Freitag, 7. Dezember 2012

Gustl Mollath und der König von Bayern – die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Folklore und Brauchtum sind etwas Schönes, wie man nicht nur in Bayern weiß. Traditionen wirken identitätsstiftend, weshalb ein gebürtiger Bayer wohlig durchatmet, wenn er in einer Kneipe irgendwo auf der Welt Zeuge einer »zünftigen« Schlägerei wird. »Jo mei! Dös is ja fast ois wia dahoam!«, wird er konstatieren und sich entspannt zurücklehnen.

Ähnlich mag es hartgesottenen Bayern im Falle Gustl Mollaths ergehen, der seit fast sieben Jahren gegen seinen Willen in der Forensik festgehalten wird. Ja, psychiatrische Gutachten nach Aktenlage mit anschließendem Wegsperren missliebiger Personen, das gibt es im südlichen Weißwurststaat schließlich schon seit weit mehr als hundert Jahren. So wurde »Märchenkönig« Ludwig II. von Bayern von vier damals noch »Irrenärzte« genannten Medizinern in Abwesenheit für »unheilbar seelengestört« erklärt, entmündigt und in Schloss Berg am Starnberger See unter »Betreuung« gestellt. Sein Aufruf an königstreue Untertanen lautete:

Ludwig II. von Bayern
»Der Prinz Luitpold beabsichtigt, sich ohne meinen Willen zum Regenten meines Landes zu erheben, und mein bisheriges Ministerium hat durch unwahre Angaben über meinen Gesundheitszustand mein geliebtes Volk getäuscht und bereitet hochverräterische Handlungen vor. [...] Ich fordere jeden treuen Bayern auf, sich um meine treuen Anhänger zu scharen und an der Vereitelung des geplanten Verrates an König und Vaterland mitzuhelfen.«
(11. Juni 1886, Bamberger Zeitung)


Umstrittene Diagnose auf Betreiben der Regierung von Bayern

Die Diagnose der Ärzte, die von der bayerischen Regierung beauftragt worden waren, gilt bis heute als äußerst umstritten. Anzunehmen ist, dass ihre Entscheidung »nach Aktenlage« von vorneherein feststand. Klar ist: Ludwig hatte sich als künstlerisch veranlagter Schöngeist mit nicht vorhandener Kriegsbegeisterung äußerst verdächtig gemacht. Einer, der viel Geld in die Förderung von Künstlern wie Richard Wagner oder in den Bau von Schlössern wie Neuschwanstein investierte, statt seine Armee auszurüsten, schien doch wirklich nicht ganz zurechnungsfähig zu sein.

Das Ende ist bekannt: Die Leichen von Ludwig und seinem betreuenden »Irrenarzt« Dr. Gudden wurden bereits am 13. Juni 1886 im Starnberger See gefunden, die näheren Umstände sind bis heute ungeklärt. Der König wurde nur 41 Jahre alt.


Verrückt oder genial?

Die Geschichte löst, so lange sie auch her ist, bis heute wohlig-gruselige Schauer in jedem Bayern aus, der etwas auf sich hält. Wohlig auch der Geldregen, den Ludwigs Schlösser bis heute in die Kassen unter dem weiß-blauen Himmel spülen. Ludwigs kühne Bauten haben sich nachträglich als wahrer Segen für die bayerische Tourismusindustrie erwiesen. Ebenso die Bayreuther Festspiele, die ohne seine großzügige Förderung nie zustande gekommen wären. Diese weitsichtigen Investitionen haben weitaus mehr zum Wohlstand des Landes beigetragen, als ein Kriegszug dies je gekonnt hätte. War Ludwig also verrückt? Oder doch eher genial?

Gustl Mollath
Auch Gustl Mollath hätte mit seiner Anzeige bezüglich umfassender Schwarzgeldverschiebungen zum Wohle Bayerns beigetragen, wenn sie denn je verfolgt worden wäre. Stattdessen entschloss man sich, der bayerischen Tradition zu folgen und Gustl Mollath verschwinden zu lassen. Was wollte der sich schließlich beschweren? Immerhin hatte man ihm das Schicksal eines Königs zugedacht! Was konnte ein einfacher Bürger mehr verlangen? Und so hat die weiß-blaue Welt wieder ihre Ordnung. Ein paar unwahre Angaben aus dem Ministerium und schon fühlt man sich so richtig daheim! Ach, Ludwig selig, was sagst dazua? Hund samma scho, gell?





1 Kommentar:

  1. Der Kommentar kommt zwar etwas spät, ist aber trotzdem aktuell :

    Da gibt es Paralellen zu einem anderen König von Bayern :

    http://spoekenkiekerei.wordpress.com/2013/04/16/anette-frohlich-und-lola-montez/

    AntwortenLöschen

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