Freitag, 7. Mai 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Griechische Philosophie

Eine Antwort auf Franz-Josef Wagners Kolumne »Arme Griechen«,
BILD, 29.04.2010

Lieber Franz Josef Wagner,

»Gnothi seauton« (Erkenne Dich selbst), ein großes Wort. Doch wenn es auch in griechischer Sprache geschrieben steht: es gilt nicht nur für die Hellenen. Herr Wagner, Sie sind Angehöriger eines Volks, dessen Schuldenuhr inzwischen bei 1,7 Billionen € steht. Ja. 1.700 Milliarden € Schulden haben die Volkszertreter in unserem Namen angehäuft. Bzw. 1.700.000 Millionen €.

Diesen Skandal, der unsere Urenkel allesamt in den Schuldturm bringen wird, sollten Sie verstärkt in Ihrer Kolumne aufgreifen. Machen Sie sich bewusst, dass Sie als werktäglich an prominenter Stelle der größten Zeitung Deutschlands Veröffendlichender gewisse Möglichkeiten haben, zur Erfüllung des Wortes »Gnothi seauton« im Sinne von Deutschland beizutragen. Denn das allgemeine Bewusstsein über diese Problematik ist viel zu gering.

Auch wir Deutschen schwelgten Jahrzehnte lang in Wahlgeschenken, mit denen die jeweiligen Parteien ihre Klientel gefügig machten. Es ist unsere deutsche Art des »Fakelaki«: Staatsgeschenke gegen Wählerstimme. Doch solch ein Fakelaki ist ungleich unehrlicher, denn die Empfänger der Geschenke müssen selbst dafür bezahlen, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Nun ist es passiert. Die Schuldenuhr läuft. Jede Sekunde wächst der Berg der Verbindlichkeiten um 4.481 €.
Weitere 22,4 Mrd.€ werden für die »Bürgschaft« zugunsten Griechenlands nun hinzukommen. Denn die vage Hoffnung, dass sie vielleicht nicht eingelöst werden möge, wird sich mit Sicherheit in Nichts auflösen.

Die Staatsverschuldung Deutschlands ist eine nationale Katastrophe, von der sich momentan noch sehr gut ablenken lässt, indem man sich als generöser Helfer Griechenlands produziert. Mal eben 22,4 Mrd. € Bürgschaft? Man muss schon ein toller Hecht sein, wenn man sich sowas leisten kann.

Lieber Herr Wagner: Raus aus der Traumwelt. Ran an den Schreibtisch. Und die Staatsverschuldung so lange angeprangert, bis endlich ECHTE Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Es ist schön, über Fußball zu lesen. Über den FC Bayern oder Jogi Löw, die diese Woche zu Ihren Adressaten zählten. Doch in der desaströsen Situation Deutschlands ist es nichts als Opium. Ein Ablenkungsmanöver. Wollen Sie wirklich mithelfen, die Situation zu verschlimmern, indem Sie Ihren Lesern Trostpflästerchen anbieten? Kleine Fetzen der Illusion, alles sei gar nicht so schlimm, so lange es nur den Fußball gebe? Meinen Sie etwa, das Orakel von Delphi hätte sich mit Fußball beschäftigt? Bedenken Sie die Macht der Feder und nutzen Sie Ihre Möglichkeiten. Wenn es stimmt, dass die Feder schärfer ist als das Schwert, was ich nicht bezweifle, dann sollten Sie die Ihre jetzt spitzen.

Übrigens: Sie haben Ihren Lesern einen dritten Satz unterschlagen, der gleichauf mit den von Ihnen zitierten Weisheiten an einer Säule des Apollontempels in Delphi geschrieben stand. Er scheint genau an Deutschland gerichtet zu sein und lautet: Ἐγγύα, πάρα δ᾽ ἄτα, zu Deutsch: »Bürgschaft, schon ist Schaden da!« ...

Herzlichst,

Ursula Prem




1 Kommentar:

  1. DIE Kolumne als wichtiges Gegenstück zu Herrn Wagners wuscheligen Wahnsinn....

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