Freitag, 23. September 2011

Papstrede: Defensive auf hohem intellektuellem Niveau - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Mit Spannung war die umstrittene Rede von Papst Benedikt XVI. erwartet worden. Und so tobte am Potsdamer Platz die Gegendemonstration, während der Papst im Bundestag Gemeinplätze in wohlgefeilte Worte goss, wenngleich auf hohem intellektuellen Niveau. Nach einem Abriss über die zeitweilige Diskrepanz zwischen Gewissen und Recht ging der Papst zu einer Vorlesung über, die vor der Alleinherrschaft positivistischer Vernunft warnte und dabei sogar lobende Worte für die Öko-Bewegung fand. Da wird sich Christian Ströbele, der aus Protest schon vorab den Saal verlassen hatte, noch nachträglich verwundert die Augen reiben.

Eine durch und durch defensive Rede. In der Tat: Die meisten Menschen werden wohl den grundlegenden Aussagen dieser Papstrede zustimmen, seien sie nun Katholiken oder nicht. Dass Wissenschaftsgläubigkeit nicht alles ist, dass Politiker sich ihrer Verantwortung bewusst sein und nicht nur nach materiellem Gewinn streben sollen, wer würde das nicht unterschreiben?

Möglichst wenig Ansatz für Widerspruch zu bieten, das scheint die Prämisse dieser Rede gewesen zu sein. Noch mehr Widerspruch, das wäre wohl auch das Letzte, was die katholische Kirche in dieser Zeit gebrauchen könnte. Getreu dieser Logik wirkte Benedikt fast schüchtern, als er über die Idee der Menschenrechte sprach, die »von der Überzeugung eines Schöpfergottes her« entwickelt worden sei. Gemeinplätze eben, wie sie stets von den Kirchen zu erwarten sind, wenn es darum geht, sich um konkrete Probleme herumzudrücken. Kein Wort über die Menschenrechte der von katholischen Priestern missbrauchten Kinder. Kein Wort auch über die Menschenrechte von Frauen, die nach dem katholischen Menschenbild noch immer faktisch als weniger wertvoll betrachtet werden, wenngleich dies mit allen rhetorischen Tricks stets bestritten wird. Wie ist dies mit den, angeblich durch den Schöpfergott veranlassten, Menschenrechten in Einklang zu bringen? Etwa durch die Überzeugung, dass Gott selbstverständlich ein Mann ist?

Warum diese Rede dennoch niemals hätte stattfinden dürfen
Wer die Rede am Fernsehschirm verfolgt hat, dem werden die vielen malerischen Gestalten aufgefallen sein, die plötzlich den Bundestag bevölkerten. Religiöse Funktionäre in großer Zahl. Kein schöner, vielmehr ein beunruhigender Eindruck, der mich unmittelbar an die Bilder von politischen Veranstaltungen in fundamentalistisch-islamischen Ländern erinnert hat. Was wohl wäre von einem Parlament zu erwarten, wenn diese Zusammensetzung Normalität wäre? Sollen die Führer religiöser Sekten in Parlamenten demokratischer Staaten das Wort ergreifen dürfen, auch wenn die betreffende Sekte sehr groß und ihr Anführer ein Deutscher ist? - Ich meine: Nein. Denn die Rede eines Religionsführers in einem weltlichen Parlament suggeriert einen Führungsanspruch, der weit über den eigenen Mitgliederkreis hinausgeht, selbst dann, wenn der Redner vorher Kreide gefressen hat ...

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