Freitag, 1. Oktober 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Jörg Kachelmann und die Frauen

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumnen
»Liebes mutmaßliches Kachelmannopfer«, BILD, 02. 08. 2010 und
»Lieber Jörg Kachelmann«, BILD, 06. 09. 2010 

Lieber Franz Josef Wagner,

die ganze Nation starrt auf ein Beziehungsdrama zwischen einem Mann und einer Frau, wie es sich Tag für Tag hinter vielen Haustüren abspielen mag. Warum also ist das bizarre Verhalten zweier Menschen so interessant, dass es täglich durch die Presse geistert, und das seit Monaten? - Ich schreibe ausdrücklich: das Verhalten ZWEIER Menschen. Denn: Egal, wie der Prozess nun ausgehen mag, scheint der ganze Fall nicht geeignet zu sein für Schwarz-Weiß-Klassifizierungen. Das wohl ist der Urgrund seiner Faszination, analog einer optischen Täuschung: Immer wieder fühlt man sich gezwungen, hinzusehen, denn man kann es einfach nicht glauben. In allen Regenbogenfarben schillern die Beteiligten, was heute schwarz wirkt, sieht nach dem nächsten Verhandlungstag schon wieder weiß aus, und umgekehrt.

Der fiese Beigeschmack, den das Ganze hat, resultiert auf den ersten Blick auch aus der Aussage, Kachelmann habe bei der mutmaßlichen Tat ein Messer benutzt. Doch im Grunde genommen ist der gesamte Sachverhalt viel mehr: er ist ein Gradmesser für das gesamtgesellschaftliche Verhältnis zwischen Männern und Frauen.

So lange ein Kolumnist wie Sie, Herr Wagner, ganz selbstverständlich an Jörg Kachelmann schreibt: »Ihre langjährige Freundin lebt mit gebrochenem Herzen ...« oder »Wie vielen Frauen versprachen Sie die Liebe? [...] Eine Menge Herzen gingen zu Bruch.«, so lange ist es um das tatsächliche Bewusstsein der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen noch ziemlich schlecht bestellt, auch und vor allem bei den Frauen selbst. Sind Kachelmanns Freundinnen etwa keine erwachsenen Menschen? Die selbst entscheiden müssen, auf welche Art von Beziehung sie sich einlassen, und das mit allen Konsequenzen? Die im Laufe von elf Jahren zu der Erkenntnis kommen könnten, dass das mit Familie und Kindern wohl nichts mehr wird, wenn sie sich ausgerechnet auf diesen Partner versteifen?

Ist es gesamtgesellschaftlicher Konsens, dass Frauen eben zu doof sind, knallharte Fakten zu erfassen? Dass sie, zu ihrem Schutz, einen Ritter mit dem silbernen Messer brauchen, der reihenweise die Übeltäter kastriert? Ist dies das Selbstbildnis von Frauen wie dem mutmaßlichen Kachelmann-Opfer? Gehört es zum Lebensgefühl mancher Frauen, sich verarschen zu lassen?

Sollte die Antwort auf diese Fragen »ja« lauten, dann gibt es noch verdammt viel zu tun, was das Verhältnis zwischen den Geschlechtern angeht.

Während ich das hier schreibe, läuft neben mir der Fernseher. »Popstars«. Eine hochinteressante Sendung. Nein, nicht wegen der Musik. In solchen Sendungen erfährt man sehr viel über gesellschaftliche Wahrheiten. Soeben sehe ich eine sehr hübsche junge Frau mit langen blonden Haaren bitterlich weinen, denn sie wird von irgendeinem überdrehten Stylisten dazu genötigt, sich ihre Haare abschneiden zu lassen. Natürlich lässt sie es zu. Nein sagen, das gehört nicht eben zur Grundausbildung gerade der jungen Frauen.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? - Nun, es ist die institutionalisierte Grenzverletzung, die noch immer bei jungen Frauen zu einem maskenhaft-starren Lächeln und demütigem Kopfnicken führt. Und geradezu eine Einladung für Verarscher aller Couleur darstellt. Hoffen wir, dass das Leben für all diese Frauen genügend Ritter mit dem Silbermesser bereithält. Ansonsten, Mädels, wird es eng.

Herzlichst,

Ursula Prem

Kommentare:

  1. Wie immer ein Genuss zu lesen.
    Kompliment...
    R.E.N

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  2. Tun wir es nicht gleichsam auf die eine oder andere Weise? Hat nicht jeder von uns schon einmal von den "dümmsten Bauern" gesprochen oder jemanden mit diesem Vokabular beschipft?

    Ist es nicht eher so, dass ein Bauer- unabhängig seiner Herkunft- als nahezu einziges menschliches Individuum in der Lage wäre seine Existenz zu sichern, wenn man ihm die Möglichkeiten dazu nicht im Laufe der Geschichte entzogen hätte?
    Besteht die Wahrheit nicht darin, dass der ganze sog."wichtige Rest" der Gesellschaft ohne den Bauern alleine nicht existenzfähig wäre?. Demzufolge muß man sich doch wohlwollend um ihn kümmern- um ihn trefflich (aus)nutzen zu können.
    Vielleicht ist Wagner auch von der Art eines "fürsorglichen Gutsherren"?
    Man findet derer viele in der Gesellschaft.

    Bitte weitere Seiten, Frau Prem

    Werner Grosse

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  3. Auch und gerade die Kolumne von Ursula Prem lässt unseren Blog erstrahlen. Ich bin stolz darauf, zu diesem wunderbaren Team gehören zu dürfen! Danke!

    WJL.

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  4. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass Kachelmann viele Geliebte hatte, doch dass er eine Frau mit einem Messer zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben soll, bezweifle ich stark. Ich denke auch, dass es lediglich die Kränkung war, die das mutmaßliche Opfer zur Anzeige bewegte.

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