Freitag, 30. November 2012

German Angst - die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Nach landläufiger Meinung im englischen Sprachraum ist ängstliche Zögerlichkeit eine derart typisch deutsche Eigenschaft, dass sich für sie ein spezieller Begriff herausgebildet hat: Die »German Angst« steht der »German Assertiveness«, der »typisch deutschen Überheblichkeit, als Kehrseite gegenüber. Gemeinsam bilden German Angst und German Assertiveness die volle Bandbreite des emotionalen Lebens ab, das man uns Deutschen zutraut.

Ja: Impulsive Emotionalität, wie spontane Bekundungen von heftiger Abneigung oder absoluter Solidarität, scheinen uns Deutschen fremd zu sein. Wenn überhaupt, bewegen wir uns auf einem engen Gleis zwischen oberflächlicher Korrektheit und sorgfältig formuliertem Bedenkenträgertum. Dass in uns auch andere Kräfte schlummern, wollen wir lieber nicht mehr wissen, weshalb wir allenfalls mal die Sau rauslassen, wenn irgendwo eine Fußball-Weltmeisterschaft tobt.

Und so haben wir die absolute Normalität zu unserem Credo erhoben. So lange alles korrekt und vorschriftsmäßig abläuft und wir uns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, kann uns auch nichts passieren!, lautet die stille Übereinkunft. Deshalb bleiben wir an einem Thema meist auch nur so lange dran, bis das Engagement seinen harmlosen, gutmenschlichen Event-Charakter verloren hat und zur »auffälligen Fixierung« geworden ist, die in ihrer Emotionalität grundsätzlich verdächtig erscheint.


Engagement ja, aber nicht zu viel!

Wer es übertreibt, indem er penetrant an der Oberfläche kratzt, hat schon verloren. Er ruft die German Angst auf den Plan, die nur eine einzige Frage kennt: Was passiert mir, wenn ausgerechnet ich Sand ins Getriebe bringe? Die German Angst sorgt dafür, dass Aufrührer, Abweichler und Querdenker klein gehalten werden, da ihnen sofort der eisige Wind der Mehrheit entgegen bläst. Die German Angst sorgt dafür, dass Nachbarn lieber schweigen, wenn aus der Nebenwohnung Schreie dringen. Was passiert mir, wenn ich mich irre? Wie stehe ich dann da? Das ist doch peinlich!

Die German Angst sorgt dafür, dass wir uns nicht einmischen. Erst wenn sich bereits eine eindeutige Mehrheitsmeinung gebildet hat, schließen wir uns ihr an, wenn sie uns richtig erscheint. Lieber stehen wir betroffen vor dem Holocaust-Denkmal, als uns wegen aktueller Ungerechtigkeiten aus dem Fenster zu lehnen, deren abschließende Bewertung uns noch nicht vorliegt.

Auf diese Grundfunktionen der deutschen Seele konnten Politiker aller Couleur bisher ziemlich sicher bauen. Von einzelnen verzweifelten Ausbrüchen abgesehen, wie beispielsweise der Wende 1989, waren wir immer ein Volk, auf das seine Herrschenden sich verlassen konnten. Eine rüde Erklärung, dass schon alles seine Richtigkeit habe, genügte bisher, um besonders Vorlaute zum Schweigen zu bringen.


Aus German Angst wird German Mut

Doch die Zeiten ändern sich. Zur German Angst gesellt sich dank des Internets ein neuer German Mut, den Politiker mit ihren gewohnten Mitteln nicht mehr zum Schweigen bringen können. Zweifelhafte Autoritäten werden jetzt als das entlarvt, was sie sind: aufgeblasene Luftballons, inhaltslose Hüllen mit empfindlicher Oberfläche, die durch ein paar gezielte Tweets zum Platzen gebracht werden können.

Dass für den seit fast sieben Jahren in der Psychiatrie festgehaltenen Whistleblower Gustl Mollath nun Aussicht auf eine Lösung besteht, ist auch ein Verdienst des Internets, dessen inzwischen tausendfache Stimmen sich nicht mehr mit Ausreden besänftigen lassen. Ob im Zuge der nun unvermeidlichen Wahrheitsfindung die bayerische Justizministerin Merk oder gar die gesamte bayerische Landesregierung zu Fall kommt, wird davon abhängen, wie schnell und überzeugend sie den Fall nun rückhaltlos aufklären.

Ausflüchte gibt es nicht mehr. Inzwischen arbeiten Hunderte oder gar Tausende Menschen im Netz am Fall des Gustl Mollath. Sie informieren sich, tragen Beweise zusammen, machen sich ein eigenes Bild. Steht ein neues Puzzleteil im Widerspruch zu schon gefundenen Tatsachen, monieren sie es lautstark und auf allen Kanälen im In- und Ausland. In einer beispiellosen Gemeinschaftsarbeit machen sie den Fall des Gustl Mollath im Netz unauslöschlich.

Liebe CSU, wie sagte schon Michail Gorbatschow: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!«, denn: WIR sind das Volk! Das noch von Franz-Josef Strauß installierte bayerische Amigo-System könnt Ihr also getrost endlich in die Tonne kloppen. Es wird der neuen Entwicklung nicht mehr standhalten.

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