Samstag, 23. April 2011

»Ein Buch lesen! - Privat« Heute: Sylvia B.

In Teil 2 unserer Interview-Serie »Ein Buch lesen! - Privat« stellt sich Sylvia B. heute den Fragen von Ursula Prem.

Sylvia B.
Ursula Prem: Du siehst Dich nicht nur als Autorin, sondern als Kreative. Auf welchen Wegen verwirklicht sich Deine Kreativität?

Sylvia B.: Mein Vater war Kunstmaler und ein kreativer Mensch, seine Ideen setzte er um und ich würde bei seinem Tun von einer alltagstauglichen Kreativität sprechen. Mit seinen Schöpfungen verblüffte er sein Umfeld, und zu mir pflegte er dann immer zu sagen: »Man kann noch so dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen.« Diese alltägliche Kreativität habe ich genauso als Selbstverständlichkeit betrachtet, wie die Farbenlehre oder die Pinselführung. Er hat eindeutig den Grundstock gelegt. Vor Lichtjahren ist mir auf der Autobahn der Auspuff an meinem Wagen durchgebrochen. Es war die Zeit, als junge Leute mit wenig Geld noch alte Autos fuhren, an denen noch »geschraubt« werden konnte und in jedem Mülleimer irgendwelche Cola-Dosen zu finden waren. So habe ich mittels meiner Zange Boden und Deckel einer Dose entfernt, diese dann über die Bruchstelle geschoben. Das hielt, aber ich denke, die Dosen hatten damals noch eine andere Qualität als heute. Das meine ich mit Alltagskreativität. Als später der Fensterheber defekt war und ausgetauscht werden musste, habe ich aus dem alten Teil eine Halbskulptur geschaffen. Auf Schrottplätzen kann man übrigens die tollsten Sachen finden. Dass ich nie einen Schweißerschein gemacht habe, bereue ich übrigens. Wichtig bei aller Kreativität ist die Auseinandersetzung mit der Materie. Als ich mir Tiffanyobjekte  erstellte, habe ich mir die Technik selbst erarbeitet. Bewegung habe ich auch gestaltet, in einer Gruppe wurden daraus Choreografien. Dieses Handwerk habe ich erlernt.


Sylvia B.:
Fensterheber auf Acrylfugenmasse
 U.P.: Aus Deiner Antwort schließe ich, dass Kreativität nicht so sehr vom Ausdrucksmedium abhängt, sondern eine Lebenseinstellung ist. Hat Dir diese Haltung auch in Krisenzeiten geholfen?

S. B.: Du willst auf meine Morbus-Menière-Erkrankung hinaus. Da kamen mir andere Erfahrungen zugute. In jungen Jahren habe ich Wettkampfsport betrieben, da für mich Leistung messbar sein muss, war ich Leichtathletin. Tägliches Training war Vorbereitung für die Wettkämpfe, und bei denen ging es mir nicht in erster Linie um das Messen mit Gleichgesinnten, ich wollte gewinnen. Entsprechend war Kampfgeist vorhanden. Später habe ich mir dann törichte Dinge erlaubt, unter anderem habe ich den Aufstieg auf einen 6.000er gewagt. Da ging es nur darum, durchzuhalten. An die Grenzen meiner eigenen Belastbarkeit zu gelangen, war eine wichtige Erfahrung für mich. Morbus Menière war und ist allerdings kein sportlicher Gegner, er war, ist und bleibt mein Feind. Mental war ich ganz gut drauf, bei den Anfällen kam mir das Mantra zugute: »Halte durch. Du schaffst das«.


U.P.: Nachdem Du Deine Erfahrungen mit der Menière-Erkrankung in einem erschütternden Buch niedergelegt hattest, hast Du Dich einer anderen Seite der Literatur zugewandt: der Satire. Deine dreibändige Lieschen-Reihe ist ein echter Hochgenuss. Wie der bisher letzte Band »ForenTroll: Ein modernes Märchen für Erwachsene« zeigt, interessieren Dich die Umtriebe in Internetforen, besonders das Trollwesen, das ja bekanntlich die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form der Gewalttätigkeit darstellt ...

Sylvia B.:
´meniére desaster
S. B.: Das Menière-Buch musste ich schreiben, damit ich darin lesen, damit ich diesen Abschnitt meines Lebensbuches zuschlagen konnte. Es endet mit der Gentamizinbehandlung. Gentamizin ist die »Ultima Ratio«. Eine ohrtoxische Substanz, die gnadenlos wirkt. Aber ich musste etwas in mir töten, damit ich wieder leben konnte. Im Grunde genommen kann ich ja froh sein, dass es diese Möglichkeit als letzten Ausweg für mich gab. Vincent van Gogh musste einen anderen Weg beschreiten. Wenn ich mir vorstelle, dass er erst am Anfang seiner Schaffenszeit war, mit 37 Jahren. Hätte es damals schon diese Behandlungsmöglichkeit gegeben, was hätte er der Menschheit für Werke hinterlassen?
Zu der Forentrollproblematik hat Sascha Lobo auf der re:publica XI interessante Ansätze gebracht. Wobei ich da meine Überlegungen mehr auf die Ursachenforschung richte. Wer sich für dieses Thema interessiert, kommt an Hurrelmann nicht vorbei. Es ist doch schon vor mehr als 20 Jahren eine Entwicklung absehbar gewesen. Was ich zu bemängeln habe ist, dass seinerzeit sehr wohl Projekte auch und gerade zur Gewaltprävention initiiert worden sind, die auch durchaus erfolgreich waren. Diese wurden entsprechend beschrieben und dann war es das. Fördermittel, um Maßnahmen weiterzuführen waren nicht mehr vorhanden. Aber die Verantwortung kann nicht nur in die öffentliche Hand gelegt werden.

Sylvia B.:
Forentroll
Vor 20 Jahren wuchsen die Wohlstandskids heran. Da ging Mama putzen, damit der Sohnemann eine Musikausbildung erhielt oder die Tochter in Markenklamotten zur Schule gehen konnte. Die Kinder von damals sind die Erwachsenen von Heute. Müßig zu überlegen, wer von beiden seinen Weg gegangen ist. Die Situation ist doch die: Wer einer Berufstätigkeit nachgeht, und das 38,5 bis 50 Stunden in der Woche, wird wohl nicht unbedingt seine knapp bemessene Freizeit als Forentroll verbringen. Das sind Leute mit entsprechender Tagesfreizeit, die wenig Respekt vor der Leistung anderer erkennen lassen. Letztendlich haben diese Egomanen nie laufen gelernt, wie auch, sie bekamen ja alles in den Hintern geschoben. Das, was sich jetzt abzeichnet, ist doch erst der Anfang. Wer mehr als 30 Jahre so konditioniert worden ist, ändert sein Verhalten nicht mehr. Die guten Worte kann man sich sparen, da kann man besser einen Groschen in die Parkuhr werfen und sich mit der unterhalten.


U.P.: Das klingt nicht unbedingt optimistisch. Woher nimmst Du dennoch die Kraft, immer weiter kreativ zu arbeiten?

S. B.: Das klingt in der Tat nicht optimistisch, aber es ist ein Problem, das ich wohl als solches sehe, das ich aber nicht lösen muss. Natürlich beschäftigt es mich. Es regt mich auch auf, wenn ich mit einem Forentroll zu tun habe, aber in den 20 Jahren, in denen der Menière als solcher nicht diagnostiziert war, galt ich als Simulant und konnte mir ganz andere Sprüche anhören. Damit will ich nicht sagen, dass ich abgestumpft bin. Nach einer solchen Zeit, die ja noch in der Folge in einen Burnout endete, sehe ich die Dinge eher abgeklärt, irgendwie differenzierter. Ich denke, es gab zwei Möglichkeiten: Entweder ich zerbreche daran, oder ich bade in Drachenblut. Wobei ich mich für letzteres entschieden habe. Entscheidend war für mich auch die Erkenntnis, dass ich mich auf der Machtebene aufgehalten habe. Deshalb fühlte ich mich ohnmächtig. Nun bin ich kein Machtmensch. Als mir diese Erkenntnis bewusst wurde, konnte ich mich auf die höhere Ebene begeben, die der Verantwortung. Für mein Wohl bin ich selbst verantwortlich. An Sport ist mir Gymnastik geblieben, da beginne ich schon morgens mit meinem Programm.
Rosenstolz trägt in »Ich bin ich« vor: »…Hab mein Gleichgewicht verlorn’ doch kann trotzdem g’rade stehn…«. Das trifft für mich auch zu. Diesen Status quo halte ich bei. Das geht nur durch Disziplin. Aber es verschafft mir Lebensqualität, daraus ziehe ich meine Kraft.

Kater »Söhnke«
U.P.: In Deiner Biografie heißt es: »Mit ihrem Hund, vier Katzen und 14 Goldfischen lebt sie irgendwo im Münsterland.« Eine Deiner Katzen, namens Äugelchen, hast Du sogar in Deinem Buch »hexenhausgeflüster: Ein modernes Märchen für Erwachsene« literarisch verarbeitet. Inspirieren Dich Deine Tiere?

S. B.: Liebe Ursula, Du kennst den Satz: Ein Hund hat ein Herrchen (Frauchen), eine Katze hat Personal! Nichts anderes bin ich für mein Katzengeschlunse. Die inspirieren mich nur bedingt, sie halten mich vielmehr auf Trab. Aber sie scheinen sich wohl bei mir zu fühlen, sonst würden sie weglaufen. Äugelchen hat natürlich, bedingt durch ihre Behinderung, eine Sonderstellung.

Sylvia B. in ihren geliebten
»Birkenstöckis«
Diese Vita hatte einen besonderen Grund. Sie ist in Verbindung mit dem Bild von mir zu sehen, das ich kurz beschreibe: Eine Frau steht mehr als lässig an eine Wand gelehnt, sie trägt eine Leggins, Schlabberpulli und Gesundheitslatschen. In der einen Hand ein Telefon am Ohr, in der anderen Hand eine Zigarette. Die Haare sehen aus, als hätte sie die Nacht mit den Zehen in der Steckdose verbracht. Seien wir ehrlich: Eine solche Darstellung geht gar nicht. Und um dem Klischee noch eins draufzusetzen, kommt der Text: Ein Hund, vier Katzen. Das dürfte an sich schon auf Schwierigkeiten hinweisen, aber vier Katzen und die Goldfische, das ist doch ein Unding. Das Bild beweist das Gegenteil: Es geht doch. Es ist möglich, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Das ist die Kunst dabei. Es gibt Kritiker, die sagen, dass es »Unmöglich« sei, ohne Punkt und Komma, nur klein geschrieben eine Publikation auf den Markt zu bringen. Die Kunst bestand für mich darin, auch dieses »Unmögliche« möglich zu machen. Eine gewisse Art der Leichtigkeit in alles zu bringen, was ich mache, war für mich nicht so einfach, bei all der Schwere, die eine solche Krankheit und ihre Folgen mit sich bringt. Mir kam da ein Schlüsselerlebnis zur Hilfe. Beruflich hatte ich in Grainau zu tun und es ergab sich, dass ich mich einer kleiner Gruppe anschloss, die in der Mittagspause per Taxi und Bahn und von dort auf das Zugspitzplatt aufmachte. Oben angekommen stand ich in Stöckeln und kurzem Italiener, habe gefroren wie ein Schneider, aber das gehörte dazu. Die Aussicht habe ich genossen und mir dabei überlegt, dass ich auch ohne große Mühe einen Gipfel erreicht habe. Auf dem Rückweg zum Hotel habe ich mir dann überlegt, dass es mir gelingen müsste, einen Weg zwischen beiden Extremen zu beschreiten.


 Der Tote
im Zwillbrocker Venn
 U.P.: Liebe Sylvia, das Unmögliche möglich zu machen scheint ein Leitmotiv Deines Lebens zu sein. Das Unerträgliche in eine künstlerische Form zu gießen, das ist der Weg eines geborenen Kriegers. Das ist Dir im Umgang mit Deiner Krankheit ebenso gelungen, wie in Deinen Büchern oder Deinen Bildern. In diesem Zusammenhang fallen mir auch die Illustrationen und Gedichte ein, die Du zu dem Krimi »Der Tote im Zwillbrocker Venn« von Tuna von Blumenstein geschaffen hast. Wird es eine weitere Zusammenarbeit mit Tuna von Blumenstein geben, einen weiteren Krimi vielleicht?

S.B.: Meine Beiträge in Tunas Krimi sind eine Mischung aus Lyrik und Prosa, Gedichte trifft es aus meiner Sicht nicht, aus meinem Verständnis sind es Texte. Für mich haben normalerweise Gedichte oder solche Texte in einem Krimi nichts zu suchen, es weckt Assoziationen in mir, die in die Richtung gehen »Italienisches Fernsehballett in den 60er Jahren« oder Filmschnulzen, in denen der schöne Held plötzlich das Singen beginnt. Somit wieder etwas, was selbst ich als »Unmöglich« bezeichnen würde. Nun gestaltet es sich in dem Krimi »Der Tote im Zwillbrocker Venn« für mich akzeptabel, denn die Texte sollten nicht als Deko fungieren. Sie sind Gedanken einer in sich zerrissenen Person, die eine wichtige Rolle in dem Krimi spielt. Ein Experiment, das ich als gelungen betrachte, das aber in dieser Form nicht in einem weiteren Krimi unterzubringen ist. Aber da ich für alles offen bin, werden sich vielleicht andere Möglichkeiten der Zusammenarbeit anbieten. Was ich weiß: Es ist ein weiterer Krimi in der Mache, zum Spätsommer dürfte es wieder spannend werden.

Sylvia B.
U.P.: Welches ist Dein größter Wunsch für die Zukunft?

Liebe Ursula, das mit den Wünschen ist so eine Sache, zumal ich weiß, dass ich nicht das bekomme, was ich mir wünsche, sondern das, was ich brauche. Und da ich auf meine täglichen Lachsalven angewiesen bin, mich nach Möglichkeit nur noch mit Menschen umgebe, mit denen ich auch lachen kann, weiß ich natürlich, dass mir das Team von »Ein Buch lesen!« noch lange erhalten bleibt. Aber wenn Du mich so eindringlich nach meinem größten Wunsch für die Zukunft fragst und ich Dir die Antwort nicht schuldig bleiben möchte, dann wünsche ich mir, Dich auf der Bühne zu erleben. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Rest des Teams mit mir dann in der ersten Reihe sitzt.

U.P.: :-), Nun ja, mal sehen, was die Zukunft bringt. Aber wie auch immer: Wir bleiben ein Team! Liebe Sylvia, danke für dieses wundervolle Interview!

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