Sonntag, 18. September 2011

87 »Maria im Dornenbusch«

Teil 87 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Biblische Geschichten
als Comicstrip
Foto: W-J.Langbein
Die Freskenmalereien im Gotteshaus von Urschalling sind so etwas wie eine Bibel für Analphabeten. Farbenprächtige Bilder zeigen wichtige Episoden aus dem Alten wie dem Neuen Testament. Comicstripartig wird so die Geschichte Jesu erzählt ... ohne Worte, ohne Schrift. Eine von wenigen Ausnahmen findet sich hoch oben im Gewölbe. Sie gehören zu einem zweiten Zyklus, der um 1390 entstand. Wir sehen einen altehrwürdigen Greis. In der Linken hält er ein Buch, mit der Rechten deutet er auf Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. In lateinischer Sprache erklärt ein kurzes Schriftband, wer der alte Mann sein soll: Moses.

Im überaus hilfreichen Kirchenführer »Urschalling« erfahren wir, was Bild und Schriftband (2) zu bedeuten haben: »Moses, in der Linken das Buch (= Wort Gottes) haltend, mit der Rechten hinweisend auf die Offenbarung und Erscheinung Jahwes, die ihm am Gottesberg Horeb zuteil wurde.«

Was immer weniger Menschen des christlichen Abendlandes wissen ... emsige Bibellesern meinen es zu kennen. Aber wissen alle, die meinen, die Geschichte vom Dornbusch zu kennen, wirklich was in der Bibel steht? Nach christlicher Lehre erschien Gott höchstpersönlich im brennenden Dornbusch und gibt Moses
einen Auftrag. Er soll die »Kinder Israel« aus der ägyptischen Gefangenschaft führen. Lesen wir den Text in der Bibel, erfahren wir: Zunächst offenbarte sich nicht Gott im Dornbusch (3):

Ehrwürdiger Greis mit
Buch - Foto: W-J.Langbein
»Moses aber hütete die Schafe seines Schwiegervaters und trieb die Schafe über die Steppe hinaus, und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.« Der »Engel« wird im biblischen Text (4) plötzlich zu Gott. Erklärt wird dieser kuriose Vorgang nicht. Sollten zwei unterschiedliche Geschichte – in der einen taucht der Engel, in der anderen Gott selbst im brennenden Busch auf – vermischt worden sein?

Moses jedenfalls wundert sich sehr (5): »Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht brennt.« Es ist symptomatisch für den vermeintlich aufgeklärten Menschen: Wundersames passt nicht in sein Weltbild, eine »natürliche« Erklärung muss her. Im Fall »brennender Dornbusch« wurde die rasch gefunden: Bei dem Busch müsse es sich um eine Abart des »Dictammus Albus« gehandelt haben. Diese Pflanze gedeiht besonders gut in heißen Wüstengegenden. Sie hat an ihren Blättern kleine Drüsen, die eine ölartige Flüssigkeit absondern. Und die entzündet sich an besonders heißen Tagen leicht selbst. So entsteht der falsche Eindruck, dass der Busch brenne. Sobald die brennbare Flüssigkeit von den Flammen verzehrt ist ... erlöscht das Feuer von selbst.

Mir leuchtet diese »Erklärung« nicht ein: Moses war ein Kind der Wüste und kannte zweifelsohne das kuriose Phänomen. Er hat es wohl kaum mit einer göttlichen Erscheinung verwechselt. Was auch immer Moses gesehen haben mag ... Was auch immer aus dem Busch gesprochen haben mag ... in Urschalling ist es Maria mit dem Jesuskind, die in den allenfalls symbolisch angedeuteten Flammen steht.

Maria mit dem Jesuskind
im Dornbusch
Foto: W-J.Langbein
Die Freskenmalerei von Urschalling versucht erst gar nicht, die widersprüchliche Bibelgeschichte in Bilder umzusetzen. Es geht nicht um die Frage, wer denn nun den Moses ansprach ... ob Engel oder Gott. Es ging dem unbekannten Maler vielmehr um eine theologische Aussage, die man vergeblich in der Bibel sucht. Maria und das Jesuskind werden im Bild an die Stelle Gottes gesetzt. Wichtig ist: Es ist nicht Jesus allein, der die Position Gottes im brennenden Dornbusch einnimmt. Dann könnte man so interpretieren: Der unbekannte Maler wollte auf diese Weise die Göttlichkeit Jesu darstellen.

Wird also im Gemälde nicht nur das Jesuskind, sondern auch seine Mutter vergöttlicht? Unbestreitbar ist, dass Maria – über die wir aus der Bibel so gut wie nichts Konkretes erfahren – immer mehr zur himmlischen Lichtgestalt erhoben wird. Drei Dogmen belegen diese grandiose Entwicklung. 1854 wurde das Dogma verkündet, dass Maria unbefleckt empfangen wurde. 1950 wurde es zum Dogma der katholischen Kirche, dass Maria leibhaftig in den Himmel aufgefahren ist. Und 1954 wurde Maria per Dogma zur Himmelskönigin erklärt. Papst Paul verkündete am 21. November 1964, Maria sei die »Mutter der Kirche«, die »Mater ecclesia«.

Himmelskönigin Maria mit dem Jesuskind
Foto: W-J.Langbein
Noch wird die Frage nur diskutiert: Ist Maria als Himmelskönigin und Mutter des Erlösers nicht selbst die »Miterlöserin«? Alles spricht meines Erachtens nach dafür, dass Maria im »Himmel« bald neben Jesus steht. Jesu Geschichte ist stark von uralter Mythologie geprägt. Er ist der »Sonnengott« von einst, dessen Geburt, Verfolgung, Tod und Auferstehung in den Texten des Neuen Testaments verchristlicht werden ...

Die ältesten »Mariendarstellungen« entstanden lange vor dem christlichen Zeitalter in Ägypten! Sie zeigen die Himmelskönigin, die Gottesmutter, die göttliche Isis und ihren Sohn Horus! Als Himmelskönigin – gekrönt und von Sternen umgeben – wird Maria auch in der Kilianskirche von Lügde gezeigt. Nach Jahrzehnten des Studiums alter Glaubensformen und Kulte komme ich zu der Überzeugung, dass die Verehrung der himmlischen Gottesmutter nach und nach wieder an Bedeutung gewinnt. In den Anfängen des Christentums wurde die »heidnische Göttin« verdrängt ... seit vielen Jahrzehnten kehrt sie wieder zurück ... in den Katholizismus.

Himmelskönigin Maria
Foto: W-J.Langbein
Auf meinen Reisen durch Südamerika und die Südsee konnte ich feststellen, wie sehr sich offizieller Katholizismus und katholischer Glauben vor Ort unterscheiden. Die Verehrung der alten Göttinnen – etwa Pachamama – gibt es heute noch. Sie wird von der »niederen« Geistlichkeit vor Ort geduldet, ja akzeptiert. In Rom allerdings verschließt man offensichtlich die Augen vor dieser Entwicklung. Es scheint so zu sein: Gern wurden und werden die Nachkommen der einst so stolzen, verfolgten und gepeinigten Inkas als »katholische Schäflein« in den Schoß der Mutter Kirche aufgenommen. Sie werden mit Stolz als »Christen« in die Statistiken der Religionen aufgenommen. So bleibt das Christentum nach wie vor die größte Religion auf Erden. Dabei sind viele der Christen Südamerikas Verehrer von Muttergöttinnen wie Pachamama, nach christlicher Definition also Heiden! Die »niedere Geistlichkeit« vor Ort ist da pragmatisch.

So manches Gotteshaus habe ich im Verlauf von mehr als drei Jahrzehnten auf meinen Forschungsreisen besucht. Immer wieder erkannte ich, dass sich die christliche Himmelskönigin nicht von heidnischen Himmelsregentinnen unterscheidet. Der göttliche Himmelskönigin begegnete ich in katholischen Gotteshäusern weltweit: von Urschalling am Chiemsee bis nach Mexiko City.

Die Himmelskönigin
von Guadalupe
Foto: W-J.Langbein
Im Protestantismus indes hat man von der Reformation im 16. Jahrhundert an unzählige Kostbarkeiten generalstabsmäßig vernichtet. Heiligenfiguren wurden aus den Gotteshäusern verbannt, uralte Gemälde in Gotteshäusern brutal übertüncht. Mir ist ein Fall aus unseren Tagen bekannt. Da wollte ein evangelischer Pfarrer herrliche religiöse Bildnisse aus »katholischen« Zeiten in »seinem« Gotteshaus schwarz übermalen lassen. Dieser Akt theologisch begründeter Barbarei konnte zum Glück noch rechtzeitig verhindert werden ...

Die Göttin wurde vom Christentum vertrieben. Auf die Verehrung von »Mutter Erde« folgte der Versuch ihrer Unterwerfung. Auf die altehrwürdige Religion folgte »Religion« Wissenschaft, die uns die Herrschaft über die Natur versprach. Es folgte die Ausbeutung der Ressourcen und die Verwüstung unserer Umwelt.

Es ist »5 vor 12«! Aber: Die Göttin ist längst wieder in »christlichem« Gewand zurückgekehrt. In christlichen Kirchen wird längst wieder – ohne dass das den Gläubigen bewusst wird – zur »heidnischen Göttin« gebetet ... zu Maria, die einst eine »Drachengöttin« war. Offensichtlich ist die Sehnsucht nach der Göttin zu stark im menschlichen Bewusstsein verwurzelt als dass wir sie vergessen könnten. Die Göttin lässt sich nicht verbieten ...
.

Moses deutet auf die Himmelskönigin
von Urschalling - Foto: W-J.Langbein
In unserer patriarchalischen Gesellschaft unter männlicher Dominanz wird endlich der Wunsch nach einer Welt im Einklang mit der Natur wieder stärker. Das männliche »Macht euch die Erde untertan!« hat uns sehr nah, zu nah, an die Apokalypse gebracht. Es geht nicht um Frömmelei und theologische Spitzfindigkeiten. Es geht um den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten. Wird es uns gelingen, wieder mit der Natur zu leben?

Fußnoten
1 Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, Raubling, 3. Auflage 2003, S. 10
2 »rubum quam viderit Moyse«
3 Zweites Buch Mose Kapitel 3, Verse 1und 2
4 eben da, Vers 4
5 eben da, Vers 3

»Auf der Suche nach verschollenen Pyramiden«,
Teil 88 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.09.2011


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