Samstag, 20. März 2010

Meine Jugendfreundin Ingrid und meine spätere Freundin Hilde hatten beide Gewichtsprobleme.

Das Buch von Susanne Fröhlich, das ich heute Nachmittag rezensiert habe,  erinnerte mich an zwei Freundinnen aus vergangenen Zeiten. Ingrid war eine meiner besten Jugenfreundinnen,  hochintelligent, sehr sensibel, rothaarig, sommersprossig und gemessen an den jungen Mädchen  ihres Alters mehr als bloß vollschlank.

Anfang der 70er Jahre trug man noch Miniröcke und war von den Direktiven Twiggys beeinflusst. Es galt als chic die Röhrenjeans enger zu nähen und sie wie eine zweite Haut auf dem Körper zu tragen. Ingrids Körper machte bei diesem Spiel nicht mit, obschon sie sich redlich bemühte und wochenlang nicht mehr als täglich 1000 Kalorien zu sich nahm. Wir waren damals noch halbe Kinder und beschäftigen uns in erster Linie damit, ideale Körpermaße zu haben. Die Zeitschrift Brigitte  klärte die Frauen über Kalorien und ihre Wirkung auf die weiblichen Rundungen auf. Kleidergröße 32 gab es noch nicht, aber  das Ziel aller jungen Mädchen bestand darin,  die Maße 90:60:90 zu haben. Dr.Strunz hatte noch nicht verkündet, dass  man sich bewegen muss, um einen schönen Körper zu bekommen und zu behalten. Wer schlank sein wollte, musste seine Nahrungsaufnahme reduzieren. Das Credo hieß 1000 Kalorien am Tag und keine Kalorie mehr. Ich magerte  bei einer Größe von 173cm von 62 kg auf 54 kg ab, lange bevor schwule Designer eine knabenhafte Figur zum Non-plus-ultra erklärten. Diese Verrückheiten dauerten nicht allzu lange an. Zwei Jahre später   pendelte ich mich erneut  bei 62 kg und einige Jahre danach bei 65 kg  ein. Dieses Gewicht halte ich  stets von März bis November bis zum  heutigen Tag und zwar weil ich auf mein Sättigungsgefühl höre und mich nicht mit Essen belohne, wenn mir an anderer Stelle ein Erfolgserlebnis  vermeintlich fehlt.

Ingrid belohnte sich auch nie mit Essen, nahm aber dennoch kein Gramm ab. Viele Nachmittage rätselten wir  über dieses Phänomen und kamen zu keinem Ergebnis.  Ich  mied es, mit ihr in die Disco zu gehen, weil keiner mit diesem dicken Mädchen tanzen wollte. Das empfand ich als überaus ungerecht, denn sie war eine wunderbare Person mit vielen guten Charaktereigenschaften. Neid und Missgunst waren ihr gänzlich fremd.
Junge Männer wollten dies allerdings nicht sehen, sondern sie legten  ihr Augenmerk ausschließlich auf die Figur. Wir diskutierten Nachmittage hindurch dieses Phänomen  und ich hoffte, dass  zu einem späteren Zeitpunkt andere "Wertmaßstäbe" bei der Betrachtung ihrer Person angelegt werden würden.  

Einige Jahre danach, ich studierte bereits, schrieb sie mir, dass ein junger Mann, in den sie sich unsagbar verliebt hatte, sie nach dem Beischlaf brutal vor den Spiegel zerrte und  ihre erklärte, dass er mit einer solch dicken Frau - sie trug Kleidergröße 46- kein weiteres Mal  das Laken teilen werde. Ich war sehr betroffen als ich diesen Brief las, weil ich ihren Schmerz nachempfand. Um so mehr freute ich mich,  als ich hörte , dass sie kurz darauf einen schwarzen Psychologen kennen gelernt hatte. Er sah ihre zarte Seele  und ihre wunderbaren intellektuellen Fähigkeiten und verliebte sich sofort in sie. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden  besteht noch heute, nach über 30 Jahren.

Hilde lernte ich viele Jahre später kennen. Sie war in jungen Jahren, wie  man mir berichtete, eine Schönheit. Ihre Gesicht besaß immer noch eine große Ausstrahlung, aber jeder konnte den Kummer in ihren Augen erkennen, sofern man sie genau beobachtete. Hilde war schwer übergewichtig, kaschierte jedoch ihre Figur mit teurem Tuch. Das war für sie kein Problem, denn sie war die Gattin eines Multimillionärs, eines ausgemacht miesen Typen, der sie ihrer Figur wegen vor Dritten in ähnlicher Weise verletzte, wie jener junge Mann  meine Jugendfreundin Ingrid als er sie mit herabwürdigenden Worten vor den Spiegel  stellte.

Ich war stets empört, wenn ich miterleben musste, wie Hilde von ihrem eigenen Mann in der Öffentlichkeit verbal gedemütigt wurde und äußerte mich ensprechend genervt. Sie ertrug über Jahrzehnte, dass ihr Mann fremd ging mit der Begründung, sie sei zu fett. Sie wagte sich nicht mehr, sich in seiner Anwesenheit nackt zu zeigen und hüllte sich selbst im Badezimmer in Tücher ein, wie sie berichtete.

Hilde misstraute  hochneurotisch allen Frauen und es dauerte lange bis wir Freundinnen wurden, bis sie erkannte, dass  ich ihr  auf keinen Fall den Mann auspannen wollte, sondern diesen Kerl als das sah, was er war, ein reicher, sehr geldgieriger Enkelsohn ohne  eine Spur Herz, nicht nur im Hinblick auf seine Gattin. Ich  sprach oft mit ihr und versuchte ihr zu erklären, dass Frauen nicht zwingend Konkurrentinnen sein müssen, dass es ein Leben fernab vom pausenlosen Vergleichen gibt.

Mir war sehr schnell klar, dass der jahrelange Stress mit diesem Mann ihr die einst schlanke Figur geraubt hatte. Sie aß nicht mehr als ich, nahm aber immerfort zu. Ich vermute aus einer Art Protesthaltung heraus, ohne ihr Zutun.

Unsere Wege trennten sich irgendwann. Wie ich hörte verlor  sie ihr Gewicht unmittelbar nach dem Ableben ihres selbstbezogenen Ehemanns, ohne dafür zu kuren und ging wenig später eine Liebesbeziehung mit einer Frau ein.

Wieso  erzähle ich das?

Weil  mir viele solcher Geschichten einfallen, wenn ich mich mit dem Thema Nr. 1  der Frauen befasse:  der guten Figur. Selbst die intelligentesten Frauen  hadern in der Regel mit dieser, weil sie - wie sie glauben- ein Ausdruck ihres sexuellen Marktwertes ist. Frauen sollten sich nicht selbst tyrannisieren mit der Zielsetzung von Kleidergröße 32, sondern stattdessen erspüren lernen, bei welchem Gewicht ihr Körper sich wirklich wohlfühlt, dann wird alles gut, dann strahlen sie Schönheit aus und nur dann.

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