Freitag, 12. November 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Castortransporte

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Liebe Castor-Polizisten«, BILD, 09. 11. 2010

Lieber Franz Josef Wagner,
Dauereinsatz, Kälte und Hunger sind unangenehm. Aber den Hauptkonflikt des Polizistenberufs haben Sie vergessen zu erwähnen: dass Polizisten Menschen sind. Mit einer eigenen Meinung. Und dass einige von ihnen sich 30 Stunden lang die Beine in den Bauch stehen mit dem Gedanken im Hinterkopf: Eigentlich haben die recht. Und: Was tue ich hier überhaupt? Doch ein Polizist hat keine Wahl. Einsatz ist Einsatz. Für 1900 Euro kauft der Staat nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Loyalität. Das ist es, womit ich am schwersten zurecht käme in diesem Beruf.

Polizisten baden die Konflikte unserer Gesellschaft an vorderster Front aus. Wo immer die Politik sich weigert, ihre Arbeit zu tun, wo immer Gräben aufbrechen: der Polizist ist die Speerspitze des Staates. Wenn nötig, gegen seine eigenen Bürger. Wo die Dämme verlogener Verdrängung brechen, da schichtet ein Polizist die Sandsäcke auf.

Ob es sinnvoll ist, eine Ladung mit hochradioaktivem Müll an der Weiterfahrt zu hindern, das ist eine Frage für sich. Andererseits: welche Möglichkeiten haben Bürger denn sonst, sich gegen diese unzumutbare Gefahr für Leib und Leben zu wehren, welche die Nutzung der Atomenergie darstellt? Die Menschen beginnen zu ahnen: Ausgereifte Technologien zur großflächigen Gewinnung alternativer Energien könnten längst zur Verfügung stehen, wenn die Politik, geschmiert von der Atomlobby, nicht Jahrzehnte lang gemauert und die Vorreiter als »grüne Spinner« abgestempelt hätte.

Die dauerhafte Sicherung sämtlichen atomaren Mülls wird im Laufe der Zeit viele Milliarden kosten, so es überhaupt gelingt, ein zuverlässiges Endlager zu finden. Noch unsere Ur-ur-ur-urenkel werden den Dreck bewachen müssen, den wir in wenigen Jahrzehnten angehäuft haben. Die Profite dieser Art der Energiegewinnung werden längst verprasst sein, und noch immer werden den Steuerzahler die Hunde beißen.

Was tut ein Polizist, der bei Nacht und Nebel Demonstranten bekämpfen muss, wenn ihm all diese Gedanken durch den Kopf gehen? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er einfach keine Zeit für solch tiefschürfende Überlegungen, wenn er erfährt, dass er gleich doppelt von seinem Brötchengeber verarscht wird, und er nun auch noch den fetten Dienstwagen Gregor Gysis bewachen muss, damit der kostbare Bolide keinen Schaden nimmt, während sein Nutznießer an der Demonstration teilnimmt?

Kopfschüttelnd steht unser Polizist in der Dunkelheit. Erinnert er sich doch, dass die DDR und ihre Staatsführung nicht gerade als Vorreiter des Umweltschutzes in die Geschichte eingegangen sind. 15 Mrd. Euro wurden nach der Wende in die Umweltsanierung Ostdeutschlands gesteckt. Wo waren Gysi und seine Genossen, als Bitterfeld systematisch zur »Dreckigsten Stadt Europas« heruntergewirtschaftet wurde? - Doch vergessen. Nun wird ein neues politisches Süppchen gekocht. Wohl basierend auf Umfrageergebnissen, denen zufolge eine Mehrheit der Bürger in der Atomkraft eine große Gefahr für sich sieht, nutzt Gregor Gysi diese Gelegenheit zu dem Versuch eines endgültigen Befreiungsschlages aus der politischen Schmuddelecke.

Kurz gesagt: es ist brechreizerregend. Wenn ich Polizist wäre, ich würde gar keine Hühnersuppe wollen, am Bahngleis, mitten in der Nacht. Zu groß wäre die Gefahr, dass sie mir wieder hochkäme.

Herzlichst,

Ursula Prem

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