Sonntag, 6. Mai 2012

120 »Hünengräber II«

»Riesengräber in Deutschland«,
Teil 120 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Gemeinden von Heiden (NRW) und Vauréal (Frankreich) haben etwas gemeinsam ... In ihren Wappen sind rätselhafte Monumente aus der Steinzeit zu sehen ... Hünengräber! Hünengräber?

Sie sehen aus wie von Riesenkindern aus unförmigen Steinquadern aufgetürmte Tische. Wuchtige Steinmonster bilden die »Beine«, ein gewaltiger Brocken stellt die Tischplatte dar. Im Volksmund werden sie seit Jahrhunderten »Hünengräber« genannt. Warum? Hat man riesenhafte Knochen gefunden? Das nicht. Aber die Menschen konnten sich nicht vorstellen, wie die fantastisch anmutenden Steinkonstruktionen mit normalen Kräften zusammengesetzt worden sein sollen. Da mussten Hünen – also Riesen – am Werk gewesen sein. Und da die tonnenschweren Riesensteintische einst unter Erdhügeln lagen ... stellte man sich vor, dass sie einst monströsen Riesen als Gräber gedient haben müssen.

Eines der Königsgräber von
Haaßel - Foto W-J.Langbein
Ich kann mich gut daran erinnern: Meine Frau und ich erkundeten die Lüneburger Heide mit dem Fahrrad. In Bad Bevensen erkundigten wir uns nach den steinzeitlichen »Königsgräbern von Haaßel«. »Die können Sie gar nicht verfehlen ... Halten Sie sich nördlich, fahren Sie nach Altenmedingen ... von dort aus geht es Richtung Niendorf! Sie liegen an der Straße ... Nicht zu übersehen!« Verfahren haben wir uns zunächst erst einmal doch. Und das lag am Begriff »Berg«. Manches Mal hieß es: »Fahren Sie geradeaus ... und dann vor dem nächsten Berg links ab.« Wie weit es wohl bis zu besagtem »Berg« sein würde? »30 Minuten mit dem Rad ...« Nach einer Stunde stellten wir fest, dass wir den vermeintlichen »Berg« unbemerkt überwunden ... ja gar nicht als »Berg« erkannt hatten.

Der Begriff »Hünengräber« ist frei erfunden. Hünen haben ebensowenig mit den steinernen Denkmälern zu tun wie Hühner. Und in den »Königsgräbern von Haaßel« wurden auch keine Könige bestattet. Auch dieser Fantasiename weist nur auf die staunende Bewunderung der Menschen für die gewaltigen Bauten hin. Heute ist es strittig, ob »Hünengräber« überhaupt Gräber waren. Selbst wenn man in ihnen menschliche Knochen gefunden hat, müssen sie nicht von den Erbauern der Denkmäler stammen.

Entstanden sind die »Königsgräber von Haaßel« vor rund 5500 Jahren, also in der Jungsteinzeit. Es erforderte einiges Knowhow, die Steinbrocken von beachtlicher Größe an Ort und Stelle zu schaffen. Da den Steinzeitmensch des vierten Jahrtausends vor Christi Geburt nur primitivstes Werkzeug zur Verfügung gestanden haben kann, muss man die Konstrukteure und Erbauer bewundern. Wie richtete man die Monolithen auf?

Noch ein Königsgrab von Haaßel
Foto: W-J.Langbein
Wie bugsierte man die in der Regel noch viel größere Steinplatte auf die wuchtigen Stützen? Und schließlich müssen riesige Berge von Erdreich bewegt worden sein, um die Steinkonstruktion unter einem künstlichen Hügel verschwinden zu lassen.

Endete der Großstein-Kult irgendwann – vor Jahrtausenden – abrupt? Und wenn ja, warum? Man hat mit großem Aufwand die »Steintische« mit künstlichen Erdhügeln verkleidet. Gerieten die begrabenen Steinkonstruktionen in Vergessenheit? Wie auch immer: Es dauerte Jahrtausende, bis Wind und Wetter die Erdhügel wieder beseitigt hatten, so dass die »Hünengräber« aus Stein wieder zum Vorschein kamen.

So rätselhaft die Hünengräber auch heute noch sind, so bedauerlich ist es ... dass die meisten dieser steinzeitlichen Meisterleistungen unwiederbringlich zerstört und abgetragen worden sind. Man bedenke: um 1850 waren allein im Landkreis Uelzen etwa 250 solcher Steinanlagen bekannt. Heute sind davon kaum mehr als zehn erhalten geblieben. Die übrigen 240 wurden mit zum Teil erheblichen Kraft- und Arbeitsaufwand zerstört und zerschlagen. Man verwendete die zerschlagenen Findlinge beim Bau von Straßen, Mauern und Fundamenten für Häuser. »Praktische« Nutzung als Steinbruch führte zur unwiederbringlichen Vernichtung uralten Kulturguts.

Rätselhafte Hünengräber in der Heide
Foto: W-J.Langbein
Ich habe erhebliche Zweifel an der Theorie, dass die »Hünengräber« als letzte Ruhestätte für besonders wichtige Persönlichkeiten dienten. Tatsache ist: Im zweiten Jahrtausend vor Christus bestattete man vornehme Tote in simplen Holz- oder Steingräbern. Man gönnte ihnen Schmuck, aber auch Waffen ... in ihren höchst bescheidenen unterirdischen Behausungen. Warum soll man Jahrtausende zuvor um ein Vielfaches aufwendigere Konstruktionen errichtet haben, um wichtige Tote in der letzten Ruhestätte zu betten?

Vor rund zwei Jahrtausenden wurde es noch schlichter: Die elbgermanischen »Fürsten« wurden nach ihrem Ableben kremiert. Ihre Asche wurde in Keramikgefäßen bestattet. Darüber wurden als Denkmäler kleine Hügelchen aus Erdreich aufgetürmt. Sollten die »Buckelgräber« der frühen nachchristlichen Zeit tatsächlich die jüngsten Nachfolger der »Hünengräber« sein? Wenn ja, und ich bezweifele das, gab es im Lauf der Jahrtausende keine Höherentwicklung vom Primitiven zum technisch Aufwendigeren, sondern umgekehrt von der Meisterleistung zum Einfachen, geradezu Simplen.

Als die »Hünengräber« vor fünf Jahrtausenden entstanden, bestimmte ein Eichenmischwald das Landschaftsbild. Auf dem nicht besonders fruchtbaren Boden gedieh auch die Birke gut. Die Erbauer der »Hünengräber« – wenn die emsigen Bauern denn wirklich die Erbauer waren – bestellten karge Felder. Ihre bescheidenen Höfe nährten bescheidene, anspruchslose Menschen.

Steintisch ... Grab ... steinzeitliches
Geheimnis - Foto: W-J.Langbein
Die Landschaft der Lüneburger Heide hat vor fünf Jahrtausenden wohl kaum anders als heute ausgesehen. Die Bauern hatten Gerste und Weizen auf ihren Feldern ... und Schafe, Ziege, Schweine und Rinder in den Stallungen.

Die meisten Hünengräber sind in den letzten Jahrhunderten verschwunden. Die jüngeren »Buckelgräber« trifft man noch häufiger an. Sie standen der wachsenden Landgewinnung für die Feldwirtschaft nicht so im Wege.

Wer hat die »Hünengräber« gebaut? Gab es vor Jahrtausenden so etwas wie eine gesamteuropäische Kultur, von der wir nicht erst seit der Finanzkrise weiter denn je entfernt sind? Schriftliche Zeugnisse aus jenen Zeiten gibt es keine. So wissen wir so gut wie Nichts über das Denken der damaligen Menschen. Auch wenn die meisten »Hünengräber« längst wieder verschwunden sind, so wissen wir Erstaunliches: »Hünengräber« wurden vor Jahrtausenden in ganz Europa gebaut: im Mittelmeerraum ebenso wie in den küstennahen Regionen Westeuropas bis hinauf nach Norddeutschland ... und weiter im Norden in Skandinavien!

Mit meiner Frau erkundete ich vor 30 Jahren die »Hünengräber« Norddeutschlands. Mit dem Fahrrad erfuhren wir die wunderschöne Lüneburger Heide, deren Geheimnisse bis heute nicht wirklich erforscht worden sind.

Ein Hünengrab in der Bretagne
Foto: W-J. Langbein
Jahre später kroch ich in den »Hünengräbern« der Bretagne herum ... und bewunderte die mysteriöse Kultanlage von Gavrinis ... einen bunkerartigen, schlauchförmigen Gang in einem pyramidenförmigen, künstlich aufgeschütteten Hügel. Mein Vater besuchte mit mir vor mehr als vierzig Jahren die Bretagne. Ich kann mich gut an einen kühlen Herbstabend erinnern. Mein Vater hatte sich bei einem alten Bauersmann nach dem Weg erkundigt, war ins Gespräch gekommen.

Und plötzlich führte uns der greise Franzose durch einen muffigen Hühnerstall ... durch eine Scheune in einen schmuddeligen Hinterhof. Fast an eines der bäuerlichen Gebäude angelehnt ... sahen wir einen stolzen Bau aus der Steinzeit, ein »Hünengrab« aus uralten Zeiten.

»Die anderen Bauern lachen ... « erklärte uns der alte Mann. »Sie verstehen nicht, warum wir diese Hinkelsteine nicht gesprengt und beim Stallbau vermauert haben!« Der Franzose wurde ernst. »Aber das verbietet doch der Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren! Mein Großvater hat es als Schande angesehen, die alten Bauwerke zu zerstören!«

Zur Erinnerung: Auch Gavrinis (Bretagne) ist so etwas wie ein »Hünengrab« ... das noch im Erdreich steckt. Solche oder ähnliche mysteriöse Hügel gab es einst zu Tausenden in ganz Europa.

Fallingbostel, Holzstich Ende
19. Jahrhundert
Archiv W-J.Langbein
Die »Hünengräber« der Lüneburger Heide – wie jene von Fallingbostel – sind nur noch so etwas wie Skelette der einstigen Sakralbauten. Welchem Zweck sie einst wirklich dienten, wir wissen es nicht. Wenn doch nur einer der Baumeister vor 5.000 Jahren Zeichen in die Megalith-Bauten geritzt hätte, die wir heute wie ein Buch lesen könnten. Es gibt aber keinerlei Aufzeichnungen aus jenen Tagen. So sind wir auf Vermutungen und Spekulationen angewiesen.

Die heutige Form der »Hünengräber« täuscht, führt in die Irre. Wir dürfen nicht vergessen: Sie waren nicht als überirdische Hinkelstein-Bauten gedacht. Sie waren als unterirdische Räume gebaut, als unterirdische »Bunker«. Es waren unterirdische Räume mit tonnenschweren Mauern und Decken ... gebaut für die Ewigkeit ... und keine Gräber im heutigen Sinne.

»Hünengräber III«,
»Höhlen, Hügel, Pyramiden«,
Teil 121 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13.05.2012



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