Freitag, 11. Februar 2011

Freitagskolumne: Ist Geiz geil, oder ist Geil geil - Ja wie denn jetzt?

Ursula Prem
Dass Geiz geil ist, hat uns eine große Handelskette über sämtliche Kanäle ja kollektiv eingehämmert. Inzwischen haben sich mehrere Lager zu diesem Thema gebildet:

Die einen, die das unbesehen glauben und auch danach handeln. Andere, die von dem Spruch angewidert sind und die damit verbundenen Handlungsweisen meiden. Beide haben dann meinen Respekt, wenn sie auch die damit für sie persönlich verbundenen Nachteile akzeptieren. Wer behauptet: »Geiz ist geil«, und auch nicht meckert, dass so sein eigener Arbeitslohn sinkt, weil eben auch Arbeitgeber geil, äh: geizig sind, der vertritt eine konsequente Haltung. Wer das Gegenteil behauptet, freiwillig höhere Preise bezahlt und sich im Gegenzug auch seine eigene Arbeit entsprechend entlohnen lässt, der ist ebenfalls ein geradliniger Mensch. Doch so funktioniert das nicht, denn es gibt eine weitere Haltung, die weitaus häufiger vorkommt:

Fraktion drei findet Geiz immer dann geil, wenn das bedeutet, billig einzukaufen, besteht aber selbst auf einer möglichst hohen Entlohnung für eigene Arbeit. Ein von chinesischen Billigarbeitern zusammengetackerter Fernseher für 99 Euronen ist allemal in Ordnung, solange man selbst nur ordentlich verdient.

Völlig auf verlorenem Posten, zahlenmäßig eine absolute Rarität und deshalb in dieser Betrachtung zu vernachlässigen ist die vierte Gruppe: Menschen, die eher auf die ordentliche Bezahlung anderer sehen, als auf ihre eigene. Eine Haltung, die sie zielsicher in die Pleite führen wird, ihnen aber zumindest den Mehrwert verschafft, sich als guter Mensch fühlen zu dürfen.

Aufgrund meiner Kenntnisse über die menschliche Natur gehe ich selbstverständlich davon aus, dass die meisten Menschen zur Meinung Nummer drei neigen, da diese die Maximalvorteile auf sich vereint. Ein Angehöriger dieser Gruppe hat kein Problem damit, nach seiner Teilnahme an der gewerkschaftlichen Demo für höhere Löhne schnell noch beim Elektronikgroßhändler vorbeizuschauen, die 99-Euro-Glotze einzusacken und sich im Vorbeigehen darüber zu beschweren, dass die Bildschirmdiagonale eigentlich zu wünschen übrig lässt. Häufen sich solche Beschwerden, dann wird der Großhändler, der selbstverständlich auch der dritten Gruppe angehört, eine Mail nach China schicken: Größer müssen die Flimmerkisten sein. Und möglichst noch billiger. Woraufhin der chinesische Hersteller versuchen wird, die Löhne seiner Arbeiter noch ein wenig mehr zu drücken, damit die erhöhten Materialausgaben ausgeglichen werden. Eine Sache, über die unser gewerkschaftlich organisierter Fernsehzuschauer sich natürlich keine Gedanken macht, da das nicht seine Aufgabe ist. Hat sein zuständiger Gewerkschaftsvertreter ihm nicht immer geraten, sich nur um die Dinge zu kümmern, die ihn persönlich betreffen?

Unsere Gesellschaft baut auf Sklavenarbeit auf
Die Billig-T-Shirts, drei Stück für 5,99 €, wer hat sie gemacht? Denken wir darüber nach, wenn wir sie aus dem Grabbeltisch kurz vor der Kasse noch schnell in den Einkaufswagen werfen? Wer selbst mal versucht hat, ein T-Shirt zu nähen, fragt sich das schon eher. Zwei Stunden hat er herumgepfuscht, doch tragen kann man es allenfalls im Bett, nachts, wenn es im Schlafzimmer dunkel ist. Industrielle Fertigung. Automatisierung. Ja, das ist die Erklärung!, trösten wir uns schnell, um nicht über die Menschen nachdenken zu müssen, die 16 Stunden am Tag solche Kleidungsstücke zusammennähen. 5,99 €, und wir sind ein halbes Jahr lang mit Oberteilen versorgt. Wie lange müssen die Menschen, die das Zeug produzieren, arbeiten, um sich solch ein T-Shirt leisten zu können?

Produzieren die etwa in Kinderarbeit?, fragen wir uns entsetzt. Kein Erwachsener würde doch für solche Löhne arbeiten. Und überhaupt: Kinderarbeit ist eine Schweinerei! Solche Länder sollte man brandmarken, die das zulassen!, sagt man sich vielleicht. Selbst hat man schließlich dafür gesorgt, dass der Junior Abitur macht und studiert, ehe er mit 34 seine erste Stelle antritt. Alles in bester Ordnung also. Warum schaffen andere Länder das nicht?

Kinderarbeit ist wichtig, damit unsere Kinder bis 34 studieren können
Das stellt man fest, wenn man weiter über die Sache nachdenkt. Nur wenn Kinder fremder Länder unsere Grundbedürfnisse zu Billigstpreisen decken, können wir uns den Luxus leisten, unsere eigenen Kinder so lange Sozialpädagogik studieren zu lassen. Müssten wir als Nation selbst unsere Grundbedürfnisse decken, oder aber ordentliche Preise für deren Erfüllung bezahlen, dann wäre das schlicht nicht möglich. Oder, einfacher gesagt: Wir zehren noch heute von Deutschlands vergangenem Ruf aus der Wirtschaftswunderzeit. Dem Ruf eines Deutschlands, in dem es keine 34-jährigen Studenten gab.

Dass Geiz nicht wirklich geil ist, haben wir langsam irgendwie begriffen. Der Spruch ist tatsächlich inzwischen so negativ besetzt, dass die Firma ihn geändert hat: Nicht Geiz ist jetzt mehr geil, sondern Geil ist geil.
Eine Erkenntnis, der nichts hinzuzufügen ist. Und die wahrscheinlich wirklich eines derart langen Studiums bedurfte …

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