Sonntag, 26. Dezember 2010

49 »Die Gruft von Palenque«

Teil 49 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Auf dem Buchcover ist eine technisch anmutende Szene dargestellt. Die detailreiche Zeichnung bietet, so scheint es, Fantastisches. Ein Astronaut ist da zu sehen, der in einer Art Raumkapsel hockt. Ganz ähnliche Bilder kennen wir aus der Raumfahrt, von Astronauten unserer Tage. Der Astronaut vom Buchcover hantiert mit etwas. Was genau tut er? Er scheint an Schaltknöpfen zu drehen, dabei auf etwas wie einen Monitor starrend. Am Heck des Vehikels meint man so etwas wie einen Raketenantrieb zu sehen. Fliegt da ein irdischer Kosmonaut ins All? Ganz ähnliche Bilder sahen wir 1968, als die ersten Astronauten zum Mond flogen und als erste Menschen den Erdtrabanten besuchten. Die Raumfahrt des Jahres 1968 rückte den Kosmos näher an unseren Planeten heran... und ebnete den Weg für das vielleicht erfolgreichste Sachbuch überhaupt!


Dänikens Weltbestseller machte
Palenque weltberühmt
1968 schlug ein Sachbuch ein wie eine Bombe. Nachdem es zunächst von rund zwanzig Verlegern abgelehnt worden war, druckte der Econ-Verlag ängstlich-vorsichtig eine kleine Auflage von zunächst nur 3000 Exemplaren. Wenige Monate später würde das Buch zum Megabestseller – und das nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern weltweit. »Erinnerungen an die Zukunft - Ungelöste Rätsel der Vergangenheit« (1) lautete der Titel.

Auf dem Cover der deutschen Ausgabe prangte die Zeichnung des »Astronauten« in seiner Kapsel. Sie entstammte nicht der blühenden Fantasie eines modernen Grafikers. Vielmehr gibt sie ein Relief aus uralten Mayazeiten wieder....

Bis heute sind Dänikens Werke weltweit in gigantischer Auflage erschienen. Wie viele Exemplare der rund 30 Sachbücher bislang gedruckt wurden, das ist nicht so genau bekannt. Es sind sicher deutlich mehr als 60.000.000. Fanden schon 100.000.000 Däniken-Bücher den Weg zum Leser? Allein von »Erinnerungen an die Zukunft« wurden weltweit mehr als 10.000.000 Exemplare gedruckt. Wieder ist die genaue Zahl nicht bekannt: 12 Millionen, 15 Millionen oder mehr? Unlängst erstand ein chinesischer Verlag die Übersetzungsrechte aller Bücher Erich von Dänikens. In den USA sind Dokumentationen fürs Fernsehen und Verfilmungen für die große Leinwand geplant. Wird die Auflage Erich von Dänikens ins Astronomische ansteigen?

Geheimnisvolles Palenque
Foto: Walter-Jörg Langbein
Als Vierzehnjähriger verschlang ich Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft«. Jahrzehnte später stand ich in der Gruft von Palenque vor dem Original jenes Reliefs, das durch Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft« weltberühmt wurde ... in der Mayastadt Palenque. Die plündernden Spanier haben die mysteriöse Urwaldstadt so genannt.

Palenque bedeutet, ins Deutsche übersetzt, etwa »befestigte Häuser«. Wie die Stadt im tiefsten Urwald von ihren Erbauern genannt wurde, das ist ebenso unbekannt wie ihr Alter. Nach dem studierten Religionswissenschaftler White Bear Fredericks, er wurde in der Hopi-Reservation Old Oraibi in Arizona geboren und war einer der angesehensten Vertreter seines Stammes, geht Palenque auf Besucher aus dem All zurück. Einst sollen himmlische Lehrmeister, »Katchinas« genannt, die Menschen in einer Art Universität in die Geheimnisse des Universums eingeweiht haben.

Die Geschichte von Palenque belegt in eindrucksvoller Weise die Wirkung des gedruckten Wortes. Man kann ein Buch lesen und sich dabei unterhalten lassen. Man kann aber auch ein Buch lesen ... und zu Abenteuern in die Welt aufbrechen!

Die Universität von Palenque
Foto: Walter-Jörg Langbein
Bereits im Jahre 1773 vernahm Antonio de Solis, Kurator von Tumbala (im heutigen Chiaspas gelegen) Gerüchte über eine gespenstische Stadt mitten im Urwald. Der Geistliche Ordonez hörte ebenfalls von den »befestigten Häusern« im Urwald. Er befahl die Aussendung eines Erkundungstrupps. Die Männer entdeckten tatsächlich kaum sechs Kilometer von Santo Domingo entfern die Reste einer einstigen Urwaldmetropole. Allerdings waren sie vom Urwald überwuchert.

Im Jahre 1787 suchte der Offizier Antonio del Rio in Palenque nach verborgenen Schätzen. Mit roher Gewalt zwang er Indiosklaven, in den Ruinen zu graben. Gold fanden sie nicht. Die geknechteten Indios hatten panische Angst. Sie waren davon überzeugt, dass es in Palenque spuke. Del Rios Bericht erreichte auf Umwegen Europa. Seine Aufzeichnungen erschienen in England als schmales Buch ... und erweckten die Neugier eines reiselustigen Adeligen: Graf von Waldeck wollte unbedingt Palenque selbst in Augenschein nehmen. Allerdings war Jean Frederic von Waldeck mittellos. Einen reichen Sponsor fand er nicht, also bettelte er um Spenden. Mühsam bekam er umgerechnet 3000 Dollar zusammen ... und brach 1822 nach Mexiko auf.

Auch die Behörden vor Ort waren nicht bereit, den Grafen finanziell zu unterstützen. Er erhielt nur eine bombastische Urkunde, die ihn dazu autorisierte, Palenque dem Urwald zu entreißen. Die Indios allerdings maßen dem amtlichen Dokument keinerlei Bedeutung zu. Graf von Waldeck zahlte, so gut er konnte. Die amtlichen Behörden verdächtigten ihn schließlich, die Ruinenstadt zu plündern. Wertvolle Schätze, so wurde getuschelt, habe er außer Landes geschafft. Enttäuscht musste er außer Landes fliehen. 1838 veröffentlichte er, von einem Buch ins ferne Zentralamerika gelockt, selbst ein Buch.

Sein Opus »Romantische Reise in Yukatan« interessierte nur wenige seiner Zeitgenossen. Und doch war es eben dieses Buch, das die Entwicklung vorantrieb! John Lloyd Stephens (1805-1852) und Frederick Catherwood (1799-1854) wurden durch die Lektüre dieses Buches mit dem Palenque-Bazillus infiziert. Sie reisten nach Mexiko und quälten sich unter Erduldung schlimmster Strapazen bis nach Palenque vor. Mitten in den überwucherten Ruinen schlugen sie ihr ärmliches Lager auf: stets in Angst vor Überfällen durch vermeintlich wilde Indios und gefährliche Tiere.

Stechmücken, Zecken, Schlangen und anderes Getier machten ihnen das Leben zur Hölle. Sie erduldeten die drückende Hitze des Urwalds, immense gesundheitliche Gefahren und unsäglich unhygienische Verhältnisse ... und doch zogen die uralten Ruinen die Männer in ihren Bann! John Lloyd Stevens fasste seine Begeisterung in seinem Tagebuch so zusammen: »Nichts hat mich im Roman der Weltgeschichte mehr beeindruckt als diese spektakuläre und liebliche Stadt.«

Staunend erforschten die Männer das mysteriöse Palenque. Vieles war ihnen rätselhaft. Offenbar hatten die Mayas in der Unterwelt von Palenque ein komplexes Tunnel- und Röhrensystem angelegt. Die Wassermassen, die in der Regenzeit auf die Dächer der steinernen Tempel niederprasselten, wurden gefasst und in unterirdischen Zisternen gespeichert.

Frederick Catherwood fertigte Zeichnungen an, deren geradezu magischer Zauber noch so gelungene Fotos aus unseren Tagen verblassen lässt. Catherwood und Stephens veröffentlichten Bücher (2), die die Bauten der Mayas – auch die von Palenque – weltberühmt machten. Die Werke wurden zu Bestsellern und lösten heftiges Interesse an den Mayas aus. Als Schulknabe faszinierten mich die herrlichen Zeichnungen Catherwoods. Erich von Dänikens Buch »Erinnerungen an die Zukunft« löste in mir den Wunsch aus, selbst die mysteriösen Bauten der Mayas zu erkunden. Rund 20 Jahre später war ich dann vor Ort: im Urwald von Palenque.
Der Tempel der Inschriften
Foto: Walter-Jörg Langbein
Wiederholt schlenderte ich durch die Ruinenstadt. Im Zentrum der Stadt liegt der »Tempel der Inschriften«, ganz in der Nähe der einstigen »Universität«. Üppig wuchert das Grün des Urwalds. Die steinernen Gebäude, auf künstlichen Hügeln errichtet, muss mühsam davor bewahrt werden, wieder von der Natur zurückerobert zu werden. Ich kroch abseits der Wege in scheinbar undurchdringbares Dickicht. Überall gab es pyramidenartige Hügel, unter denen weitere Gebäude schlummern dürften. Man vermutet, dass erst ein Bruchteil der einstigen Metropole – vielleicht fünf Prozent – ausgegraben wurde.

Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass es sich bei den Pyramiden von Palenque nicht um Pyramiden handelte. Man sah sie vielmehr – im Gegensatz zu den Pyramiden in Ägypten – als steinerne Sockel für Tempelbauten an. Tempel waren aber, das galt als gesichertes Wissen, keine Begräbnisstätten wie die Pyramiden im Reich der Pharaonen. Weil es der Theorie nach keine Gräber in den Pyramiden gab, suchte man auch nicht nach Gräbern. Und so blieb die Gruft von Palenque, tief in der Unterwelt unterhalb des »Tempels der Inschriften« sehr lange unentdeckt. Dabei bietet doch gerade diese Gruft eines der großen Geheimnisse der Mayas: die Grabplatte von Palenque, die Erich von Däniken weltberühmt machte.

Abstieg zur Gruft
Immer wieder bin ich in diese Grabkammer hinabgestiegen, manchmal allein, manchmal in Gesellschaft unzähliger Touristen. Der Weg in diese unterirdische Welt ist unglaublich anstrengend. Die steinernen Treppen sind steil und oft glitschig. Schon nach wenigen Schritten nach unten klebt die Kleidung am Leibe, ist man vollkommen durchgeschwitzt im saunaartigen Ambiente ... Tief unter der Pyramide wurde auf einem steinernen Sarg eine steinerne Platte entdeckt, mit einem Relief darauf. Zeigt es einen außerirdischen Besucher, der vor vielen Jahrhunderten zur Erde kam?



Fußnoten
(1) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft - Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Erstauflage Düsseldorf 1968
(2) 1841 veröffentliche Stephens das Buch »Incidents of Travel in Central America, Chiapas, and Yucatan«. 1843 folgte Stephens Buch »Incidents of Travel in Yucatan«. 1844 schließlich erschien Catherwoods Buch »Views of Ancient Monuments in Central America, Chiapas and Yucatan«.


»Der Astronaut in der Grabkammer«,
Teil 50 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.01.2011








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