Freitag, 20. Januar 2012

Made in Germany – die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Das Gütesiegel »Made in Germany« war lange Zeit ein Garant für das, was in aller Welt als deutsche Wertarbeit bekannt war. Noch heute zieht es seinen Nimbus aus den Leistungen vergangener Jahrzehnte und ist ein eindeutiges Verkaufsargument: Wenn »Made in Germany« draufsteht, dann handelt es sich selbstverständlich um eine qualitativ hochwertige, langlebige Ware, so der allgemeine Konsens. Dass das Siegel inzwischen auch dann vergeben wird, wenn eine Ware zu 90 % im Ausland gefertigt und in Deutschland nur abschließend bearbeitet wurde, ist allgemein wenig bekannt. Da schrecken Pläne der EU-Kommission auf, die das nationale Gütesiegel nur noch erlauben wollen, wenn eine Ware zu mindestens 45 % aus dem angegebenen Land stammt. Eigentlich logisch. Und eher das Minimum dessen, was man erwarten kann, wenn »Made in XY« draufsteht. Wer will schon Erdbeermarmelade kaufen, die aus Rhabarber besteht?  

Ich jedenfalls fände es prima, wenn der Etikettenschwindel aufhört. Lieber ein ehrliches »Made in China«, als ein verdruckstes »Made in Germany«, das fast nur noch auf den Importeur hinweist. Zumindest würde so das allgemeine Bewusstsein dafür ansteigen, wo all die Arbeitsplätze abgeblieben sind, die hierzulande so schmerzhaft fehlen.


Ist »Made in Germany« angesichts der Globalisierung noch brauchbar?

Kann es nicht eigentlich egal sein, wo eine Ware gefertigt wurde? Brauchen wir nationale Gütesiegel, die künstlich diejenigen Grenzen aufrecht erhalten, die mit dem Wegfall vieler Handelsbeschränkungen niedergerissen wurden? Ich meine: ja. Wir brauchen sie. Und zwar noch so lange, wie nennenswerte Unterschiede zwischen Steuer- und Sozialsystemen bestehen. Wollen wir uns durch ein zwielichtig verwendetes »Made in Germany« wirklich vorgaukeln lassen, dass eine Ware ihren Preis wert sei, weil sie scheinbar unter Einhaltung deutscher Sozialstandards gefertigt wurde, wenn sie in Wirklichkeit von asiatischen Kindern in Billiglohnländern zusammengeschraubt wurde und sei es auch nur zu 90 %? Wir brauchen aussagekräftige nationale Herkunfssiegel sogar dringender als jemals zuvor. Wir brauchen sie nicht zur Pflege von Nationalstolz, sondern eher wie Beipackzettel, der uns über die Risiken und Nebenwirkungen informiert, die das Produkt und sein Preis auf das Wirtschaftsgefüge der Welt haben wird.


»Made in Germany« erlebt einen Bedeutungswandel ...

Wenn eine Ware zu 90 % in einem anderen Land gefertigt wurde und als »Made in Germany« bezeichnet wird, dann ist das Etikettenschwindel, auch dann, wenn diese Vorgehensweise bisher legal ist. Legal ist bekanntlich immer das, was die stärkste Lobby bei unseren zahnlosen Gesetzgebern durchdrücken kann. Vielleicht ist »Made in Germany« inzwischen auch einfach anders gemeint: Made im Sinne einer alles zerfressenden Insektenlarve? Ist bei uns bildlich gesehen der Wurm drin? Leben wir nicht schon längst wie die Maden im Speck, auf Kosten von Billiglohnländern, die das von uns Benötigte zu Dumpingpreisen produzieren, unter Missachtung auch nur der mindesten Arbeitsschutzmaßnahmen? Damit zumindest die Zwischenhändler nicht verarmen, klatscht man eben das Logo »Made in Germany« drauf und verlangt einen höheren Preis. Fakt ist: Soll »Made in Germany« künftig noch etwas anderes bedeuten als eine Hauptspeise für gestrandete Dschungelcampbewohner, dann wird es allerhöchste Zeit, dass wieder höhere Maßstäbe an die Verwendung nationaler Gütesiegel angelegt werden.


Quelle: Morgenpost


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