Dienstag, 3. April 2012

Buchtipp: »Die toten Frauen von Juárez« von Sam Hawken

Die toten Frauen
von Juarez
Aus langer Tradition heraus pflegen die Mexikaner ein besonderes Verhältnis zum Tod. Jährlich am Día de los Muertos (Tag der Toten) trifft man sich auf den Friedhöfen und feiert rauschende Feste im Gedenken an die Verstorbenen. Auch in die Volkskunst hat der Knochenmann Eingang gefunden und gehört zu den meist verarbeiteten Motiven mexikanischer Künstler überhaupt. Zur Entwicklung dieser Akzeptanz des Todes mag die Natur beigetragen haben, die sich in Mexiko oft erbarmungslos zeigt: Sengende Sonne, Wüsten, Dschungel und eine starke Erdbebengefährdung erinnern die Mexikaner ständig an die Präsenz des Todes. Hinzu kommen menschengemachte Probleme wie die hohe Bevölkerungsdichte, die Luftverschmutzung und eine in weiten Kreisen grassierende Armut: Viele Faktoren, auf die der Einzelne kaum Einfluss nehmen kann, zehren an seinen Lebenskräften und nähren seinen Fatalismus: Was geschieht, das geschieht eben.

Obwohl die mexikanische Kultur von Lebensfreude durchdrungen ist, sind die Schatten allgegenwärtig, besonders in Städten wie der Grenzstadt Ciudad de Juárez, deren urbanes Leben von Gewalt, Drogensucht und Armut geprägt ist. Sam Hawken ist es in seinem meisterhaften Krimi »Die toten Frauen von Juárez« gelungen, ein Lebensgefühl einzufangen, welches das Dasein von Millionen von Menschen Tag für Tag prägt. Ein Lebensgefühl, in dem das spurlose Verschwinden Hunderter oder gar Tausender Frauen ein trotziges kollektives Schulterzucken auslöst und Angehörige von Gott und der Welt verlassen mit ihrer hilflosen Trauer und Wut alleine sind.

Ein Ort, wie geschaffen für einen gestrandeten Gringo wie Kelly Courter, der sich als gescheiterter, drogenabhängiger Boxer regelmäßig für Geld zusammenschlagen lässt. Erträglicher wird sein Dasein durch Lebensgefährtin Paloma, die seinen zeitweisen Totalabsturz jedoch nicht verhindern kann, zumal auch sie eines Tages spurlos verschwunden ist. Werden der vom Leben gezeichnete Captain Rafael Sevilla und der junge Polizist Enrique Palencia es schaffen, das Schicksal der toten Frauen von Juárez aufzuklären?

Sam Hawken bedient sich bei der Schilderung der Geschichte einer atemberaubenden Sprache und erweckt seine gut beobachteten Skizzen des mexikanischen Alltags mit klaren Worten zum Leben, ohne dabei jemals ins Gewöhnliche abzugleiten. Hierzu tragen auch die immer wieder eingestreuten spanisch-mexikanischen Redewendungen bei, die nicht übersetzt wurden. Ihre Bedeutung erschließt sich auch dem des Spanischen nicht mächtigen Leser mühelos aus dem Zusammenhang.

Mein Fazit: Hawken hat mit »Die toten Frauen von Juárez« mehr als einen gewöhnlichen Krimi geschaffen. Er vollbringt es, seine Leser in das archetypische Wesen einer fremden Kultur eintauchen zu lassen und trotz aller geschilderten Grausamkeit den speziellen Charme und unbeugsamen Stolz der faszinierenden mexikanischen Mentalität spürbar zu mache. Ein Top-Lesetipp! 
(Ursula Prem) 





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