Freitag, 27. August 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Gott oder Google?

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Liebes Google-Auge (Street View)«, BILD, 12.08.2010

Lieber Franz Josef Wagner,

die ständige Verbesserung von Fortbewegungsmitteln und Telekommunikation könnte eines Tages so etwas wie Frieden auf der Welt herstellen. Ich wage mal eine Rückblende: Ich lebe hier in einem kleinen Dorf mit wenigen hundert Einwohnern. Der nächste etwas größere Ort befindet sich etwa 4 km entfernt. Er bildet die »Hauptstadt« einer Gemeinde, die knapp 9000 Einwohner umfasst und aus 33 Ortsteilen (einfacher gesagt: Dörfern) besteht. Die Bewohner gehen heute nicht nur ganz selbstverständlich friedlich miteinander um, nein, sie gehören zusammen. Wenige Jahrhunderte vorher war das ganz anders: Religiöse Gräben zogen sich zwischen den einzelnen Dörfern, denn einige »Abtrünnige« bildeten eine protestantische Enklave. Das von Ihnen zitierte »Auge Gottes« wachte in den Gassen und sorgte dafür, dass zwischen den Konfessionen kein Friede einkehren konnte. Wie auch? Man kannte sich ja kaum, dafür sorgten schon die Geistlichen. Da zudem zwischen den einzelnen Dörfern kilometerweite Abstände liegen, war es klar, dass keine näheren Bindungen entstehen konnten. Man wusste nur: »Dort leben die Katholen« und war froh, nicht näher mit ihnen zu tun haben zu müssen. Wenn man aber mal mit ihnen verkehrte, dann kaum in friedlicher Absicht.

Erst das Auto hat die Abneigungen endgültig beseitigt. Heute fährt man schnell mal zum Einkaufen rüber, oder für einen Kaffee. Die Kinder besuchen die Schule dort, wo sie täglich ein Bus komfortabel hinbringt. Kein Kind käme heute auf die Idee, die Bewohner des jeweils anderen Ortes zu diskriminieren. Man kennt sich durch die Schule, vom Sehen oder ist sogar befreundet. Moderne Fortbewegungsmittel und Telekommunikation überbrücken, was noch nicht lange zuvor unüberbrückbar schien: Religiöse Gräben und daraus resultierende Ressentiments. Die heute jungen Leute sind sogar schon in der Lage, über die Ernsthaftigkeit zu lachen, mit der ihre Urahnen die alte Fehde betrieben.

Nun stehen wir vor dem nächsten Schritt: Das Internet verbindet heute alles mit jedem. Angst und Hass, die oft nur aus der Tatsache resultieren, dass man einander eben nicht kennt, werden in Zukunft überbrückbar werden. Eine Utopie? - Nun, das hätten die hiesigen Dörfler vor 300 Jahren sicher auch gesagt, wenn man ihnen eröffnet hätte, dass ihre Nachfahren eines Tages nicht nur miteinander auskommen, sondern im Zuge der Eingemeindung sogar zusammengehörig sein würden.

Google Street View ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer menschlichen Weltgemeinschaft. Ähnlich wie die Eisenbahn, bei deren erster Fahrt man noch befürchtete, Geschwindigkeiten wie diese (Höchstgeschwindigkeit der »Adler«: 65km/h) würden den menschlichen Körper auseinanderreißen. Werden nun massenweise Einbrecher um die Häuser schleichen, wenn Google Street View erst volle Fahrt aufgenommen hat? Ich glaube, eher nicht. Einbrecher baldowern auch ohne die Hilfe von Google Street View die Objekte ihrer Begierde aus, da können Sie ganz beruhigt sein, Herr Wagner. Andernfalls wären schon sämtliche Anwohner weltberühmter Plätze, die in jedem Reiseführer zu finden sind, ewige Opfer finsterer Verbrechen.

Wenn Sie mich nun fragen würden, ob ich mir das Auge Gottes zurückwünsche, das in Gestalt eines finster dreinblickenden, im Zweifelsfall mit der Inquisition drohenden Geistlichen über das Wohl und Weh der Menschen wacht, oder ob sich stattdessen dank Googles Auge ein neues Fenster zur Welt auftun soll, dann dürften sie dreimal raten, für was ich mich wohl entscheiden würde.

Herzlichst,

Ursula Prem

Kommentare:

  1. Die Entscheidung, ob eine neue Entwicklung zum positiven Gebrauch genutzt wird oder für negative Vorhaben missbraucht wird, liegt beim Nutzer. Bis heute gab es in der Menschheitsgeschichte keine einzige Entwicklung, die ausschließlich Vorteile brachte und die nicht von zwielichtigen Gestalten missbraucht wurde/wird. Das dürfte bei Google StreetView wohl nicht anders sein.

    Es kommt doch auch keiner auf die Idee, sämtliche Straßenkarten zu vernichten, damit ja keiner den anderen findet.

    Jedenfalls werde ich eine der Ersten sein, liebe Ursel, die gucken wird, wo du wohnst, sobald das auch bei uns möglich ist. Dann werde ich virtuell um Dein Haus und durch die Dörfer streifen, mir die Umgebung ansehen, in der Du wohnst und mich freuen, dass Google mir diese Möglichkeit bietet. Parallel dazu können wir uns via Webcam unterhalten und du mir etwas über Deine Heimat erzählen. Für Menschen, die sich selber nicht — aus welchem Grund auch immer — auf eine weite Reise machen können, ist das eine tolle Sache. Und auch für die, die genau wissen wollen, was sie in ihrem nächsten Urlaub erwartet.

    Ohne das Internet hätte ich ostfriesische Nordseekrabbe noch nicht einmal gewusst, dass im tiefen Bayern meine Kollegin Ursel lebt, mit der man Pferde stehlen kann!

    Google bietet doch schon lange die Häusersuche inkl. Routenplaner per Satellit an und die ist auch schon recht detailliert. Ich bin heilfroh über die vielen Möglichkeiten, die vor allem unterwegs nützlich sind. Ob privat oder geschäftlich: Google StreetView ist eine gute Entwicklung, bei der man natürlich auch mit negativen Auswirkungen rechnen muss. Wie bei jeder neuen Sache.

    NS: Also Ursel: Fenster putzen und Gardinen waschen! Ich komm demnächst kontrollieren *lol*

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  2. Hallo liebe Grete und danke für Deinen schönen Kommentar! Also, mit dem Fensterputzen, das wird wohl nichts mehr werden, bei mir. Das hat den Vorteil, dass Du auch Deinerseits Dich nicht darum bemühem musst, soweit es mich betrifft. Da ich im Glashaus sitze, werde ich sicher nicht mit Steinen werfen. :-)
    Ja, Du schreibst ganz richtig: JEDE Neuerung bringt auch Nachteile. Aber auch der Erhalt des Status Quo hat seine unangenehmen Nebenerscheinungen. Am besten ist es deshalb, eine persönliche Haltung zum Umgang mit jeder Neuerung zu entwickeln, statt sich ihr pauschal entgegenzustellen, wie man es hierzulande leider oft beobachten kann.

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