Freitag, 5. November 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Raucherdämmerung

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne

»Liebe Raucher«, BILD, 26. 10. 2010

Lieber Franz Josef Wagner,

»der Raucher ist der größte Arsch in Deutschland«, lautet Ihr Kommentar zu dem scharfen Wind, der Rauchern seit einiger Zeit ins Gesicht weht, und der demnächst in Form einer weiteren Tabaksteuererhöhung an Stärke zunehmen soll.

Ich muss gestehen, dass ich bei diesem Thema anfangs gespalten war. Die Aussicht, auch als Nichtraucherin in ein Lokal gehen zu können, ohne hinterher meine gesamten Klamotten einer Generalreinigung unterziehen zu müssen, schien mir verlockend zu sein. Ich war der Auffassung, es dürfe nicht nur ein Recht auf Rauchen, sondern es müsse auch die Möglichkeit zum Nichtrauchen ohne gleichzeitigen Ausschluss von sämtlichen geselligen Veranstaltungen geben.

Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Durch das Rauchverbot ist jede Gemütlichkeit abhanden gekommen. Kneipenabende sind nicht mehr das, was sie mal waren. »Moment, bin gleich wieder da«, lautet jeder zweite Satz. Sinnvolle Gespräche kommen so nicht mehr auf. Ein heftiger Schwall kalter Zugluft im Rücken verkündet, dass der Gesprächspartner nicht etwa den Weg zur Toilette sucht, sondern nach draußen, zur hastigen Anhebung seines Nikotinspiegels. »Entschuldigung, wo waren wir stehen geblieben?«, fragt er fünf Minuten später, nun schon merklich entspannter.

Nein, so macht das keinen Spaß. Ehemals gemütliche Lokale haben dadurch jetzt den Charme eines Schnellrestaurants. Doch das ist nicht der Hauptgrund, weshalb ich komplett gegen die Schikanen bin, die man Rauchern jetzt zumutet. Die eigentliche Unmöglichkeit an der ganzen Angelegenheit besteht in der Entmündigung der Bürger durch den Staat. Juristische Grundfesten, wie beispielsweise das Hausrecht eines Wirts, werden auf diese Weise ausgehebelt. Der Wirt, dessen Existenz an der Kneipe hängt, ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Er ist zu einem Erfüllungsgehilfen staatlicher Zumutungen geworden.
»Du darfst zwar die Pacht für den Laden zahlen und trägst das gesamte unternehmerische Risiko, aber was Du sonst noch hier darfst und was nicht, das bestimmen wir!«, ruft man ihm zu und fühlt sich wieder mal so richtig als Gutmensch, da man ja schließlich etwas für die Volksgesundheit getan hat. Und da die Raucher nach dieser Lesart sowieso die schlechteren Menschen sind und sich für ihr Laster schämen sollten, setzen wir noch einen drauf und erhöhen die Tabaksteuer.

Die Freiheit verschwindet nicht über Nacht. Sie korrodiert. Hier ein Bröckchen, da ein Stückchen. Niemandem scheint es aufzufallen, wieviele bürgerliche Rechte in den letzten Jahrzehnten verschwunden sind.
  • Bankgeheimnis? Gab es so etwas irgendwann?
  • Frei entscheiden, ob man fernsehen möchte oder nicht? Kann man auch nach 2013 noch. Nur zahlen muss man dann trotzdem.
  • Das warme Licht einer Glühbirne den schwachbrüstigen Giftenergiesparlampen vorziehen? Kann man gerne tun. Nur zu kaufen kriegt man sie nicht mehr, die gute, alte Glühbirne.
  • Am Bahnhof, in einer zehnminütigen Umsteigpause, mal schnell eine kalte Dose Cola aus dem Automaten ziehen und einfach nur trinken? Aus und vorbei, es sei denn, man ist bereit, das bezahlte Einwegpfand mit in die Tonne zu werfen. Alternativ könnte man sich auch eine große Handtasche kaufen und das Einwegleergut mit sich führen, bis man eine Annahmestelle findet, die sich erbarmt.
  • Autobahnmaut für LkW. Bezahlt von Menschen, die die Errichtung der Autobahnen durch ihre Steuergelder bereits finanziert haben.
  • Umweltplaketten, die den Besitzer eines regulär zugelassenen, aber etwas älteren Automodells plötzlich zum Umweltsünder stempeln.
Abzocke hier, Zumutung da. Und während der Staat das so erzockte Geld unter großem Getöse verpulvert, sterben die Leidtragenden eher leise: Kleingewerbetreibende, Wirte, Gebrauchtwagenhändler, eben all jene, die die ihnen auferlegten bürokratischen Lasten nicht mehr zu schultern in der Lage sind. Wer dann in seinem Frust eine Zigarette braucht, um ihn zu ertragen, der ist arm dran in Deutschland. Sehr arm.

Herzlichst,

Ursula Prem

Kommentare:

  1. Wieder vorzüglich analysiert von U.P.! Herzlichen Dank! Die Verbote können sich als Vorboten erweisen! Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Rauchverbot in allen Lokalen... Verbot von fetten und sonstigen ungesunden Speisen in allen Lokalen. Verbot sich am FKK-Strand zu entkleiden. Ich könnte mich ja als Nichtraucher in einer Raucherkneipe unwohl fühlen... also Rauchverbot. Der Anblick fetter Speisen auf Nachbarsteller könnte mir Unbehagen bereiten. Also Verbot. Der Anblick nackter Tatsachen am FKK-Strand könnte mich moralisch empören. Also Verbot! Wie gesagt: Die Verbote können Vorboten sein....

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  2. Hallo WalterJoergLangbein, danke für den Kommentar. Genau so ist es! Das sind alles Vorboten. Was wird kommen, wenn die Lokale abgearbeitet sind? Große Entwicklungsmöglichkeiten sehe ich noch auf dem Feld der Medizin. Schon heute gibt es Erstattungen der Kassen für Menschen, die sich der Mühle komplett ausliefern. Diese sind die Vorboten von Zwangsmaßnahmen auf dem Gebiet der Untersuchung und Behandlung.
    Auch Kinder und Tiere bieten Möglichkeiten der Entfaltung für unterbeschäftigte Politiker: Wie wäre es mit Zwangskrippenbetreuung (ist schon angedacht, unter der Begründung, dass eine Minderheit der Eltern unfähig ist), oder mit der lückenlosen Überwachung von Haustieren (wird ebenfalls schon angedacht und soll Tierhalter zum Zwecke der Schaffung komfortabler Pöstchen unter Generalverdacht stellen). So wird es weitergehen. Bis wir eines Tages keinen Furz mehr lassen dürfen, ohne vorher einen dreiseitigen Antrag auszufüllen und eine Klimaschutzabgabe abzuführen.
    Doch das alles hat auch sein Gutes: Es hilft uns, auszutesten, wie leidensfähig das deutsche Volk ist, ehe es aus sich heraus eine Revolution herbeiführt.

    LG,

    UP

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  3. Es wird einem Angst und Bange ...
    Passend dazu diese Meldung:
    http://blogs.taz.de/drogerie/2010/11/04/pharmalobby_kaempft_fuer_verbot_von_heilpflanzen/
    Verbot des Einsatzes von Heilkräutern ...

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  4. danke frau prem,
    ihr kommentar trifft den nerv des zeitgeistes!
    ein alter ehemaliger gebrauchtwagenhändler

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