Sonntag, 18. März 2012

113 »Das Geheimnis der steinzeitlichen Schienen«

Teil 113 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


In Maltas Unterwelt. Historische
Aufnahme um 1910.
Archiv W-J.Langbein
Mit ganzer Kraft treibt der Arbeiter seinen schweren Eisenpickel in den Kalkstein. Wieder lösen sich Brocken, die er mit den Händen aus dem wachsenden Loch hebt. Wieder schlägt er mit seinem wuchtigen Eisenhammer zu. Seltsam hohl klingt es. Und plötzlich tut sich ein Spalt im Boden auf. Der Eisenpickel entgleitet den Händen des Arbeiters, verschwindet im Spalt und schlägt nach einigen Sekunden auf. Sekunden später gibt der Boden nach, der Arbeiter stürzt in die Tiefe. So wurde das mysteriöse unterirdische Hypogäum von Malta entdeckt ... beim Ausgraben eines Brunnens.

Ernst von Hesse-Wartegg (1851 oder 1854-1918), »Geheimer Hofrat und Generalkonsul« war österreichischer Diplomat ... und Weltreisender in Sachen »Wunder der Welt«. Ausführlich berichtet er über die Unterwelt von Malta (1): »Die Behörden übernahmen nunmehr die Beseitigung der Schuttmassen, die sich im Laufe der Jahrtausende hier angesammelt hatten, und so wurde in einer Tiefe von mehreren Metern ein Netz von Kammern, Hallen und Gängen freigelegt, die sich über einen Raum von nahezu einem Hektar ausdehnen.«

Bewundernd stellt von Hesse-Wartegg fest (1): »An einer Stelle liegen zwei derartige künstliche Höhlen sogar übereinander, durch eine steile Treppe verbunden. Die ganze Anlage ist viel sorgfältiger ausgeführt als etwa die Katakomben von Rom und zum Teil sogar künstlerisch ausgeschmückt. Die natürliche Felsendecke der meisten Räume ... war ursprünglich rot übermalt, jene der innersten Kammer zeigt sogar aufgemalte Schneckenlinien, Kreise und Scheiben.«

Die rote Deckenbemalung, aber auch die aufgemalten Symbole sind typisch für einen matriarchalischen Kult um die große Muttergöttin. Auch wenn den Erbauern der unterirdischen Welt nur primitivste Werkzeuge – Steinbeile und Feuersteinmeißel – zugebilligt werden ... so arbeiteten sie doch mit unglaublicher Präzision. Von Hesse-Wartegg (2): »Die natürlichen Felswände, welche die einzelnen Kammern voneinander trennen, sind mitunter bis auf Fingerdicke zugehauen worden.«

Welchem Zweck mag ein Wasserbecken in einem der unterirdischen Räume gedient haben? Auch wenn alles auf einen Kult um die »heilige Muttergöttin« hinweist, so wissen wir doch nichts über die Rituale der alten Religion. Mussten sich Pilger im Wasserbecken waschen, bevor sie ins Allerheiligste vorgelassen wurden? Durften sie erst dann die Göttin besuchen? Oder waren es die Priesterinnen, die sich im Becken waschen mussten, bevor sie ihren Dienst antreten duften?

Mysteriöses Wasserbecken.
Historische Aufnahme um 1910.
Archiv W-J.Langbein
Was von Hesse-Wartegg noch nicht wusste: die Unterwelt von Malta war mit einem erstaunlichen akustischen System ausgestattet. Worte, die in ein muschelförmiges Loch in der Wand gesprochen werden ... hallen in anderen Räumen gespenstisch wider. Ob es ein bis heute nicht erforschtes Röhrensystem im Stein gibt, das die Schallwellen weiterleitet? Welchen Zweck erfüllten diese steinzeitlichen Klangwelten? Sollten sie etwa geschaffen worden sein, um naive Pilger zu beeindrucken? Sollten die Besucher in der Unterwelt rätselhafte Stimmen vernehmen, die scheinbar aus dem Inneren der Wände aus gewachsenem Fels kamen?

Erich von Däniken mutmaßt (3): »Ich nehme an, man kann es freilich nicht sehen, dass sich im Fels Hohlräume verzweigen, die die Rufe weiterleiten und an anderen Stellen wieder in den Raum freigeben.«

Vor Jahrzehnten war das Hypogäum von Malta allenfalls ein Geheimtipp ... heute ist es ein touristisches Highlight! Die Altertumsbehörde hat vor Jahren beschlossen, nur noch wenige Besucher zuzulassen. Täglich dürfen nur noch siebzig Menschen in die unterirdischen Räume steigen ... um die Jahrtausende alte Anlage zu schonen. Sie wurden nicht drei Stockwerke tief in die felsige »Unterwelt« gemeißelt, um tagtäglich von tausenden Touristen besucht zu werden.

Einst ein Geheimtipp, heute
Tourismusattraktion. - Historische
Aufnahme um 1910.
Archiv W-J.Langbein
Wind und Wetter, aber auch den Füßen unzähliger Touristen ausgeliefert ist ein weiteres Rätsel von Malta. Ernst von Hesse-Wartegg erwähnt es mit keinem Wort. Die Jahrtausende haben dem steinzeitlichen Schienensystem schon arg zugesetzt. Jahrhunderte lang wurde es mutwillig zerstört: beim Straßenbau ebenso, wie bei der Erschließung neuen Baulands. Und unzählige Besucher trampeln darüber hinweg. Worüber?

Stellen Sie sich vor, Malta war vor Jahrtausenden von einem verzweigten Schienennetz überzogen. Stellen Sie sich vor, man konnte vor Jahrtausenden mit einem »Eisenbähnchen« kreuz und quer auf der Insel herumfahren. Die Schienenstränge hat man in den gewachsenen Fels eingelassen ... und dann irgendwann wieder entfernt. Zurück blieben dann Rillen im gewachsenen Stein. Stellen Sie sich weiter vor, dass man irgendwann vergessen hat, dass es einst ein Gleissystem auf Malta gegeben hat. Dann steht man vor den unzähligen Rillen im Stein vor einem Rätsel.

Kehren wir aus dem Reich der Fantasie in die Realität zurück: Natürlich wurde Malta vor Jahrtausenden nicht von steinzeitlichen Jim Knopfs und Lukas' per Lokomotive befahren. Natürlich gab es vor Jahrtausenden kein Schienensystem. Aber: Vor rund 5.000 Jahren wurden seltsame Rillen in den Stein gefräst ... und das immer paarweise.

Schienen von Malta.
Foto: W-J.Langbein
Bray Warwick datiert im »Lexikon der Archäologie«, Stichwort Malta, die seltsamen Spuren so (4): »Gegen 3200 v.Chr. kamen weitere Einwanderer aus Sizilien auf die Insel In der Zeit von etwa 2800 bis 1900 v.Chr. Errichteten sie eine erstaunliche Anzahl von Megalith-Tempeln.. In diese Zeit gehören auch die seltsamen ›Wagengeleise‹.«

Die Einheimischen nennen die seltsamen Spuren »cart ruts«, also Karrenspuren. Ist das die Erklärung für das »Geheimnis der steinzeitlichen Schienen«? Waren vor Jahrtausenden Fuhrwerke auf Malta unterwegs, deren Räder die seltsamen Rillen erzeugten? Diese simple Antwort scheint zu überzeugen, hält aber einer Überprüfung nicht stand.

Mehrfach war ich auf Malta. Insgesamt habe ich mehrere Tage »cart ruts« vermessen. Die tiefsten »Geleise« waren 72 Zentimeter tief. Eine solche Rille würde ein Rad mit einem Durchmesser von mindestens 144 Zentimetern voraussetzen. Ein Wagen auf solchen Riesenrädern wäre höchst unpraktisch. Außerdem verlaufen die »Geleise« sehr häufig in Kurven. Sie könnten mit Wagen auf größeren Rädern gar nicht befahren werden. Außerdem ist es unsinnig anzunehmen, die Fuhrwerke wären immer exakt auf den gleichen Bahnen gefahren ... um nach und nach die tiefen Rillen zu erzeugen.

WJL beim Vermessen von
Cartruts - Foto: Ilse Pollo
Nehmen wir trotzdem an, dass die Geleise von Karren oder Wagen erzeugt wurden. Motoren gab es vor Jahrtausenden noch nicht. Also müssen Wagen von Tieren – etwa von Rindern oder Pferden – gezogen worden sein. Wenn nun die Wagen immer exakt die gleichen Bahnen befuhren und so Rillen erzeugten ... müssen die Zugtiere immer die gleichen Wege benutzt haben. Wenn die Räder so tiefe Spuren hinterlassen haben ... wo sind dann die Spuren der Zugtiere? Es gibt sie nicht.

Fußnoten
1 Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1912/1913, Band II, S.264
2 ebenda
3 Däniken, Erich von: »Prophet der Vergangenheit«, Düsseldorf und Wien 1979, S. 127
4 Warwick, Bray und Trump, David: »Lexikon der Archäologie«, 2 Bände, Reinbek bei Hamburg 1975

Lesetipp: Erfahren Sie mehr über die ungelösten Rätsel der Menschheit in den Büchern von Walter-Jörg Langbein!

»Ein ungelöstes Rätsel«,
Teil 114 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.03.2012


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