Freitag, 18. März 2011

Atommoratorium: Besser spät als nie – Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Den Anspruch auf politische Glaubwürdigkeit dürfte wohl kaum mehr ein aufgeklärter Bürger ernsthaft an die Regierenden stellen, ganz egal, wer gerade am Ruder sitzt. Gut, Rot-Grün hat im Jahr 2000 den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Ein Zugeständnis an die Tatsache, dass sich die Urwählerschaft der Grünen aus der Anti-AKW-Bewegung rekrutiert. Einlösen musste Rot-Grün gar nichts, denn die Restlaufzeiten wurden so großzügig bemessen, dass mit etwas Glück sowieso der politische Gegner sich um die Umsetzung hätte kümmern müssen. So gesehen eine geniale Methode, sich ein Verdienst zurechnen zu lassen, ohne von Konsequenzen belästigt zu werden. Ein politisch glaubwürdiger grüner Umweltminister hätte wohl wenigstens die ältesten Meiler sofort vom Netz genommen. Doch Jürgen Trittin beschäftigte sich lieber mit der größtmöglichen Bürokratisierung des Einwegpfands. Ob er sich heute diebisch freut, wenn er einen Supermarkt betritt und die Schlange gestresster Hausfrauen betrachtet, die am Jürgen-Trittin-Gedächtnisautomaten anstehen, der wieder einmal klemmt? Oder gehen Menschen wie Trittin gar nicht selbst einkaufen, weil man für sowas schließlich seine Leute hat?

Dass Schwarz-Gelb die von der früheren Regierung beschlossenen Restlaufzeiten unter dem Stichwort »Ausstieg aus dem Ausstieg« wieder zurücknehmen würde, war zu erwarten. Mit Sicherheit hatte Rot-Grün auch nicht ernsthaft damit gerechnet, dass der Ausstieg auf diese Weise Realität werden würde. Dazu sind die finanziellen Interessen der Atom-Lobby viel zu mächtig.

Doch all das war vor Fukushima. Die Atom-Katastrophe in Japan stellt einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie dar, denn es ist der erste Unfall dieser Art, der nicht auf menschliches Versagen sondern auf die Einwirkung natürlicher Einflüsse zurückzuführen ist. Was immer undenkbar schien ist Wirklichkeit geworden: Ein (in Japan durchaus übliches wenn auch besonders starkes) Erdbeben genügte, um ein ganzes Land der Gefahr der Unbewohnbarkeit auszusetzen. Weitermachen wie bisher, das ist auch in Deutschland nicht mehr vermittelbar, wenn man auch nur den Hauch einer Chance auf Wiederwahl haben möchte.

Zwei der ältesten Atommeiler in Deutschland: Philippsburg I und Neckarwestheim I wurden als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse in Japan »abgeschaltet«, das heißt: sie werden heruntergefahren. Isar I folgte kurz danach. Ob noch weitere Meiler außer Betrieb gehen werden? Und ob die Entscheidung von Dauer sein wird? – Wir wissen es nicht. Auffällig ist jedenfalls, dass die beiden zuerst heruntergefahrenen Werke in Baden-Württemberg liegen, wo demnächst eine Landtagswahl ansteht. So gesehen ist das auf drei Monate begrenzte »Moratorium« der Laufzeitverlängerungen ein geschickter Schachzug von Angela Merkel, ihre Partei über die anstehenden Landtagswahlen zu retten. Was danach kommt? – Nun, als gewohnheitsmäßig verarschte Bürger haben wir zumindest eine Ahnung …

Schon jetzt verkündet Angela Merkel: »Wir wissen, wie sicher unsere Kernkraftwerke sind. Sie gehören zu den weltweit sichersten.« Diese Aussage ist ein deutliches Anzeichen für ihre zu erwartende Vorgehensweise, sobald die Landtagswahlen vorbei sind. Ob japanische Politiker sich anders ausgedrückt hätten, hätte man sie noch vor zwei Wochen zum Thema Sicherheit von AKWs befragt?

Die Opposition ergeht sich inzwischen in verfahrenstechnischen Erörterungen. Natürlich bedürfe das Moratorium einer gesetzlichen Grundlage, ist zu vernehmen. Leute, wenn wir so weitermachen, dann merken wir noch nicht mal, wenn bei uns das Kühlwasser kocht! Die Opposition zeigt damit deutlich, dass es ihr ausschließlich um die Diskreditierung der Regierenden geht, nicht um das Wohl unseres Landes. Sonst würde sie über ihren kleingeistigen Schatten springen und wenigstens in einer solch wichtigen Frage mit der Regierung zusammenarbeiten.

Blogautorin Helga König hat erst neulich einen Gedankenansatz eingebracht, der bisher viel zu wenig beachtet wurde: Die Menschenrechte garantieren uns das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Fukushima zeigt, dass jeder weitere Betrieb von Atomkraftwerken gegen diesen Grundsatz verstößt. Atomkraft ist etwas für zwanghafte Glücksspieler. Sie setzen millionenfach anderer Leben und Gesundheit aufs Spiel und haben ihren eigenen Rückzugsbunker längst irgendwo gesichert.

Die Konsequenzen aus Fukushima müssen lauten:

  • Zügiger Ausbau der solaren Wasserstofftechnologie.
  • Totaler Ausstieg aus dem Atomstrom.
  • Keine Chance auf Wiederwahl für Politiker, die mit unserem Leben spielen.
  • In der Übergangszeit: Gesetzliche Verpflichtung für AKW-Betreiber, unmittelbar neben einem Kraftwerk zu wohnen.
  • Verpflichtung zum Abschluss einer Haftpflichtversicherung mit unbegrenzter Deckungssumme für AKW-Betreiber. Risiken dürfen nicht mehr auf den Staat abgewälzt werden. Dadurch werden die tatsächlichen Strompreise transparent und die erneuerbaren Energien haben eine Chance auf Wettbewerbsfähigkeit.
  • Im Störfall: Atomkraft befürwortende Politiker sowie Betreiber sind verpflichtet, eigenhändig im Kraftwerk bei der Beseitigung der Störung mitzuarbeiten. Alleiniges Abwälzen der Gesundheitsgefahren auf anonyme »Arbeiter« darf nicht mehr sein.
Das Atomzeitalter muss jetzt zu Ende gehen. Uropas Schnelle Brüter sind nicht nur lebensgefährlich sondern auch total uncool in einer Zeit, da wesentlich ungefährlichere Technologien längst vorhanden sind.

Hier zum Thema weiterlesen:
http://nachrichten.t-online.de/merkel-will-ausstieg-mit-augenmass-/id_45058172/index




Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Ursula, ich kam gestern Nacht erst von der Buchmesse zurück und lese soeben Deinen Beitrag, dem ich vollständig zustimme. Vermutlich wird ab dem Wochenende Tokio nicht mehr bewohnbar sein und was dies bedeutet, scheint den meisten Menschen nicht klar zu sein, weil dieser Gedanke letztlich das Denkvermögen überfordert.

    In einer Welt der Nachrichtenüberflutung halten viele leider selten inne, um das Leid der Mitmenschen zu erspüren, ihre Angst, ihre Trauer. Hier die Hölle in Japan, dort der Geisteskranke Gaddafi, dessen Gesicht einer diabolischen Fratze gleicht.

    Motiv all der Unheilsbringer ist Gier, unendliche Habsucht. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Betreibern der Kernkraftwerke und Gaddafi. Das muss man erkennen. Hinter allem steckt Gier, unendliche Habsucht.

    All solchen selbstsüchtigen mit Macht und Einfluss ausgestatteten Personen sind die "Allgemeinen Menschenrechte" wurscht und zwar, weil sie keine Empathie besitzen und nur sich und ihre Privilegien sehen. Das ist das Problem.

    In Demokratien bedarf es sehr starker, nicht korrupter Politiker, die sich von Interessengruppen nicht beeindrucken lassen. Leider gibt es solche Politiker kaum, weil die einen Persönlichkeitsdefizite haben und sich gerne bauchpinzeln lassen und die anderen sich in irgend einer Form Vorteile erhoffen.

    Wenn in einer Gesellschaft Werte wie Mitmenschlichkeit an oberster Stelle stehen und nicht Reichtum und Selbstdarstellung, dann hätten diese Personen, die es nicht verdienen Menschen genannt zu werden, keine Chance.

    Deshalb ist es an der Zeit zusammenzurücken, sich die Hände zu reichen und die Wichser in die Schranken zu weisen. Für Japan ist es schon zu spät, für den Rest dieser Welt noch nicht.

    Liebe Grüße Helga

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  2. Ich möchte deinem Artikel gern einen Link zu einem Video hinzufügen, das schon vor einem halben Jahr vom NDR gesendet wurde, und das eigentlich schon damals dafür hätte sorgen müssen, dass ganz Deutschland geschlossen aufsteht, weil es den ganzen Lug und Trug der Atommafia zeigt.

    Das Video dauert 45 Minuten, man sollte es sich also ein wenig Zeit nehmen, um es bis zum Ende anzusehen.
    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten171.html

    Nach dem Video und dessen Verdauung, kann man sich gern auch die Frage stellen, wo überall wir noch belogen werden, wenn schon bei derartig lebenswichtigen Entscheidungen, keine Ehrlichkeit zu finden ist.

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  3. Hallo und vielen Dank für die Kommentare. Ja, die Erkenntnis aus Fukushima kann nur sein, dass die Menschheit gänzlich auf die Nutzung der Atomenergie verzichten muss. Durch Appelle an die Vernunft werden wir dies nicht erreichen können, da Geldgier und Gewissenlosigkeit die treibenden Kräfte der Atomtäter sind.
    Die Forderung sollte also lauten: Zwang zur Haftpflichtversicherung für Atomkraftwerke in unbegrenzter Deckungshöhe. Durch die Höhe der fälligen Prämien würde Atomenergie unrentabel.
    Diese und einige weitere Forderungen habe ich auf einer Aktionsseite zusammengefasst, die auch gerne weitergetwittert werden darf:
    http://www.prembuch.de/Atomausstieg.htm

    LG,

    Ursula Prem

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  4. Schon die Mayas wussten (und das ist die Quintessenz meines Buches »2012«),dass unser Planet in zyklischen Zeitabständen von gewaltigen Katastrophen heimgesucht wird. Seit Milliarden von Jahren wurde Planet Erde immer wieder von Vulkanausbrüchen erschüttert und von Erdbeben gepeinigt. Naturgewalten können unseren Planetennbewohnbar im Extremfall unbewohnbar machen.

    Dieses Risiko müssen wir hinnehmen, wir können es nicht abmildern.

    Was wir aber können: Wir können,zynisch formuliert, zum Beispiel Atomkraftwerke errichten, die dann - so es zu einer Naturkatastrophe kommen sollte - die Folgen eines solchen Kataklysmus ins Unermessliche zu steigern in der Lage sind.

    Mit anderen Worten: Naturkatastrophen plus menschliche Hybris können unsere Erde unbewohnbar machen.

    Naturkatastrophen können wir nicht wirklich beeinflussen, auf Atomkraftwerke aber können wir verzichten....

    Wir müssen weltweit auf AKWs verzichten. Wir müssen alternative Energiequellen erschließen. Wir müssen wo wir nur können Energie sparen.

    Wir müssen auf die wahre Botschaft der Mayas hören, nicht auf irgendwelche Weltuntergangspropheten....

    Walter-Jörg Langbein

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  5. @gcroth: Vielen Dank für den Kommentar und die Verlinkung des Videos. Es wird einem Angst und Bange, wenn man sich das ansieht. Ich hoffe, viele sehen sich das an und machen sich klar, dass wir für den Ernstfall in keiner Weise gewappnet sind.
    Übrigens: Ist Dir aufgefallen, dass fast ausschließlich Frauen von Vattenfall vorgeschickt werden, um direkt aus dem Atomkraftwerk heraus Rede und Antwort zu stehen? Also entweder, die haben ein besonderes Frauenförderungsprogramm, oder aber ihre werbepsychologischen Berater haben ihnen klargemacht, dass Atomkraft harmloser rüberkommt, wenn "sogar Frauen mit ihr klarkommen". Alles in allem habe ich das Gefühl, dass wir megamäßig verarscht werden.

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