Freitag, 30. Juli 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Loveparade Duisburg - Was wir alle daraus lernen sollten

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Ihr Schuldigen von Duisburg«, BILD, 27. 07. 2010

Lieber Franz Josef Wagner,

das entsetzlich tragische Ereignis in Duisburg könnte zur Initialzündung eines tiefgreifenden Wandels in unserer Gesellschaft werden. Hierzu wäre es aber notwendig, es sich mit dessen Bewertung nicht zu einfach zu machen. »Ihr Schuldigen von Duisburg«, das schreibt sich ziemlich leicht. Klar: Ein furchtbares Unglück ist geschehen. Inzwischen ist die Zahl der Toten auf 21 gestiegen. 21 Menschen, die eigentlich nichts weiter wollten, als fröhlich abzufeiern. Dies ist so unfassbar, dass der menschliche Geist, der hier an seine Grenzen stößt, nur einen Weg kennt, wieder zu sich zu kommen: Er schreit die Frage nach dem Schuldigen in die Welt hinaus. Denn es ist das einzige, was er für die Verstorbenen noch tun kann.

Eines ist offensichtlich: Stadt und Veranstalter haben gleich mehrfach versagt und hätten das Unglück durch bessere Organisation oder die Absage der Massenveranstaltung schon im Vorfeld verhindern können. Doch das ist nur die eine Hälfte der Schuld. Denn aus der Massenpanik von Duisburg sollten wir als Gesellschaft noch ganz andere, viel tiefgreifendere Lehren ziehen. Wir sollten uns vielleicht die Fragen stellen: Wodurch hat der Mensch von heute seine Instinkte verloren? Warum begeben sich so viele freiwillig auf eine Veranstaltung, die derart übervoll ist, dass man schon aus dem Bahnhof kaum rauskommt? Was fasziniert Menschen daran, als winziges Teilchen einer riesigen, unberechenbaren Masse »abzufeiern«? Warum ist das Gefühl des »um-jeden-Preis-dabei-sein-Müssens« so ungleich stärker als Fragen nach eigener Sicherheit und persönlichem Wohlergehen? Techno-Musik wirkt wie eine Droge. Das künstliche Stampfen fegt jeden vernünftigen Gedanken zeitweise aus dem Hirn. Woher kommt dieses Bedürfnis nach dem kollektiven Vergessen? Es scheint riesengroß zu sein. Warum?

Könnte es vielleicht sein, dass das Leben bereits viel zu überreglementiert ist? Arm an echten Höhe- und Tiefpunkten? Irgendwie reizlos, dürr und grau? Fast risikofrei und deshalb so gut wie chancenlos und damit gerade für junge Menschen in dieser Form unerträglich?

Entspricht es vielleicht den Tatsachen, dass Politiker jeder Größenordnung sich aus wahlkampftaktischen Gründen als unentbehrliche Lenker gerieren, weit über ihre tatsächlichen Einflussmöglichkeiten hinaus? Und dass dies zu der kollektiven Auffassung führt, Eigenverantwortung und Initiative seien vollkommen überflüssig, denn »Vater Staat« sorge schon für unsere Bedürfnisse und unsere Sicherheit?

Die Loveparade 2010 hat dieses Grundgefühl, mit dem wir mehr oder weniger alle herumlaufen, als das enttarnt was es ist: eine unter Umständen tödliche Illusion. Politiker sind keine allwissenden Supermenschen, die uns frei von Fehlleistungen ein sorgloses Leben garantieren können, auch wenn sie auf der Jagd nach Wählerstimmen gerne so tun. Hier wird ihnen (unausgesprochen) eine viel zu hohe Bedeutung beigemessen. Lernen wir also aus den schmerzlichen Ereignissen vor allem eines: Das Vertrauen in »Verantwortliche« zu hinterfragen. Unser Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Mit uns selbst so ins Reine zu kommen, dass wir kollektives Vergessen in der großen Masse gar nicht mehr brauchen. Hier anzusetzen allerdings, das ist wesentlich schmerzhafter, als einfach zu rufen: »Der da ist schuld!«

Herzlichst,

Kommentare:

  1. Schöner Text, viel wahres dran!

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  2. Dies ist mit Abstand der profundeste Kommentar zum Thema, den ich bislang gelesen habe! Mein Kompliment an Frau Prem!

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