Sonntag, 1. August 2010

29 »Das Geheimnis der unterirdischen Städte«

Teil 29 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Vor vielen Jahrmillionen brach die Apokalypse im Gebiet der heutigen Türkei aus. Zwei Vulkane – Erciyes Dagi (3916 Meter) und Hasnan Dagi (3253 Meter) – schleuderten gigantische Lavamassen in den Himmel. Glutheißer flüssiger Brei und Asche ergossen sich aus den Bergen des Todes über die paradiesisch-grüne Landschaft, verbrannten und erstickten alles Leben. Die biblische Hölle, so schien es, tat sich auf. Wie viele Jahre mag es gedauert haben, bis die zähflüssigen Massen aus dem Erdinneren abkühlten und schließlich erstarrten?

Massen von Lava, Schlamm und Asche wurden im Lauf der Zeiten zu Tuffgestein. Sie wurden in jenes natürliche Material verwandelt, aus dem später kuriose, ja fantastische Formationen entstanden. Jahrmillionen vergingen, in denen dieses eher weiche Material den Unbilden des Wetters ausgesetzt war. Hitze und Kälte blieben nicht ohne Wirkung. Sturm und Regen, heiße Trockenheit und eisige Perioden wirkten wie Künstler, die abstrakte Plastiken schaffen wollten. So modellierte »Mutter Natur« die unförmigen erstarrten Schichten zu höchst bizarren Formationen.


Und so fühlt man sich heute in der Region zwischen den Ortschaften Kayseri und Aksaray auf einen fremden, fernen Planeten versetzt. Man könnte hier ohne weiteres einen Film drehen, der auf einer fremden Welt spielt. Die Kulisse wäre ideal: Gigantische steinerne Nadeln reichen in den Himmel. Andere »Wolkenkratzer« erinnern mehr an gewaltige Pilze.... Steinpilze im wahrsten Sinne des Wortes! Wieder andere könnten von termitenartigen Wesen zu mächtigen Türmen aufgeschichtet worden sein. Es sieht so aus, als seien sie wie der legendäre Turm von Babel von einem mächtigen himmlischen Gott wütend zertrümmert worden. Feen-Kamine und Felsenburgen werden die mystisch anmutenden Gebilde genannt.

Vielleicht haben schon vor Jahrtausenden findige Menschen vor Ort erkannt, dass sich die bizarren Formationen leicht bearbeiten ließen. Das Steinmaterial ist relativ weich. Mit einfachen Mitteln können Gänge hineingetrieben und höhlenartige Kammern in die natürlichen Türme geschlagen werden.

Schon vor Jahrtausenden mögen Menschen erkannt haben, dass die Wohnungen im Stein geradezu ideal für angenehmes Leben sind. Die Bewohner werden vor den unterschiedlichsten Wetterunbilden geschützt: Vor Regen, Schnee und Sturm, aber auch vor der Sonnenglut. Wenn draußen die Sonne gnadenlos vom Himmel brennt... herrscht in den künstlichen Höhlen in den Steintürmen eine angenehme, wohl temperierte Atmosphäre. Und selbst wenn es draußen bitter kalt sein sollte... im Inneren lässt es sich aushalten... und das ohne Heizung und Klimaanlage! Nach und nach werden in heutiger Zeit uralte Höhlenkammern wieder bewohnt. Obdachlose, die es offiziell gar nicht gibt, finden so eine Bleibe. Gern gesehen wird das von den Behörden allerdings nicht. Touristen könnten sich von den Einheimischen gestört fühlen....

Der Beginn der Besiedlungsgeschichte der bizarren Region verliert sich in der Dunkelheit der Vorzeit. Archäologisch nachgewiesen sind erste Spuren menschlicher Behausung um 6500 v.Chr. 1600 erschienen die Hethiter in Kapadokien. Um 800 v.Chr. folgten die Phryger, später die Meder und die Perser. Die Makedonier kamen an die Macht, unterlagen aber den Römern. Im Jahre 17 n.Chr. wurde Kapadokien von Tiberius annektiert.

Im dritten nachchristlichen Jahrhundert war Kapadokien ein mächtiges Zentrum der frühen Christenheit. Mönche hausten in höhlenartigen Wohnung in den steinernen Naturtürmen. Höhlenkirchen wurden in Kammern im Stein gebaut, mit herrlichen Wandmalereien geschmückt. Im 7. nachchristlichen Jahrhundert setzten Angriffe der Araber ein. Der Islam wurde zur Hauptreligion.

Seit Jahrzehnten ist Kapadokien touristisch erschlossen. Von besonderem Interesse ist allerdings eher die überirdische Welt. Doch während die ohne Zweifel einzigartigen Siedlungen in den überirdischen bizarren Lava-Formationen zahllose Touristen anlocken... interessieren sich weit weniger Besucher für das unterirdische Kapadokien. Die wirklich geheimnisvolle Unterwelt aber ist es, die einem den Atem verschlägt. Wer sich für Monstermauern, Mythen und Mysterien interessiert.... wer gern die mysteriösen Geheimnisse der Vergangenheit wie ein Buch lesen möchte, der sollte in die Unterwelt Kapadokiens hinabsteigen!

Derinkuyu ist eine von zahlreichen unterirdischen Städten Kapdokiens. Man findet ihren Eingang an der Landstraße Nevsehir-Nigde, knapp 55 Kilometer von Nigde entfernt. Acht Kilometer davon entfernt: die Eingänge zu einer weiteren unterirdischen Stadt, zu Kaymakli. Derinkuyu wurde 1963, Kamyakli 1964 entdeckt. Wie viele unterirdische Städte noch auf die neuzeitliche Entdeckung warten... das weiß niemand. Nach manchen Schätzungen sind es Hunderte!

Fakt ist: Der Staat ist an archäologischen Funden der spektakulären Art besonders interessiert. Interessante Stätten locken Touristen an. Und Touristen bringen Devisen ins Land. Außerdem möchte die Türkei Euroland werden. Eine interessante Vorgeschichte macht ein Land als Neu-Europäer zweifelsohne interessant.

Das staatliche Interesse an der Unterwelt Kapadokiens stößt bei der einheimischen Bevölkerung nicht nur auf Begeisterung. Viele Menschen vor Ort sind skeptisch. Sie befürchten, dass Häuser vom Staat enteignet werden könnten, die zum Beispiel auf einem Zugang in die Unterwelt stehen. Solche Häuser gibt es in großer Zahl. Und so verschweigt so mancher Kellerbauer eine unterirdische Entdeckung... aus Angst, aus dem eigenen Haus vertrieben zu werden.

Schon vor Jahrhunderten dürfte das wahre Geheimnis von Kapadokien entdeckt worden sein. Häuser wurden gebaut. Um Nahrungsmittel möglichst kühl zu lagern, nutze man Höhlenwohnungen aus uralten Zeiten. Es wurden aber auch Keller in den Boden gegraben... in den Stein getrieben. Bei solchen Arbeiten wurden immer wieder unterirdische Kammern oder Gänge zu unterirdischen Kammern entdeckt.

Wagten sich die Neuentdecker bereits vor Jahrhunderten tief hinab in die scheinbar unergründlichen unterirdischen Städte... oder hielt sie Angst vor dem Unbekannten zurück? Mancher Bewohner von Derinkuyu soll bei den Gängen in den Leib der Erde an unterirdisches Höllengrauen denken und seine Neugier bezähmen. Andere haben vor höchst realen Gefahren Angst. Wiederholt stieß man beim Bau von Kellerräumen oder beim Ausschachten von Hausfundamenten auf unterirdische Hohlräume, die sich als wahre Höllenschlünde erwiesen und zig Meter senkrecht in die Tiefe führten: höchst gefährliche Schächte in die Unterwelt. Man hat Luftschächte entdeckt, die tief unter der Erdoberfläche liegende Etagen bewohnbar machten.

»Unterwegs in der Unterwelt«,
Teil 30 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8.8.2010

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