Samstag, 7. April 2012

116 »Geheimnisvolles Gavrinis«

Teil 1: Unterwegs zur Insel ...
Teil 116 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rätselhaft ist die Bretagne mit ihren Tausenden und Abertausenden von Menhiren. Wann wurden sie in die verträumte Landschaft gestellt? Gibt es Vergleichbares in anderen Gefilden unseres Globus?

Mysteriöse Bretagne - Foto W-J.Langbein
1991 machte der Luftbildarchäologe Otto Braasch beim Überfliegen von Goseck in Sachsen-Anhalt ganz zufällig eine interessante Entdeckung: Seltsame Verfärbungen im Boden deuteten auf eine uralte künstliche Struktur hin. Erst 1999 wurden gezielt Luftaufnahmen gemacht. Archäologische Untersuchungen (geomagnetische Messungen) und Ausgrabungen folgten in den nächsten Jahren. Am 21. Dezember 2005 konnte die vollständig freigelegte und mühsam rekonstruierte Anlage von Goseck der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Vor rund sieben Jahrtausenden muss die geheimnisvolle Anlage von Goseck einen wahrhaft imposanten Eindruck gemacht haben. Der Rundbau hatte einen Durchmesser von beachtlichen 75 Metern. Zwei konzentrische Kreise aus Tausenden etwa zweieinhalb Metern hohen wuchtigen Baumstämmen machten einen höchst wehrhaften Eindruck. Der Gesamtkomplex wurde von einem dreieinhalb Meter breiten und eineinhalb Meter tiefen Graben geschützt. Den Abschluss nach außen hin bildete ein massiver Erdwall.

Sollten die »Kreise« von Goseck die älteste Anlage Europas sein? Stonehenge jedenfalls ist jünger! Wesentlich jünger ist Stonehenge: Erst um 3100 v. Chr. entstand ein kreisförmiger Wall mit einem Durchmesser von 110 Meter und Holzbauten in der Mitte, ähnlich wie in Goseck. Erst rund zweieinhalb Jahrtausende später, um 2500 v. Chr. wurden die Holzbauten durch Steinbauten ersetzt. Staunenswerte Leistungen wurden vollbracht. So stammen die eingesetzten Blausteine aus einem etwa 380 Kilometer entfernten Steinbruch in den Preseli Bergen von Wales. Rätselhafter als die erstaunlichen Transporte der Kolossal-Steine von Stonehenge ist die lange Bauzeit. Stonehenge wurde um 3100 v. Chr. begonnen und etwa 1600 v. Chr. vollendet. 1500 Jahre lang wurde an der Anlage gebaut. So komplex wie sie ist, muss von Anfang an ein Bauplan vorgelegen haben. Wer hat ihn erstellt ... und wie? Die »primitiven Steinzeitmenschen« verfügten doch angeblich nicht über eine Schrift!

Mysteriöse Bretagne
Foto W-J.Langbein
Die Suche nach den ältesten Kultbauten Europas ... vielleicht der Welt ... führten mich nach Frankreich, in die Bretagne! Südlich von Kermario in Mirhiban wurde 1863 unter einem »Erdhügel« der Dolmen, das »Hünengrab« von Kercado, entdeckt und archäologisch untersucht. Beeindruckend ist der fast sieben Meter lange Gang in die eigentliche Grabkammer. Tonnenschwere Steinmonster bilden die Wände. Riesige Steinungetüme kamen als Deckenplatten zum Einsatz. Drei mal zwei Meter groß ist der Deckstein der Kammer. Wie mag man diesen Koloss befördert haben? Wie hat man ihn angehoben auf die massiven Wände gesetzt?

Die Anlage von Kercado war kein »Grab« nach unserem heutigen Verständnis. Sie wurde nicht erstellt, um einem einzelnen Menschen als letzte Ruhestätte zu dienen. Kercado war wohl eher so etwas wie ein Versammlungsort oder eine »steinzeitliche Kirche«. Archäologische Untersuchungen ergaben: Rund drei Jahrtausende lang wurde die mysteriöse Anlage genutzt ... für Riten welcher Art auch immer! Wann aber wurde Kercado gebaut? Mir scheint, dass der Kultbau immer älter wird, je gründlicher er untersucht wird. Ohne Zweifel ist Kercado aber deutlich älter als Stonehenge: 5830, vielleicht sogar 6600 Jahre!

Ganggrab von Kercado´
Foto Gerhard Haubold
Offen gesagt: Es stünde der Wissenschaft gut zu Gesicht, zuzugeben ... dass man nicht wirklich weiß, warum und zu welchem Zweck – zum Beispiel – Kercado gebaut wurde. Vorschnell bekommen solche Objekte Etiketten aufgeklebt. Ein steinzeitliches Denkmal kann ja nur einem unbekannten Kult gedient haben ...

Von Larmor-Baden fuhr ich mit der Fähre zum kleinen Inselchen Gavrinis. Dabei passierte ich das winzige, nur ein Zehntel Quadratkilometer »große« Eiland von Er-Lannic. Es birgt eines der vielleicht größten Mysterien unseres Planeten! 1923 entdeckte der Archäologe Zacharie Le Louzic einzelne Menhire auf dem kahlen Fleckchen steiniger Erde im Golf von Morbihan. Unberechenbare Strömungen machten einen Besuch der Steinriesen zum Risiko, Le Louzic aber ließ sich nicht abschrecken.

Mehrere Jahre lang untersuchte er die stehenden Steine von Er-Lannic ... und entdeckte immer mehr von den roh behauenen Steinbrocken. Einige waren wohl schon vor Jahrtausenden umgestürzt. Andere waren im Lauf der Ewigkeiten im Erdboden versunken. Und wieder andere ... standen oder lagen vor der Insel ... auf dem Meeresgrund! Le Louzic machte eine sensationelle Entdeckung: Der »Steinkreis« von Er-Lannic ist in Wirklichkeit eher eine riesige »Acht«, von der nur ein kleiner Teil zu sehen ist. Nur ein knappes Drittel der massiven Steine, die diese Formation (in Gestalt einer 8!) bilden, steht heute auf der Insel ... der Rest auf dem Meeresgrund!

Geheimnisvolles Er-Lannic: Fotos W-J.Langbein
Am Titicaca-See, bei den Sillustani-Türmen (Peru), sah ich im staubigen Wüstensand eine ähnliche Formation. Auch dort formieren zwei Steinkreise eine liegende Acht. Die »Acht« von Er-Lannic besteht aus zwei »Nullen«. Die nördliche hat einen Durchmesser von 65 Metern, die südliche ist geringfügig kleiner (Durchmesser 61 Meter). Der nördliche Kreis wird aus Monolithen von zweieinhalb bis fünf Metern Höhe gebildet. Wo sich beide Kreise der »Acht« berühren, erhob sich einst ein Monolith von immerhin sieben Metern Höhe. Eine archäologische Untersuchung einiger dieser Menhire ergab, das sie in einem Fundament aus kleineren Steinbrocken und Erde aufgestellt wurden ... Die zentrale Frage aber lautet: Wann soll das geschehen sein? Und zu welchem Zweck?

Kultautor Jacques Bergier gab mir schmunzelnd eine Antwort: »Diese ›Achten‹ stellen die Augen der großen Muttergöttin dar!« Auch Harald Braem, Direktor eines »Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung und Professor für Kommunikation und Design, geht von einer Ur-Kultur der Muttergöttin aus. Er verweist auf die häufig anzutreffende heilige »Acht« (1):

»Die Form der Kultanlage Er-Lannic gleicht aus der Luft gesehen haargenau den achtförmigen Ringwällen von Tara. Später stellte ich fest, dass die Konstruktion von Doppelkreisen kein Zufall ist, sondern wohl einem in der Megalithkultur weit verbreiteten Gestaltungsprinzip entspricht: Die riesigen Steinkreise von Avebury in Südengland, weitere bei Stonehenge und bis nach Schottland hinauf sowie vergleichbare Kultanlagen in Norddeutschland, Frankreich, Spanien und auf den Kanarischen Inseln folgen dem gleichen Prinzip, das manche Wissenschaftler scherzhaft ›die Augen‹ oder die ›Brille der Großen Göttin‹ nennen.«

Sillustani- Steinkreise
Foto W-J.Langbein
Man kann ja davon ausgehen, dass jene Menhire, die heute unter Wasser stehen, nicht von Tauchern aufgestellt wurden. Die »Acht« von Er-Lannic muss also erstellt worden sein, als die kleine Insel größer war ... also als der Meeresspiegel deutlich tiefer lag. Der Meeresspiegel muss sich inzwischen um mindestens fünf Meter gehoben haben! Es ist richtig, dass bei Ebbe der Meeresspiegel tiefer liegt. Dann ist auch mehr von der »Acht« zu erkennen als bei Flut. Aber auch bei Ebbe liegt ein großer Teil der Steine der mysteriösen Formation unter Wasser! Wann also lag der Meeresspiegel tief genug, damit alle Menhire von Er-Lannic im Trockenen aufgestellt werden konnten? Vor 10.000 Jahren? War damals Er-Lannic noch mit dem Festland verbunden? Konnten die Bewohner der Bretagne damals die heutige Insel Er-Lannic trockenen Fußes erreichen? War also das Eiland Teil des Festlandes? Die Menhire der Bretagne und jene von Er-Lannic wurden von den gleichen Baumeistern installiert!

Wir wissen so gut wie nichts über die einstigen Bewohner von Er-Lannic. Archäologen entdeckten auf dem winzigen Eiland einen vorzeitlichen Friedhof und einige »Kultplätze« mit »Altären«. Einst sollen auf ihnen zu Ehren der Götter heilige Feuer entzündet worden sein. Bedenkt man, wie klein die Insel ist, so mutet es verblüffend an, wie viele steinzeitliche Werkzeuge entdeckt wurden. 15.000 Feuersteinsplitter, die eindeutig bearbeitet worden sind, weisen auf emsiges Treiben hin. Dienten sie einst als Schaber oder Messer? Besondere Beachtung verdienen die 421 Steinklingen, 152 glatt polierten Beile (ganz oder bruchstückhaft erhalten) und 150 Mahlsteine, die von sorgsam arbeitenden Archäologen registriert wurden!

Vor Jahrtausenden muss es durch beträchtliche Klimaerwärmung zum Ansteigen des Meeresspiegels gekommen sein. Wie war das möglich, ohne das frevlerische Wirken von C02 erzeugenden Automobilisten unserer Tage?

Fußnote
1 Braem, Harald: »Magische Riten und Kulte/ Das dunkle Europa«, Stuttgart 1995, S. 102

2012 - Endzeit und Neuanfang - Buch von Walter-Jörg Langbein jetzt lesen!

»Geheimnisvolles Gavrinis«,
Teil 2: Das mysteriös »Grab«
Teil 117 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15.04.2012


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