Freitag, 20. Mai 2011

Neokolonialismus – Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Die Botschaft, die Frank-Jürgen Weise, der Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, dieser Tage überbringt, ist ein dicker Hund. Da die Nachrichten der letzten Zeit jedoch mit vielen dicken Hunden durchsetzt waren, bleibt der große Aufschrei offenbar aus.

Um den Fachkräftemangel in Deutschland zu beheben, bräuchten wir 2 Millionen qualifizierter Zuwanderer, lässt Weise uns wissen. Andernfalls drohe uns eine Dämpfung des Wirtschaftswachstums. (Quelle: WELT)

Unwillkürlich fällt mir in diesem Zusammenhang die Sache mit den »Computer-Indern« ein, die schon vor Jahren dringend benötigte Programmierer nach Deutschland bringen sollte. Wenn ich mich recht erinnere, ist die Aktion ein Schuss in den Ofen gewesen, denn die meisten der Angeworbenen zog es nach nicht allzu langer Zeit zurück in ihr Heimatland. Indien, das Land der unerschöpflichen IT-Talente, ist inzwischen selbst auf dem aufsteigenden Ast, und die Gründe für hochqualifizierte Fachkräfte, ihrem Land den Rücken zu kehren, werden von Jahr zu Jahr weniger. Woher also zwei Millionen Fachkräfte nehmen, die überhaupt bereit wären, nach Deutschland zu kommen?

Da hilft nur eins: Weltweit tätige Talentscouts müssen jeden Winkel der Erde absuchen und Ausschau halten. Dabei sollten sie vor allem die Entwicklungsländer nicht aus den Augen lassen. Die wenigen gut ausgebildeten Leute dort sind hungrig auf Lebenschancen, wie Deutschland sie ihnen bieten kann. Wir sollten also keine Scheu haben, die klügsten Köpfe abzuwerben, denn damit würden wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Unser Fachkräftemangelproblem wäre gelöst, und die Entwicklungsländer würden wirksam am eigenen Aufstieg gehindert. Gut so, dann können sie unserer florierenden Exportindustrie wenigstens auch in Zukunft nicht Konkurrenz machen.

Kurz gesagt: Die Idee des massenhaften Anwerbens von Fachkräften aus dem Ausland ist Neokolonialismus der übelsten Sorte. Waren es bisher hauptsächlich Billigrohstoffe, die wir aus Entwicklungs- und Schwellenländern bezogen haben, so sollen wir von dort jetzt wiederum holen, was uns inzwischen so dringend fehlt: menschlichen Geist.

Apropos Geist …
… sind wir schon so weit abgesackt, dass wir nicht mehr erkennen können, warum es unmöglich zu sein scheint, benötigte Fachkräfte in Deutschland auszubilden? Ist die einfachste Lösung: geistigen Raubbau an anderen Ländern zu betreiben, wirklich das einzige Mittel der Wahl?

Unsere Schulen verderben inzwischen so vielen jungen Menschen den Start ins Leben, dass es nur noch zum Weinen ist. Wer nicht ins Schema passt, steht schnell vor einer undurchdringlichen Mauer, die ihm solchen Frust bereitet, dass er in ein Nischendasein ausweicht. Tragischerweise sind es oft gerade die klugen Köpfe, die den Wahnsinn am schnellsten durchschauen und sich komplett verweigern. An diesen Stellen hätten wir die uns fehlenden Fachkräfte zu suchen. Stattdessen schweifen wir in die Ferne, um uns den hiesigen Problemen nicht stellen zu müssen.

Parken wir also weiterhin unsere jungen Menschen vor einem verblödeten Fernsehprogramm und sorgen wir für genügend qualifizierte Zuwanderung. Schließlich sollten die Beherrscher der Welt es nicht nötig haben, irgend etwas selbst zu tun …

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