Sonntag, 3. April 2011

63 »Die Externsteine... ein vorchristliches Observatorium?«

Teil 63 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Im nordöstlichen Nordrhein-Westfalen wirkten vor rund siebzig Jahrmillionen unvorstellbare Riesenkräfte: einstmals waagrecht liegende Schichten wurden wie von einer riesigen Hand senkrecht aufgestellt. Über die Jahrmillionen hinweg nagte der sprichwörtliche Zahn der Zeit an den Gesteinsmassen und ließ bizarre Felsformationen entstehen, die wie knorrige Finger teilweise bis zu fünfzig Meter in den Himmel ragen.

Die Externsteine bei Detmold
Bild: ©Walter-Jörg Langbein
Der Osning-Sandstein war einst als eine Ablagerungsschicht am Grund eines gewaltigen Inlandmeeres entstanden.. und von gigantischen tektonischen Kräften zu skurrilen Formationen aufgetürmt worden. Im Mittelalter erfreute sich dieser Sandstein großer Beliebtheit bei kirchlichen und weltlichen Bauherren. War er doch weich und daher einfach zu bearbeiten. So wurden Steine grob zu Klötzen geschlagen und bis nach Köln und Aachen geschafft. Der an der Oberfläche beim Kontakt mit Sauerstoff aushärtende Stein wurde für den Bau von weltlichen wie kirchlichen Palästen verwendet.
Warum die vier freistehenden Säulen im Teutoburger Wald bei Detmold den Namen »Externsteine« erhielten, das konnte bis heute nicht geklärt werden. Immer wieder stieß ich bei meinem Quellenstudium auf einen interessanten Hinweis: »So steht ›tern‹ für Stern, das heißt auf erhöhtem Punkte betriebene Sternbeobachtung, und ›Stein‹ ist die Verkappung für den Ort, denn neben den vier frei stehenden Felsen gibt es noch acht weitere.« (1)
Wurden also in grauer Vorzeit von den Externsteinen aus die Sterne beobachtet? Einst befand sich hoch oben auf Felsen II der Externsteine eine Kammer, in der es stockfinster gewesen sein muss. Hatte sie doch vermutlich nur ein einziges rundes Fenster in der Ostwand!

Guckloch in der
Sternbeobachtungskammer
Foto: ©Walter-Jörg Langbein
Die »Dunkelkammer« hatte wissenschaftliche Aufgaben: Sie diente als Observatorium! Zu den Zeiten der Sonnwenden fiel das Sonnenlicht durch das kreisrunde Loch in die Finsternis der Sacella, der Sternenbeobachtungskammer, und erleuchtete bestimmte markante Punkte.

Karl der Große, als Sachsenschlächter zu mehr als zweifelhaftem Ruhm gekommen, verachtete diese wissenschaftlichen Studien. Für den streitbaren Herrscher, der lieber mit dem Schwert »missionierte«, war die intensive Auseinandersetzung mit der Sonne, ihrem Lauf und dem Sonnenkalender ketzerischer Aberglaube. Christenmenschen hatten zu tun, was der Priester von der Kanzel aus befahl. Sie hatten zu gehorchen! Gottes Wort wurde verkündet, irdische Herrscher waren von Gottes Gnaden! Wozu sollte dann eine Erforschung der Naturgesetze betrieben werden? Sternen- und Sonnenbeobachtungen waren einst von den Heiden betrieben worden... hatten also zu unterbleiben.

Mit Eifer versuchte Karl der Große alle irgendwie heidnischen Bräuche auszulöschen, etwa den Sonnenräderlauf von Lügde! Da bauten die Menschen große hölzerne Räder, stopften sie mit Stroh aus und ließen sie nächtens zur Sonnwendfeier (christlich: Ostern) von Bergen ins Tal rollen. Ursprung war zweifelsohne ein uralter Sonnenkult. Die Lügder erwiesen sich als stur und waren nicht dazu bereit, den alten Brauch aufzugeben. Also gab Karl der Große klein bei und erlaubte die Fortführung des alten kultischen Brauchs in christlich-österlichem Gewand. Er hat sich bis in unsere Tage erhalten und lockt auch noch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus Zigtausende an.

Reste der einstigen Sternbeobachtungskammer
Foto: ©Walter-Jörg Langbein
Erfolgreicher war Karl der Große bei den Externsteinen. Er ließ vermutlich im Jahre 772 die Sacelle auf Felsen II weitestgehend zerstören. Heute kann man nur noch erahnen, wie jener Raum einst ausgesehen haben mag. Man erkennt deutlich, wo einst Mauern jegliches Sonnenlicht ausschlossen... nur noch karge Reste überstanden die Zerstörungswut.

Erhalten blieb das mysteriöse Sonnenloch mit einem Mauerrest. Erhalten blieb an der gegenüberliegenden Seite ein Stück Wand. Zwei Säulen und eine Nische fallen auf. Wurden hier die Bewegungen der Sonnenläufe markiert? Wir können es nur vermuten. An bestimmten, kalendarisch wichtigen Tagen soll das Sonnenlicht eine mysteriöse Maske angestrahlt haben, die dann im Dunkeln der Beobachtungskammer förmlich aufglühte.

Teil einer Wand
Foto: ©Walter-Jörg Langbein
Für manche ist das bärtige Gesicht noch heute eine Teufelsmaske. Andere wiederum sehen das majestätisch wirkende steinerne Kunstwerk an einen Sonnengott aus uralten Zeiten, als die Gestirne noch als heilig galten. Kalendarische Beobachtungen waren Teil uralter sakraler Riten, die als höchst bedeutsam für die heiligen Zeitabläufe galten!

Schon manches Mal habe ich Fels II erklommen und bin über die schmale Brücke ins einstige Heiligtum geklettert. Viele Besucher der Externsteine begnügen sich damit, von unten die steinernen »Säulen« zu bestaunen. Jene, die Fels II erklimmen, scheinen dies meist als Pflichtbesuch zu empfinden, der schnell absolviert werden muss... wenn man schon mal da ist. Gelangweilt werfen sie rasch einen Blick durch das Sonnenloch, setzen sich ahnungslos breitgesäßig für ein Erinnerungsfoto auf den einstigen Altar und übersehen meist das mysteriöse Gesicht. Und schon geht es wieder über die Brücke und dann die steile steinerne Treppe hinab. Geschafft!

Die geheimnisvolle Maske überstand Karl den Großen. Vermutlich erst in neuerer Zeit wurde es Opfer von Vandalismus. Jemand schlug dem Antlitz einen Teil der Nase ab, der Bruch wirkt noch frisch. Wegen modernen Vandalismus mussten die Höhlenkammern im Inneren der Externsteinen für die Öffentlichkeit geschlossen werden. Vor rund dreißig Jahren waren sie noch zugänglich.... heute benötigt man eine Sondergenehmigung für den Besuch im Inneren der Externsteine!

Teufelsmaske oder Sonnengott?
Bild: ©Walter-Jörg Langbein
Einst, so wird spekuliert, stand bei oder auf einem der Externsteine die Irminsul, der heilige Weltenbaum. Einst soll er Himmel und Erde miteinander verbunden haben. Einst soll er Reisen aus irdischen in himmlische Gefilde und zurück ermöglicht haben. Trotz intensiven Quellenstudiums über Jahrzehnte hinweg ist es mir aber nicht gelungen, Klarheit in dieser Frage zu erlangen: Gab es eine Externsteine-Irminsul? Und wenn ja: Wann wurde sie ursprünglich errichtet und wann zerstört? Als Hauptverdächtiger für die Vernichtung eines so bedeutsamen »heidnischen Kultobjekts« bietet sich Karl der Große an.

Dass es bei den Externsteinen eine Irmisnul gegeben hat, das ist so abwegig nicht. Denn es gibt einen sehr deutlichen Hinweis auf diese sakrale Säule.. in einem bemerkenswerten Relief, das vor Jahrhunderten an einem der Externsteine angebracht wurde. Wer dieses »christliche« Kunstwerk gründlich betrachtet, der macht eine erstaunliche Entdeckung: Es sieht ganz danach aus, als habe es eine vorchristliche, »heidnische« Darstellung gegeben, die von christlichen Künstlern weitestgehend zerstört und überarbeitet wurde. Teile der älteren Version des rätselhaften Kunstwerks sind aber heute noch zu erkennen! (2)

Die umgeknickte Irminsul der
Externsteine
Bild: ©Walter-Jörg Langbein
Fußnoten
1: Buss, Winfried: »Ein Gang zu den Externsteinen«, Paderborn 1994, S.7
2: Hantl, Otto: Urglaube und Externstein, Oberursel, Essen, Tübingen 1998

»Das Geheimnis der Kreuzabnahme«,
Teil 64 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein erscheint am 11.04.2011

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