Sonntag, 28. August 2011

84 »Das Orakel in der Wüste«

Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fata Morgana oder Ruine in der
Wüste -  Foto: W-J.Langbein
Flimmernd zittert die Luft über dem Wüstenboden. Es ist später Nachmittag ... das Licht verändert sich scheinbar von Augenblick zu Augenblick. Der harte, von der Sonnenglut verbrannte Staub scheint zu glimmen. Und am Horizont taucht plötzlich im Wüsteneinerlei so etwas wie eine Fata Morgana auf. Aber die hügelige Erhebung ist ebenso real wie das Mauerwerk, das vor vielen Jahrhunderten geschaffen wurde.

An einem »freien« Nachmittag bin ich von Lima, der peruanischen Metropole, mit dem Taxi über teilweise kaum noch als solche erkennbare »Straßen« nach Pachacamac gefahren. Pachacamac ist ... war einst eine riesige Anlage. Als die Inkas das Pilgerzentrum eroberten, hatte es schon eine Geschichte von mindestens eineinhalb Jahrtausenden hinter sich.

Im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte habe ich Pachacamac mehrere Besuche abgestattet. Ich habe stundenlang die immer noch weiträumigen Überreste des einstigen Kultzentrums zu Fuß umrundet und bin fasziniert vom großen Mysterium Pachacamac. Leicht gerät man ins Träumen und sieht märchenhafte Dinge. Es kommt mir so vor, als würde der graubraungelbe Wüstenboden etwas gebären.

Ruinen wachsen aus dem Boden
Foto: W-J.Langbein
Aus kleinen Hügelchen wachsen Mäuerchen. Sie kriechen empor und werden sich im Verlauf der nächsten Jahrhunderte in stolze Gebäude verwandeln. Oder erlebe ich, wie stolze Mauern aus uralten Zeiten, aufgetürmt aus an der Sonnenglut gebackenen Steinen, wieder mit der Wüste verschmelzen? Ehre, wem Ehre gebührt! Es sind Archäologen, die im glühenden Wüstenboden Verfallenes zu neuem Leben erwecken. In mühseliger Arbeit rekonstruieren sie Mäuerchen, trotzen staubigen Hügeln uralte Wände wieder ab ... die nach und nach erkennen lassen, wie Pachacamac wohl einst ausgesehen haben mag. Allerdings ist, wie einer der führenden Inka-Experten, Miloslav Stingl, konstatiert (1), »ein Teil der Ruinen aus der späteren Inka-Zeit restauriert worden«.

Pachacamac war keine Wohnstadt, sondern ein religiöses Zentrum. Pachacamac war das Orakel der Wüste, das schon vor Jahrtausenden im fernen Peru Menschen anlockte wie »unser« europäisches Delphi. Hier regierte Pachacamac, der »Herr der Welt, der die Ordnung und den Gang der Dinge, die Gesetze der Welt und des Weltalls bestimmt« (2). Hier herrschte Frieden in einer neutralen Zone. Mag man sich sonst auch bekriegt haben, in Pachacamac ruhten die Waffen.

Der Sonnentempel der Inkas
Foto W-J.Langbein
Die Inkas respektierten Pachacamac. Gewiss, sie akzeptierten nicht, dass ihr Inti und der Gott Pachacamac identisch sein könnten. Aber sie ließen Pachacamacs Anhänger gewähren ... und blieben selbst ihrem Inti treu. Mir scheint: Beides waren verschiedene Namen eines Schöpfergottes ... Der alte Pachacamac-Kult bestand fort, sie erbauten aber noch ein weiteres Sakralgebäude: den Sonnentempel. Dieser wohl eins mächtige Komplex ist bis heute nur zu einem kleinen Teil rekonstruiert worden. Seine einstige Größe kann nicht einmal mehr erahnt werden. Offenbar hatte der Sonnentempel einst die Form einer Stufenpyramide mit fünf Plattformen. Für Diener und hochrangige Besucher, so meinen Archäologen feststellen zu können, gab es separate Eingänge.

Direkt vor dem Sonnentempel gab es offenbar so etwas wie einen Warteplatz für die Pilger. Bei Ausgrabungen wurden Löcher im Boden erkannt, in denen einst hölzerne Pfosten standen. Sie trugen vermutlich ein Dach, um die Pilger vor Sonne, Wind und Wetter zu schützen. Wie so oft sind wir auf Mutmaßungen und Spekulationen angewiesen.

Der Tempel von Pachacamac war das Mekka des Alten Peru. Jeder Anhänger des mächtigen Gottes sollte mindestens einmal im Leben die heiligen Stätten aufsuchen. Die Pilgerströme aus nah und fern brachten kostbare Opfergaben, auch aus Gold und Silber, in die altehrwürdigen Gemäuer. Es wurde ein riesiger Tempelschatz gehortet. Und es wurde viel in die Bauwerke investiert. Kein Zweifel: Pachacamac war sehr reich! Weite Regionen der Küste zahlten nicht in Cuzco, der Hauptstadt des Reiches, sondern in Pachacamac ihre Steuern. Selbst nach der Unterwerfung des Inkareiches wurden aus weit entfernten Regionen Abgaben nach Pachacamac gebracht. So verwundert es nicht, dass in einer Chronik aus der Zeit der Eroberung festgestellt, dass Pachacamac größer als selbst Rom gewesen sei.

Die Pyramide mit der Rampe
Foto: W-J.Langbein
Das weckte Begehrlichkeiten bei den Spaniern, die sich aufmachten, um das uralte Heiligtum zu plündern. Trotz reicher Beutezüge hofften die Spanier, noch »erfolgreicher« sein zu können. Sie folterten auf grausamste Wiese, um Hinweise auf geheime Verstecke zu erhalten.

Miloslav Stingl (3): »Zum Glück bekamen die Priester der Orakelstätte Wind von dem Feldzug der Spanier nach der heiligen Stadt, so dass sie den Hauptteil des Tempelschatzes rechtzeitig im Sand der Küstenwüste vergraben konnten. Aber auch das wenige, was in der Orakelstätte von Pachacamac übrig geblieben war, genügte Pizarros Raubgesellen. Sie erbeuteten in dem Tempel über 650 Kilogramm goldene Gegenstände von nie gesehener Schönheit und 16.000 Unzen Silbersachen.«

Und so wartet noch heute ein riesiger Schatz auf seine Entdeckung ... vermutlich zwei bis drei Tonnen (!) Gold und Silbersachen! Gold sahen die Inkas als »Schweißperlen der Sonne«, Silber als »Tränen des Mondes« an. Gold und Silber aber waren für die Inkas nicht der wirkliche Schatz. Die vierzehn Königsmumien galt es vor allem zu verteidigen ... doch vergeblich. Die Spanier plünderten die heiligen Tempel der Inkas, stampften edelste Arbeiten aus Gold und Silber ein. In Barrenform gegossen wurde die Beute nach Europa geschickt.

Der Mondtempel von
Pachacamak - Foto: W-J.Langbein
Die Spanier begnügten sich nicht damit, materielle Güter zu rauben. Sie zerrten auch die Königsmumien der Inkas aus ihren Gräbern und verbrannten sie öffentlich. So demonstrierte das »christliche Europa« seine Überlegenheit über das »heidnische Inkareich«!

Schon lange bevor die Inkas zur Großmacht im heutigen Südamerika aufstiegen, wurde das Orakel von Pachacamac befragt. Die Menschen nahmen strapaziöseste Märsche auf sich, um dem Orakel Fragen über die Zukunft zu stellen. Es gibt keine Überlieferungen, wie erfolgreich oder erfolglos das Orakel war. Offenbar warnte es aber nicht vor der Eroberung durch die Inkas. Auch die Inkas befragten das Orakel, als die »christlichen« Eroberer anrückten ... und wurden beruhigt. Sie würden, so wurde ihnen verkündet, die goldgierigen Fremden besiegen. Die Geschichte nahm, wie wir wissen, einen anderen Verlauf.

Besuche beim Orakel waren alles andere als Stippvisiten. Nach oft lebensgefährlicher Anreise folgte die intensive Vorbereitung des Pilgers. Priester leiteten die Pilger an. 90 Tage dauerte die Vorbereitungszeit. Es wurde gefastet. Und der Pilger musste aus seiner alltäglichen in eine spirituelle Welt geführt. Erst dann durfte er sich dem Orakel nähern. Wir wissen nicht, ob es so etwas wie ein Allerheiligstes gab. Wir wissen nicht, ob jeder Pilger bis zur Gottheit vorgelassen wurde ... oder ob dieser direkte Kontakt nur den Priestern erlaubt war.


Pachacamac selbst
Foto: W-J.Langbein
Bei Ausgrabungen in Pachacamac wurden erstaunlich gut erhaltene, gewebte Teppiche mit geheimnisvollen Motiven gefunden. Im Wüstenboden blieb auch ein hölzerner »Totempfahl« erhalten. Er hat – wie Janus – zwei Gesichter, blickt also in die Vergangenheit und in die Zukunft. Handelt es sich bei dem altehrwürdigen Objekt um das einstige Heiligtum von Pachacamac ... vielleicht gar um eine Darstellung der Gottheit selbst?

Übrigens: Pachacamac, der mächtige männliche Gott, war nicht allein! Seine Partnerin war Pachamama, auch Mama Pacha genannt. Sie soll ein weiblicher Drachen gewesen sein und war als Göttin der Fruchtbarkeit für Aussaat und Ernte verantwortlich ... und für Erdbeben!

Wie man Pachamama übersetze ... da gehen die Meinungen auseinander: »Mutter Erde« wird häufig verwandt, aber auch »Mutter Welt«. Das Wort »pacha« machte offenbar eine Entwicklung durch ... und soll zuletzt »Kosmos« und »Universum« bedeutet haben. Zuletzt? Oder war Pachamama in Wirklichkeit eine jener Urmütter, die vor dem Einsetzen des Patriarchats Himmel und Erde regierten?

Als der Katholizismus im einstigen Inkareich verbreitet wurde, war der neue Glaube für die Nachfahren der einst mächtigen Inkas so fremd nicht. Vertraut war ihnen die von den katholischen Priestern so verehrten Mutter Gottes Maria! War das nicht ihre Pachamama? Und so lebt Pachamama auch heute noch weiter, allen missionarischen Bemühungen zum Trotz ... als Himmelskönigin Maria!



Fußnoten
1 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, 2. Auflage, Leipzig 1990, S. 210
2 ebenda
3 ebenda, S.211 und 212

Weiterführende Literatur
4 Kurella, Doris: »Kulturen und Bauwerke des Alten Peru«, Stuttgart 2008
5 Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam/ Von Götterbergen und Geisterstädten, von Zyklopenmauern, Monstern und Sauriern«, München 1996, S.282 und S.283
6 Squier, George: »Peru/ Incidents of Travel and Exploration in the Land of the Incas«, New York 1877, Seiten 71, 149 und 150

»Der Lebensbaum in der Wüste«,
Teil 85 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.09.2011


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Samstag, 27. August 2011

Sylvia B. »der tiger am gelben fluss«

Illustration: Sylvia B.
zu meiner zeit

damals dachte ich
dass sie es sei

waren die sprüche
des ollen mao
voll hipp

den
den ich am liebsten mochte
war der
von dem tiger
auf dem man nicht reiten sollte
weil es sonst sein konnte
dass man von ihm
gebissen wird

es müssen alle
fürchterlich gezittert haben
wenn ich den spruch
abgelassen habe
aber so wollte ich sein

und was war ich
ein papiertiger

und jetzt kommst Du
die frau von der ich glaube
dass sie mich am besten kennt

Illustration: Sylvia B.
und Du sagst
dass ich der mensch bin
der am gelben fluss sitzt
und wartet
bis seine leichen vorbei treiben

richtig
sie sind alle
über ihre eigenen fehler
gestolpert
ich musste wirklich

nur sitzen
und
warten

und ich spüre in mir
den tiger
am gelben fluss

es scheint
dass endlich

meine zeit
gekommen ist


Aus: Sylvia B. »der tiger am gelben fluss - Texte und Illustrationen«




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Freitag, 26. August 2011

Zum Tod von Vicco von Bülow – Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Dass es ihm in letzter Zeit nicht gut ging, war allgemein bekannt. Und doch traf die Nachricht von seinem Tod Deutschland wie ein Blitz. Zu sehr war Loriot schon zu Lebzeiten zum nationalen Kulturgut geworden, als dass man sich den realen Tod des Menschen Vicco von Bülow noch hätte vorstellen können.

Es dürfte kaum jemanden geben, den diese Nachricht nicht berührt hätte. Ob jung oder alt: Loriot wird uns allen fehlen. Der Meister des feinsinnigen Humors hat den Zeichenstift für immer aus der Hand gelegt. Seine Sketche, Filme und Zeichnungen sind längst zum Allgemeingut geworden. Ohne ihn jemals zu denunzieren, hat Loriot dem deutschen Spießer einen liebevollen Spiegel vorgehalten und so manchen Deutschen humorvoll mit seiner eigenen Mentalität versöhnt. Ob Opa Hoppenstedts bizarre Hingabe zur Militärmusik, das köstliche Badewannengespräch zwischen Herrn Müller-Lüdenscheid und Herrn Dr. Klöbner (»Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!«) oder das von Frau Berta Paniplotzki übersandte Klavier: Loriot nahm des Deutschen skurrilste Eigenschaften unter eine satirische Lupe und sparte auch nicht mit Seitenhieben auf das ewige Thema Mann und Frau. Sketche, für die er in Evelyn Hamann eine kongeniale Partnerin fand.

Loriots zahlreiche Begabungen gaben ihm viele Ausdrucksmöglichkeiten: Schauspielerisches, literarisches und zeichnerisches Talent, gepaart mit hoher Musikalität, standen ihm virtuos zur Verfügung. Mit den großen Klassikern aus Literatur und Musik war er bestens vertraut, und so schöpfte er aus dem Vollen. Fügte Wagner, Goethe oder Schiller mit leichter Hand ein in seine unverwechselbare Galerie der Knollennasenmännchen und dirigierte auch schon mal die Berliner Philharmoniker auf eine nie zuvor gesehene Weise.


Vicco von Bülow ist gestorben. Doch Loriot wird ewig weiterleben …


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Donnerstag, 25. August 2011

Schoßgebete - von Charlotte Roche

Rezension von Walter-Jörg Langbein

Bei Charlotte Roches zweitem Werk »Schoßgebete«, dem Nachfolger von »Feuchtgebiete«, davon war ich natürlich (!!!) felsenfest überzeugt, konnte es sich nur um ein Brevier – ein Gebetbuch – im klassischen Sinne handeln. Ich stellte mir eine kleine, fromme, theologische Sammlung von Gebeten vor ... vielleicht einen religiösen »Laptop« (aus dem Englischen: »lap« = »Schoß«). Der Stern (1) aber belehrte mich!

Es ist ein wahrer Segen, dass es das Magazin »Stern« gibt. Der »Stern«, der schon die »echten« Hitlertagebücher entdeckte und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte (2), klärte mich auf, worum es in Charlotte Roches Opus geht, nämlich um den irgendwie doch frommen Kreuzzug der attraktiven Autorin (3) Charlotte Roche. So heißt es auf dem Sterncover: »Die Missionarin/ Sex als Erlösung: Charlotte Roche und ihr Bestseller ›Schoßgebete‹«.

Eine Missionarin im christlichen Sinne ist Charlotte Roche allerdings nicht, auch wenn sie ihrem »alter ego« (?) Elizabeth Kiehl durchaus in gewisser Hinsicht katholisches Gedankengut in den Mund legt. So lässt sie Elizabeth Kiehl sagen (4): »Ich glaube, da ist irgendwas schiefgelaufen in der Erziehung, und ich bin eine Art sexuelle Katholikin geworden. Ich habe mich noch nie selbst befriedigt.« Doch Elizabeth Kiehl distanziert sich expressis verbis vom Christentum, verkündet sie doch (5): »Ich vergesse immer, dass ich überzeugte Atheistin bin«.

Bei der Bezeichnung »Missionarin« denken wir im christlichen Abendland gern an eine Verkünderin biblischer Botschaften in fremden Landen. Charlotte Roches Elizabeth Kiehl ist aber für eine Missionarin im strengen Sinne viel zu humorvoll (6): »Bevor ich mit der Übung beginne, stecke ich mir das Wunderbarste der Welt in die Ohren: Oropax. Ist lateinisch für ›Frieden den Ohren‹. Glaube ich jedenfalls. Ich war sehr schlecht in Latein.«

Ich beichte es unumwunden: Ich finde »Schoßgebete« wirklich lesenswert, auch wegen der amüsanten Ironie und eines ganz speziellen Humors. Natürlich kann man »Schoßgebete« wie der »Stern« in seiner Titelstory auf Sex reduzieren. Der Megabestseller – eine Startauflage von 500.000 Exemplaren macht ihn wohl zum erfolgreichsten deutschen Roman überhaupt – ist sehr viel mehr als ein Sex-Brevier. Sie macht sich über unsere deutsche Verklemmtheit lustig. Sie amüsiert sich köstlich über das deutsche Gutmenschentum. Hand aufs Herz: Viele Menschen wenden sich im christlichen Abendland von der organisierten Religion ab und huldigen einer Ersatzreligion. An die Stelle der christlichen Erbsünde mit dem Sündenfall im Paradies (Stichworte Adam, Eva, Paradies, Schlange, Apfel) tritt die von uns mit Eifer verursachte Umweltverschmutzung, die bekanntlich zur globalen Erderwärmung, Überschwemmung Hamburgs und der kompletten Niederlande führen wird.

Wacker agiert Elizabeth Kiehl gegen diesen Sündenpfuhl der modernen Art, der keinen Messias mehr benötigt (7): »Wir versuchen, so wenig wie möglich zu waschen, für die Umwelt, unsere Ersatzreligion. Und dazu gehört zum Beispiel, sehr, sehr oft den gleichen stinkenden Schlafanzug anzuziehen. Wir wechseln auch so wenig wie möglich die Bettwäsche. Dadurch haben unsere Schlafzimmer geruchsmäßig was Höhlenartiges. Ich denke immer: So hat es auch bei den Neandertalern gerochen, nach Menschentalg.« Allerdings geht Elizabeth Kiehl, gemeinsam mit ihrem Mann, Kompromisse ein (8): »Nur wenn wir in Kontakt mit fremden Menschen treten, draußen, achten wir darauf, nicht mehr zu stinken, zu Hause ist alles der Umwelt untergeordnet.« Das nenne ich rücksichtsvolle Anhänger der neuen Umweltreligion.

Zurück zum Buch »Schoßgebete«, das durchaus auch »Stoßgebete« heißen könnte. Die doppelte Bedeutung wäre aber besonders bibelfrommen Leserinnen und Lesern wahrscheinlich entgangen. Im »Evangelium nach Matthäus« findet sich der schöne Vers (9): »Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet.« Er trifft in besonderem Maße auf »Schoßgebete« von Charlotte Roche zu. Fundamentalistisch-christliche wie besonders verklemmte Leserinnen und Lesern scheinen besonders intensiv nach »Schweinkram« zu suchen, nach vermeintlich »ekeligen« Passagen. Und sie werden da und dort fündig ... besonders dann, wenn sie diagonal lesen und sich zufrieden geben mit den gewünschten Entdeckungen.

Die Frage ist nur: Was ist wirklich ekelhaft, und was empfindet nur der Mensch so, der ein gestörtes Verhältnis zu seinem Körper hat? Charlotte Roche doziert an keiner Stelle. Mit bewundernswert lockerer, oft ironisch-humoriger Flapsigkeit packt sie intimste wie gesellschaftskritische Themen an. Beispiel (10): »Wie bringt man Kindern bei, sich vernünftig den Po abzuwischen?« Elizabeth Kiehl jedenfalls nimmt sich sehr pädagogisch dieses Themas an. Sie möchte ihrer Tochter keinen Putzfimmel anerziehen, auch nicht ständig über Hygiene reden.

Weiter im Text (11): »Sie (die Tochter) soll sich nicht vor sich selber ekeln. Sie soll frei sein. Freier als ich. Kein Mensch spricht je darüber: über die Kunst, sich ordentlich den Po abzuwischen. Mir hat das keiner beigebracht. Meine Mutter Elli jedenfalls nicht ... Elli jedenfalls ist da viel zu verklemmt gewesen. Sie hat uns Kindern immer erzählt, dass sie niemals kackt und auch nie furzt. Das hat mich als Kind schwer beeindruckt, ich kam mir gleichzeitig aber so ekelhaft vor, weil ich selbst es nicht stoppen konnte. Sie hat uns erzählt, dass es bei ihr so ätherisch verdampft, durch die Haut sozusagen.«

Und natürlich kann man »Schoßgebete« auf das Gewünschte reduzieren, eigenes Wunschdenken bestätigend: Zunächst wird ausführlich beschrieben, wie Elizabeth Kiehl ihren Mann oral befriedigt. Dann geht sie auf den tragischen Unfall ein, bei dem drei ihrer Brüder umkamen. Und schließlich wird ein gemeinsamer Besuch von Elizabeth Kiel und ihrem Mann im Puff geschildert. Auch hier werden recht ausführlich Details beschrieben. Wer auf diese Weise »Schoßgebete« kondensiert, wird dem Buch und seiner thematischen Vielfalt nicht gerecht.

Im Zentrum steht der tragische Unfall von Elizabeth Kiehls drei Brüdern. Auf die Schilderung dieser Tragödie ist meiner Meinung nach der gesamte Roman ausgerichtet ... und auf die Beschreibung der Folgen dieses Unfalls für Elizabeth Kiehls Leben. Fast beiläufig, dabei aber auch mit beißender Schärfe prangert sie den Sensationsjournalismus der »Druck-Zeitung« an (12). Charlotte Roche findet deutliche Worte zur Verwertung des tragischen Unfalls, bei dem ihre drei Brüder umkamen (13):

»Diese Schweine haben, wie auch immer sie daran gekommen waren, ein Foto von der Unfallstelle abgedruckt, über eine halbe Seite. Ich starre auf das ausgebrannte Auto. Das Gerippe, in dem meine Brüder ums Leben gekommen sind. Ich wollte das Bild niemals sehen. Aber in dem Moment brennt es sich für immer in mein Hirn. Dank der Druck-Zeitung ... Der Tatort, abfotografiert für die Öffentlichkeit. Wo ist das der Nachrichtenwert? Für mich ist das Leichenfledderei ... Sie haben unserer Familie was geklaut, nämlich das Andenken, die privaten Bilder. Das geht niemanden was an, wie das ausgebrannte Auto aussieht, in dem sie starben. Niemanden. Nur die Polizei und, wenn überhaupt, die Angehörigen. Das Auto ist für mich heilig. Die letzte Ruhestätte meiner Brüder, und die Schweine haben es beschmutzt. Sie haben das Andenken an meine Brüder und die Unfallstelle beschmutzt, indem sie es an die Öffentlichkeit zerrten. Was für eine Vergewaltigung unserer Familie.«

Wer mag wohl mit der »Druck-Zeitung« gemeint sein? Der aufgeklärt-gebildete Zeitgenosse mag dabei an die Zeitung mit den vier großen Buchstaben (»BILD«) denken. Nun wird im Impressum von »Schoßgebete« postuliert: »Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit.« Damit ist vermutlich jener reale Unfall vor zehn Jahren gemeint, bei dem Roches Brüder starben. Dabei schleuderte ein Reisebus nach einem Zusammenprall direkt in den PKW der Familie Roche. Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie der »STERN« nach den drastischen Worten von Charlotte Roche sich erdreistet ... eben dieses schlimme Foto in Farbe abzudrucken (14).

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Elizabeth Kiehl ist mir von Seite zu Seite sympathischer geworden. Das mag daran liegen, dass sie so unbeschwert über Sex zu schreiben vermag. Das mag daran liegen, dass sie Probleme wie die Rolle psychologischer Experten bei der Bewältigung der kleinen und großen menschlichen Probleme des Alltags locker-flockig beschreibt. Das mag daran liegen, dass sie Vegetarierin ist, so wie ich Vegetarier bin.

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Keine Rezension kann diesem Buch in seiner kraftvollen Vielfalt wirklich gerecht werden. Keine Buchbesprechung kann in wirklich zutreffender Weise vermitteln, was »Schoßgebete« alles bietet. Das erfährt man nur, wenn man das Buch unvoreingenommen liest. Die Lektüre lohnt sich!



Charlotte Roche ist mir von Seite zu Seite sympathischer geworden. Sie wird wohl nicht in die Verlegenheit kommen, dass ihr der Börsenverein des deutschen Buchhandels den »Deutschen Buchpreis« verleiht. Schließlich ist ihr Buch alles andere als langweilig wie so manches so geehrte Opus ... und bedarf keiner Starthilfe mehr. »Schoßgebete« wurde von selbst – und mit Recht – ein Superbestseller.
Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen ... und kann es nur jedem Menschen wärmstens empfehlen, der unverklemmt an ein Buch heranzugehen versteht, dass so manch' heißes Eisen – aber nicht nur Sex – bietet. Wer ein Buch sorgfältig lesen mag ... wer gern schmunzelt, wer sich immer wieder gern zum Nachdenken anregen lässt ...

Ich habe »Schoßgebete« von der ersten bis zur letzten Seite gelesen ... und es berührt mich immer noch, nachdem ich das Buch längst aus der Hand gelegt habe. Ich werde es ein zweites und ein drittes Mal lesen. Ich bin sicher: Ich werde noch viel entdecken!

Und ich freue mich auf den Folgeband, der im letzten Satz ganz klar angekündigt wird (15): »Der Trip beginnt.«

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Fußnoten

1 »STERN«, Nr. 34, 18.8.2011, Titelgeschichte »Die Missionarin«, Seiten 54-61
2 Beginn der Veröffentlichung am 28. April 1983 im »STERN«
3 Siehe u.a. Titelfoto »STERN« Nr. 34 vom 18.8.2011 sowie Rückenakt der Autorin in Stöckelschuhen und Kompressionsstrümpfen (?) daselbst S. 57 rechts oben
4 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, S. 15, Zeilen 17-15 von unten
5 ebenda, S. 180, Zeilen 11 und 12 von unten
6 ebenda, S. 122, Teilen 8 bis 11 von unten
7 ebenda, S. 114, Zeilen 8-14 von unten
8 ebenda, S. 114, Zeilen 5-8 von unten
9 Evangelium nach Matthäus Kapitel 7, Vers 8
10 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, S. 67, Zeilen 13 und 14 von unten
11 ebenda, Seite 67, Zeilen 7-10 von unten, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 68, Zeilen 1-5 von oben
12 ebenda, Seite 162, Zeile 2 von unten
13 ebenda, Seite 163, Zeilen 9-14 von oben und Zeilen 16-26 von oben
14 »STERN«, Nr. 34, 18.8.2011, Titelgeschichte »Die Missionarin«, Seite 60 links unten
15 Roche, Charlotte: »Schoßgebete«, München 2011, Seite 283, Zeilen 15 und 16 von oben

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Dienstag, 23. August 2011

Nur 0,99 € - Vorsicht Liebensgefahr!: Der spannende Thriller von Ursula Prem jetzt auf Kindle

Vorsicht Liebensgefahr!
Was ist das gefährlichste Abenteuer für Menschen unserer Zeit? Sie denken vielleicht spontan: Sich in einem Bierfass die Niagarafälle hinabzustürzen. An einem Formel I-Rennen teilzunehmen. Oder eine deutsche Steuererklärung auszufüllen. All das ist unwägbar und heikel, keine Frage. Doch ich behaupte: Nichts bringt das Leben eines Menschen so aus dem Takt, wie die falsche Partnerwahl. Sein Dasein zu verbringen mit jemandem, der einem die Tage zur Hölle und die Nächte zum Albtraum macht. Der eine fremde Sprache zu sprechen scheint. Der sich nach und nach vom Traumpartner zum emotionalen Super-GAU wandelt und einen verwirrt und pleite zurücklässt.

Besonders gefährdet für solche Lebensfehler sind ausgerechnet Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz. Menschen, die stets bereit sind, für jede noch so bizarre Verhaltensweise nach entschuldigenden Gründen zu suchen. Menschen, die der Auffassung sind, an einer Beziehung könne man »arbeiten« um sie zu »verbessern«. Wer so gestrickt ist, braucht oft lange, um sich der Wahrheit zu stellen und die Dinge zu sehen, wie sie sind. In der Zwischenzeit sind der emotionalen Erpressung Tür und Tor geöffnet.

Auch Leonore Habermann, die Heldin meines Romans »Vorsicht Liebensgefahr!«, ist in so eine Falle getappt. Nach langem Single-Dasein mit wechselnden, bedeutungslosen Abenteuern scheint sie mit Marek Weber endlich das große Los gezogen zu haben. Und so ist sie wild entschlossen, die ersten Anzeichen einer Katastrophe unter der Rubrik »kleine, entschuldbare Macken« abzulegen. Eine Entscheidung, die sich als tödlicher Fehler erweisen soll.

»Vorsicht Liebensgefahr!«, mein 2006 in gedruckter Erstausgabe erschienener Roman, ist jetzt als eBook-Datei für das amazon-Kindle-System zum Preis von nur 0,99 € erhältlich. Übrigens: Zum Lesen einer Kindle-Datei ist die Anschaffung eines Kindle Lesegerätes nicht unbedingt erforderlich. Amazon bietet verschiedene, kostenlose Apps für das Lesen auf PC, iPhone, iPad oder Android.

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Sonntag, 21. August 2011

83 »Die Monstermauer von Ollantaytambo«

Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Monstermauer von
Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Ich stehe vor der »Monstermauer« von Ollantaytambo im südlichen Peru. Tonnenschwere Steinkolosse trotzen seit uralten Zeiten Wind und Wetter. Sintflutartiger Regenschauer macht das Fotografieren schwer. Regennass glänzen die Steinquader. Sie wurden ... davon bin ich überzeugt ... lange vor der Epoche der Inkas zusammengefügt. Von wem? Wann? Warum?

Als Kind versuchte ich herrlich exotische Namen wie »Ollantaytambo« richtig auszusprechen. Sehnsüchtig studierte ich Karten Südamerikas. Ich träumte von Reisen in jene fernen Gefilde ... Jetzt sitze ich hoffnungsvoll im Minibus. Bei strahlendem Sonnenscheint geht’s am Rio Patacancha entlang. Wir erreichen den Urubamba. Am Südufer erkenne ich die kleine Bahnstation von Pachar. Hier macht der Zug von Cuzco nach Machu Picchu Halt.

Das Dörfchen Ollantaytambo hat sich seit meinem letzten Besuch nicht verändert. Lehmhütten stehen auf altehrwürdigen Inka-Mauern. Kaum steige ich aus dem Bus, ziehen sich auch schon Wolken zusammen ... pechschwarze ... und es schüttet vom Himmel. Warum regnet es fast immer, wenn ich nach Ollantaytambo komme?

Ich hole meine Regenjacke aus dem Rucksack, verstaue die beiden Kameras darunter ... und los geht’s. Zügigen Schritts will ich die steinerne Treppe erklimmen. Auf einer Höhe von 2800 Metern über dem Meer komme ich bald in Atemnot ... Weiter ... weiter ... Mir kommt es so vor, als zöge sich der steile Weg entlang der künstlich angelegten Terrassen endlos hin. Sind es zweihundert Stufen oder 2000?

Eine Steinwand mit Nischen - Foto: W-J.Langbein
Ein Weg führt von der Treppe nach links ab. Ich folge ihm und entdecke eine Steinwand mit Nischen. In ihnen sollen einst goldene Statuen von Göttern der Inkas gestanden haben, heißt es. Manche übersetzen den Namen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Ich muss gestehen, eine der Nischen zu einem profanen Zweck missbraucht zu haben ... um die vollen Filme aus meinen beiden Kameras zu nehmen und neue einzusetzen.

Weiter geht es ... zurück zur Treppe ... und nach oben. Plötzlich stehe ich (wieder einmal) vor dieser »Monstermauer«. Die tonnenschweren Steinkolosse sind millimetergenau aufeinander gesetzt worden. Um genau zu sein: Sechs je rund 50 Tonnen schwere Steinkolosse wurden auf der anderen Seite des Urubamba-Flusses von einem Steinbruch am Berg ins Tal geschafft, über den Fluss gebracht und wieder den Berg empor bis an ihren heutigen Platz geschleppt. Sie wurden bearbeitet und millimetergenau angepasst und so zusammengefügt, dass keine Messerklinge zwischen die Steine passt!

Ich schreite die Mauer ab. Sie ist etwas über dreizehn Meter lang. In der Höhe variieren die sechs Porphyr-Kolosse leicht. Der größte hat folgende Ausmaße ... Höhe 3,96 Meter, Breite 2,13 und Tiefe 1,67 Meter. Messen kann ich nur die Dicke des ersten und des sechsten Steines. Die anderen dürften aber ganz ähnliche Maße haben.

Die mysteriöse Mauer
von Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Welchem Zweck diente die Mauer? Als Verteidigungswall macht sie keinen Sinn. Vermutlich ist sie Teil eines Tempels, der allerdings nie fertig gestellt wurde. Im Flussbett des Urubamba ruht seit vielen Jahrhunderten ein Steinriese, der jenen der Mauer sehr ähnelt. Er sieht ganz so aus, als habe man ihn irgendwie an die Mauer anfügen wollen. Allerdings ist er wesentlich größer als die schon riesigen Steinquader. Der Stein der Superlative wird auf 250 Tonnen geschätzt. Die Steinmetzen haben ihm vom Steinbruch hinab ins Tal geschafft. Stürzte er beim Überqueren des Flusses in die Fluten und konnte nicht mehr geborgen werden? Oder wurden die Arbeiten urplötzlich abgebrochen?

1536 belagerten die Spanier Cuzco. Wacker hielten die Inkas den Attacken der Europäer stand. Inkaherrscher Manku Qhapaq II. hatte sein Quartier in Ollantaytambo aufgeschlagen. Hernando Pizarro befahl den Angriff auf die Festung. Die Spanier rückten mit 30 Soldaten zu Fuß und 70 zu Pferde an, begleitet von einem großen Kontingent einheimischer Hilfstruppen. Pizarro erinnerte sich später: »Wir fanden die Anlage so gut befestigt vor, so dass es ein entsetzlicher Anblick war!« Der nächtliche Angriff schlug fehl. Fast wären die Spanier vollkommen aufgerieben worden, doch den stark dezimierten Truppen gelang die Flucht.

Schmale Steinstäbe
zwischen den Riesen
Foto: W-J.Langbein
Betrachtet man die massive Steinwand genauer, so fällt ein ungewöhnliches Detail auf. Die genialen Steinmetzen haben die sechs Steinquader sorgsam abgeschliffen, aber nicht direkt aneinandergefügt. Vielmehr setzten sie zwischen jeweils zwei der wuchtigen Steine sehr schmale, ebenso sauber zugeschnittene und polierte Steinstreifen oder Steinstäbe. Bei ausnahmsweise schönem Wetter gelang mir im Herbst 1992 ein schönes Foto dieser Besonderheit. Inkabauweise ist das nicht!

Manche übersetzen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Andere erklären den Namen ganz anders. Einst habe sich ein örtlicher Stammesfürst in eine der Töchter des regierenden Inka verliebt. Die Verbindung sei nicht standesgemäß gewesen, der lokale Regent probte den Aufstand ... und wurde besiegt. Der Name des rebellierenden Verliebten – angeblich hieß er Ollanta – sei in Ollantaytambo verewigt worden. Einleuchtend ist diese Interpretation nicht.

Warum sollte der Zufluchtsort des Inka-Herrschers Manku Qhapaq II. Ausgerechnet nach einem besiegten Aufständischen benannt worden sein? Es sind die Sieger, die die Geschichtsbücher schreiben. Es sind die Sieger, die Städten und Plätzen ihre Namen verleihen. Die Verlierer werden so gut wie möglich vergessen und nicht geehrt ... Schon gar nicht benennt man den Ort, wo die Inka die Spanier schlugen, nach einem verachteten Inka-Rebellen.

Steinkolosse aus Vorinkazeiten
Foto W-J.Langbein
Meine Meinung: Die romantische Liebegeschichte wurde erfunden, um eine »Erklärung« für einen Ortsnamen zu finden ... dessen wirkliche Bedeutung schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten ist!

Gern bezeichneten räuberische Eroberer, die plündernd fremde Kulturen zerstörten, ihre Opfer als »Wilde«. Die eigentlichen »Wilden« aber waren in meinen Augen nicht die Ureinwohner Mittel- und Südamerikas, sondern die »Christen« aus Europa!

Inka-Experten wie John Hemming und Peter Frost (1) gehen davon aus, dass die Inkas »Ollantaytambo« von Vorgängern übernahmen, deren Geschichte gänzlich unbekannt ist. Wenn Touristen nach Ollantaytambo kommen, nehmen sie sich gewöhnlich sehr wenig Zeit.

Wer indes nicht nur einige Minuten vor der wuchtigen Mauer von Ollantaytambo verharrt, sondern die Umgebung – hoch über der Inkastadt Ollantaytambo – erkundet, wird immer wieder auf riesige Steinklötze stoßen, die wohl von den Inkas ... schon vorgefunden wurden! Die Inkas haben einen alten heiligen Ort übernommen. Inka-Mauerwerk ist oft längst schon wieder eingestürzt oder verfallen, während die riesigen Monolithen aus Vorinkubierten nach wie vor den Naturgewalten trotzen! Ich behaupte: Schon die Inkas wussten nichts mit den Steinmonolithen anzufangen ... so wie auch wir heute nach wie vor vor so manchem Rätsel stehen!

Ein Steinriese aus uralten Zeiten
Foto: W-J.Langbein
Wer auch immer wann auch immer mit solch gewaltigen Steinen hantierte, muss erstaunliche Kenntnisse und Fertigkeiten besessen haben. Fakt ist, dass wir mit heutigen technischen Mitteln solche Kolosse kaum an Ort und Stelle schaffen könnten! Gewaltige Kräne und Sattelschlepper wären erforderlich, die im unwegsamen Gelände von Ollantaytambo nicht eingesetzt werden können.

Mir kommt es so vor, als hätten kundige Ingenieure aus uralten Zeiten komplexe Steingebilde anfertigen lassen, die so einem monumentalen Gebäude zusammengefügt werden sollten.

Von »primitiv« kann jedenfalls angesichts so manches Steinwunders nicht gesprochen werden. Warum können wir, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, nicht einfach zugeben... dass wir vor einem Rätsel stehen? Lässt das unsere Überheblichkeit nicht zu?

Unverstandene Technologie in Stein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Fakt ist: Die Monstermauer von Ollantaytambo kann Naturkatastrophen überstehen, die moderne Bauten zerstören ... Für die Inkas war das so erstaunlich nicht. Glaubten sie doch, die Bauten von Ollantaytambo seien einst unter Anleitung des großen Schöpfergottes Viracocha errichtet worden. Mit anderen Worten: Die Inkas selbst wussten nicht, wer die monumentalen Steinkolosse verbaute. Sie selbst trauten sich diese Kunst nicht zu, deshalb mussten sie einen mächtigen Gott bemühen ...

Fußnoten
1: Frost, Peter: »Exploring Cusco«, Lima 1989, S.100
Siehe auch Hemming, John: »Monuments of the Incas«, New York 1982


»Das Orakel in der Wüste«,
Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.08.2011

Freitag, 19. August 2011

Zahlungsmoral - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Nicht mal im Sommer vergeht ein Tag ohne neue geniale Ideen zulasten der Bürger. Plötzlich ist das Phantom überall: »Euro-Bonds« geistern durch alle Medien. Dahinter steckt der Gedanke, dass die Euro-Staaten Kredite nicht mehr souverän aufnehmen sollen, sondern ein gemeinschaftliches Schuldenloch geschaffen würde, zu einem einheitlichen Zinssatz. Klar, dass besonders Staaten am Rande der Pleite diese Idee favorisieren: Da ihre Verbindlichkeiten sich künftig auf mehrere Schultern verteilen würden, bekämen sie weitere Kredite zu wesentlich günstigeren Zinsen. Die Kehrseite: Wirtschaftsstärkere Länder müssten künftig höhere Zinsen bezahlen, als zuvor ohne Euro-Bonds.

Deutschland würde auch bei dieser Finanzkonstruktion wieder einmal zum Zahlesel. Da auch unsere Politiker nicht daran denken, auf die Aufnahme weiterer Kredite zu verzichten und stattdessen wirklich wirksam zu sparen, müsste letztendlich der deutsche Steuerzahler mit für die schlechte Kreditwürdigkeit anderer Euro-Staaten aufkommen. Die Schuldenkurve des deutschen Staates würde sich nochmal drastisch verschärfen, und das ohne nennenswerten Mehrwert für das Gemeinwesen. Wie lange es dann noch dauern würde, bis Deutschland selbst am Rande der Staatspleite stünde, kann man nur schätzen. Welche noch wirtschaftsstärkeren Länder dann bereitstehen werden, um ihrerseits Deutschland unter die Arme zu greifen? - Keine Ahnung.

Klar ist schon jetzt: Wie man es macht, ist es verkehrt. Die Milliardenhilfen, die von Deutschland nach Griechenland umverteilt wurden, brachten Angela Merkel einen wenig schmeichelhaften Hitler-Vergleich der britischen Presse ein, die unterstellte, Deutschland wolle sich durch Finanzhilfen statt durch militärische Invasion die Herrschaft über Europa sichern.

Wie im Großen, so im Kleinen
Der schlampige Umgang mit den Finanzen, den die Großen uns an allen Ecken und Enden vorleben, greift inzwischen auch auf die Bürger über. Fragen Sie einen Unternehmer beliebiger Größenordnung, und Sie werden einen längeren Vortrag über die immer schlechter werdende Zahlungsmoral zu hören bekommen. Oft sind die Außenstände mancher Unternehmen größer, als die auf regulärem Weg erzielten Einnahmen. Längst ist es üblich geworden, für sein Geld zweimal zu arbeiten: Einmal, wenn man es verdient, und einmal, wenn man es eintreibt. Schriftwechsel und Mahnverfahren fressen einen nicht geringen Teil der Arbeitszeit von Selbständigen und Freiberuflern völlig unproduktiv auf. Dabei sind die Methoden, sich um gerechtfertigte Zahlungen zu drücken, durchaus phantasievoll: Ob ein völlig verspäteter Rücktritt von einem Auftrag, ungerechtfertigte Reklamationen oder die kommentarlose Verweigerung der Zahlung - Wege gibt es viele. Alte Kaufmannsehre? - Fehlanzeige!

Man erkennt: Kaufmännisches Denken ist auf dem Rückzug. Oft treten merkwürdig-emotionale Argumentationen an die Stelle eines sauberen Finanzgebarens: »Sie waren mir immer so sympathisch, und jetzt überziehen Sie mich mit einem Mahnverfahren und spielen Ihr kleines bisschen Macht gegen mich aus?«, erkundigt sich ein Schuldner schon mal konsterniert, der sicher nie einen schrecklicheren Menschen kennengelernt hat als den, dem er vor einiger Zeit noch einen Auftrag erteilt hat. Da muss man schon fast lachen, wenn man sieht, wie Angela Merkel flugs zum »Hitler« erklärt wird: Warum schließlich sollte es auf höchster Ebene auch feiner zugehen, als zwischen einem kleinen Freiberufler und seinen Kunden?

Dienstag, 16. August 2011

Monstermauern, Mumien und Mysterien - Der Trailer zur Serie

Seit 17.01.2010 jeden Sonntag in ununterbrochener Folge veröffentlicht Walter-Jörg Langbein auf diesem Blog seine faszinierende Serie  »Monstermauern, Mumien und Mysterien«. Bereits 82 Folgen sind erschienen, die den Lesern einen umfassenden Blick auf die großen Geheimnisse der Menschheit bieten.

Nun hat die Serie auch einen Trailer:



Begleiten Sie Walter-Jörg Langbein auch weiterhin jeden Sonntag auf seinen abenteuerlichen Reisen ...

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

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Sonntag, 14. August 2011

82 »Engel, Teufel und ein Wal«

Teil 82 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

St. Jakobus birgt so
manches Geheimnis
Foto: W-J.Langbein
St. Jakobus liegt im Dunkel der Nacht. Der weiße Putz erstrahlt im hellen Blitzlicht meines Fotoapparats. Ein 90-jähriger Greis überprüft, ob das immer noch wehrhafte Gotteshaus auch wirklich abgeschlossen ist. Einst bot es den Menschen Schutz bei Überfällen durch feindliche Truppen. Und in seinem Inneren gab es einen kostbaren Schatz, nicht aus Gold oder Silber, sondern aus Farbe.

Am Morgen schließt der greise Küster die Tür zu St. Jakobus auf. Ich betrete ein kleines Vorräumchen. Durch eine gläserne Tür kann ich ins Innere des Gotteshauses blicken. Sonnenlicht fällt durch schmale Fenster ins Innere, Finger aus Licht gleiten über die Wände. Die Farbenpracht der zahlreichen Bilder, vor vielen Jahrhunderten entstanden, beeindruckt mich. Die Farben sind die alten Originale! Auch wenn da und dort weiße Lücken klaffen, so sind doch unzählige Kunstwerke von ganz besonderem Reiz erhalten geblieben!

Biblische Szenen wurden von unbekannten Malern verewigt. Sie wirken auf uns seltsam vertraut ... und sind doch keineswegs immer so bibelkonform, wie man das eigentlich von christlichen Malereien erwartet. Wir alle kennen die Geschichte von Kain und Abel (1): Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. Beide wollten Gott ein Opfer darbringen: Kain »von den Früchten des Feldes« und Abel »von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett«. Als Gott nur Abels Opfer annahm, erschlug Kain seinen Bruder.

Adam und Eva von Urschalling
Foto: W-J.Langbein
Bis heute ist unklar, warum Gott die Opfergaben von Kain, dem Ackermann, ablehnte. Lag es daran, dass Gott den Acker verfluchte, als er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb? Verschmähte er Kains Ernteopfer, weil die Früchte vom verfluchten Acker stammten? Die Bibel gibt uns darüber keine Auskunft.

Wenn wir den biblischen Krimi von Kain und Abel lesen und mit den gemalten Illustrationen von Urschalling vergleichen ... dann fällt uns auf, dass der Künstler am Chiemsee Kain und Abel Gestalten zugesellte, die in der Bibel nicht vorkommen: Der fromme Abel bekommt einen Engel zur Seite gestellt, der Mörder Kain einen Teufel.

Was meist auch emsige Bibelleser nicht wissen: Einstmals war der »liebe Gott« gut und böse zugleich. Überspitzt ausgedrückt: Gott hatte eine teuflische Seite und zugleich die Charaktereigenschaften eines Engels. Gott war ursprünglich böse und gut zugleich. Der gut-böse Gott konnte durchaus sein Volk strafen, wenn ihm danach war. Ein besonders amüsant-pikanter Fall ... Gott veranlasst eine Volkszählung, um sein Volk zu piesacken. Bei Samuel (2) lesen wir: »Und der Zorn des Herrn entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen das Volk und sprach: Geh’ hin, zähle Israel und Juda.«

Kain opfert Früchte
des Feldes
Foto W-J.Langbein
Nun wird genau diese Geschichte in der Bibel ein zweites Mal erzählt, und zwar in den Chroniken. Hier heißt es (3): »Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe.« So banal die »Strafe« erscheinen mag, wichtig ist die Bedeutung der Veränderung der Geschichte: Erst war Gott der böse Strafende ... jetzt aber ist nicht mehr Gott die treibende Kraft, sondern Satan!

Anders ausgedrückt: Das Böse des Gut-Bösen Gottes wird von Gott abgetrennt und zum bösen Satan. Versuchen wir uns in einer Begriffserklärung: Unser Wort »Teufel« hat eine griechische Wurzel, nämlich »diabolos«. »Diabolos« wiederum ist die Übersetzung des hebräischen »STN« oder – mit Vokalen versehen – »Satan« . Satan alias »Luzifer« wurde im »Alten Testament« ursprünglich sehr positiv gesehen. Er wird bei Hesekiel (4) in höchsten Tönen gelobt: »Du bist ein reines Siegel, voller Weisheit und über alle Maßen schön, du bist im Garten der Götter mit allerlei Edelsteinen geschmückt ... und warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, da du geschaffen warst.« Der »Teufel« war also ursprünglich ein Engel ... und zwar ein sehr guter! Wie viele andere Engel gehörte er zum unmittelbaren Hofstaat Gottes.

Abel opfert Tierisches
Foto: W-J.Langbein
In der Geschichte von Hiob (5) wird Satan schon böser, aber durchaus im Einvernehmen mit Gott selbst. Gott hat wieder einmal sein »Gefolge« (6) um sich versammelt, da wird eine kritische Frage aufgebracht. Ob wohl der fromme Hiob gottesfürchtig bleiben wird, wenn es ihm schlecht geht? Wer wie die sprichwörtliche Made im Speck lebt, kann leicht fromm den Blick zum Himmel heben ... Es kommt nach kurzem Disput zwischen Gott und dem Engel Satan zu einer Art Wette: Gott gestattet es Satan, Hiob und seinen Angehörigen schlimmstes Leid zuzufügen. Armut, Elend und Tod lassen aber Hiob nicht von seinem unerschütterlichen Glauben abrücken. Gott – der Gute – behält recht. Der böse Engel – Satan – hat sich geirrt. Ausbaden musste es ... der fromme Hiob!

Wer die Bibel mit detektivischem Spürsinn, wer ihre versteckten Botschaften erkennt, der weiß: Vom einst gut-bösen Gott spaltete sich das Böse ab. Gott wurde zum nur-noch-guten Gott ... und Satan alias Luzifer wurde zum Bösen. Für ihn war kein Platz mehr im Himmel. Die Konsequenz war der Höllensturz aus dem Himmel. Und so sagt Jesus – wir finden das Wort bei Lukas (6): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.« Und so entstanden zwei polare Mächte: Gott und die guten Engel einerseits ... und Teufel und die bösen Engel andererseits. Dem aus dem Himmel gefallenen Engel Satan wurde ein böser Hofstaat beigestellt, aber nur in der Theologie. Diese seltsame, aber irgendwo auch logische Entwicklung wird in Urschalling sehr deutlich gemacht ... der »böse« Kain hat einen Teufel auf seiner Seite, der gute Abel einen Engel. So versuchte man sich »theologisch« die Welt zu erklären: Gott ist gut, aber es gibt dennoch das Böse auf Erden ... weil das Böse (der Teufel) den Menschen in Versuchung führen darf. Das Böse scheint oft zu obsiegen ... aber spätestens nach dem jüngsten Gericht siegt das Gute.

Jesus, der Wal und
zwei Teufel
Foto: W-J.Langbein
In Urschalling wird der Sieg des Guten über das Böse in einem für heutige Betrachter skurril anmutenden Freskogemälde: Wir sehen einen riesigen Walfisch mit weit aufgerissenem Maul. Er kann es nicht mehr schließen, weil Jesus sein Kreuz zwischen die Kiefer des Monsterwesen gestemmt hat. Aus dem Rachen des Wals steigen Menschen, ganz voran Johannes der Täufer (mit Heiligenschein) gefolgt von Adam und Eva. Die Bedeutung des Bildes aus christlicher Sicht: Jesus ist für die Menschen gestorben. Er hat durch seinen Tod und durch seine Auferstehung – so sieht es der Christ – die Menschheit gerettet. Nach dem »Jüngsten Gericht« folgt für die Gerechten das ewige Leben.

Im Kirchenführer »Urschalling« heißt es zum Wal-Bild (7): »Im Zeichen des Kreuzes werden sie (die Menschen) nun befreit, aus der Knechtschaft Satans herausgeführt in das neue Leben mit dem Auferstandenen beim Vater.« Auf dem Haupt des Wals von Urschalling steht, heute nur noch schlecht zu erkennen, Satan mit Klauenfüßen und spitzem Schwanz. Ein weiteres teuflisches Monster, mit Horn und Klauenpranke, schaut grinsend aus dem Maul des Wals. Wie ein sicherer Verlierer ... sieht es für mich nicht aus.

Urschalling vermittelt uns ein mittelalterliches Bild von der Welt, in der wir leben. Der Mensch wird vom Teufel bedroht, der vom Himmel gefallen ist ... und im Jenseits lockt das Paradies. Bei allem Respekt vor religiösen Weltbildern ... Unser Planet Erde wird von einem höchst irdischen und selbstgemachten »Teufel« bedroht! Und wir können nicht auf einen fernen Sankt Nimmerleinstag warten, bis wird von himmlischen Mächten von dieser Gefahr befreit werden! Wir müssen selbst tätig werden und eine höchst irdisch-reale »Bombe« entschärfen, bevor sie den gesamten Erdball zur Hölle macht!

Wir müssen so schnell wie möglich alles tun, damit das irdische Leben nicht durch ein künftiges globales Fukushima ausgelöscht wird. Religiöser Fundamentalismus welcher Art auch immer wird uns bei dieser Mammutaufgabe nicht helfen, ganz im Gegenteil!

Buchtipp:

Fußnoten
1: Das Erste Buch Mose Kapitel 4, Verse 1-16
2: Das zweite Buch Samuel Kapitel 24, Vers 1
3: Das erste Buch der Chronik Kapitel 21, Vers 1
4: Der Prophet Hesekiel Kapitel 28, Verse 12-15
5: Das Buch Hiob Kapitel 1, Verse 6-12
6: Das Evangelium nach Lukas Kapitel 10, Vers 18
7: Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, Raublung, 3. Auflage 2003, S. 28

»Die Monstermauer von Ollantaytambo«,
Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.08.2011

Samstag, 13. August 2011

Poesie am Samstag: Sylvia B. »Vom Klapperstorch«

eigentlich sollte ich
ganz andere eltern haben
aber mich hat
der klapperstorch
der zu meiner zeit
die kinder brachte
im flug verloren

und so fiel ich
rauschte
durch den schornstein
und landete
kohlrabenschwarz
auf ruß und asche
im keller
wo mein vater
durch das gepolter
aus dem schlaf gerissen
mich fand

meine mutter war
wie so oft
unterwegs

und er tat das einzig richtige
setzte wasser auf
und versuchte mich zu waschen

ich muss fürchterlich
geschrieen haben
deshalb bekam er auch
meine haare und die augen
nicht sauber

von meiner mutter erhielt er dafür
später schelte

so erzählte er
und ich hörte ihm gerne zu

er tat das immer dann
wenn irgendwelche leute
meine herkunft in frage stellten
weil sie meinten
ich sei anders und würde
so überhaupt nicht hineinpassen



ich passe bis heute nicht
in irgendetwas hinein

mich hat eben
der klapperstorch
im flug verloren







aus: Sylvia B. »der tiger am gelben fluss«

Die Fotos sind mir mit freundlicher Genehmigung von Walter-Jörg Langbein für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt worden.

Informationen über die Störche aus Lügde finden Sie hier.


Freitag, 12. August 2011

Inquisition hat viele Gesichter - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Gutgläubige Zeitgenossen vor Abzocke und üblen Geschäftspraktiken zu schützen, das ist ein edles Ziel! So ziemlich jeder ist geneigt, dieser Aussage zuzustimmen. Genau deshalb ist sie ein gutes Deckmäntelchen zur Verwirklichung ganz anderer Absichten, wie man dieser Tage am Beispiel der bundesweit bekannten Hamburger Sekten-Expertin Ursula Caberta sehen kann. Ganz unbefangen bedient sie sich einiger prominenter Namen, die sie auf Biegen und Brechen in ihrem neuen »Schwarzbuch Esoterik« durch den Dreck zieht. Ob Nena, Hape Kerkeling oder Jürgen Fliege: Ursula Caberta hat das Prinzip des Co-Brandings verstanden, der Kunst, eigene Produkte mit prominenten Namen verkaufssteigernd zu verknüpfen. Dagegen wäre erst einmal nichts zu sagen, wenn sie nicht mit aller Gewalt versuchen würde, die Betreffenden in ein schräges Licht zu zerren.

In einem Interview auf SZ Online wird Nena folgendermaßen zitiert:
»Ich bin ein Osho-Fan. Vor zwei, drei Jahren hab ich ihn für mich entdeckt. Ich lese sehr gerne seine Bücher und finde mich dort wieder.«

Osho:
Kreativität
Für Frau Caberta ist das ein Grund, Nena als »wunderbaren Aufhänger für die gesamte käufliche Spiritualitätsbranche« zu diffamieren. Geht’s noch? Muss sich ein Mensch jetzt schon rechtfertigen für das, was er liest? Treten die No-Go-Listen von Frau Caberta somit an die Stelle des früher so bedeutsamen päpstlichen Indexes, der den Gläubigen klarmachte, welche Lektüre für einen Christenmenschen angemessen ist? Ich für meinen Teil oute mich ebenfalls als begeisterte Leserin einiger Bücher von Osho. Macht mich das in Frau Cabertas Augen verdächtig? - Ich nehme mal an: Ja. Aber damit kann ich gut leben.

Hape Kerkeling, als prominenter Pilger auf dem Jakobsweg eigentlich im Sinne des wahren Christentums unverdächtig, beging die Unvorsichtigkeit, sich selbst als »Buddhist mit christlichem Überbau« zu bezeichnen. Eine Aussage, die »viele neue Opfer in der esoterischen Welt produziert«, nach Meinung von Frau Caberta, und die die mindestens 230 Mio Buddhisten auf der Welt erfreuen dürfte.

Ursula Caberta:
Schwarzbuch
Esoterik
Dass Pfarrer Jürgen Fliege inzwischen ein eigenes Weihwasser namens »Fliege Essenz« über seine Homepage vertreibt, unterscheidet sich in der Vorgehensweise nicht wesentlich von der der christlichen Kirchen. Warum das eine unverdächtig, das andere aber fragwürdige Esoterik sein soll, erschließt sich mir in keiner Weise.

Menschen vom Schlage Ursula Cabertas würden gerne den Rest der Menschheit entmündigen und ihnen die Fähigkeit und das Recht absprechen, ihren eigenen Weg zu wählen. Schützenhilfe in Sachen Pfarrer Fliege bekommt sie dabei, o Wunder, von den EKD (Evangelische Landeskirchen Deutschlands). Pastor Ulrich Rüß wird von den Deutsch-Türkischen Nachrichten folgendermaßen zitiert:
»Das Pastorenamt ist mit Esoterik und Esoterik-Business unvereinbar.«

Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Frau Caberta zwecks Ausschaltung missliebiger Konkurrenz vorgeschickt wurde. Von wem? - Nun ja …

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