Freitag, 15. Juli 2011

Der Doktorwahn: Eine Krankheit und ihre Symptome - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Als der Skandal um die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg auf seinem Höhepunkt war, habe ich schon einmal an dieser Stelle über das Thema Sinn und Unsinn von Doktortiteln geschrieben. Ein Kommentator nannte damals meine Annahme, dass bei Dissertationen schon immer gelogen und betrogen worden sei, »ziemlichen Humbug«.  

Inzwischen ist die Zeit weitergegangen. Weitere Dissertationen standen auf dem Prüfstand, und man ist natürlich fündig geworden: Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis mussten ebenfalls ihre Doktortitel abgeben. Die Untersuchungen in den Fällen von mindestens zwei weiteren Politikern aufgrund eines Anfangsverdachts laufen noch. Das Aufpimpen einer Doktorarbeit mit nicht immer ganz sauberen Mitteln scheint demnach keine Seltenheit zu sein.
Da stellt sich mir die Frage: Warum das alles? Weil es eben viele Menschen gibt, die ein wenig skrupelloser veranlagt sind als andere? - Ich glaube, mit dieser Interpretation des Geschehens würden wir uns die Sache viel zu einfach machen. Vielmehr sollten wir uns fragen, welche gesellschaftlichen Strukturen solche Verhaltensweisen hervorrufen.


»Guten Abend, Herr Doktor! Selbstverständlich haben wir den besten Tisch für Sie reserviert …«

Einen Doktortitel zu tragen, das bringt unzweifelhaft enorme gesellschaftliche Vorteile mit sich. Nicht nur das polierte Messingschild an der Bürotür wird durch ihn zusätzlich aufgewertet, sondern er wirkt sich auch ganz handfest aus: Bei Gehaltsverhandlungen genauso, wie beim Heraushandeln alltäglicher Vorteile auf allen Gebieten. Kein Wunder also, dass der Doktortitel Begehrlichkeiten weckt, und das umso mehr, als das reine Menschsein heute nicht mehr genügt, um der Gesellschaft ein Minimum an Respekt abzutrotzen.

Menschen wünschen sich einen Doktortitel, um damit Dinge für sich einzufordern, die in einer gesunden Gesellschaft sowieso selbstverständlich sein sollten: Achtung, Respekt und adäquate Anerkennung der eigenen Leistung. Doch leider sind wir zu einer Gesellschaft oft unerfüllbarer Bedingungen verkommen: Wer nicht auf allen Gebieten erfolgreich, brillant, geschmückt mit Titeln und behängt mit Statussymbolen daherkommt, der hat es schwer, dass man ihm überhaupt auch nur die Hand gibt. Schnell wird er eingereiht in die Masse der »Loser«, die nach dieser Lesart inzwischen 90 % der Gesamtbevölkerung ausmachen dürften. Und so schlägt die Stunde der Blender: Die Gesellschaft schreit danach, verarscht zu werden, also wird diesem Wunsch entsprochen. Ihr schlagt all meinen Bemühungen ins Gesicht? - Dann zeig ich euch jetzt mal, was ich drauf habe, indem ich für einen Doktortitel sorge, koste es, was es wolle.

Von diesem Gedanken ausgehend, ist es bis zur Anwerbung eines entsprechenden Ghostwriters nur noch ein kleiner Schritt. Für den schmaleren Geldbeutel bleibt auch die Möglichkeit, aus fremden Quellen zu kopieren. Nicht jedem ist es schließlich gegeben, eine mehrhundertseitige Dissertation selbständig aus dem Ärmel zu schütteln.


Verbote und Strafen sind wirkungslos

Obwohl die Erschleichung akademischer Titel verboten ist, scheint sie gang und gäbe zu sein, wie die Fälle der letzten Zeit zeigen. Zu verlockend der zu erwartende Gewinn: sich endlich als vollwertiger Mensch in der Mitte der Gesellschaft fühlen zu können. Vergessen wir also die Idee, solch einen Betrug mit höheren Strafen zu belegen. Dies würde nur eines bewirken: die Verfeinerung der Schummelmethoden.

Wenn wir es nicht schaffen, den Respekt von Mensch zu Mensch zurück in die Gesellschaft zu bringen, ist jede Gegenmaßnahme zum Scheitern verurteilt. Danach sieht es momentan aber leider nicht aus: Schon den Kindern wird beigebracht, dass sie ohne Abitur wertlos sind. Und dass sie eine der begehrten Praktikantenstellen nur erringen können, wenn sie ein 14-semestriges Studium mit anschließendem Auslandsaufhalt hinter sich bringen, da sie andernfalls nichts sind als der Dreck unter den Fingernägeln anderer. Wirklich aussichtsreich dürften in solch einer Gesellschaft dann nur noch wenige Berufszweige sein. Gibt es eigentlich schon einen offiziellen Ausbildungsgang zum akademischen Ghostwriter? Würde sich sicher lohnen, sich diesbezüglich schlau zu machen ...
 

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