Sonntag, 19. September 2010

35 »Das Geheimnis der Heiligen Stiere«

Teil 35 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Von der Djoser-Pyramide aus blicke ich hinaus in eine steinige Höllenglut von Wüste. Ein einheimischer Guide erklärt mir: »Überall gibt es noch unentdeckte komplexe unterirdische Anlagen ungeahnten Ausmaßes. Immer wieder werden neue Säle unter dem Wüstenboden entdeckt. Es ist schon vorgekommen, dass parkende Busse urplötzlich einbrachen... und in einem unterirdischen Schlund zu versinken drohten! Zum Glück wurde dabei noch niemand verletzt! Es wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst ein kleiner Teil der unterirdischen Welt entdeckt!«

Prof. Hans Schindler-Bellamy bestätigte: »Einst gab es im Wüstenboden ein Gewirr von zahllosen unterirdischen Gängen, Räumen und Sälen! Da wurde eine Unterwelt erschaffen, von deren Größe wir keine Vorstellung haben!«

Welche Geheimnisse
birgt die Wüste von Sakkara noch?«
Mit der Djoser-Pyramide – der ältesten Pyramide Ägyptens – im Rücken blicke ich hinaus in die rötlich-braune Wüste. Unerbittlich brennt die Sonne vom Himmel. Die trostlose Landschaft wirkt seltsam fremdartig, wie das Szenario eines Science-Fiction-Films »fremder Planet«. Ich marschiere über den unwegsamen Wüstenboden. Hier und da lassen sich Mulden erkennen, die auf Grabungen schließen lassen. Dort sind kleine Hügel aufgeschüttet. Manche Erdbewegung scheint noch frisch zu sein. Wird hier illegal nach Schätzen gesucht? Eindeutig künstlich behauene Steinquader liegen im Sand. Stammen sie aus einer der unterirdischen Kammern? Gehörten sie zu einem der wuchtigen Gewölbe? Oder sind es Brocken aus der Djoser-Pyramide?

Hier, in dieser Wüste, hat Auguste Mariette nach dem »Heiligen Stier« gesucht... Vergeblich. Im Jahr 1857 startete Auguste Mariette (1821-1881) ein zweite Grabungskampagne in der Wüstenei von Sakkara. Massive Sprengladungen erleichterten ihm die Arbeit wesentlich. Aus heutiger Sicht muss sein Vorgehen als höchst unwissenschaftlich bezeichnet werden. Die gewaltigen Detonationen zerstörten kostbare Spuren in die Vergangenheit.


Foto: ©Public Domain, Wikimedia

Mariette war eher ein rücksichtloser Grabräuber als ein wissenschaftlicher Archäologe. Manche bezeichnen ihn als Dieb. Immerhin: Tausende Fundstücke schaffte er heimlich außer Landes. Die Direktion des Louvre war dankbar für die Schätze, ernannte Mariette zum »Kurator der ägyptischen Abteilung«. In Ägypten wurde Mariette vom Vizekönig Said Pascha zum »Direktor des Altertümerdienstes« befördert. 1862 wurde ihm der Titel eines »Bey«, 1879 der eines »Pascha« verliehen.


Die majestätische Sphinx hatte Mariette nach Sakkara geführt. 134 Sphingen entrissen Mariette und seine Arbeiter dem Wüstensand. Eine Entdeckung folgte auf die andere: Kostbare Schätze kamen ans Tageslicht, Statuen von Falken, Panthern und Göttern. Einen Fund schätzte Auguste Mariette besonders: Es war ein Stierbildnis. In einem Tempelchen, von der Architektur am ehesten mit einer Kapelle zu vergleichen, ruhte stoisch gelassen eine kunstvoll aus Kalkstein gearbeitete Skulptur eines Apis-Stieres. Der französische Wissenschaftler war überzeugt: Diese Statue weist auf den Kult um den heiligen Stier hin!

Der Apis-Stier wurde schon in der Ersten Dynastie im Tempel des Gottes Ptah (Memphis) angebetet.. als das göttliche Symbol für die Fruchtbarkeit. Im Lauf der Zeit stieg der Apis-Stier auf: Er wurde zum himmlischen Boten Ptahs. Schließlich wurde er als die »herrliche Seele« Ptahs auf Erden verehrt. Wenn der »amtierende« Apis-Stier starb, wurde Staatstrauer angeordnet. Erst wenn wieder ein Stier ausfindig gemacht wurde, der die »heiligen Zeichen« des Apis trug, endete die Trauer. Was geschah mit dem toten Stier? Wurde er in einem riesigen Sarkophag beigesetzt?

Wurde der tote Apis-Stier
in so einem Riesensarg beigesetzt?
So hatte der Apis-Stier auszusehen: Er musste makellos schwarz sein. Auf der Stirn musste ein klar umrissenes, weißes Dreieck zu sehen sein. An der Seite musste sich ein weiterer weißer Fleck befinden: in der Gestalt einer Mondsichel.

Der tote Apis-Stier, so ist überliefert, wurde innerhalb von siebzig Tagen mumifiziert und im unterirdischen Serapeum von Sakkara bestattet. Auguste Mariette war davon überzeugt, dass die Riesensärge einst für die Mumien der Apis-Stiere geschaffen worden waren. Die kolossalen Steinsarkophage waren ja auch des toten Apis-Stires würdig. Galt der doch als Osiris, als Gott der Wiedergeburt. So wie der Nil regelmäßig über seine Ufer trat und dem Land Fruchtbarkeut schenkte, so war auch Osiris der Gott der ewigen Wiederkehr: der Vegetation, der Wiedergeburt.

Immer wieder entdeckte Auguste Mariette gigantische Steinsärge. Immer wieder schöpfte er Hoffnung, immer wieder wähnte er sich am Ziel. Aber er wurde immer wieder enttäuscht. Grabräuber hatten Löcher in die steinernen Riesenkisten geschlagen... und vollkommen ausgeplündert. Im Sommer des Jahres 1852 stieß Mariette auf einige unbeschädigte Sarkophage. Seine Freude war verfrüht. Nachdem er die tonnenschweren Deckel zur Seite hatte wuchten lassen ... waren auch sie leer. Seltsam: Warum haben Grabräuber den tonnenschweren Sargdeckel zur Seite geschoben, die Sarkophage völlig leergeräumt und dann wieder sorgsam mit dem wuchtigen Steindeckel verschlossen?

Einer der Monstersarkophage von Sakkara


Am 5. September 1852, so schien es, bahnte sich endlich die erhoffte Sensation an. Vor dem Eingang einer Nische in der unterirdischen Gruft stand eine kostbare vergoldete Statue des göttlichen Osiris. Sie bewachte, davon war Mariette überzeugt, seit Jahrtausenden eine Apis-Mumie. Ganz offensichtlich hatten keine Grabräuber Statue und Sarkophag entdeckt. Sie hätten die wertvolle Götterfigur geraubt und die steinerne Kiste geplündert.

Mariette wähnte sich endlich am Ziel seiner Sehnsüchte. Er vertraute seinem Tagebuch an: »Auf diese Weise hatte ich Gewissheit, dass vor mir eine Apis-Mumie liegen müsse, und konsequenterweise verdoppelte ich meine Vorsicht. Meine erste Sorgfalt galt dem Kopf des Stieres. Aber ich fand keinen. Im Sarkophag lag eine bitume, sehr stinkige Masse, die beim kleinsten Druck zerbröselte. In der stinkigen Masse lag eine Anzahl sehr kleiner Knöchelchen, offenbar schon zersplittert in der Epoche des Begräbnisses. Inmitten des Durcheinanders von Knöchelchen ohne Ordnung und eher zufällig fand ich fünfzehn Figürchen.«

Mit Nachdruck suchte Auguste Mariette nach der Mumie eines »heiligen Stieres« in der Unterwelt von Sakkara. Er fand Monstersarkophage: und die waren entweder vollkommen leer oder sie enthielten ein stinkendes teerartiges Gemisch in die offensichtlich vor Jahrtausenden zerschlagene Knochen gerührt worden waren. Die archäologische Wissenschaft behauptet: in den Riesensärgen wurden Apisstiere beigesetzt.

Tonnenschwere Deckel verschlossen die
Monstersarkophage von Sakkara.
Die Ägypter waren Meister der Mumifizierung. Menschen von hohem Rang wurden siebzig Tage lang nach einem komplizierten Verfahren für die Ewigkeit vorbereitet. Zweck der Mumifizierung war es, einen Leichnam möglichst perfekt zu konservieren, um ein Leben nach dem Tode zu ermöglichen.

Was auch immer bei Sakkara bestattet wurde, das sollte nicht auferstehen. Man hat keine Mumie konserviert. Man hat vielmehr Lebewesen zerstückelt, mit einer teerartigen Masse vermengt und den ekelerregenden Brei in tonnenschweren Steinsarkophagen verwahrt und mit tonnenschweren Steindeckeln verschlossen. Was auch immer auf diese Weise entsorgt wurde, es sollte auf keinen Fall zu neuem Leben erwachen. Was auch immer in die gewaltigen Monstersärge wie in Tresore gesperrt wurde... hat es einst Angst und Schrecken verbreitet?

Der heilige Apis-Stier wurde – wie ein Pharao – siebzig Tage lang mumifiziert: das gilt als anerkannte Lehrmeinung. 70 Tage lang war der Sirius von Ägypten aus nicht zu sehen. Siebzig Tage lang hielt er sich sozusagen im Totenreich auf, um dann wieder zu erscheinen... aufzuerstehen! 70 Tage der Mumifizierung hatten symbolische Bedeutung: So wie Sirius nach siebzig Tagen ins Reich der Lebenden zurückkehret, so sollte auch der mumifizierte Tote dereinst zu neuem Leben erwachen.

Seltsam: Die Apis-Stiere galten als Sinnbild der Wiedergeburt. Warum wollte man ausgerechnet eine Auferstehung dieser heiligen Tiere verhindern? Ist es nicht geradezu paradox, dass das Fleisch gewordene Symbol der Wiedergeburt und des neu erstehenden Lebens ... selbst nicht wiedergeboren werden sollte? Ob die alten Ägypter warum auch immer Angst gehabt haben vor dem Apis-Stier? Wollten sie deshalb eine Wiederkehr des Apis-Stiers unbedingt verhindern? Haben sie aus Angst die Leichname der Apis-Stiere zerstückelt, mit einer breiigen Masse verrührt und für immer in tresorartigen Sarkophagen weggesperrt? Sollte etwas Monströses nie mehr ins Reich der Lebenden zurückkehren?

Wenn wir glauben, man könne die uralte Vergangenheit Ägyptens wie ein offenes Buch von der ersten bis zur letzten Seite lesen ... dann ist das ein Irrtum! Noch so manches Geheimnis wartet darauf, gelöst zu werden.

»Die verlorene Stadt in den Anden«,
Teil 36 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.9.2010

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