Samstag, 5. März 2011

Samstagsrezension Helga König - Von der Kunst des Lebens. Marc Chagall und der Zauber des Zirkus, Ulrich Peters

Dieses Büchlein enthält eine Fülle von Bildern des von mir sehr geschätzten Malers Marc Chagall. Ulrich Peters hat es herausgegeben, hat die Bilder, auch verschiedene Texte unterschiedlicher Autoren ausgewählt und erzählt selbst Lesenswertes über  Chagall und den Zauber des Zirkus. Anstelle eines Vorwortes hat man Gelegenheit das Gedicht „Ich liebe das Zirkusland" von diesem vielseitigen Künstler zu lesen und sich auf der Doppelseite danach eines seiner wundervollen Zirkusbilder zu erfreuen.

Peters hat in seine Texte immer wieder Gedichte, die das Zirkusleben thematisieren, eingebunden. Die meisten der Gedichte stammen von Chagall selbst und verdeutlichen, dass er auch ein hervorragender Lyriker war.

Eines dieser Gedichte möchte ich an dieser Stelle wiedergegeben, weil ich meine, dass dieses Gedicht seine Bilder am nachhaltigsten widerspiegelt.

„Akrobaten des Alltags
oder Wie wir in Balance bleiben
Ich träume, dass ich in einem Zirkus bin.
In der Ferne, um das Bett herum
galoppieren die Pferde, die Zirkusreiterinnen.
Der Clown lacht...

Die Akrobaten balancieren in Höhen.
Sie wechseln aus einer Hand in andere Hände.
Sie wechseln von einem Bein zu anderen Beinen.
Sie sind Blau und Rosa.

Mein Zirkus spielt im Himmel,
er spielt in den Wolken, zwischen den Stühlen,
er spielt sich am Fenster oder spiegelt sich am Mond.

Eine rosafarbene Akrobatin wedelt mit ihrem Fächer.
Sie ruft mich an.
Sie flüstert mir zu,
noch einmal zu leben.“

(Das zitierte Chagall-Gedicht finden Sie auf S. 27; auf S. 26 ist die rosafarbene Akrobatin als Bildausschnitt zu sehen).

Peters lässt den Leser wissen, dass Chagall sein ganzes Leben hindurch den Zirkus schätzte und deshalb auch Zirkusbilder einen zentralen Platz in seinem Werk einnehmen. Andere Künstler haben zwar auch Zirkusbilder gemalt, doch seine suggerieren, dass man mittendrin im Manegenrund sitzt und den Zirkus gewissermaßen riecht sowie die Musik hört, (vgl.: S.8 ). Man erfährt von den Erfahrungen Chagalls, die er als Kind mit Zirkusleuten machte und weshalb schon seine ersten Werke mit dem Zirkusleben in Verbindung gebracht werden können. Peters nimmt Bezug auf ein Zitat André Hellers, wenn er sagt, dass bei Chagall die Menschen fast immer und überall einen Zirkus unter dem Herzen tragen, (vgl.: S. 10) und konstatiert, dass für diesen Künstler der Zirkus ein Gleichnis war und gewissermaßen der Spiegel des Lebens schlechthin. Chagalls Vorstellung von Zirkus erschließt seine Idee vom Leben in seiner reinsten Form, (vgl.:S.11).

Im Rahmen essayhafter Betrachtungen bringt Ulrich Peters dem Leser Seite für Seite den Zirkus in seiner tiefgründigen Art immer näher. Was geschieht, wenn der Vorhang aufgeht? Dann begegnet man einer bunten Welt voller Bewegung, voll prallen Lebens, voller Poesie, Temperament und Tiefsinn. Dann auch vollzieht sich am Besucher eine Verwandlung. Dann tut sich die Welt der Wunder auf..., (vgl.: S.16). Peters erinnert an alle, die in Chagalls Bildern visualisiert sind: die Gaukler, die Akrobaten, die Trapezkünstler, die Musikanten und die Kunstreiter, (vgl.: S. 29).

Chagall malte ein Bild, das er „Der Jongleur“ nannte. Mit dem Bild will er offenbar aussagen, dass der Jongleur Macht über die Zeit hat .Peters deutet u.a. Chagalls „Die Trapezkünstlerin“ Der Künstler habe ein ein leises, sehr inniges Bild voller Andeutungen gemalt. Dieser Betrachtung schließe ich mich an. Es macht Spaß die Andeutungen zu interpretieren.

Peters schreibt in seinen Betrachtungen natürlich auch über Clowns, die Chagall immer wieder malte und zitiert auf Seite 37 ein Gedicht von Henry Miller

„Der Clown lehrt uns
wie wir über uns selbst lachen sollen.
Und dieses Lachen
wird aus Tränen geboren.“

Der Herausgeber des Büchleins definiert: “Tränen lachen können angesichts der Tücke des Objekts; angesichts der Tragik der Welt und des Lebens aber trotz der Tränen Menschen lachen zu machen ist das Geheimnis des Clowns, einerlei ob als poetischer Paradiesvogel oder polternder Tollpatsch“: »Schwäche als Stärke, Scheitern als Sieg - die Poesie des Unvollkommenen ist die Philosophie des Clowns« (M. Kupferblum), niemals aufzugeben sein Programm,“(Zitat: S. 38).

Wie man lesen kann, ist ein Clown ein guter Lehrmeister, was Resilienz anbelangt, ein Begriff, der heutzutage Hochkonjunktur hat.

Das Nachwort hat Henry Miller geschrieben. Es ist voller Poesie, wie das ganze Buch, das ich allen empfehle, die gerne träumen und die nicht verlernt haben die bunte Welt der Fantasie zu lieben.




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