Freitag, 18. Januar 2013

Wir leben in einem Rechtsstaat! – die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Stellen Sie sich vor, Sie flanieren zeitgleich mit ein paar Hundert anderen Menschen am Ufer eines Sees. Plötzlich hören Sie vom Wasser her die Hilfeschreie eines Ertrinkenden. Nicht nur Sie, sondern auch alle anderen Anwesenden unterbrechen ihre Gespräche und starren auf die Stelle weit abseits vom Ufer, wo ein Paar panisch rudernder Arme das Wasser aufwirbelt. Ihr Blick ist wie gebannt, doch Sie können sich nicht überwinden reinzuspringen. Sind ja schließlich genug andere Leute da, die dem Unglücklichen helfen könnten, nicht wahr? Auch die wirken etwas unentschlossen, doch immerhin einer rafft sich auf und ruft die Polizei an.

Polizei, Feuerwehr und Notarzt sind auch schnell vor Ort. Dazu ein paar tüchtige Rettungsschwimmer. Den Ertrinkenden scheint langsam die Kraft zu verlassen: Immer wieder verschwindet sein Kopf unter der Oberfläche, doch irgendwie schafft er es, von Zeit zu Zeit aufzutauchen und Luft zu holen.

Der offizielle Einsatzleiter beginnt damit, die Maßnahmen zu koordinieren:
»Bevor Ihr Jungs reingeht und ihn rausholt, zeigt mir bitte Eure Ausweise und Eure Rettungsschwimmerbescheinigungen, damit ich prüfen kann, ob Ihr für die Sache zuständig und entsprechend ausgebildet seid!«
»Die haben wir nicht dabei, haben wir in der Eile vergessen«, antworten die Männer übereinstimmend.
»Hmm, dann ist die Angelegenheit nicht ganz einfach, zudem müssen wir erst mal klären, ob ich selbst überhaupt für den Kerl da zuständig bin. Weiß zufällig jemand, wo er seinen Wohnsitz hat?«

»Wichtig ist nicht der Wohnsitz des Ertrinkenden, sondern die Tatsache, dass der Notfall hier an diesem See eingetreten ist. Für den sind wir auf alle Fälle zuständig«, merkt ein junger Polizist an.
Der Einsatzleiter bedenkt den Vorlauten mit einem strafenden Blick.
»Mischen Sie sich nicht in Dinge ein, die Sie nicht verstehen, ansonsten ist es erst mal Essig mit Ihrer Beförderung, Sie Grünschnabel!«, blafft er den Störenfried an. »Also: Ihr geht jetzt allesamt nach Hause und holt Eure Papiere!«, befiehlt er barsch, woraufhin die Rettungsschwimmer sich erst mal verziehen.

»Ist es nicht eine Frage von Humanität und Menschenrechten, dass wir jetzt sofort etwas unternehmen?», meint ein älterer Feuerwehrmann, der nicht so leicht einzuschüchtern ist.
»Humanität! Menschenrechte!«, der Einsatzleiter knurrt verächtlich. »Lassen Sie mich doch mit dem Gedöns zufrieden! Ich sorge ja gerade für eine rechtsstaatlich korrekte Abwicklung, also kommen Sie mir nicht mit Menschenrechten, Sie Schlauchwickler!«

Alle Anwesenden starren gebannt auf die Szene.
»Der Mann ist immer noch im Wasser! Das ist mir zu blöd, ich hole ihn jetzt selber raus!«, macht sich ein Bürger bemerkbar und zieht seine Jacke aus.
Vier Polizisten springen blitzschnell hinzu und halten den Wahnsinnigen fest.
»Beherrschen Sie sich, Mann!«, blafft der Einsatzleiter. »Das ist nicht Ihre Baustelle! Wir sind dafür da, diese Sache zu einem geordneten Ende zu bringen!«
»Ja, aber Sie tun es ja nicht!«, empört sich eine ältere Dame und versetzt dem Einsatzleiter einen wohl gezielten Tritt vor das Schienbein.
»Auaa! Sind Sie wahnsinnig geworden? Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt! Die Frau ist sofort festzunehmen!«

Vielen Umstehenden ist es inzwischen zu langweilig geworden, die Menge der Schaulustigen löst sich langsam auf. Nur einige Unentwegte sind offenbar zum Bleiben entschlossen und machen ihrem Zorn umso lautstärker Luft:

»Das ist unterlassene Hilfeleistung!«, beschwert sich eine streng aussehende Frau mittleren Alters.
»Das ist es nicht!«, doziert der Einsatzleiter, »denn wir sind ja pflichtgemäß vor Ort und arbeiten so schnell wir können!« Dann lässt er sich mit einem Seufzer auf dem Beifahrersitz eines Polizeiwagens nieder, schließt die Tür und drückt auf die Verriegelung. Danach öffnet er bedächtig seine Thermoskanne und schenkt sich umständlich Kaffee ein. Bis zur Rückkehr der Rettungsschwimmer würde er sowieso nichts weiter unternehmen können.

Inzwischen ist weit mehr als eine Stunde vergangen. Der See sieht ruhig und friedlich aus. Ohne diese öden Diskussionen zwischen Rettungskräften und Bürgern, die noch immer lautstark über das richtige Vorgehen streiten, könnte es hier für einen Gutmenschen wirklich idyllisch sein, denken Sie, und setzen Ihren Weg fort ...


***

Seit 2.517 Tagen wird der Nürnberger Gustl Mollath vor den Augen einer wachsenden Öffentlichkeit unter fragwürdigsten Umständen in der forensischen Psychiatrie festgehalten. Er ist das Opfer eines exzessiven Rechtsstaates, der sich bis zur Bewegungslosigkeit im eigenen Filz verfangen hat. Sie haben keine Angst, eines Tages der Nächste zu sein? Außerdem möchten Sie hinterher sagen können, Sie hätten von alldem nichts gewusst? – Dann klicken Sie keinesfalls hier! Und hier auch nicht! Und hier schon mal gleich gar nicht!

 

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