Freitag, 21. Dezember 2012

200 Jahre Grimms Märchen – die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Im Jahre 1812 erschien die erste Ausgabe der »Kinder- und Hausmärchen«, aufgeschrieben von Jacob und Wilhelm Grimm. Was ursprünglich Clemens Brentano und Achim von Arnim als Anregung für die Volksliedsammlung »Des Knaben Wunderhorn« dienen sollte, gewann bald ein Eigenleben: Bis heute sind »Grimms Märchen« die bedeutendste literarische Sammlung volkstümlicher Überlieferung im deutschen Sprachraum. Generationen von Eltern haben ihren Kindern daraus vorgelesen. Die berühmtesten Märchen der Gebrüder Grimm, wie Hänsel und Gretel, Schneewittchen oder Dornröschen, sind ohne Frage zum kulturellen Allgemeingut geworden. Den Gebrüdern Grimm ist damit das Kunststück gelungen, die Symbolsprache des kollektiven Unterbewusstseins in eine allgemein verständliche Form zu fassen und für künftige Generationen aufzubewahren.

Dass es in manchen Märchen durchaus heftig zugeht, ist ein Vorwurf, der gerade in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger zu hören ist. Manch ängstliches Gemüt fragt sich, ob Kinder in der Lage seien, die geschilderten Grausamkeiten zu verkraften. Nicht wenige Eltern verzichten deshalb zugunsten weichgespülter Versionen auf das Vorlesen der Originalfassung. Auch Bundesfamilienministerin Schröder erklärte laut faz.net, dass sie ihrer Tochter Grimms Märchen nur »dosiert« vorlesen werde, da sie »oft sexistisch« seien und nur wenige positive Frauenbilder darin vorkämen. So ist zu vermuten, dass auch im Hause Schröder wohl eine weichgespülte Variante von Grimms Märchen Einzug halten wird.

Vielleicht wäre es tatsächlich Zeit für ein politisch korrektes Märchenbuch auf Grundlage der Gebrüder Grimm, das noch dazu der allgemeinen Unfähigkeit zum Verstehen umfangreicher Nebensatzkonstruktionen Rechnung trägt. In etwa so:

Johannes und Margarete

»Es war einmal eine arme Familie. Der Vater war aufgrund des Stellenabbaus im holzverarbeitenden Gewerbe schon lange arbeitslos. Bald nach seiner Entlassung hatte sich die Mutter von ihm getrennt. Nach erfolgreichem Heroinentzug absolviert sie inzwischen eine Fortbildung zur Streetworkerin. Den Kontakt zu ihrer Familie hat sie abgebrochen.

Der Vater war im Windelwechseln nicht eben geübt. Deshalb hatte er bald nach der Scheidung neu geheiratet. So waren Johannes und Margarete tagsüber versorgt und Papa konnte in Ruhe seiner Vorliebe für Computerspiele nachgehen. Natürlich ärgerte sich seine neue Frau darüber, dass sie alles alleine machen musste. Das Schreiben der Rentenversicherung hatte ihr die Augen geöffnet: Sie musste nun an ihr eigenes Fortkommen denken und fleißig bei einem 1-€-Job Anwartschaften sammeln. Deshalb setzte sie die Kinder eines Nachmittags am anderen Ende des Stadtparks aus und machte sich aus dem Staub.

Natürlich trafen die Kinder (6 und 8) jede Menge seltsames Volk im Stadtpark. Und so waren sie froh, als eine alte Frau sie mit nach Hause nahm, um sie dort mit Lebkuchen zu füttern. Dass die alte Dame psychisch krank war, merkten Johannes und Margarete erst, als es fast zu spät war. »Ich hab euch zum Fressen gern!«, hatte die Seniorin gemurmelt und Hans und Margarete in ihren Kleiderschank eingesperrt. Doch zum Glück hatte Margarete das Schloss leicht aufbekommen. Das verdankte sie dem Selbstbehauptungstraining für Mädchen, welches sie auf Anraten des Jugendamtes einmal wöchentlich absolvierte. Deshalb schafften die Kinder es gerade noch, aus der Wohnung zu entkommen.

Nun kümmert sich der sozialpsychologische Dienst in enger Verzahnung mit dem Beratungslehrer der Förderschule um Johannes und Margarete. Und auch die alte Dame bekommt endlich im Pflegeheim die Betreuung, die sie braucht. Sicher wird eine umfassende Therapie allen Dreien helfen, wieder in die Spur zu kommen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stehen sie heute beim Amt an ...«

Wer auf lächerliche Modernisierung, unnötige Infantilisierung und sprachliche Vereinfachung verzichten möchte und lieber dem Original den Vorzug gibt, dem sei die dreibändige Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen empfohlen, die Herausgeber Heinz Rölleke durch Originalanmerkungen der Gebrüder Grimm ergänzt hat.




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