und kritischer Journalisten hören müsste, sollte ... Ursula Prem spricht es aus!Sie benennt und analysiert das eigentliche, das systembedingte Problem!

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  2. Apropos Copy and paste:
    Höheres Einkommen: Doktor-Titel fördert Karriere - n-tv.de
    www.n-tv.de › Ratgeber - Translate this page
    Feb 23, 2009 – In einigen Bereichen gibt es ohne den Doktortitel allerdings kein berufliches Fortkommen. ... In der Wirtschaft schlägt sich das auch im Gehalt nieder. ... Euro und Diplomkaufleute mit 41.800 Euro rechnen - ohne Titel sind es ...
    Karriere mit Promotion - Kollege Dr. verdient mehr - Bildung ...
    www.sueddeutsche.de/.../karriere-mit-prom... - Translate this page
    May 17, 2010 – Mitarbeiter mit den Buchstaben "Dr." vor ihrem Namen verdienen meist mehr als ihre ... Doktortitel: In der Wirtschaft schlägt er sich im Gehalt nieder. ... Hochqualifiziert, unterbezahlt und ohne Zukunftsaussichten: Doktoranden ...
    Promotion: Ein Doktortitel bringt mehr Geld und Prestige | Karriere ...
    www.zeit.de › ... › Beruf › Februar 2013 - Translate this page

    Tina Groll

    by Tina Groll - in 1,065 Google+ circles
    6 hours ago – Bei den Frauen liegt das durchschnittliche Gehalt mit Doktortitel bei ... Forschung und Entwicklung ist die Promotion die Eintrittskarte, ohne die ...
    Promotion: Ist der Doktortitel wirklich ein Karriere-Turbo? - Beruf + ...
    www.handelsblatt.com › ... › Beruf + Büro - Translate this page
    Oct 16, 2012 – DüsseldorfOhne Doktorarbeit kein Spitzenposten in der deutschen Wirtschaft, ... 25 Prozent mehr Gehalt als Berufseinsteigern ohne Doktortitel – die ... Stärken heraus und halten Sie mit Ihren Schwächen galant hinterm Berg ...

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