Freitag, 9. April 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Besser sein als Tiger Woods

Eine Antwort auf Franz-Josef Wagners Kolumne
»Lieber Tiger Woods«, BILD, 08.04.2010

Lieber Franz-Josef Wagner,

mit Interesse habe ich die gestrige »Post von Wagner« gelesen:
Dass Sie auf die Affären dieses erfolgreichsten Sportlers aller Zeiten mit weit größerem Interesse eingehen als auf seine sportlichen Leistungen, das hat schon was. 142 Cuts in Folge, was ist das schon wert, wenn Mehrfachehebruch dagegensteht?

Bezogen auf einen nicht Golf spielenden Normalehemann, wie Sie, Herr Wagner, es vielleicht sind, fällt eines auf: Die Abteilung Ehebruch ist eine der wenigen, die einem solchen die Möglichkeit gibt, sich mit einem Überflieger wie Tiger Woods zu vergleichen. Wenn das schon auf dem Gebiet des Sports (oder einer anderen Disziplin in vergleichbarer Größenordnung) nicht möglich ist, dann gibt es nur noch einen Ausweg zur Ehrenrettung: Die völlige Neubewertung sämtlicher Parameter. Was einer leistet, ist plötzlich nicht mehr wichtig. Nur noch sein Sexualleben.
»Ich kann von mir behaupten, dass ICH keinen 16fachen Ehebruch begangen habe, allenfalls 12fachen«, sagt sich so ein Normalehemann vielleicht und hat mit einem Schlag erlangt, was ihm auf sportlichem Gebiet versagt ist: Die Überlegenheit über einen wie Tiger Woods. Was für eine Leistung: Weniger oft fremdgegangen als Tiger Woods. Das toppt die 142 Cuts leicht, oder? Wo sind die Fanfaren? Die Goldmedaillen? Der Applaus?

Bevor Sie nun begeistert zustimmen, Herr Wagner, und im Stillen Ihren Platz auf der Rangliste vor Tiger Woods berechnen: Atmen Sie einmal tief durch und denken Sie nach: Wofür ist ein nicht begangener Ehebruch der Beweis?
Beweist er in jedem Fall besondere Liebe? Oder Verantwortungsbewusstsein? 
Oder deutet er eher auf ungelebte Sehnsüchte hin? Auf mangelnde Vitalität? Fehlende Gelegenheiten?
Oder schlicht und einfach auf  einen geringeren Grad der Prominenz, wodurch diverse »Einmal-ist-Keinmals« lediglich nicht herauskommen?

Eine Frage: Ist der Gott, der einem Tiger Woods »nach jedem gelungenen Abschlag sein Fremdgehen von der Stirn wischt«, der gleiche Gott, den die Erzieher der Regensburger Domspatzen nach ihrem Ebenbild erschaffen haben? Lust- und freudlos bis zur Unerträglichkeit, und so ignorant, dass es ihn wenig interessiert, wenn seine Schöpfer sich an Kindern vergehen?

Was, wenn Tiger Woods' Gott ein anderer wäre? Einer, der gönnen kann? Der einen guten Menschen nicht dadurch definiert, dass er in der Lage ist, sich elementare Bedürfnisse  zu versagen? Einer, für den das Wort »Sünder« nichts ist als eine menschliche Erfindung, erschaffen dazu, dem ansonsten schwer zu verhehlenden Neid ein gefälliges Mäntelchen umzuhängen?



Tiger Woods hat kein Handicap. In der Golfersprache heißt das: Er darf sich keinen Fehlschuss leisten. Ganz anders als die Gottesmänner, die wie selbstverständlich einlochen, ohne je einen Golfschläger in der Hand gehabt zu haben. Ihre Verlogenheit betrifft Tiger Woods wie uns alle: Dieser Gesellschaft ist jedes Mittel recht, die Leistung eines anderen kleinzureden, und sei es unter Bemühung des Gottesbegriffs und der aus ihm resultierenden Moralvorschriften, welche die menschliche Biologie ins Gesicht schlagen. Wie traurig, wie arm das alles ist ...

Herzlichst,

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