Freitag, 6. August 2010

Samstagsrezension Helga König: briefe an lieschen- Sylvia B.

Die Autorin Sylvia B. hat mit "briefe an lieschen" einen hinreißend sarkastischen Text verfasst, der mich beim Lesen immerfort veranlasste, schallend loszulachen, weil es Sylvia gelungen ist, die Welt des schönen Scheins auf geradezu köstliche Art zu entlarven.

Die Protagonistin dieses modernen Märchens für Erwachsene ist Lyrich, eine schon etwas in die Jahre gekommene, sehr bodenständige, hellwache Frau, die in ländlicher Gegend lebt, ihren Garten liebt und gerade das Internet für sich entdeckt hat. Ihrer Freundin Lieschen teilt sie in Briefen all das mit, was sie erlebt und was sie bedrückt.

Beim Surfen im Internet wird ihr klar, dass man dort Geschäfte aller Art betreiben kann. Da Lyrich, die von sich glaubt ihre wiedergeborene Großmutter Charlotte zu sein, ganz offensichtlich eine stark ausgeprägte Geschäftstüchtigkeit besitzt, wittert sie pekuniäre Möglichkeiten, deren Dimension sie anfänglich allerdings noch nicht erahnt.

Ihre Geschäftsidee besteht darin, getragene Damen-Slips "schlüppis" in Folie einzuschweißen und diese eingetütet gegen ein entsprechendes Entgelt an die potentiellen Kunden zu verschicken. Lyrich scheint die Obsessionen von Männer gut zu kennen. Ein Wäschestück für einsame Stunden......

Die gertenschlanke Lyrich berichtet wie sie mit Helma (Konfektionsgröße 46) und Wonni (Konfektionsgröße 40) in ihrem Paradiesgarten "gemeinsam knechten", d.h. alle zwei Stunden ihre Schlüpfer wechseln. Die Anfrage im Internet ist von Anbeginn an groß. Die Homepage von "wmw.kosolowski.schlüppis.ow" wird stark frequentiert. Lyrich hat bereits eine kleine Firma gegründet, eine Lagerhalle wurde schon angemietet, auch ein Büro und ein Sozialraum ist bereits vorhanden. Mittlerweile bezieht die Jungunternehmerin ihre Schlüpfer von einem Großhändler, ihre Freundin Öhrchen macht die Buchhaltung, die ersten Marktanalysen werden getätigt. Wonnis getragene Höschen sind "ein richtiger börner". Lyrich lässt den Leser im Ungewissen, ob die  Ursache hierfür  die Konfektionsgröße ist oder der spezifische Maiglöckchenduft, der diesem Uterus entströmt.

In der Anfangsphase des Geschäftes steht der Teamgeist noch im Vordergrund. Das ist in fast allen jungen Firmen so, weil man sich zu diesem Zeitpunkt noch darüber im Klaren ist, dass man einander braucht. Lyrich legt von Beginn an Wert darauf, dass die Firma trotz des vermarkteten Produktes seriös daherkommt und so dauert es nicht lange bis sie Mitglied im örtlichen Unternehmerdachverband und der hiesigen elitären Loge wird. Geld stinkt nicht, wie man weiß.

Die so genannte bessere Gesellschaft in der Kleinstadt ist ihr suspekt und zwar nicht erst zu dem Zeitpunkt als ihr ein Jungbullenzüchter zu vorgerückter Stunde mitteilt, dass seine Frau mit dem Tennislehrer durchgebrannt ist, denn das ist eher normal.

Während die Mädels bei allem geschäftlichen Boom immer auch "beziehungstechnisch unterwegs sind", um in Sylvia B.`s Worten zu reden, entstehen im Buch zwei Ebenen, die der Handlung eine groteske Form verleihen.

Der Leser erlebt den Aufbau einer Firma, die Probleme mit dem Finanzamt, die Expansion dieser Firma, die als Gesellschaft mit beschränkter Haftung und Kommandit Gesellschaft auf Aktien immer größere Räder dreht, zunächst in Europa, später auch in Japan und den USA. Längst hat sich das Unternehmen einen seriöseren Namen zugelegt "K.S.international", längst werden die Schlüpfer aus französischer Spitze in einem Pariser Vorort produziert und längst haben sich die Mitarbeiter der Firma alle gefällige Titel zugelegt. Lyrich ist nun Managing Director. Als solcher macht sie sich sehr schnell die Führungsratschläge Machiavellis zu eigen und sichert sich bei den neu gegründeten Tochterfirmen sogleich die absolute Aktienmehrheit.

Je mehr die Umsätze wachsen und die Betriebsergebnisse steigen,  um so nachhaltiger verändert sich das Gesicht des Konzerns, zu dem die kleine Firma mittlerweile mutiert ist. Dass schlechte Werbung auch zu guten Ergebnissen führen kann, zeigt sich in ihren Geschäften in London, die lange vor sich hin plätscherten, bis "dann eine gruppe militanter feministinen regelmäßig im hydepark gegen "KS" zickten...."

Lyrich erinnert mich ein wenig an die geschäftstüchtige, sehr erfolgreiche Beate Use, denn auch sie vertreibt unbeeindruckt erotische Produkte, die Männer erfreuen und hat damit durchschlagenden Erfolg. Lyrich, um es auf den Punkt zu bringen, bietet Onanisten das an, wonach sie sich verzehren: den verführerischen Duft von Frauen. Dass es diesen nicht umsonst gibt, steht für  sie außer Frage.

Alle Buchstaben im Text sind klein geschrieben. Punkt und Komma gibt es nicht. Das ist auch gut so, denn die sich überstürzenden Ereignisse lassen dies im Grunde auch nicht zu. Indem Sylvia B. Klischees bis ins Extrem überzeichnet, bleibt sie ganz nah an der Wirklichkeit, die nicht selten schlimmer ist als jedes erdachte Klischee. Dass diese Wirklichkeit mit sarkastischen Untertönen dargestellt wird, macht den Reiz des Buches aus.

Sehr empfehlenswert.

Rezension Helga König


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