Sonntag, 5. August 2012

133 »Ein Motor aus Stein?«

Teil 133 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Vorderseite von Santo Domingo
Foto: Martin St-Amant
Für die Inkas war Cuzco – offizielle Schreibweise Qosqo, »Zentrum« - der »Nabel der Welt«. Für mich ist Cuzco die schönste Stadt Südamerikas. Gern habe ich sonntags am Nachmittag in einem der vielen Cafés einen starken Espresso getrunken und eine gute Zigarre geraucht. Manchmal war ich von zahlreichen Schuhputzern umlagert, die alle nach und nach und immer wieder meine Stiefel poliert haben ... immer gegen einen bescheidenen Obolus ... So verlockend es auch sein mag, gleich nach Ankunft die Stadt zu erkunden: Man bedenke die Höhe – 3440 Meter über Normalnull. Am hilfreichsten ist der in jedem Hotel als Begrüßungstrunk angebotene Coca-Tee, der die Höhe erträglicher macht!

Leider haben die »kultivierten« Spanier vor Jahrhunderten gewütet wie die sprichwörtlichen »Berserker«. Ohne Skrupel haben sie vermeintlich »Wilde« in großer Zahl gefoltert und ermordet, haben sie gezielt sakrale Bauten der Inkas zerstört. Die Spanier bauten die verwüstete Stadt wieder auf. Sie nutzten häufig Inka-Fundamente, um darauf im kolonialspanischen Stil das neue Cuzco entstehen zu lassen. Beim Bau der Kirche Santo Domingo wurde massives Inkamauerwerk integriert.

Mauern aus der Inkazeit
Fotos: W-J.Langbein
Was die Inkas bauten, das überdauerte im Lauf der Jahrhunderte manches Erdbeben, so zum Beispiel das im Jahre 1650. Kolonialspanische Bauten wurden weitestgehend zerstört, die uralten Inkamauern blieben erhalten. Die jüngeren Gebäude, von den »zivilisierten« Spaniern errichtet, bestanden derlei Bewährungsproben meistens nicht. Die Baukunst der vermeintlich »Wilden« erwies sich immer wieder als standhafter.

Wer das ursprüngliche Qoso sehen will, nehme sich einige Tage Zeit ... und erkunde vor allem Nebensträßchen wie jene um den »Plaza de Armas«. Es ist ein eigenartiges Gefühl, als ob man einige Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit gereist sei ... besonders, wenn man Einheimischen in Landestracht begegnet.

Atahualpa wird überwältigt,
Bild: etwa 1800
Archiv Langbein
Nachdem die Spanier Cuzco eingenommen hatten, versuchten die Inkas ihre Metropole zurück zu gewinnen. Sie starteten eine gewaltige Großoffensive. 200.000 ihrer Krieger attackierten Cuzco unter Manco Ina ... und hätten die Spanier fast – aber eben leider nur fast – vertrieben. Zurück blieben unzählige Tote ... und eine verwüstete Stadt. Pizarro, der ehemalige Schweinehirt, blieb Sieger ... Dabei hätten die Inkas die goldgierigen Eindringlinge leicht überwältigen können. Atahualpa, der letzte Inkaherrscher, ermordet von den Spaniern am 26. Juli 1533 in Cajamarca, sandte den Spaniern Boten mit üppigen Geschenken entgegen.

Joachim G. Leithäuser (1) schreibt in seinem Werk »Ufer hinter dem Horizont«: »Er konnte nicht ahnen, was für eine Brut sich in seinem Reich einnisten wollte.« Pizarro lud Atahualpa in sein Feldlager ein. Atahualpa nahm an ... und erschien, begleitet von den Vornehmsten des Reiches. Der kultivierte Inka war den blutrünstigen Spaniern unterlegen. Die räuberischen Europäer suchten und fanden einen Anlass, den ahnungslosen Atahualpa gefangen zu nehmen.

Schwarze Inkamauer in der
Kirche Santo Domingo.
Foto oben: Håkan Svensson
(Xauxa), Foto unten:
Ingeborg Diekmann
Leithäuser (2): »Pizarro schickte den Dominikanerfrater Vincente de Valverde mit einem Dolmetscher zu Atahualpa. Der Mönch hielt eine kurze Ansprache und reichte dem Inka eine Bibel .... Valverde streckte den Arm aus, doch der Inka, solche Zudringlichkeit nicht gewöhnt, schlug ihm auf den Arm, öffnete das Buch, betrachtete es und ... warf es fort.« Der Dominikanerfrater zeterte (3): »Ich rufe euch, meine Brüder in Christo, auf, die Schmach zu rächen, die hier unserem heiligen Glauben angetan worden ist!« Es war eine geradezu groteske Szene: Die Spanier, die wie mörderische Bestien raubten und eine hochstehende Kultur auslöschten, beriefen sich auf's Christentum ...

Dann lief alles wie geplant (4): »Und nun brach die Hölle los. Trompetensignale, Kanonenschüsse, Berittene, die aus den Verstecken hervorstürmten, angreifendes Fußvolk ... Unter den Indianern entstand eine Panik, keiner setzte sich zur Wehr, zumal ihre Führer alle um den Inka geschart waren und Mann für Mann niedergemacht wurden. Binnen einer halben Stunde waren einige Tausend Eingeborene getötet, die anderen flohen, Atahualpa gefangen – Pizarro war der Herr des Inkareichs!«
Atahualpa wurde gefangen genommen. Ein gigantischer Goldschatz wurde als Lösegeld geliefert, Atahualpa aber dann doch nicht wie versprochen freigelassen. Vielmehr wurde ihm ein Scheinprozess gemacht und das von Anfang an feststehende Urteil gesprochen ... die Todesstrafe.

Atahualpa wurde auf dem Marktplatz öffentlich erdrosselt. Die christlichen Eroberer erwiesen sich als die wahren Barbaren der schlimmsten Sorte. Sie metzelten, plünderten, folterten, mordeten ... und fielen schließlich – wie sollte man es bei solchem Gesindel anders erwarten – auch übereinander her. Sie misstrauten einander. Keiner der »christlichen« Barbaren gönnte seinen Glaubensbrüdern die reiche Beute ...

Motor in Stein ..
Fotos: W-J.Langbein
Angesichts der Grausamkeit der spanischen Eroberer wundert es mich doch sehr, dass die Nachkommen der Inkas den Glauben der Mörder aus Europa angenommen haben. Meine Sympathie liegt, ich gebe es zu ... bei den »wilden« Inkas. Und so suchte ich stets auf meinen Reisen Spuren der einstigen Herrscher, aus Zeiten vor der spanischen Eroberung. Während Touristengruppen durch eine Kirche nach der anderen geführt wurden ... versuchte ich, hinter die Kulissen zu schauen. So gelangte ich auf der Rückseite der Kirche Santo Domingo hinter das Inka-Mauerwerk. Und als ich die schwarzen Inkasteine fotografierte ... sprach mich ein katholischer Geistlicher an.

»Wollen Sie sehen, was sonst kaum jemand zu sehen bekommt?«, fragte er mich in seltsam schwäbelnder Mundart. Der Mann hatte in Deutschland Theologie studiert ... und kannte mein Buch »Astronautengötter«. Zögernd folgte ich ihm. Dann zeigte mir der Gottesmann zwischen Hunderten von Bausteinen aus der Inkazeit ... zwei fast identische Plastiken, in harten Stein gemeißelt. »Sieht das nicht wie ein Motor aus?« fragte er mich, die Stimme zu einem Flüstern senkend.

Ich muss zugeben: Ich bin nach wie vor perplex. Was stellen diese beiden seltsamen Steinplastiken – von Inkas angefertigt – dar? Etwa tatsächlich einen Motor? Die beiden »Dinger« wirken technisch auf mich, wie eine motorbetriebene Töpferscheibe, zum Beispiel. »Die Inkas sollen den Motor gekannt haben?«, frage ich den Geistlichen. Er lacht verschmitzt. »Oder jemand hat ihnen einen Motor gezeigt ... und sie haben diese primitiven Kopien in Stein angefertigt ...« Ich will noch fragen, wer denn den Inkas einen Motor gezeigt haben soll. Der Theologe lacht nur ... und entschwindet mit wehendem Priesterrock.

Einer der »Motoren« von oben
Foto: W-J.Langbein
Ja ... Wer sollte den Inkas so etwas wie einen Motor gezeigt haben? Oder haben Steinmetze der Inkas nur in Stein gemeißelt, was ihre Vor-Vor-Vorfahren irgendwo gesehen haben? Aber ein Motor passt weder in die Zeit der Inkas, noch in die Epoche vor den Inkas ... wenn diese kuriosen Kunstwerke aus Inkazeiten ... überhaupt etwas Motorähnliches darstellen.

Wenn es nichts Technisches ist ... was dann? Ich frage mich: Dürfen wir Inkaplastiken mit unseren Augen sehen? Wir müssen es ... haben wir doch keine anderen!

Fußnoten1 Leithäuser, Joachim G.: »Ufer hinter dem Horizont«, Berlin 1968, S. 189
2 ebenda, Seite 190
3 ebenda, Seite 190

»Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«,
Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2012

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