Sonntag, 5. Juni 2011

72 »Die Lanze zwischen Himmel und Hölle«

Teil 72 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Mysteriöse Schlangen von Chavín
Foto: W-J.Langbein
Hoch in den Anden Nordperus gab es einen rätselhaften religiösen Kult. Er wurde in einem Tempelkomplex zelebriert, der im Lauf der vielen Jahrhunderte weitestgehend zerstört und unter Schlammmassen begraben wurde. Schlangen waren von zentraler Bedeutung in diesem Kult ... und ein monströs wirkendes Wesen aus Stein, das in der Unterwelt hauste. Die »Schlange« wurde im Judentum verteufelt, als die böse Versucherin, die Adam und Eva zum Ungehorsam gegen Gott aufstachelte. Ältere Kulturen indes haben »die Schlange« positiv gesehen, als göttliches Wesen das niemals starb und voller Weisheit war. Die Erinnerungen an viel ältere Kulte klingen auch im biblischen Schöpfungsbericht noch an: Die Schlange verspricht den Menschen, die von den Früchten des verbotenen Baumes essen, Erkenntnisse und Gottgleichheit!

Wie groß die Gesamtanlage von Chavín einst war, wir wissen es nicht. Ein Großteil der überirdischen Bauten ist im Lauf der Jahrtausende verschüttet und zerstört worden. Kleine Teile – wie eine »Tempelmauer« mit wuchtigen polierten und einst mit Gravuren reich verzierten Steinplatten – lässt erahnen, wie imposant Chavín einst gewesen sein muss!

Eine der Tempelmauern - Foto W-J.Langbein
Unter den Gebäuden, Pyramiden und Plätzen von Chavín de Huantar gab es ein komplexes unterirdisches Labyrinth, von dessen einstigen Ausmaßen wir keine Ahnung haben. Die unterirdische Welt mag noch größer gewesen sein als die überirdische. Zu welchem Zweck mögen die Labyrinthe angelegt worden sein? Doris Kurella fasst in »Kulturen und Bauwerke des Alten Peru« (1) einige unterschiedliche Vermutungen über die unterirdischen Gänge zusammen: »Sie dienten möglicherweise als Abflusskanäle, Geheimgänge, Lüftungsanlagen, Schächte für akustische Effekte, als Vorratskammern und Aufbewahrungsorte für Opfergaben, vielleicht auch tatsächliche Opferorte.«

Ich habe den Eindruck, dass häufig wild spekuliert wird, wenn es um Chavín de Huantar geht. Unterschiedlichste Thesen werden in Studierstuben aufgestellt. Wer aber einmal ausgiebig in der Unterwelt von Chavín de Huantar herum gekrochen ist, der weiß, dass die meisten nicht stimmen können! Als »Vorratskammern« dürften die unterirdischen Räume wohl kaum gedient haben. Vorratskammern sind in der Regel so angelegt, dass sie bequem und rasch erreicht werden können. Wer mag sich schon erst mühsam durch lange sehr schmale, teilweise äußerst Gänge quetschen, um mühsam zu nicht minder schmalen hohen Räumchen zu gelangen? Ist es schon eine Tortur, die »Vorratskammern« kriechend zu erreichen ... so ist es so gut wie ausgeschlossen, dabei noch Vorräte mit sich zu führen. Zugänge zu Vorratskammern sind auch in der Regel nicht so schmal, dass man in ihnen nur mit Mühe etwas tragen kann ... und schon gar nichts Großes!

Einer der vielen schmalen Gänge - Foto W-J.Langbein
Als »Lüftungsanlagen« sind die unterirdischen Gänge vollkommen ungeeignet. Luft zirkuliert nicht in ihnen. Es ist auch nicht ansatzweise zu erkennen, was wie auch immer durch das unterirdische Labyrinth hätte ent- oder belüftet werden können. Welche »akustischen Effekte« sollen erzeugt worden sein? Opfergaben wurden in einem kleinen Teil der Unterwelt gefunden: in der »Galerie der Opfergaben«, und zwar in einem unterirdischen Gang vor sehr kleinen schmalen Kammern ... Offenbar hat man vor vielen Jahrhunderten zum Teil Hunderte von Kilometern weit Keramiken herbeigebracht und zertrümmert. Zerschlagen wurden auch Knochen von Menschen und Tieren. Es gab also tatsächlich Opferungen. Wie aber der Kult aussah, warum, wo und wie sie zelebriert wurden ... wir wissen es nicht.

Von besonderer Bedeutung war zweifelsohne »El Lanzon«, vielleicht das zentrale sakrale Objekt der gesamten Anlage von Chavín de Huantar. Die steinerne Stele ist viereinhalb Meter hoch. Sie befindet sich in der Unterwelt, exakt auf dem zentralen Schnittpunkt zweier Gänge postiert.

»El Lanzon«,
Illustration von
W-J.Langbein
Die beiden Gänge, keinen halben Meter breit, schneiden sich rechtwinkelig. Und sie sind nur drei Meter hoch. Über diese Gänge kann man, sich mühsam durch die Enge windend, »El Lanzon« erreichen. Wie hat man »El Lanzon« durch das Labyrinth transportiert und schließlich aufgestellt? Es gibt nur eine Lösung: der lange, schmale Monolith wurde von oben in eine Grube gestellt. Dann hat man die unterirdischen Tunnel gegraben, so dass das Kultobjekt unterirdisch erreichbar wurde. Schließlich hat man die Grube geschlossen. Die Kultanlage wurde um das zentrale Heiligtum herum gebaut.

Archäologe Miloslav Stingl versucht eine Beschreibung von »El Lanzon«. Es sei, so schreibt er, (2) ein: »Gott – halb Mensch, halb Jaguar«. Noch heute flöße die Darstellung Schrecken ein. Stingl weiter: »Wie muss er erst vor 3000 Jahren auf die Gläubigen gewirkt haben! Über der Unterlippe treten mächtige Jaguarzähne hervor. Die Augen sind starr nach oben gerichtet, als ob sie zum Himmel empor sähen. Auch der Gürtel, der den Leib des Gottes umspannt, ist mit Jaguarköpfen geschmückt ... Die eine Hand – die rechte – hält der Gott empor, die andere ruht auf der Hüfte.«

Die steinerne »Lanze« ist das Zentrum der Anlage von Chavín de Huantar. Sie stellt einen monströsen Gott dar. Seine »Füße« sind im Erdboden, sein Kopf im steinernen »Himmel« verankert. Die »Lanze« verbindet Hölle und Himmel. Der furchteinflößende Gott deutet mit einer Hand zum Himmel, mit der anderen zur Hölle. Sein Gesicht – es ist aus unserer Sicht eher eine Fratze – wird weitestgehend von Schlangen bedeckt, die ich in der Zeichnung farbig markiert habe. Auch wenn die Schlange im Juden- wie im Christentum als Symbol des teuflischen Bösen angesehen wird ... in den Mythen und Überlieferungen der sonstigen Welt ist die Schlange positiv besetzt. Das Tier, das sich häutend scheinbar immer wieder verjüngte und neu geboren wurde, dürfte eines der wenigen universellen Symbole sein, und das seit Jahrtausenden: für die Ewigkeit, für die Unsterblichkeit.

Ein Gang teilt sich
Foto: W-J.Langbein
War Gott »Lanzon« Herrscher über Leben und Tod? Wurde ihm geopfert, um den Kreislauf der Natur am Leben zu erhalten? Für die Menschen der alten Hochkulturen war es nicht selbstverständlich, dass auf die Todesstarre des Winters oder der Trockenzeit wieder von Neuem Leben erblühte. Im Kult der »Heiligen Hochzeit«, wie sie zum Beispiel vor Jahrtausenden auf dem legendären Turm von Babel zelebriert wurde, galt es, Himmel und Erde miteinander zu vermählen. Nur so wurde das Rad des Lebens weiter gedreht. Nur dann folgte auf das scheinbare Absterben der Natur wieder ihre neue Geburt. Nur dann gibt es wieder Nahrung. Nur so konnte das Leben weiter bestehen.

So lange es keinerlei Dokumente aus der Zeit von Chavín de Huantar gibt, sind wir auf Spekulationen angewiesen. Ich erinnere mich gut an meinen Besuch in Chavín de Huantar vor fast genau zehn Jahren: Nach anstrengender Erkundung der Unterwelt der Tempelanlage entdeckte ich eine schmale Tür zu einer schmalen Kammer. Ich setzte mich auf ein steinernes Bänkchen ... und ließ die Situation auf mich wirken. Wurden hier einst Rituale vollzogen ... von Tod und Wiedergeburt? Wer sich stundenlang in der engen Finsternis im Labyrinth von Chavín aufhält ... und wieder ins Tageslicht zurückkehrt, fühlt sich wie wiedergeboren. War das der Sinn von Chavín: die rituelle Wiedergeburt? Die Schlangen im Gesicht des Gottes »Lanzon« könnten sehr wohl auf so einen Kult hinweisen. Von steinernen Schlangen soll es einst in den Ruinen von Chavín gewimmelt haben. Zwei habe ich noch entdeckt ...

WJL in der Unterwelt
Foto: Ingeborg Diekmann
Eine profane Siedlung war Chavín de Huantar wohl nicht. So gab es keinen Friedhof. Nichts spricht für handwerkliche Tätigkeiten oder landwirtschaftlichen Anbau. Nichts spricht dafür, dass einst dauerhaft Menschen in Chavín lebten. Chavín war wohl eher eine Pilgerstätte, zu der die Menschen von weit her strömten. Das beweisen Opfergaben wie Meeresmuscheln von der Küste und Keramiken aus unterschiedlichsten Gefilden des Alten Peru. Chavín war wohl so etwas wie ein magisch-religiöser Ort. Womöglich kamen die Menschen nur zu bestimmten Festtagen in die luftigen Höhen. Vielleicht war die Anlage sonst menschenleer und verlassen.

Miloslav Stingl, profunder Peru-Kenner schreibt (3): »Vieles, beinahe alles, was mit Chavín zusammenhängt, ist zur Zeit noch von so dichten Schleiern des Geheimnisses verhüllt, dass wir noch immer in erster Linie Fragen aufwerfen müssen und nach den Antworten zu suchen haben.« (4 und 5)

Fußnoten:
1: Kurella, Doris: »Kulturen und Bauwerke des Alten Peru«, Stuttgart 2008, S.63
2: Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, Leipzig, Jena, Berlin, 2. Auflage 1990, S.40
3: ebenda, S. 42

Empfehlenswerte Lektüre
4: Miranda-Luizaga, Jorge: »Das Sonnentor/ Vom Überleben der archaischen Andenkultur«, München 1985
5: Däniken, Erich von: »Strategie der Götter/ Das achte Weltwunder, Düsseldorf und Wien 1982, siehe Kapitel II, »Am Anfang war alles anders«, S.49-112

»Der Gott von El Baul«,
Teil 73 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.06.2011


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Kommentare:

  1. „Der Mensch sinkt, wenn er einmal sinkt, immer unter das Tier.“

    Friedrich Nietzsche (Wie man wird, was man ist)

    Wo ist eigentlich das Paradies geblieben? Tatsächlich befinden wir uns noch immer mitten darin, aber wir sehen es nicht. Wir können es nicht sehen, weil Heerscharen von Schweinepriestern uns erzählen, das Paradies sei ein „Obstgarten“, in dem es Verbote einzuhalten gilt, die gar nicht einzuhalten sind. Diese Lüge verbreiten die Priester seit Jahrtausenden; zuerst, weil sie uns belügen mussten, und später, weil sie nicht mehr anders konnten. Das Lügen wird zur Gewohnheit, wenn die Wahrheit längst vergessen und die Lügerei umso besser bezahlt ist, je höher das Lügengebäude wird, das mit verbogenen Balken gerade noch errichtet werden kann.

    Unser schöner Garten Eden wurde zu jener „modernen Zivilisation“, in der das Lügen mittlerweile so gut bezahlt wird, dass die ehrliche Arbeit es kaum noch tragen kann.

    Alles begann mit der Erbsünde. Als noch niemand wusste, wie der Himmel auf Erden zu gestalten ist, in der niemand einen unverdienten Gewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer erzielen kann, durfte das arbeitende Volk nicht wissen, dass im Privatkapitalismus ein nachhaltiges Wirtschaften unmöglich und der nächste Krieg unvermeidlich ist. Priester wurden verpflichtet, allen Zinsverlierern zu erzählen, die Marktwirtschaft sei ein „Obstgarten“ und manche Früchte seien eigentlich verboten aber wohl in der Praxis nicht zu vermeiden. So verschaffte die Erbsünde denen ein Auskommen, die außer lügen nichts gelernt hatten.

    Problematisch wurde es erst, als ein Prophet erklärte, dass mit konstruktiv umlaufgesichertem Geld der Allokationsmechanismus zwischen Kreditangebot und Kreditnachfrage erhalten bleibt, auch ohne dass das Finanzkapital mit dem Urzins belohnt werden muss, damit es rentable Sachkapitalien gebiert. In diesem Fall wäre das Kreditangebot mit der Summe aller Ersparnisse identisch, der Geldkreislauf stabil, der Geldverleih gerecht, jede Geldbewegung intelligent, jeder Anspruch auf Geld gesichert, und Gott würde nicht mehr gebraucht.

    Das Paradies von der Erbsünde befreien und das auch noch ohne Verbote? Diese „Unverschämtheit“ konnte man nicht durchgehen lassen, denn dann würden sogar die Lügner wieder von ehrlicher Arbeit leben müssen.

    So wurden alle Priester zu Schweinepriestern; und alle, die nicht gestorben sind, belügen uns noch heute.

    Herzlich Willkommen in der wirklichen Welt:

    http://www.deweles.de/willkommen/himmel-und-hoelle.html

    AntwortenLöschen
  2. Oh, wie wahr. -
    Hinzu kommt der Glaube, der das Opium der Unwissenden und Naiven ist.

    Liebe Mitmenschen glaubt nicht alles was man Euch sagt.
    Bleibt immer neugierig und hinterfragt alles.
    Habt auch Mut etwas zu sagen, auch wenn es etwas zu NEU zu erscheinen mag.
    Die sogenannte Obrigkeit sind wir selbst.

    AntwortenLöschen

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